33. Kapitel

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Der Schock saß immer noch tief. Max sollte kurz vor Schluss die Führung übernehmen. Es war eine Entscheidung des Teams, eine strategische Entscheidung, die ich nicht nachvollziehen konnte die ich auch niemals verstehen werde. Ich, die jahrelang darauf hingearbeitet hatte, endlich den großen Moment zu erleben, musste mich damit abfinden, dass der Sieg in diesem Moment nicht mein eigener war.

Max war als Sieger über die Ziellinie gefahren – und ich war hinter ihm ins Ziel kommen. „Positionswechsel" die Worte hallten immer wieder in meinen Kopf, während ich die Menge die sich mir bot blickte. Es war eine vernichtbare Entscheidung aus Teamgesichtspunkten, aber aus meiner Sicht war es der Moment, in dem mein Traum einen Riss bekam. Mein erster Sieg. Einfach so entschwand er.

Das Team hatte immer betont, dass man das größere Ganze im Blick behalten müsse. Teamarbeit, das Wohl des gesamten Teams, war von größter Bedeutung. Doch wie konnte ich das verstehen, wenn der eigene Traum so auf der Strecke blieb? Ich schüttelte den Kopf und versuchte, mich zu sammeln. Ich versuchte, meinen Ärger, meine Enttäuschung zu unterdrücken, doch ich konnte nicht leugnen, dass es ein schmerzhafter Moment war.

Als das Rennen zu Ende war, feierten die Fahrer ausgelassen. Max stand in der Mitte, umgeben von jubelnden Fans und Freunden, die ihn für seinen Sieg feierten. Ich blieb im Hintergrund, hielt mich an einem der Tische im Club fest und starrte auf die flimmernde Glastür. Mein Körper fühlte sich leer an, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Es war aber auch nicht das erste Mal, dass ich mich so richtig enttäuscht fühlte.

„Das war deine Chance, Séra", flüsterte ich leise vor mich hin, als ich entschlossen den Club verließ. „Du hättest es schaffen können." Meine Schritte auf dem Asphalt des Parkplatzes klangen laut in der Nachtluft. Die gedämmten Lichter von Zandvoort glitzerten in der Ferne, doch ich fühlte mich weit entfernt von diesem Glanz. Ich hatte das Gefühl, als würde ich die Welt und meinen eigenen Traum verlieren. Mein Herz schmerzte bei dem Gedanken, dass der Traum, den ich so lange genährt hatte, von jemand anderem in Anspruch genommen wurde.

Als ich endlich am Strand angekommen war, weit weg von allem setzte ich mich auf den Sand und atmete hörbar durch. Ich lauschte den leichten Wellen die sich mir immer wieder weg bewegten und wieder kamen. Gedämpft hörte ich von weitem die Party die für den Sieger veranstaltet wurde, doch ich gehörte zu keinem dazu. Ich saß hier lieber alleine und war in meinen Gedanken verloren.

„Séra?," eine vertraute Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich drehte sich um und erblickte Charles, der langsam auf mich zuging. War er mir etwa nach gegangen. Der junge Fahrer aus Monaco hatte sich bereits in Feierlaune versetzt, doch seine Miene war besorgt, als er mich ansprach.
„Wie geht's dir?," fragte er und zog mich sanft aus meinen Gedanken. „Wie soll es mir den gehen?," grummelte ich doch er sah mich bestimmend an. Ich seufzte. „Es geht...," antwortete ich, doch ich konnte die Enttäuschung in meiner Stimme nicht verbergen.

Meine Wangen brannten vor unterdrücktem Ärger, und meine Augen stachen vor Tränen. Ich biss mir auf die Lippen, versuchte, die aufsteigenden Emotionen zu bändigen. „Es ist nur...," ich wusste nicht, wie ich es erklären sollte. Ich war nicht wütend auf Max, auch wenn ich das im ersten Moment geglaubt hatte.
Wütend war ich auf mich selbst, auf das System, das mir den Erfolg genommen hatte. Auf das Team, das mehr an das Gesamtbild als an meinen individuellen Erfolg dachte.

„Es tut mir leid, dass du dich so fühlst," sagte Charles. „Aber du musst verstehen, dass es nicht nur um dich geht. Ich weiß, das ist nicht einfach zu akzeptieren, aber manchmal muss man auf das Team hören. Ich habe schon oft erlebt, dass solche Entscheidungen nicht leicht sind," sagte er dazu.
Ich nickte, doch ich wusste, dass ich mich nicht einfach damit abfinden konnte. Es war leicht zu reden, wenn man selbst nicht in der Situation war. Charles konnte den Schmerz in meinen Augen nicht vollständig nachempfinden, auch wenn er versuchte, mich zu verstehen.

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt