130. Kapitel

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*Séras Sicht*

„Schön, dass du es mir nie erzählt hast." Die Worte meines Bruders klangen hart, fast schneidend, als er sie aussprach. Er stand mit verschränkten Armen vor mir, die Augenbrauen zusammengezogen, der Blick voller Enttäuschung und ja, auch ein bisschen Wut.

Noch immer schien es ihn richtig zu ärgern, dass ausgerechnet er zu den Letzten gehörte, die von meinem Wechsel zu Mercedes erfahren hatten.

Doch mir war das egal. Ich sah ihn ruhig an, spürte, wie sich in meiner Brust eine Mischung aus Genugtuung und Trotz breitmachte. „Tja, hättest du damals mal auf mich gehört oder mich wenigstens unterstützt, dann wüsstest du's längst." Meine Stimme blieb ruhig, fast schon gelassen, doch jedes Wort war wie ein Schlag ins Gesicht.

In dem Moment, als ich den Satz ausgesprochen hatte, war es still. Für den Bruchteil einer Sekunde schien die Welt den Atem anzuhalten und dann sah ich seinen Gesichtsausdruck. Dieser eine Blick, eine Mischung aus Unglauben, Gekränktheit und verletztem Stolz...legendär. Ich hätte ihn am liebsten eingerahmt.

Ich war schon immer ein Sturkopf gewesen, dickköpfig, kompromisslos, und mit einem verdammt starken Willen gesegnet. Das letzte Wort? Hatte ich mir noch nie nehmen lassen. Und ganz offensichtlich hatte mein Bruder geglaubt, dass sich das irgendwann ändern würde. Dass ich vielleicht ruhiger werde, nachgiebiger, einsichtiger. Aber er hatte sich geirrt.

Dass ich immer noch so taff war, damit hatte er wirklich nicht gerechnet.




Das letzte Rennen. Abu Dhabi. Noch einmal im Red-Bull-Cockpit. Ein letztes Mal das vertraute Gefühl des Lenkrads in meinen Händen, die Farben des Teams um mich herum, die Stimmen im Funk, die ich seit Jahren kannte und doch...wusste ich, dass es das war. Der Abschied. Das Ende einer Ära.

Ich war von Platz vier gestartet, direkt vor Max und obwohl wir beide noch für dasselbe Team fuhren, war es mir ehrlich gesagt ganz recht, als er sich gleich in der ersten Kurve zusammen mit Piastri drehte.

Ich zuckte nicht einmal mit der Wimper. Blöd für McLaren, klar, die hatten schließlich noch ein Wörtchen im Konstrukteursrennen mitzureden aber Lando konnte sich vorn behaupten. Hinter ihm reihten sich die beiden Ferraris ein und ich? Ich lauerte dahinter. Ruhig, wachsam, mit dem Ziel klar vor Augen.

„Tiger, was hältst du davon, ein letztes Podium einzufahren?," meldete sich Michis Stimme im Funk. Ruhig, aber mit einem vertrauten Grinsen in der Tonlage, dass ich förmlich spüren konnte. Ich musste schmunzeln.

Michi und Alex...Die beiden würde ich vermissen. Aus dem ganzen chaotischen Haufen waren sie die, die mich nie im Stich gelassen hatten.

Nicht die Chefetage, nicht die Politik hinter den Kulissen, nicht das ganze PR-Gehabe – sondern die, die nachts in der Box standen, die mir den Rücken stärkten, auch wenn es brenzlig wurde. Das echte Team.

„Du meinst...so richtig noch mal eine reindrücken?," fragte ich lachend, während ich spät auf die Bremse trat und mich aggressiv in die Kurve hineinwarf. Jeder Zentimeter Strecke zählte jetzt. Ich spürte, wie die Reifen kurz rutschten, kontrolliert, präzise. Fast tänzerisch. Ich war im Flow.

„Fahr einfach," kam Michis Antwort zurück. Knapp, bestimmt, und voller Vertrauen. Mehr brauchte es nicht. Ich wusste, was das bedeutete.


Ich biss mir auf die Lippe und grinste. Ja, ich wusste genau, dass es Horner immer noch wurmte. Dass ich zum „Feind" wechselte, zu den Silberpfeilen, zu Mercedes. Sein Gesichtsausdruck, als er es zum ersten Mal hörte...unbezahlbar.

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt