Ich liege mit dem Gesicht zur Wand, als die Stimme erklingt und mich aus dem Schlaf reißt.
„Ich erinnere mich."
In einem Kerker ist es schwer zu sagen, ob es Tag oder Nacht ist, doch meine schmerzenden Glieder sagen mir, dass ich sehr lange geschlafen haben muss.
„An letzte Nacht." Ich antworte nicht. Ich schlafe einfach noch. Ganz genau, ich kann Isa jetzt nicht antworten, weil ich sie gar nicht höre und noch Schlafe. Aufschiebung war schon immer der beste Weg, Problemen aus dem Weg zu gehen.
„Ich habe den Brief gelesen. Du hast ihn fallen lassen. Und dann habe ich ihn gelesen, nachdem... ich wieder ich war."
Oh Gott, bitte nicht. Verdammt, es ist kein schönes Gefühl, dass Isa weiß wie meine Mutter mich manchmal zurechtweist. Also stelle ich mich weiterhin schlafend.
„Sag ihr bitte bei Gelegenheit, dass ich Isa heiße. Iris-Isabelle", ich kann förmlich hören, wie sie das Gesicht verzieht, „Ist eine andere Person. Ach, und Draco, ich glaube dir kein bisschen, dass du schläfst." Du hast keine Beweise.
„Wenn du trotz meines Geredes nicht aufgewacht bist, musst du echt im Tiefschlaf liegen." Korrekt.
„Ich bin ja der Meinung, du solltest es lieber genießen, dass du ausnahmsweise frei hast."
„Ich habe frei?" Die Frage ist raus, bevor ich genauer nachdenke. Verfluchter Reflex.
„McGonnagall hat's veranlasst, und Snape interessiert sich nicht sonderlich dafür. Ich glaube, die Lehrer wollten uns nur nicht in ihrem Unterricht haben.
Also, eigentlich hat McGonnagall nur mich freigesprochen, aber Flitwick hat darauf bestanden, dass ich mein 'Trauma' nicht allein verarbeiten soll." Isa lacht leise. „Ist das so lustig?" frage ich widerwillig. Jetzt ist eh zu spät.
„Recht amüsierend, ja, dass Flitwick dich als meinen Therapeuten anheuert. Ich denke nicht, dass das ein Job ist, der für dich passt." „Hm."
Isas Blick lastet auf mir, trotzdem drehe ich mich nicht um. Was soll ich jetzt tun? Was soll ich sagen, wie verhalten?
Ich bin vielleicht intelligent, habe Talent fürs Fliegen, und dass ich reich bin erfüllt noch längst nicht alle meine Vorteile. Keine Frage, ich bin ziemlich genial, nur was kann ich dafür, wenn mir nie jemand gesagt hat, wie man sich in wichtigen, und ich meine wirklich wichtigen, Dingen entscheiden soll? Keine materiellen Dinge, oder Arbeitsangelegenheiten. Nicht etwas für andere entscheiden oder generelle Richtlinien bestimmen.
Sich bei etwas entscheiden, für sich selbst? Wie soll das gehen, wenn man sowas nie gezeigt bekommen hat? Woher soll ich wissen, was ich sagen soll, wenn niemand mir irgendetwas vorschreibt?
Und ich dachte, Voldemort wäre kompliziert.
„Draco? Ich war geh gleich zu Slughorn. Ich... Naja, ich will nicht, dass es noch einmal so eine Situation gibt, wie letzte Nacht. Ich frage ihn, ob ich – oder du, wie du willst – umziehen kann. Dann musst du nicht mehr mit einem W-" „Nein!" Abrupt setze ich mich auf.
Isa kniet auf ihrem Bett mir gegenüber, die Schultern erschrocken hochgezogen, wie um sich zu verstecken. Mit großen, fragenden Augen blickt sie mich an. „Was...?"
Die Handlung kommt mir seltsam bekannt vor, als ich aufspringe und zum Reden ansetze, nur diesmal aus ganz anderer Sicht als vor einiger Zeit noch.
„Kapier's endlich mal und hör gefälligst auf, die dauernd für irgendwas die Schuld zu geben!"
Nebenbei merke ich, dass ich weitaus wütender klinge, als ich mich fühle. Vielleicht bin ich gerade auch einfach nur zu abgelenkt.
„Macht dir das eigentlich Spaß? Dich dauernd selbst schlecht zu reden, immer deine verfluchten Fehler heraus zu heben? Weißt du was? Deine Fehler interessieren mich einen Scheiß!
Aber einer deiner größten Fehler ist, Personen, mit denen du viel zu tun hast, und dich selbst, ganz besonders dich selbst, nach jedem Fehltritt direkt zu verurteilen! Du kannst dich nie entscheiden, ob du das Tun von sonst wem gut oder schlecht findest! In einem Moment liebst du mich, dann mache ich was falsch, weil ich es nicht besser weiß oder nicht kann, dann bin ich für immer und ewig jemand, den du verabscheust. Doch dieses immer und ewig geht nur, bis ich dann mal doch ausnahmsweise was richtig mache. Aber du hast die Fehler von jedem immer im Hinterkopf. Du wägst die guten und die schlechten Dinge, die eine Person tut, wie auf einer Waage gegeneinander auf. Aber verdammt, wenn du jemanden wirklich magst, sollte es dir egal sein, ob der oder die vielleicht aktuell mehr Bescheuertes um sich geworfen als etwas, das dir gefällt.
Oder mal daran gedacht, dass du nicht immer Schuld bist? Sobald irgendetwas in deinem oder meinem bescheuerten Leben verrutscht, gibst du dir schuld! Verflucht, ist das alles dir noch nicht schon schlimm genug? Mir ist bewusst, dass ich derjenige sein sollte, der etwas mehr Gewissen aufbaut. Aber das wäre wieder nicht ich. Und du, Isa, du hättest sowas von am wenigsten Grund, dauernd bei dir die Schuld zu suchen! Du hast so viele richtige Entscheidungen getroffen, manchmal Sachen, die ich nie hinbekommen hätte, weil sie mir einfach zu umständlich wären, aber du-"
Was rede ich da eigentlich? Wie bescheuert hört sich das bitte an? Es ist zwar das, was ich denke, aber so ausgesprochen...?
„Versuch's einfach mal damit, mach alles etwas mehr wie ich. Hör auf, immer allen alles sein zu wollen. Das schaffst du nämlich nicht. Das kannst du nicht. Niemand kann das."Etwas verlegen lasse ich mich auf mein Bett zurücksinken. Ich muss mich angehört haben wie ein kompletter Idiot. Wieso konnte ich mich nicht einfach still und für mich ärgern?
„Das liegt vielleicht daran, dass ich für alles verantwortlich gemacht werde." Isas Stimme ist vollkommen ruhig, doch ich höre ein leichtes Beben heraus. „Ach ja?" entgegne ich hitzig, „Wofür habe ich dich beispielsweise verantwortlich gemacht?" „Das weißt du so gut wie ich!"
Ohne es so wirklich zu wollen, sehe ich sie an. „Falls du das mit dem Werwolf meinst: Ich habe dich für gar nichts dabei verantwortlich gemacht!" Ich weiß zwar was sie meint, doch wie gesagt, Aufschiebung ist bei unangenehmen Dingen immer noch am besten. Als es still bleibt, wird mir bewusst, dass es schwierig werden könnte, noch länger irgendetwas aus dem Weg zu gehen. „Du sagst, du erinnerst dich" bringe ich mühsam über die Lippen, „Also, nach dem was gestern passiert ist, kannst du mir gar nichts mehr vorwerfen."
„Nein" antwortet Isa langsam, „Theoretisch nicht. Aber warst nicht du selbst eben noch der Meinung, ich sollte nicht nach einzelnen Taten hin und her überlegen, sondern mich beim Generellen entscheiden, wen ich mag und wen nicht?"
Ihre Worte sind schmerzhaft. Also hat sie sich entschieden, mich zu hassen.
Es ist ein wirklich fremdes und seltsames Gefühl, wie sehr ich mir wünsche, dass jemand mich aufrichtig mag. Nein, nicht jemand. Isa.
„Ich habe Angst, Draco."
Verwundert schaue ich auf. Isa blickt mich ratlos an. „Selbst wenn... Also, mal angenommen, du würdest mich wirklich mögen. Was wäre denn, wenn ich dich oder jemand anders angreifen würde bei Vollmond? Dann wäre ich wieder nur das Monster. Oder was, wenn wir diesen verfluchten Krieg wirklich überleben? Wenn... Du weißt schon. Wenn irgendwann doch alles gut ist und wir beide noch leben. Auch wenn er dich und damit mich gerettet hat – würde dein Vater jemals zulassen, dass wir irgendwie zusammen sein könnten? Außerdem, sieh mich doch an! Die ganzen Narben..."
Schlagartig wird mir etwas bewusst. Ich denke nicht, dass es jetzt an Isa ist, sich zu entscheiden. Ich bin dran.(Da ich übers Wochenende weg bin, kommt bis Sonntagabend oder Montag hier erst mal nix)

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moon & misery
Fiksi Penggemar(Abgeschlossen!) Eine Geschichte um Draco Malfoy und Iris-Isabelle van Greenskape, die im siebten Schuljahr untragisch beginnt. Iris-Isabelle, die lieber Isa genannt wird, ist schockiert, als sie erfährt, dass sie zusammen mit Draco Malfoy Schulspre...