51. Kapitel

38 12 0
                                        

Als Kendra am Morgen aufwachte, musste sie für einen Augenblick überlegen, wo sie war. Sie lag angezogen quer auf dem unordentlichen Laken eines Doppelbettes im ersten Stock des verlassenen Hauses, in dem Ryan und sie gestern untergekommen waren. Eine Decke oder Kopfkissen hatte es nicht gegeben.

Kendra stand sich auf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, um nicht wie eine Vogelscheuche auszusehen, bevor sie nach unten ins Erdgeschoss ging. Jetzt, am Morgen, sah sie erst, wie heruntergekommen das verlassene Haus war. Putz blätterte von den Wänden, der Treppe fehlte das Geländer und immer wieder gab es lose Dielenbretter, die laut knarzten und alles andere als einen stabilen Eindruck erweckten.

Sie fand Ryan in der Küche, wo er an dem alten Tisch lehnte und eine Scheibe Brot mit Käse aß.

„Guten Morgen", murmelte sie. Sie hatte keine Antwort erwartet, deswegen war es wenig überraschend, dass Ryan darauf nicht einging.

„Wir wollen in ein paar Minuten los. Du kannst den Rest hier aufessen", er zeigte wahllos auf das Essen auf dem Tisch, „wir müssen gleich sowieso einkaufen gehen."

Kendra nickte abwesend und wünschte, es hätte einen Stuhl gegeben, auf den sie sich hätte fallen lassen können. Sie war gerade erst aufgestanden, sie war noch nicht bereit, lange zu stehen oder zu reden.

„Ich bring schon mal die restlichen Taschen zum Auto. Ist oben irgendetwas interessantes, was wir gebrauchen können?"

Kendra schüttelte müde den Kopf. Ryan schob sich den letzten Bissen seines Brotes in den Mund, dann verließ er die Küche.

Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich danach auch gar nicht umgesehen. Dass er sie nach dem ersten Stockwerk fragte, weckte in ihr die Frage, in welchem Raum er wohl geschlafen hatte. Dieses Haus schien interessant und voller Geheimnisse, aber sie wusste, dass sie Ryan nicht überreden könnte, länger hierzubleiben.

Es störte Kendra, dass er es so bewusst vermied, mit ihr zu essen. Sie wollte ja auch nicht mehr Zeit als unbedingt nötig mit ihm verbringen müssen, aber miteinander zu essen dürfte doch wohl drin sein, oder? Das war schließlich eine Sache der Höflichkeit, die noch dazu keinen großen Aufwand erforderte!

Kendra nahm zügig ihr spärliches Frühstück zu sich und packte dann die letzten Reste in ihren Essensrucksack. Sie wollte nicht der Grund sein, warum sie später würden losfahren können.

Nur wenige Minuten später saßen sie wieder im Auto und fuhren in Richtung Monroe City, dessen Größe einiges an Einkaufscentern versprach.

„Heute fahren wir bis Indiana?", wollte sie wissen, während sie sich anschnallte und Ryan bereits losfuhr.

„Ja."

Sie nickte. „Wie hast du geschlafen?", beschloss sie, ein bisschen Smalltalk zu betreiben.

„War in Ordnung."

Sie nickte und sah aus dem Fenster. „Glaubst du, der Himmel klart heute noch mal auf?"

„Wir werden eine ziemliche Strecke zurücklegen, also gut möglich."

Kendra befeuchtete ihre Lippen. „Heute nicht so gesprächig?"

„Ich hasse Smalltalk."

„Oh. Na gut." Sie überlegte noch, wie sie ein neues Gespräch anfangen könnte, als er das überraschenderweise für sie übernahm.

„Was genau war deine Aufgabe im Red Mary?"

Sie zog ihre Schuhe aus und setzte sich in den Schneidersitz. „Wie gesagt, ich hab ein Praktikum für den Houston Chronicle angefangen. Die wollten dem Bürgermeister Verbindungen zum Menschenhandel nachweisen, über den das Red Mary wohl an zahlreiche seiner Prostituierten und Stripperinnen kommt."

Never Too FarWo Geschichten leben. Entdecke jetzt