Dunkles Schicksal Kapitel 51

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Dunkles Schicksal


Kapitel 51



Lance drehte sich um und schaute noch einmal zum Haus. Es war früher Abend und zwei Kutschen standen vor dem Haus. Sie würden jetzt abreisen. Lance war alles andere als gutgelaunt. Normalerweise sollte ihm das nicht viel ausmachen, denn sie reisten ständig. Dreißig Jahre gingen schnell vorbei und spätestens dann mussten sie weiter. Er war es gewohnt und es machte ihm nichts aus, normalerweise. Doch so ungern wie er nach Sevilla wollte, so ungern wollte er jetzt weg. Wegen Maria.

Ihr Verlust traf ihn härter als alles andere. Und er konnte sie ja verstehen, das sie ihm ihren Bruder vorzog. Arthur und er waren nicht verwandt, doch auch wie Brüder, halt ohne die Blutsverwandtschaft. Er hätte hierbleiben können, so wie Arthur es gesagt hatte. Doch auch er konnte nicht aus seiner Haut und Arthur allein lassen. Er war manchmal so unbeständig und unbedacht, das Lance sich verpflichtet fühlte, auf ihn aufzupassen.

Doch im Moment würde er ihm am liebsten einen Pfahl durch das Herz rammen. Arthur hatte alles zerstört. Sein Glück und auch das von Lance. Er gab Maria keine Schuld. Arthur schon. Sie hatten alle so viel mitgemacht und er sah das alles wohl sehr locker. Und die Krönung war es dann noch, das er zu Lance sagte, das sie ihm alle auf die Nerven ginge und er fast gezwungen war, bei Sethos abzuschalten. Na, wenigstens konnte er ausgiebig ficken, dachte Lance grimmig, als er das Haus musterte.

Sie hatten seit Tagen nicht mehr miteinander geredet, seit Lance ihm gedroht hatte, ihn auszusaugen. Bei Gott, er war an dem Abend so wütend, er hätte es getan. War er noch. Also ignorierte er Arthur vollkommen, der es inzwischen aufgegeben hatte, ihn anzusprechen. Denn alles was dabei herauskam waren die übelsten Schimpfwörter, die Lance kannte.

Er seufzte und stieg in die Kutsche, in der noch andere Vampire ihres Clans saßen. In der zweiten Kutsche auch und die vier menschliche Diener saßen auf dem Kutschbock.

„Also dann. Fahren wir los", sagte Lance und schaute missmutig aus dem Fenster, während die Kutschen sich in Bewegung setzten. Arthur war nicht dabei, er war vorausgeflogen, um sich um die Unterkunft zu kümmern. In einer Woche würden sie auch dort sein.

„Hat der Meister gesagt, wohin wir reisen", fragte einer der Vampire Lance.

Er nickte, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen.

„Ja...Wien. Wir reisen nach Wien. Dort werden wir bleiben."

„Eine schöne Stadt", sagte der Vampir.

Lance gab keine Antwort und er griff an seine Brust, dort wo normalerweise sein Herz schlagen würde. Es war tot, doch Lance hatte das Gefühl, als würde es jetzt wieder sterben, als sie die Stadtgrenze erreichten. Maria. Vielleicht würde er sie eines Tages noch einmal sehen. Als alte Frau, Enkelkinder auf dem Schoß, während sie auf der Hazienda auf der Veranda saß.

Oder er stand eines Tages an ihrem Grab, in dem sie ruhte, nach einem glücklichen Leben mit Ehemann und Kinder und deren Kindeskinder. Etwas, was er ihr nicht geben konnte. Maria hatte ein schönes Leben verdient. Er dagegen war verflucht. Er musste zusehen, wie alles dahin ging, während er zeitlos existierte. Manchmal fragte er sich, warum er nicht allem ein Ende machte. Doch auch Vampire hingen an ihrer untoten Existenz.

Der Gedanke rührte etwas in ihm und er spürte die Tränen in seinen Augen, die er verstohlen weg blinzelte. Einsamkeit übermannte ihn wieder, die sich wie ein Schraubstock um sein lebloses Herz legte und sarkastisch sagte.

„Ich bin wieder da. Du dachtest doch nicht wirklich, das ich dich loslasse?"

Nein, dafür hatte schon Arthur gesorgt. Noch immer konnte er seine Ansichtsweise nicht nachvollziehen. Lance wusste, das er Merlin liebte. Warum zum Henker hatte er ihn dann so verletzt? Auch Arthur war nicht er selbst, die letzten beiden Tagen, nach diesem Streit mit Merlin war er ungenießbar gewesen. Er hatte nur alle angeschrien und zur Eile angetrieben. Jeder war ihm aus dem Weg gegangen, so aggressiv war sein Verhalten.

Er hatte in den letzten beiden Nächten stets einen Mann mit nach Hause gebracht und sich mit ihm lautstark amüsiert. Mit ihm getrunken und ihn die ganze Nacht gefickt und ihn dann im Morgengrauen getötet, indem er seinen Bettgespielen langsam aussaugte. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er sagen, das die Bestie noch da war. Doch er kannte Arthur. Wenn er Kummer, Ärger oder Zorn verspürte, ließ er seine Frustration an den Lebenden aus, die später nicht mehr atmeten.

Lance hörte ihn im Morgengrauen die Diener anschreien, sie sollten gefälligst die Leiche entfernen. Nicht das ihn das störte, er tötete auch. Nicht immer, aber oft. Sie waren Vampire und das war eben nicht zu verleugnen. Also schleppten die Diener die männliche Leiche durch den Gang zum Hintereingang, als er gerade aus seinem Zimmer kam, um sie zu verbrennen. Die normale Vorgehensweise, wenn die Leiche im Haus war. Lance hatte nur den Kopf geschüttelt, als er die schneeweiße Haut und die toten Augen des Mannes sah und war weitergegangen. Es interessierte ihn nicht wirklich und es war ja nicht so, das Arthur auf ihn hörte. Also ließ er es und vermied ihm überhaupt zu begegnen.

„Wie lange werden wir dort bleiben, Lance?", fragte Noel, der neben Lance saß und diesen aus seinen Gedanken riss.

„Ich denke, solange, wie wir nicht auffallen, was das altern angeht. Vielleicht zwanzig Jahre oder so. Arthur ist vorausgeflogen, um ein passendes Haus zu finden."

Er nickte.

„Er ist nicht gut drauf, ja? Ich sah die beiden Leichen die letzten zwei Nächte. Und auch das Stöhnen und Schreien war nicht zu überhören. Was macht er bloß?"

Lance seufzte.

„Ich weiß es nicht. Im Moment tobt er seinen Kummer an den Männern aus, die er fickt und anschließend tötet. Ich kenne das von ihm, so reagiert er meistens, wenn etwas völlig schief geht. Und Arthur war nie einer der Vampire, die nicht töteten, außer in der Zeit mit Merlin. Da hat er sich zurück gehalten. Doch jetzt..."

„Merlin hatte Einfluss auf ihn, das weiß ich. Ich habe das schon in Moskau bemerkt, wie er Merlin behandelt hatte. Er liebte ihn, das war mir da schon klar und umgekehrt. Du hast Merlin in der Nacht nicht gesehen, als er dachte, das Arthur tot wäre. Er war...vollkommen am Boden zerstört gewesen. Ich verstehe das einfach nicht. Warum ist es dann so gekommen?", seufzte Noel „Sie lieben sich, doch machen es sich schwer"

„Das frag ich mich auch", antwortete Lance „ Irgendetwas ist bei Sethos geschehen, das er so reagiert hatte. Seine ganze Lebensansicht hat sich verändert."

„Du denkst doch nicht wirklich, das er sich in Sethos verguckt hat?", fragte Noel entrüstet. Lance schüttelte den Kopf.

„Nein, das ist Unsinn. Sethos ist gebunden und liebt Anchar. Das war nur Sex und anscheinend beherrscht der verfluchte, ägyptische Vampir das gut, wenn er nicht mehr nach Hause wollte und alles vergessen hatte. Arthur war immer sehr aktiv, was seinen Schwanz angeht. Doch die letzte Zeit übertreibt er es."

„Es hätte nicht so kommen müssen", sagte Noel nach einem Moment leise. Lance sagte nichts, doch er gab ihm recht.

In einer Woche würden sie in Wien sein und ein neuer Abschnitt würde beginnen. Doch Lance war nicht sehr begeistert, wie er es normalerweise war, wenn sie in eine neue Stadt oder Land zogen. Er war am Boden zerstört. Das letzte Mal fühlte er sich so, als Bianca ihn verließ. Und nun hatte er Maria auch verloren.

Maria, seine liebliche, schöne Maria, die er mehr geliebt hatte, als alles andere, selbst mehr als Bianca damals. Mit ihr hätte er glücklich werden können und wäre nie wieder einsam gewesen. Doch er respektierte ihre Entscheidung, weil er sie liebte. Er liebte sie genug, um sie gehen zu lassen. Doch er würde sie nie vergessen.

Vielleicht war es besser so. Vielleicht würde sie eines Tages einen netten, jungen Mann kennenlernen, heiraten und viele Kinder haben. Ein schönes, glückliches, privilegiertes Leben in Glück und Liebe. Etwas, was Lance ihr nie hätte geben können. Keine Kinder und ein Leben in der Dunkelheit und die Pflicht nachts zu jagen. Ja, das hätte er ihr geben können und ewig auf Wanderschaft. Vielleicht war es besser so.

Mit diesen Gedanken versuchte er dem Schmerz des Verlustes Herr zu werden und hoffte, das es ihn etwas trösten würde.



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Eine Woche war vergangen, seit die Vampire Sevilla verlassen hatten. Merlin versuchte, Arthur aus seinen Gedanken zu verbannen, doch es gelang ihm nicht. Oft saß er einfach nur da und grübelte vor sich hin, was eigentlich falsch gelaufen war. Alles war so vielversprechend gewesen und er war so glücklich mit Arthur die kurze Zeit gewesen. Doch er bemühte sich um ein normales Leben, soweit er das führen konnte.

Maria war auch nicht bei der Sache. Gestern ließ sie in der Küche einen Stapel Teller fallen, so das Merlin von dem Krach angerannt kam. In Gedanken hatte sie die Teller neben dem Tisch abgestellt und Luft hielt nichts. Später schimpfte Merlin mit ihr, denn sie brauchte in der Küche nichts zu tun. Sie hatten Personal.

Jetzt kam sie herein und brachte Tee und Gebäck.

„Hast du schon wieder in der Küche gearbeitet?", fragte Merlin ärgerlich.

„Tee machen ist nicht gearbeitet, Merlin."

„Wir haben dafür Personal. Ich bezahle sie nicht, damit sie dir zusehen, wie du den Tee machst."

„Sei doch nicht so grantig", antwortete sie vorwurfsvoll „Was ist denn so schlimm daran? Ich muss irgendetwas tun, sonst werde ich verrückt."

„Es fehlte noch, das sie in der Stadt tratschen, das die Herrin des Guts in der Küche arbeitet."

„Seit wann interessierst du dich für die dummen Gespräche in der Stadt? Du fährst ja nicht mehr dort hin."

Ja, Merlin vermied es in die Stadt zu gehen. Er schickte seine Leute, um das zu erledigen, was dort zu tun war. Er wollte nicht in diese Stadt, in der Arthur gelebt hatte und wollte auch nicht sein Haus sehen, das jetzt verlassen war. Irgendwie schien ihm die Stadt leblos, seit die Vampire weg waren. Ja, sie hatte den Charme auf Merlin verloren.

„Wir müssen bald in die Stadt und nachforschen, warum wir eigentlich gar nicht existieren", sagte sie jetzt, als sie Tee einschenkte.

Merlin schaute sie kurz an und fuhr sich mit seinen Händen über sein Gesicht. Er war müde; er schlief nicht sehr gut. Und er träumte oft von Arthur. Es schien, als wollte der blonde Vampir ihn nicht loslassen.

„Ja, richtig. Das müssen wir tun", antwortete er „Hatte ich in all der ganzen Scheiße glatt vergessen. Wir werden morgen zum Bürgerhaus fahren und versuchen, irgendetwas zu erfahren."

Sie nickte. Es wurde Zeit, das sie jetzt anfingen zu graben. In ihrer Familie gab es Dinge, die seltsam waren.

Maria hatte kein gutes Gefühl bei der Sache.




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Merlin stieg aus der Kutsche, die vor dem Bürgerhaus hielt und half Maria hinaus. Er schickte den Kutscher weg, denn später wollte er noch mit Maria in das schöne, neue Kaffeehaus gehen, das kürzlich eröffnet hatte. Sie stiegen die Treppe hinauf. Es war ein schöner, sommerlicher Tag und Maria trug ein blaues Sommerkleid mit dem passenden Hut. Der weiche Stoff schmiegte sich leicht um sie.

Sie betraten einen Raum, in dem hinter einem Schreibtisch, der absolut zu groß für das kleine Zimmer war, ein Mann saß, der seine Brille nach oben schob, als sie eintraten. Er stand auf und verbeugte sich leicht. Merlin hasste dieses höfische Getue, denn er wusste, das die nicht adligen Menschen kein gutes Haar an den Adligen ließen. Und doch taten sie so unterwürfig. Er hasste das wirklich, doch es war die Etikette, die das verlangte.

„Conte del la Vega. Ein überraschender Besuch und sie haben auch ihre liebliche Schwester mitgebracht."

Dummschwätzer! Doch Merlin lächelte unecht, was er wohl nicht bemerkte.

„Ja und wir haben einige Fragen."

„Auf welchen Bezug?"

„Geburtsurkunde", antwortete Merlin.

„Ah ja, ich erinnere mich. Seniorita del la Vega war ja schon hier zwecks einer Heirat. Ich hoffe, dem zukünftigen Ehemann geht es gut?"

„Das hat sie nicht zu interessieren", sagte Merlin scharf.

„Verzeihung."

Merlin neigte leicht den Kopf.

„Also, anscheinend haben wir beide keine Geburtsurkunde. Wie konnte das geschehen?"

Der Mann schlug ein paar Bücher auf und blätterte sie durch, bis er verharrte und hoch sah.

„Da habe ich es. Es gab ein Feuer im Westflügel, in dem die Geburtsurkunden und andere Papiere verwahrt worden sind. Der Flügel war bis zu den Grundmauern abgebrannt und mit ihm diese Dokumente. Es dauerte einige Zeit, bis die einzelnen Personen von den Behörden eine Kopie ausgestellt bekommen haben."

„Ging das denn automatisch?", fragte Maria. Er schüttelte den Kopf.

„Nein, die Eltern mussten einen Antrag auf eine Kopie der Geburtsurkunden ihrer Kinder stellen, schriftlich. Dann ging dies in die Bearbeitung und es wurde eine zweite Geburtsurkunde erstellt. Doch anscheinend haben ihre Eltern keinen solchen Antrag gestellt. Ich habe hier alle Namen, doch ihrer ist nicht dabei."

Merlin sah Maria an. Das war in der Tat seltsam. Wenn er ein Elternteil gewesen wäre, würde er sicherstellen, das die Geburt von seinen Kinder gemeldet wäre und a einen Nachweis vorliegen würde. Aber was anderes interessierte ihn viel mehr. Etwas, worüber er auf der Reise nachgedacht hatte.

„Sind meine Eltern hier geboren worden?"

Der Mann schaute ihn einen Moment stirnrunzelnd an. Das war eine seltsame Frage, denn normalerweise kannten die Kinder die Geschichte ihrer Familie. Vor allem Adlige waren meistens sehr stolz auf ihre Ahnentafel und konnten sie fast aus dem Kopf vorsagen. Deshalb war er etwas irritiert. doch er stand auf und nahm andere Bücher, blätterte darin herum, als ein alter Mann hinein kam.

„Ah, Senior Augusto", sprach er den Mann an „Wissen sie, ob die Familie del la Vega hier geboren wurde? Ich kann das Buch nicht finden."

Der alte Mann musterte die beiden, nickte dann und trat zu dem jungen Mann. Doch Merlin dachte bei sich, das er sich bestimmt auch fragte, wieso der Sohn und die Tochter das nicht wussten.

„Nein", sagte er jetzt „Du brauchst nicht nachzusehen. Sie sind zugezogen. Ich erinnere mich noch gut, denn ich habe ihren Fall damals bearbeitet."

Merlin wurde hellhörig. Welcher Fall? Der Mann sprach weiter.

„Sie waren ein junges Paar, als sie hier ankamen. Beide sehr gutaussehend und nicht mittellos. Um Eigentum zu kaufen, mussten sie sich hier in der Stadt registrieren lassen."

„Das heißt?", fragte Maria.

„Sie mussten sich in die Einwohnerliste mit ihrem Namen eintragen. Jeder der hier lebte und auch Grundbesitz hatte, musste gemeldet sein. Zogen sie weg, hatten sie die Pflicht sich abzumelden, bevor sie die Stadt verließen."

„Del la Vega, ja. Sie müssten unter ihrem Namen hier gemeldet sein.", sagte Merlin, doch der Blick des alten Mannes machte ihn nachdenklich. Dieser wandte sich an den jüngeren Mann und gab ihm einen Stapel Dokumente.

„Antonio, würdest du mir diese Akten bitte im Keller einordnen. Ich kümmere mich um die Herrschaften."

Der Mann mit Namen Antonio nickte eifrig und verschwand mit den Dokumenten. Als sich die Tür schloss, sagte der alte Mann, der anscheinend eine höhere Position hatte.

„Setzen sie sich bitte."

Die Geschwister kamen seiner Aufforderung nach und schauten ihn jetzt neugierig an.

„Nun, ich möchte sie nicht anlügen, was ihre Eltern angeht. Das steht mir nicht zu. Ich war damals ein relativ junger Mann noch und arbeitete an einer höheren Position, deshalb machte ich die Arbeiten, die niemand wollte", er lächelte „Hatte sich auf längere Sicht bezahlbar gemacht. Ich leite jetzt diese Abteilung." Er setzte sich hinter den Schreibtisch und schaute die beiden an, als er weitersprach.

„Ihre Eltern waren jung, als sie hier ankamen, ungefähr in dem Alter, wie sie jetzt sind. Doch die beiden waren nicht mittellos, die meisten, die in dieser Stadt ihr Glück suchten, waren arm wie Kirchenmäuse. Natürlich kamen sie zu mir, da ich diese Angelegenheiten damals bearbeitete."

„Sagten sie ihnen, wo sie her kamen?", wollte Merlin wissen.

„Nein, ich habe auch nicht gefragt. Ihr Vater wollte ein Haus kaufen, hier in der Stadt. Doch ich sagte ihm, das sie beide sich dann hier mit ihrem Namen eintragen mussten. Er zögerte und meinte, das er sich das nochmal durch den Kopf gehen lassen musste und er eigentlich mehr etwas Abgelegenes suchte. Weg von der Stadt. Sie zogen dann in eines der Hotels hier."

„Und weiter?", fragte Maria, als er eine kurze Pause machte.

„Wir hatten in dieser Zeit eine Wirtschaftskrise. Es war schlimm. Viele Geschäfte mussten schließen. Menschen, die zuvor gut lebten, landeten an der Armutsgrenze. Damals entstand die zweite Hälfte des Armenviertels, weil viele ihre Häuser aufgeben mussten und in diese Vierteln zogen; die meisten haben den Weg heraus nicht mehr geschafft. Was die Adligen in dieser Zeit anging...tja, einige hatten genug Vermögen, um diese Zeit auszugleichen. Andere nicht. Und die Conte, die ihr luxuriöses Leben nicht mehr finanzieren konnten, mussten verkaufen, was sie noch hatten. Was ja nicht einfach war, weil niemand Geld in dieser Zeit hatte. Und viele verkauften ihren Titel, natürlich für viel Geld. Danach verschwanden sie und man sah sie nie wieder. Nur die Adligen, die sehr vermögend waren, überstanden diese Zeit und sind noch hier und natürlich diejenige, die zugezogen sind."

„Ja, sicher", sagte Maria „Aber was hat das mit uns zu tun?"

„Sehr viel, Seniorita. Denn diese Hazienda, die sie nun besitzen, gehörte damals einem Conte Francisco del la Vega."

Merlin öffnete vor Überraschung den Mund und sah sprachlos seine Schwester an. Er konnte fast erahnen, was jetzt kam, denn dieser Gedanke war ihm schon durch den Kopf gegangen. Als er auf der Reise mit den Jungs war. Maria schaute auch sehr erstaunt aus. Dann sagte sie stockend.

„Wollen...Wollen sie behaupten...das..."

„Ja", sagte er nickend „Ich behaupte das nicht nur; ich weiß es. Denn ich bearbeitete damals die Dokumente. Der Conte Francisco del la Vega hatte es hart mit der Wirtschaftskrise getroffen. Er war vollkommen mittellos und konnte die große Hazienda nicht mehr bewirtschaften. Er hatte es versucht, doch es half nichts. Viele seiner Arbeiter hatten Angst, das sie ihre Arbeit verloren und in den Armenvierteln enden würden. In seiner Verzweiflung bot er seinen Titel und Namen zum Verkauf an, zudem die Hazienda. Da ich wusste, das ihr Vater auf der Suche nach einem Heim außerhalb der Stadt war, berichtete ich ihm davon."

Er räusperte sich.

„Sie müssen verstehen, es ist nicht einfach, jemanden seinen Namen abzukaufen. Heute ist es fast unmöglich, es sei denn, sie haben Beziehungen in die höchsten Kreisen, doch damals in der Not erließ man ein Gesetz, das dies erlaubt war. Diejenigen, die ihren Namen verkauften, konnten ihn nie wieder tragen. Doch der Conte, der schon betagt war, sah keine andere Alternative. Das heißt, ihr Vater kaufte sich den Titel mit Namen und die Hazienda und ließ das so eintragen. Und er bezahlte den alten Conte bar aus. Ich war dabei. In dieser Zeit war das verdammt viel Geld und ich muss gestehen, ich fragte mich schon, wie so ein junges Paar zu solch einem Vermögen kam. Natürlich verkaufte er damals weit unter dem Preis. Heute ist ihre Hazienda wohl das Zehnfache wert. Später hatte ihr Vater erheblichen Einfluss auf meine Karriere genommen, so als ein Dankeschön. Er war ein...außergewöhnlicher Mensch gewesen und ich habe ihn sehr geschätzt. Und ihre Mutter war sehr schön gewesen."

„Ja, danke. Aber wir wissen selbst, das unsere Eltern außergewöhnlich waren", antwortete Merlin und musterte ihn „Ist das auch die Wahrheit? Denn ich schätze solche Lügen nicht, nicht wenn es um meine Familie geht."

Augusto lächelte fast mitfühlend. Es war für die beiden wohl nicht leicht, das zu erfahren, denn scheinbar hatten ihre Eltern kein Wort darüber verloren.

„Es ist die Wahrheit. Warum sollte ich ihnen solche Lügen erzählen? Es hätte für mich überhaupt keine Bedeutung. Alles ist so geschehen, wie ich es ihnen erzählt habe."

„Und was war mit den Geburtsurkunden?", fragte Maria wieder. Das ließ sie einfach nicht in Ruhe.

Er nickte und antwortete.

„Zwei Jahre nachdem sie die Hazienda kauften; übrigens, ihr Vater hatte alle Arbeiter übernommen, da kamen sie zur Welt, Senior del la Vega. Und drei Jahre später ihre Schwester. Es war Pflicht, alle Geburten anzugeben und das taten ihre Eltern auch. Doch ein Jahr später, nachdem ihre Schwester geboren wurde, brannte diese Abteilung vollkommen aus. Es war damals schleierhaft, wie das Feuer ausbrechen konnte und es betraf nur diese Abteilung. Sie sagten zu dieser Zeit, was für ein Glück es war, das nicht das ganze Gebäude abgebrannt ist. Doch das Feuer wütete nur im Westflügel."

„Finden sie das nicht seltsam?", fragte Maria „Ich meine, das dieses Feuer sich nur auf den Flügel ausbreitete, in denen diese Dokumente lagen. Das ganze Haus wäre doch in Mitleidenschaft gezogen worden, wenn nicht sogar total abgebrannt."

„Ich denke, alle waren froh, das der Schaden eingedämmt war. Da fragte niemand groß nach. Wichtig war nur, das der Schaden nicht so groß war, denn kurz nach der Wirtschaftskrise hatten sich das Land und die Städte noch nicht so erholt. Vielleicht wäre kein Geld da gewesen, um ein neues Bürgeramt zu bauen. So waren alle glücklich, das der Schaden minimal war und niemand hinterfragte das."

Er runzelte die Stirn.

„Wieso fragen sie das, Contessa del la Vega?"

„Nun...", sie stockte und sah zu Merlin, dann wandte sie den Blick wieder auf den Angestellten „Nur so. Hatte mich interessiert."

„Wissen sie die richtigen Namen von unseren Eltern?", wollte Merlin wissen.

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, das war nicht mehr wichtig, nachdem der Verkauf abgeschlossen war. Titel und Geld wechselten den Besitzer, es wurde so eingetragen und die Akte geschlossen. Der alte Conte, der keiner mehr war und der Letzte aus seiner Linie, keine Nachfahren, verließ umgehend die Stadt. Inzwischen wird er tot sein, doch sein Name lebt weiter. Vielleicht hatte er es deswegen getan. Ich meine...ihn verkauft."

Einen Augenblick war Schweigen, die beiden mussten das erst mal verkraften. Sie trugen nicht den Familiennamen, sondern einen gekauften Namen und Titel. Der Mann räusperte sich wieder.

„Es tut mir leid, wenn sie das nicht wussten. Doch es ist die Wahrheit. Hatten ihre Eltern ihnen das nicht gesagt?"

„Nein", antwortete Merlin „Vielleicht wollten sie es eines Tages tun, doch dann starben sie und hatten keine Möglichkeit mehr. Kann ich davon ausgehen, das dies, was wir hier besprachen, auch in diesem Zimmer bleibt?"

„Natürlich. Ich habe bis jetzt geschwiegen und werde das auch weiterhin. Das bin ich ihrem Vater schuldig. Er war, wie ich schon sagte, ein außergewöhnlicher Mann", sagte der Mann aufrichtig „Haben sie noch Fragen?"

Beide schüttelten den Kopf und bedankten sich, bevor sie das Gebäude verließen. Draußen vor der Tür blieb Maria stehen und schaute zu dem wolkenlosen, blauen Himmel. Merlin stand schweigend und in Gedanken versunken neben ihr. Sie hatten mit so etwas niemals gerechnet. Maria brach das Schweigen.

„Es ist seltsam, das ich jetzt daran denke, aber...Die Gräber...Die Gräber von Großmutter und Großvater sind..."

„Leer", vervollständigte Merlin den Satz „Dort ist niemand begraben, der kleine Friedhof ist eine Attrappe. Wir wissen nicht, wer unsere Großeltern waren; wir kennen sie nicht. Und so wie das aussieht, kannten wir auch nicht unsere Mutter und unseren Vater. Ihr und unser Leben war auf einer Lüge aufgebaut. Nichts davon war wirklich real. Deshalb kamen auch nie Verwandte. Angeblich lebten sie alle in Übersee. Auch eine Lüge", sagte er bitter. Maria schaute ihn an.

„Wieso sprichst du jetzt so? Vater hat uns ein schönes Leben aufgebaut. Wir hatten eine schöne Jugend und unsere Eltern haben uns geliebt."

Merlin schnaubte abfällig.

„Ja, doch alles war Lug und Trug. Unsere ganze Familie, unser Ahnenstamm besteht aus vier Personen. Selbst die Ahnentafel war nicht echt. Alles erfunden und schön gemalt", er sah Maria an „Wer sind wir, Maria? Wer sind wir in Wirklichkeit?"

„Ich weiß es nicht", antwortete sie „Und ich verstehe Vater nicht. Warum hat er nie etwas gesagt? So wie ich das sehe, wollten sie nicht auffallen. Die Hazienda, die weit außerhalb der Stadt liegt und die falschen Namen. Warum?"

Merlin seufzte.

„Ich hab keine Ahnung. Man könnte fast glauben, das sie kriminell waren und untertauchen mussten. Nach Aussagen des Mannes hatten sie verdammt viel Geld, als sie nach Sevilla kamen und das auch noch in dieser Wirtschaftskrise."

Maria sah ihn geschockt an.

„Kriminell? Vater und Mutter? Das glaubst du doch selbst nicht."

„Ich weiß im Moment nicht, was ich glauben soll, denn alles was wir sind, ist unwirklich. Die ganze Situation ist unwirklich und falsch, so wie unser Name. Und so wie das aussieht, haben wir keine Möglichkeit, das jemals herauszufinden. Denn die Personen, die das alles aufklären könnten, liegen auf dem Friedhof", er lachte leise und sarkastisch „Mein Gott, wir sind von einem normalen Leben so weit entfernt wie der Mond."

„Wieso?", fragte sie „Der einzige, der noch darüber Bescheid weiß, ist dieser Mann. Wenn er stirbt, wird niemand mehr wissen, wer wir sind."

Merlin schaute sie an.

„Wir wissen es, Maria. Und nun, da du es weißt, wirst du dich irgendwann immer wieder fragen, wer wir eigentlich wirklich sind."

Darauf gab sie keine Antwort, denn Merlin hatte recht. Sie fragte sich jetzt schon, wer Merlin und sie wirklich waren. Und wer ihre Eltern waren, die ihr Leben lang unauffällig und still außerhalb der Stadt lebten. Sie hatte sich nie darüber gewundert, das ihre Eltern selten ausgingen. Ihre Mutter liebte die Oper und manchmal führte ihr Vater sie dorthin aus. Nicht sehr oft, doch als sie das letzte Mal gingen, kamen sie nie wieder nach Hause. Eigentlich fand sie es toll, denn sie widmeten viel Zeit ihren Kinder, im Gegensatz zu anderen Adligen. Diese bekamen Kinder, weil es in Mode war und verzichteten nicht auf ihr eigenes Leben, was Bälle und andere Dinge anging. Doch jetzt fragte sie sich, wieso sie außerhalb der adligen Gesellschaft lebten.

Merlin nahm sie an ihrem Arm und sie erschrak etwas, als er sie aus ihren Gedanken riss.

„Komm, ich brauch jetzt einen Kaffee und einen Brandy. Lass uns in das Kaffeehaus gehen. Das muss ich jetzt erst mal verarbeiten", sagte Merlin bitter und nahm ihre Hand.

Zu viel zu einem normalen Leben aufbauen. Wieder stellte Merlin fest, das ein normales Leben für ihn nicht vorgesehen war. Auch nicht für Maria. Wie er vermutet hatte, war selbst ihr Name nicht echt. Seine ganze Familie war nicht echt, bis auf seine Eltern.

Doch wer waren sie und wo kamen sie her? Und warum trugen sie nicht ihre richtigen Namen, sondern versteckten sich hinter einem gekauften Namen?

Fragen über Fragen und er hatte auf keine eine Antwort und würde sie wohl auch nicht bekommen. Niemand wusste, wie sie hießen und wo sie herkamen. Und niemand wusste, warum sie sich hier mit fremden Namen versteckt hatten.

Niemand wusste es, außer seine Eltern und die konnte er nicht mehr fragen.

Ein normales Leben? Der Witz des Tages. Das Leben von ihnen beiden war von Geheimnissen umgeben. Geheimnisse, die sie wohl nie mehr lösen konnten.

Wann hatte das alles mal ein Ende? Erst seine unglückliche Liebe zu einem Vampir, den er nicht vergessen konnte und nun das hier.

Ein Brandy würde nicht reichen.



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Arthur betrat das großzügige Haus in der Nacht in Begleitung eines jungen Mannes. Er küsste den Mann vor der Tür und trat dann mit ihm ins Innere des Hauses. Es lag natürlich in einem der gehobenen Vierteln von Wien und entsprach den Vorstellungen von Vampiren. Der Keller war großzügig ausgebaut mit mehreren kleinen Räumen, die genügten, um dem Sonnenlicht auszuweichen. Es war im Untergrund nicht gerade so feudal wie das Haus in Sevilla, aber doch schon gehobene Klasse, was die Möbel anging, die oben standen. Arthur hatte das Haus gekauft, Geld spielte nicht wirklich eine Rolle. Trotz allem hatte er den früheren Besitzer manipuliert und den Preis auf die Hälfte reduziert.

Lance hatte sich den Raum im Untergeschoss ausgesucht, der am weitesten von Arthur entfernt war. Er lebte so vor sich hin, ging nachts jagen und kesselte sich in seinem Zimmer ein. Arthur ließ er außen vor. Keine Gespräche, keine Aktionen zusammen. Lance war nicht gut drauf. Er saß in einem Sessel in seinem kleinen Zimmer und las ein Buch, hörte draußen die Vampire miteinander reden, doch es interessierte ihn nicht wirklich.

Doch dann ging die Tür auf und Arthur trat in den kleinen Raum, indem auch ein Bett stand. Lance wusste, das jetzt Sonnenaufgang war, er warf Arthur einen kurzen Blick zu und widmete sich wieder seinem Buch. Arthur trug nur einen langen Morgenmantel, der so rot wie Blut war. Anscheinend war er gerade von seiner heutigen, toten Eroberung gekommen. Schweigend schloss er die Tür und sah Lance an, der nicht von seinem Buch hoch sah, als er eisig fragte.

„Was willst du?"

„Mit dir reden", antwortete Arthur.

„Warum?"

„Warum? Was soll denn die bescheuerte Frage? Seit Tagen weicht du mir aus, redest kein Wort mit mir."

Lance sah ihn kurz missmutig an.

„Und das wundert dich? Wirklich? Als würde es eine Rolle spielen, was ich zu sagen habe."

„Ja, gut. Ich habe es, seit wir hier sind, vielleicht etwas übertrieben. Aber deshalb musst du nicht tagelang schmollen."

Lance lachte leise. Es klang spöttisch.

„Etwas übertrieben? Moment mal", sagte er und kniff die Augen zusammen „Wir sind jetzt zwei Wochen in Wien und unsere Menschen haben jeden Morgen einen Toten aus deinem Zimmer getragen, den du fast zu Tode gefickt hast, bevor du ihm den Gnadenstoß gabst und ihn ausgesaugt hast. Etwas trifft das nicht annähernd. Und ich rede jetzt nicht mal davon, was in Sevilla los war, sonst vergesse ich mich vielleicht. Denn da kommen deine Aktionen nicht annähernd an „etwas übertrieben".

Arthur breitete die Arme aus.

„Na und? Was hast du denn jetzt wieder auszusetzen? Das ich mein Leben lebe? Sie wollten mich ja unbedingt, ließen sich nicht abhalten. Ich wäre schön blöd, wenn ich mich nicht an ihnen in jeder Form bedienen würde. Und außerdem bin ich frustriert und deine Art zu leben macht es nicht besser. Du ignorierst mich vollkommen. Gehst nur jagen und sitzt hier in dieser Kammer."

„Meine Art zu leben?", fragte Lance mit hochgezogener Augenbraue und legte das Buch beiseite, stand auf und blieb vor ihm stehen „Oh, ich verstehe. Du bist irritiert, das sie keine Leichen aus meinem Zimmer getragen haben. Tut mir leid. Sollte ich jetzt auch halb Wien ficken und aussaugen?"

„Du bist manchmal so ein Arsch, Lance. Was ist denn los mit dir? Du bist ein Vampir und machst jetzt einen auf barmherzigen Samarita? Womöglich gibst du deinen Opfern noch Geld für die Blutspende. Zuzutrauen wäre es dir. Warum bist du nur so mies drauf?"

Lance lachte spöttisch. Das durfte jetzt nicht wahr sein.

„Das fragst du nicht wirklich?"

Als Arthur ihn nur ansah und nichts dazu sagte, schüttelte Lance den Kopf. Er war schon wieder zornig. Arthur hatte wirklich die Frechheit zu fragen, warum er so missmutig ist. Er wusste es ganz genau und er wusste auch, wieso er selbst am Rad drehte und aggressiv war. Beide Gründe waren die Gleichen. Zwei Namen. Merlin und Maria. Wollte er ihn verarschen? Er sagte mit grünlichen Schlieren in seinen Augen, die anzeigten, das er sauer wurde.

„Okay, dann helfe ich dir auf die Sprünge. Ich hatte eine Freundin, Maria. Erinnerst du dich? Und ich liebe sie, doch mein Freund dachte wohl, das es Blödsinn ist und hat mit seiner unmenschlichen Art das alles zunichte gemacht. Und ich bin jetzt natürlich nicht gut drauf. Und du auch nicht, denn da gab es einen jungen Mann, Merlin? Weißt du noch? Den Mann, den du angeblich liebst. Aber dann konntest du deinen Schwanz nicht in der Hose lassen, hast ihn beleidigt und gedemütigt. Fällt es dir jetzt wieder ein?"

Arthur trat einen Schritt vor, seine Augen blitzten grünlich im Zorn. Was Lance nicht wunderte, denn Arthur war die letzte Zeit von Null auf Hundert in zwei Sekunden. Daran sah Lance, das das Thema Merlin nicht abgeschlossen war, wenn er es auch nie sagte oder mit Gewalt sein Vampir Dasein lebte. Arthur versuchte in anderen Männern und Beute seinen Kummer zu bewältigen. Das tat er immer so, doch Lance bezweifelte, das es half.

„Du Vollidiot, behandle mich nicht so von oben herab", fuhr er Lance an „ Und ich will den Namen Merlin nicht mehr hören. Er hat sich gegen mich entschieden."

„Hat er das? Nun, das zeugt von einem guten Charakter", spottete Lance.

„Mir reicht es jetzt mit deiner dummen Art", schrie Arthur „Dann geh doch zurück und nimm sie dir. Du bist ein verfluchter Vampir. Niemand kann dich aufhalten, wenn du sie dir schnappst. Nimm sie und bringe sie nach Wien und fick sie endlich."

Lance schlug so schnell zu, das Arthur es nicht kommen sah und flog an die Wand. Es krachte, als er dagegen knallte, der Putz bröckelte von der Wucht des Schlages ab, bevor er die Wand herunter rutschte und liegen blieb. Ungläubig schaute er Lance an, rieb sich mit der Hand über die große aufgeplatzte Wunde an seinen Lippen, die sofort heilte. Er leckte das Blut von seinem Finger und stand auf, lächelte spöttisch.

„Alle Achtung, Lance. Du mauserst dich ja noch wirklich zu einem Vampir und bist nicht mehr so ein Weichei. Ein guter Anfang."

„Raus!", schrie Lance ihn an „Geh mir aus den Augen."

Arthur öffnete die Tür.

„Schon gut. Ich muss sowieso die Leiche noch beseitigen."

Dann ging er und Lance hörte draußen, wie er den Diener befahl, sein Zimmer zu reinigen, inklusive der Leiche, die in seinem Bett lag.

Lance setzte sich wieder, seine Augen grün im Zorn. Das erste Mal dachte er darüber nach, sich hier abzusetzen. Doch wenn er ehrlich war, hatte er Angst davor, so ganz allein zu sein.

Arthur war auf seinem kummervollen Trip und ließ seiner Frustration vollen Lauf. Er trank, vögelte wen er traf und tötete sie anschließend. Ein typisches Verhalten von ihm, wenn er so drauf war. Und Lance wusste, das Merlin der Auslöser war. Er hatte noch nie so eine unlogische Handlungsweise gesehen, wie bei Arthur. Er liebte diesen Menschen und gleichzeitig zerstörte er diese Liebe und litt jetzt Höllenqualen. Und zog alle anderen mit hinunter. Das sollte mal jemand verstehen.

Doch er war nicht allein. Lance litt auch und lebte meistens in den Erinnerungen mit Maria. Vielleicht sollte er wirklich wie Arthur sein. Vielleicht war es leichter, wenn er jemanden mit nach Hause brachte und ihn nach dem Sex tötete. Vielleicht half es etwas.

Er würde es versuchen, bevor er verrückt wurde. Er musste sein Leben wieder in den Griff bekommen. Arthur würde auch irgendwann wieder zur Vernunft kommen. So war es immer und er hoffte jetzt auch. Damals als seine Gefährten starben, war er genauso drauf wie jetzt auch. Nur mit dem Unterschied, das Merlin noch lebte.



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Im Hafen von Malaga standen die beiden Hexen nun auf festen Boden. Sie hatten gerade das Schiff verlassen. Merit sah nicht gut aus. Schon wieder war ihr auf der Überfahrt schlecht geworden und sie seufzte.

„Oh man, so schnell gehe ich nicht wieder auf ein Schiff. Können wir nicht doch fliegen? Geht auch schneller."

Selena lachte.

„Oh nein, ich habe das genossen."

„Ja, ja...die Jungs waren schon nicht zu verachten. Wenn mir ja nicht so schlecht gewesen wäre, hätte ich den blonden Typ sicherlich vernascht."

„So habe ich mich opfern müssen", schmunzelte Serena. Merit verdrehte ihre Augen.

„Im Ernst? Du hast mit beiden geschlafen?"

„Ja, war schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal Spaß hatte. Und es war gut."

„Okay", sagte Merit und drehte sich um, als die besagten, jungen Männer an ihnen vorbei gingen und Serena heiße Blicke zuwarfen.

„Dann mal einen schönen Aufenthalt in Spanien, meine Schöne", sagte einer der beiden zu Serena. Dann stiegen sie in eine Kutsche und fuhren davon.

„Nun, was jetzt?"

„Wir übernachten hier und machen uns morgen auf den Weg nach Sevilla", antwortete Serena. Sie war bestens gelaunt, wenn man bedachte, wie sie diese Schiffsreise verschönert hatte. Und vor allem war ihr nicht schlecht geworden.

„Am besten kaufen wir uns Pferde", schlug Merit vor „Dann sind wir unabhängiger."

„Gute Idee. Doch lass uns erst ein Hotel suchen."

Sie nahmen ihr Gepäck in die Hand und gingen los, während Merit seufzte.

„Oh, heute in einem Bett schlafen, das nicht schwankt. Herrlich, ich werde gut schlafen."

Sie fanden schnell ein Hotel und saßen jetzt in einem Restaurant und aßen zu Abend.

„Wie willst du vorgehen, Serena? Ich meine, wenn wir den Mann finden."

„Wie vorgehen?"

„Du kannst ja nicht an der Tür klopfen und sagen...Hi, wir sind Hexen und möchten dir mitteilen, das du auch ein Hexer bist und das aus einem uralten Geschlecht, das verschollen ist."

„Nein, natürlich nicht. Ich muss erst mal die Magie spüren. Und dann ihn und seine Schwester langsam an das Thema heranführen."

„Er wird dir nicht glauben, denn er hält Magie für Hokuspokus", erwiderte Merit. Serena lächelte.

„Dann...Dann werden wir ihm Magie zeigen."

Merit seufzte.

„Ich sehe die beiden schon schreiend wegrennen, wenn du die Hexe raus lässt."

„Wenn ich recht habe und es ist der junge Mann, der mit Arthur liiert ist, dann ist er einiges gewöhnt. Schließlich ist sein Partner ein Vampir."

„Er ist mit einem Vampir zusammen? So richtig zusammen...wie ein Liebespaar?"

„Ich denke doch, das er es ist. Sethos sagte, das er sehr verliebt in den Menschen ist. Wahrscheinlich ist er deswegen zurück."

„Aber er ist ein Hexer. Ich meine...Vampire lieben dieses Blut. Alle Achtung, er hat wirklich Mut", sagte Merit aufrichtig.

Serena seufzte.

„Du weißt nicht viel über Vampire, nicht wahr?"

„Nein. Nur das sie blutrünstige Monster sind und unser Blut wollen. Nach meines Vaters Sprüche müssen sie wirklich furchteinflößend sein. Ich selbst habe noch nie einen gesehen."

„Also gut, dann kläre ich dich mal auf. Vampire lieben es, wenn sie vögeln, von dem Partner zu trinken. Angeblich gibt das den wahnsinnigen Kick, wenn sie kommen und auch umgekehrt. Blut und Sex gehört bei ihnen zusammen. Und wenn Arthur mit ihm zusammen ist, dann wird er ihn auch trinken lassen."

Merit hob die Hand.

„Moment mal. Du meinst, das ich einen wahnsinnigen Orgasmus habe, wenn er mich beim Vögeln beißt?"

„Genau das."

„Hast du das schon mal ausprobiert?"

„Einmal."

„Mit wem?"

„Das ist jetzt egal", sagte Serena „ Aber es stimmt. Ich kam so heftig wie nie zuvor, während er an meinem Hals trank. Es hört sich ja seltsam an und ich muss gestehen, ich hatte meine Zweifel. Doch es war wirklich der Wahnsinn, vor allem ihre Ausdauer. Dagegen waren die beiden menschlichen Männer auf dem Schiff...Lehrlinge."

Merit lachte.

„Oh man. Ich wusste nicht, das Vampire auch irgendetwas Positives haben. Und mein Vater macht sie nur schlecht."

„Das sind die meisten, zumindest gegenüber Hexen. Doch die Vampire, die ich kenne, sind nicht so. Sie sind wirklich meine Freunde."

„Ich bin wirklich bestrebt, sie mal kennenzulernen. Ich habe noch nie einen aus der Nähe gesehen", sagte Merit „Angeblich sollen sie sehr schön sein. Das sagte mir einmal eine Freundin und sie haben Fähigkeiten. Stimmt das?"

„Ja, Vampire sind sehr schön und sie verfügen auch über Macht. Du kannst sie spüren, wenn sie dir gegenüber stehen. Arthur und auch Sethos sind ein Traum und sie haben dieses gewisse Etwas, das nur Vampire haben. Du fühlst dich automatisch von ihnen angezogen und im Bett...", sie grinste „Im Bett sind sie eine Klasse für sich. Ich meine jetzt die Vampire allgemein", sagte sie dazu.

„Oh man, ich bin mal gespannt. Vielleicht sehe ich welche."

Serena wurde ernst.

„Merit, du darfst das nicht so locker sehen. Die beiden sind meine Freunde und würden eher sterben, bevor sie mir etwas tun. Doch verwechsle das bloß nicht. Verschwinde, wenn du Vampire siehst, die du nicht kennst. Sie werden dich töten. In dieser Beziehung hat dein Vater recht."

Sie winkte ab.

„Keine Panik, dafür hat mein Vater schon gesorgt. Er hatte mir seit ich ein Kind war, Schauermärchen von ihnen erzählt. Ich würde mich auf keinen Fall mit einem einlassen. Er sagt, das sie unser Blut riechen können, es wäre der reine Nektar für sie."

„Das stimmt", sagte Serena und gähnte „Oh, jetzt bin ich auch müde. Komm, lass uns bezahlen und schlafen gehen. Morgen müssen wir früh los und uns Pferde besorgen."

Sie nickte und bezahlten, danach gingen sie in ihr Hotel. Morgen würden sie nach Sevilla aufbrechen und diesen geheimnisvollen Mann suchen.

Beide waren mehr als neugierig und aufgeregt.




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