132. Kapitel

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~18+~


Das Hotelzimmer war still. Nicht einfach ruhig, sondern still auf eine Art, die schwer wog. Als hätte jemand die Welt draußen einfach abgeschaltet. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss, und mit ihr die Nacht. Kein Bass mehr, der durch den Boden vibrierte. Kein Lachen, das mir nachhallte. Keine neugierigen Blicke, keine flüchtigen Berührungen. 

Nur ich und mein Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe. Ich blieb stehen. Starrte mich selbst an. Mein Kleid war verrutscht, die Träger schief. Mein Haar eine Mischung aus Tanz, Wind und zerzauster Müdigkeit. Die Augen, verschmiertes Make-up, ja. Aber da war mehr: Ein Ausdruck, als hätte ich einen Sturm überstanden. Oder als stünde er mir noch bevor.

Mein Herz war nicht hier. Es war irgendwo zwischen der Dachterrasse, wo Lichter wie Sterne geflackert hatten, und dem Kuss, der mich gebrannt hatte. Ein Kuss, der wie eine Narbe war – frisch, rot, offen. Aber auch...schön. So schön, dass ich ihn nicht verfluchen konnte. Und doch war er eine Lüge. Eine schöne Lüge, aber eine Lüge blieb eine Lüge.

Ich wollte ihn nicht hassen. Ich wollte ihn nicht vermissen. Ich wollte ihn vergessen, einfach nur vergessen aber ich tat keines davon. Ich tat beides. Gleichzeitig. Widerspruch war zu meinem Atem geworden.

Ich schlüpfte aus den Schuhen, spürte den kühlen Boden unter meinen Füßen, und ließ mich rücklings aufs Bett fallen. Die Decke roch nach Waschmittel, nach Neutralität. Kein Ort, an dem Erinnerungen wohnen durften. Ich atmete tief durch. Das erste Mal an diesem Abend wirklich tief. Es tat weh.

Dann, ein Geräusch. Ein Klopfen. Ich schreckte hoch. Setzte mich auf, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ein Moment der Stille. Dann wieder: Klopf, klopf. Nicht zögerlich. Nicht zaghaft. Kein „Darf ich?". Es war ein Ich muss.

Mein Herz setzte aus, dann schlug es schneller, heftig, unkontrolliert. Ich wusste, wer es war. Noch bevor mein Verstand sich eingeschaltet hatte, noch bevor ich den Impuls hinterfragen konnte, stand ich bereits auf. Meine Schritte trugen mich zur Tür, als hätte mein Körper entschieden, noch bevor mein Herz wusste, was es wollte.

Ich öffnete und da stand er.


Lando.
Sein Haar war zerzaust, als wäre er gelaufen. Seine Krawatte hing schief, das Hemd halb aus der Hose gezogen, als hätte er gegen seine eigene Entscheidung gekämpft. Aber es waren seine Augen, die mich trafen. Nicht das Äußere. Nicht das Bild. Sondern das, was darin lag. Der Sturm. Der, den er immer so sorgfältig hinter einem Lächeln versteckt hatte. Heute kein Lächeln. Keine Maske. Nur er.

„Ich kann nicht gehen, Séra."

Mein Name aus seinem Mund klang wie eine Bitte. Oder ein Gebet.

Ich lehnte mich leicht gegen den Türrahmen. Nicht als Einladung, eher als letzte Barriere. Ich sagte nichts. Schaute ihn nur an. Und wartete.

„Ich dachte, ich könnte dich loslassen. Dich zurücklassen. Dir die Entscheidung überlassen. Aber ich kann das nicht. Nicht mehr."

Meine Arme schlossen sich um meinen Oberkörper, ganz instinktiv, als müsste ich etwas festhalten, das in mir zu zerbrechen drohte.

„Was willst du hören, Lando?" Meine Stimme klang leiser, als ich dachte. „Dass ich dir verzeihe? Dass ich vergesse, was war? Den Schmerz, das Schweigen, die Halbheiten?"

Er trat einen Schritt näher. Blieb aber außerhalb. „Nein." Seine Stimme war heiser, kratzte an den Rändern der Beherrschung. „Ich will, dass du weißt, dass ich kämpfen werde. Um dich. Um uns. Auch wenn du mich hasst. Auch wenn du jeden Grund hast, mich rauszuwerfen. Ich werde da sein. Immer wieder."

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt