89. Kapitel

36 5 0
                                        

„Warum halten wir hier?" Kelsey spähte aus dem verdunkelten Fenster der Limousine nach draußen.

Eigentlich befanden sie sich bereits auf dem Rückweg, auf dem Ryan es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, sie zu sich auf den Beifahrersitz zu holen. „Ich muss noch kurz was erledigen." Er sah durch den strömenden Regen zu der Kneipe hinüber, vor der sie am Straßenrand gehalten hatten. Chicago war wirklich eine verregnete Stadt – zumindest im Vergleich zu Whitingham.

„Wann rechne ich damit, dass du zurück kommst?", wollte Kelsey wissen.

„Dauert nicht lange. Ich muss nur kurz was nachschauen."

Sie runzelte die Stirn, sagte aber nichts weiter.

Ryan stieg aus und hielt sich seine Jacke über den Kopf, während er um das Auto herum und zum Eingang der Kneipe rannte. Es war halb drei und Kelsey und er waren eigentlich bereits auf dem Rückweg, aber den ganzen Abend hatte ihn das dumpfe Gefühl nicht in Frieden gelassen, dass er unbedingt noch einmal in sein E-Mail-Postfach schauen sollte, obwohl er das erst gestern getan hatte. Aber es war, als würde ihm eine Stimme in seinem Kopf ständig sagen, er solle noch einmal überprüfen, ob ihm nicht doch noch jemand geschrieben hätte.

Da nachts viele ihrer Kunden vor dieser Kneipe warteten, kannte Ryan den Besitzer und auch die Bedienung mittlerweile recht gut – und wusste, dass es hier einen Computer mit Internet-Zugang gab.

„Hi, Leslie", begrüßte er die Bedienung, die gerade leere Gläser zusammenräumte.

Nur ein einziger Gast saß noch an der Theke, den Kopf auf den Armen und schlief dort seinen Rausch aus. „Ryan. So spät?" Leslie kam zu ihm. „Wir machen eigentlich gerade zu."

„Tut mir leid. Kann ich noch mal kurz an den Computer? Dauert nicht lange, versprochen."

Leslie seufzte. „Wenn du mir danach hilfst, unseren Freund hier nach draußen zu bringen."

„Klar." Ryan nickte. „Danke dir." Er ging nach hinten durch bis zum letzten Tisch, auf dem sich der alte Computer befand. Ungeduldig wartete er, bis der endlich hochgefahren war und loggte sich in sein E-Mail-Postfach ein. Tatsächlich hatte er eine neue Nachricht von Joshs Account, über den mittlerweile Neela die Kontrolle übernommen hatte, seit Mark und Josh vor gut anderthalb Wochen verhaftet worden waren.

Er stellte fest, dass diese E-Mail tatsächlich von seinem Bruder geschrieben worden war, der anscheinend aus dem Gefängnis frei gekommen war. Josh schrieb von einer Falle, die sie Ash stellen wollten, dass das FBI an ihrer Schuld zweifelte und dass sie sich bereit halten sollten nach Cairo, einer winzigen Stadt im Süden Illionois', zu fliehen. Dort würden Mark, Josh und einige FBI-Agenten warten und ihnen alles weitere erklären.

Ryan atmete tief aus. Es ging also in die Endphase. Was immer sein Bruder da geplant hatte, er konnte nur hoffen, dass es funktionierte. Denn seit er wusste, dass Ash versuchen würde, Kendra umzubringen, hatte sie noch nicht wieder die Sicherheit von Haus und Garten der Scotts verlassen. Dennoch war er gewiss, dass Ash sie die ganze Zeit beobachtete und jeden Fehltritt seiner- oder ihrerseits gnadenlos ausnutzen würde.

Ryan schrieb eine kurze Antwort als Zeichen, dass er die E-Mail gelesen hatte und schaltete dann den Computer aus.

„Vielen Dank, Leslie", wiederholte er, als er wieder zu der jungen Frau trat.

„Kein Ding. Danke für deine Hilfe mit ihm hier." Sie nickte zu dem Mann hinüber, der eindeutig ein paar Gläser zu viel getrunken hatte.

„Ist er Stammkunde?", wollte Ryan wissen und rüttelte den Mann vorsichtig an den Schultern.

Never Too FarWo Geschichten leben. Entdecke jetzt