Kapitel 57

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•Wincent•

Ich war nun schon den zweiten Tag in Berlin. Durch meinen ‚Informanten' wusste ich natürlich die genaue Adresse von Steffi und da war ich nun. Ich stand etwas weiter weg entfernt vom Wohnhaus und sah das Gebäude an. Insgeheim war mir klar, dass ich das hier nicht tun sollte. Dass ich die Leute ihre Arbeit machen sollte und nicht reinpfuschen. Aber sie hatten bisher keine Beweise gefunden und wollten die Stalkerin bereits als unschuldig abstempeln. Doch ich wollte das nicht. Für mich war sie die Einzige die ein Motiv hatte. Nur komisch, dass noch keine Forderungen kamen. Ich war verunsichert aber dennoch irgendwie auf mein Ziel fokussiert. Nun stand ich also hier und schien selbst wie ein Stalker zu sein. Ich wartete bis sich etwas tat und nach ein paar Stunden, verliess sie tatsächlich die Wohnung und ging mit einer weissen Stofftasche aus dem Haus. Als sie ausser Sichtweite war, ging ich ins Gebäude rein und suchte ihre Wohnung. Vor der Tür blieb ich stehen und griff nach der Türklinke. Vielleicht hatte sie ja vergessen abzuschliessen und ich würde nun einfach reinkommen. Mein Herz raste, als meine Hand sich um die Klinke schloss. Langsam drückte ich runter, aber natürlich öffnete sich die Tür nicht. Ernüchterung machte sich breit und ich fragte mich für einen kurzen Moment, was ich hier eigentlich tat. Ich liess mich gegenüber auf die Stufen sinken und raufte mir die Haare. Mein Kopf war leer und ich sass einfach einen Moment da, bis ich hörte, dass wieder jemand zurückkam. Ich konnte einen kurzen Blick auf die Person erhaschen, welche die Stufen hochkam und erkannte Steffi. Schnell stand ich auf und ging leise die Stufen hoch in die obere Etage und versteckte mich da vor ihr. Ich stieg dann in den Aufzug und fuhr ins Erdgeschoss. Schnellen Schrittes verliess ich das Wohnhaus und lief direkt in die Arme eines Typen, der mich zu kennen schien.

„Was zum Teufel tun sie hier!" zischte er mich an und zog mich von dem Wohnhaus weg. „Er sind sie!? Fassen sie mich nicht an!" herrschte ich den Kerl an. Er liess mich los und zog seine Marke aus der Jacke. „Ich ermittle im Fall von Emilia Weiß! Ihrer Tochter!" sagte der Beamte und sah mich sauer an. „Was haben sie da drin getan!" sah er mich ernst an. „Nichts..." sagte ich und wollte gehen. „Herr Weiß, lassen sie uns unsere Arbeit machen." Bat mich der Mann. „Ihre Arbeit?! Was tun sie denn? Nichts tun sie! Seit Tagen finden sie nichts raus, wir kriegen keine Forderungen. Rein gar nichts!" sagte ich laut. Vielleicht waren wir auch einfach auf ner komplett falschen Spur? „Beruhigen sie sich." Redete dann der Beamte ruhig mit mir und schob mich etwas weiter weg. „Gehen sie nach Hause. Sie behindern unsere Ermittlungen." Bat er mich zu gehen. Ich sagte nichts, sondern sah den Typen einfach nur an. Dann drehte ich mich weg und ging, ohne ein weiteres Wort an diesen Kerl gerichtet zu haben. Frustriert ging ich ins Hotel und sah mir die Fotos wieder an. Ich erkannte auf einem Bild im Hintergrund ein Schild eines Restaurants. Dann sah ich mir ein paar andere Fotos durch von anderen Tagen, wo genau dasselbe Schild wieder zu erkennen war. „Ihr Lieblings Restaurant?" murmelte ich leise und googelte danach. Es war Wochenende und perfekt zum Ausgehen. Also reservierte ich mir einen Tisch in diesem Restaurant und würde einfach so lange dasitzen, bis hoffentlich Steffi da auftauchen würde.

Und hier war ich nun. Ich stand vor dem besagten Restaurant und ging davor auf und ab. Was mach ich, wenn sie auftaucht? Ich kann sie nicht vor allen Leuten ansprechen! Scheisse ich hätte mir nen Plan ausdenken sollen. Ich zog mir die Kapuze übern Kopf, da es schon ganz schön kalt war. Nach einem kurzen Moment in dem ich mit mir selbst haderte ging ich rein und liess mich zu meinem Tisch bringen. Ich sah in die Speisekarte, obwohl ich gar keinen Hunger hatte. Plötzlich merkte ich, wie sich mir jemand gegenübersetzte. Ich sah über den Rand der Karte und blickte in die Augen des Ermittlers von heute Nachmittag. „Das ist nicht ihr Ernst!" sagte er leise zu mir und starrte mich an. Ich konnte nichts sagen, ich hätte wissen müssen, dass die auch hier sein würden. Fuck ey! „Verschwinden sie! Wenn unsere Zielperson wirklich ihre Tochter hat und sie, Sie hier entdeckt, dann kann das in einer völligen Katastrophe enden!" sagte er und sah mich an. Ich sagte immer noch nichts und starrte ihn einfach nur an. „Herr Weiß, gehen sie zurück zu ihrer Frau und ihrem Sohn! Ansonsten werde ich sie verhaften müssen, wegen Behinderung von laufenden Ermittlungen." Hörte ich die Worte, die mich null einschüchterten. „Dann tun sie es doch." Sagte ich gleichgültig und sah den Kerl an. Der Ermittler schwieg einen Moment, bis er wieder den Mund öffnete. „Wir wissen nicht zu was die Zielperson und ihre möglichen Komplizen in der Lage sind. Sie wollen ihre Tochter sicherlich lebend wiedersehen! Dann verschwinden sie von hier!!!" sagte er dann. Der Gedanke daran, dass Emilia möglicherweise nicht lebend aus dieser Sache rauskommen könnte, versetzte mich augenblicklich in Panik.

Ich stand sofort auf und verliess das Restaurant. Draussen prallte ich in eine Gruppe Menschen, aber da ich den Kopf gesenkt hatte nahm ich kaum jemand wahr. Ich zog mir die Kapuze über den Kopf und ging weg. „War das nicht gerade Wincent Weiss?" hörte ich eine Männerstimme. „Was? Du spinnst doch!" hörte ich dann eine mir bekannte Stimme. Es war Steffi, das wusste ich auch ohne mich umzudrehen. Aber ich ging einfach weiter, gegen den Drang mich umzudrehen, kämpfte ich gegen an. Der Ermittler hatte recht, ich setzte hier möglicherweise gerade das Leben meiner Tochter aufs Spiel. Mit diesem Gedanken kam ich im Hotel an. Ich schloss mich im Zimmer ein und ging schnellen Schrittes zur Minibar. Da nahm ich jede Flasche die etwas alkoholisches beinhaltete raus und begann zu trinken. Ich musste diese fürchterlichen Gedanken wegbringen. Und dies versuchte ich nun, in dem ich mich mit Alkohol abschiessen wollte. Nach der zweiten Flasche Bier die ich gerade auf Ex geleert hatte, stellte ich die leere Flasche auf den Tisch und sah mich im Spiegel an. „Was mach ich hier..." murmelte ich und strich mir übers Gesicht. Ich stütze mich dann auf dem Tisch ab und sah mein Spiegelbild an. Ich hatte abgenommen, war blass und hatte Augenringe bis zu den Knien. Mir ging es absolut scheisse und eigentlich hatte ich gar keine Kraft mehr. Mein Kopf war zu voll um einen klaren Gedanken zu fassen und ich suchte nach Antworten und Spuren, obwohl ich nicht in der Lage war, überhaupt etwas zu finden.

Nach dieser Erkenntnis, schnappte ich mir meinen Rucksack, den ich seit gestern nicht mal ausgepackt hatte und ging runter zum Empfang. Kurzerhand checkte ich aus und ging ins Parkhaus zu meinem Auto. Ich setzte mich hinters Steuer und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Eigentlich durfte ich nicht mehr fahren, das war mir bewusst und normalerweise fuhr ich auch nicht mehr, wenn ich getrunken hatte. Aber ich wollte nach Hause, ich musste nach Hause. Hier würde ich durchdrehen und womöglich irgendwelche Scheisse bauen die Emilia vielleicht gefährden konnten. Also startete ich den Motor, fuhr aus der Parklücke und machte mich auf den Nachhauseweg.

Wir beide bleibenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt