96. Kapitel

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*Alex Sicht*

Die Luft roch nach Salz, Parfum und teurem Champagner. Weiches Gelächter und gedämpfte Musik waberten über das Deck, als wären sie Teil der warmen Mittelmeerbrise. Die Gäste, mondän, makellos, standen in kleinen Grüppchen beisammen, hielten funkelnde Gläser in wohlmanikürten Händen, führten Konversationen mit dieser mühelosen Eleganz, die nur Reichtum und Gewöhnung an Exklusivität mit sich bringen.


Es hätte ein perfekter Abend sein können. Hätte.

Ich trat aus dem schmalen, mit Marmor und Chrom ausgestatteten Bad unter Deck. Das Licht darin war noch warm auf meiner Haut, doch die Luft draußen war kühler, getragen vom metallischen Duft des Meeres und der teuren Hölzer des Schiffs. Ich fuhr mir mit den Fingerspitzen durch das Haar, strich eine widerspenstige Strähne hinter das Ohr, ein kleiner, gedankenloser Reflex. Meine High Heels klackten leise auf dem makellos polierten Mahagoniboden, rhythmisch, wie ein Metronom.

Dann hielt ich inne.

Mitten in der Bewegung fror ich ein, der Kopf leicht zur Seite geneigt, als hätte mein Körper die Gefahr gespürt, bevor ich sie verstand. Zwischen den Kabinen, in der schmalen, halbdunklen Gasse, hallten Stimmen. Männlich. Leise, aber mit einem Ton, der in den Wänden vibrierte. Es war nicht der Klang des Gesprächs, es war der Unterton darin.

Und dann erkannte ich sie.

Lando. 

Charles.

Standen diese nicht gerade noch vor ein paar Minuten bei den anderen Gästen? Instinktiv wich ich einen Schritt zurück, trat in den schmalen Schatten zwischen Wand und Türrahmen. Nicht aus Angst. Es war etwas anderes. Etwas Tieferes. Dieser uralte Reflex, wenn man weiß, dass etwas nicht für die eigenen Ohren bestimmt ist und man trotzdem nicht weggehen kann.

Charles' Stimme klang nicht wie sonst. Nicht wie der Mann, der mir morgens Croissants auf einen Teller legte und mich dabei ansah, als wäre ich das erste Sonnenlicht nach einem langen Winter. Nein, diese Stimme war eine andere. Kälter. Flacher. Kontrolliert wie der Schliff einer Rasierklinge.

„Ich sag's dir, ich bin raus. Ich will das nicht mehr. Wir haben genug gespielt. Du hast genug gespielt." Landos Worte klangen angespannt, die Silben scharf, fast zersplittert. „Diese Wette war von Anfang an dumm. Kindisch. Und absolut respektlos. Außerdem zieht es sich sowieso schon länger als gedacht."

Wette? Was für eine Wette?

Ich spürte, wie sich mein Magen leicht verkrampfte, eine Vorahnung wie ein kalter Hauch über der Wirbelsäule.

„Kindisch?," die Stimme meines Freundes war spöttisch, fast belustigt. „Wir haben beide gelacht, als ich gesagt habe: ‚Mal sehen, wer Séra zuerst rumkriegt.' Klingt nicht so, als wärst du gezwungen worden."

Séra? Was hatte die Wette mit ihr zu tun? Was meinten sie mit rumkriegen?

Das Wort fiel wie ein Tropfen Gift in klares Wasser. Ich spürte, wie meine Gedanken sich verlangsamten, als müsste, mein Verstand erst neu sortieren, was ich da hörte.

„Das war am Anfang ein Spruch. Ein blöder Spruch nach ein paar Drinks. Aber du meinst das ernst, oder? Immer noch, weil er ja von dir kam," Landos Stimme war jetzt fast flehend, als wollte er die Realität wieder zurückdrehen. „Du redest seit Tagen nur noch von ihr. Und jetzt planst du ernsthaft, sie was, zu verführen? Obwohl sie dich schon so oft abgewiesen hat?"

„Ich nenne es eher: gewinnen." Charles lachte leise. Es war ein Laut, der mir eine Gänsehaut über den Nacken jagte, weil ich ihn in diesem Moment nicht kannte. Nicht diesen Charles. „Sie ist ein Spiel. Eine Herausforderung. Sie ist...interessant und außerdem mag ich es, wenn sie sich gegen mich wehrt."

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt