98. Kapitel

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*Landos Sicht*

Ich hatte schon hundert Mal auf ihr Profil gestarrt. Vielleicht mehr.

Jedes Mal, wenn ich das verdammte App-Icon öffnete, war da dieser winzige Funke Hoffnung, der in mir aufflammte, irrational, stur, dumm, dass sich etwas verändert hätte. Irgendein Zeichen. Ein neuer Status. Eine Story. Ein Hauch von Präsenz. Etwas, das mir sagte: Ich bin noch da. Ich sehe dich vielleicht. Ich denke an dich.

Aber da war nichts.

Kein Bild. Kein Text. Keine Musikzeile, die sie sonst so gerne postete. Keine dieser verschwommenen Sonnenuntergänge, kein Kaffee auf Fensterbrett, kein Buchzitat mit Herzchen. Nur diese leere Hülle eines Profils. Nur diese grausame, erstickende Stille.

Und meine Nachrichten? Ungelesen. Kein „Gesehen" unter dem, was ich ihr geschrieben hatte. Keine zwei blauen Häkchen. Keine Antwort. Kein „Tippt gerade...". Nur diese monotonen, grauen Balken in meinem Chatfenster, die wie Mahnmale dastanden, stumm, regungslos, abschließend.

Diese Stille war lauter als jedes Wort, das sie mir je geschrieben hatte.

Und sie zerriss mich.

Mit jedem Tag, der verging, wurde mein Magen flauer. Mein Kopf voller. Gedanken, Szenarien, Erinnerungen, alles überschlug sich in mir, wie ein Film, der immer wieder auf Pause und dann auf Zurückspulen gedrückt wird. Ich hörte ihre Stimme in meinem Kopf, sah ihr Gesicht, ihr Lächeln, ihre Hände, wenn sie nervös an ihrer Kette spielte und dann diesen Blick, damals an der Tür. Den Blick, mit dem sie mich ausgesperrt hatte. Aus ihrer Wohnung. Aus ihrem Leben.

War sie weg?

Vielleicht war sie zurück in Österreich. Bei ihrer Familie. In dem alten Haus mit den dicken Fensterläden und dem Kräutergarten ihrer Oma. Vielleicht saß sie gerade in ihrer Wohnung, mit Blick auf die Berge, den Laptop zugeklappt, ihr Handy ausgeschaltet. Vielleicht war sie umgeben von Leuten, die sie liebten, und die sich fragten, was mit ihr los war. Die es aber nie ganz wissen würden.

Oder...sie war irgendwo mal wieder untergetaucht. In einer Stadtwohnung, Vorhänge zugezogen, Handy auf Nicht stören, weil sie es nicht mehr ertrug, gesehen zu werden. Weil alles sie an das was passiert war erinnert. An den Verrat. Vielleicht versteckte sie sich vor der Welt. Vielleicht versteckte sie sich vor sich selbst.

Oder und das war der Gedanke, der mir am meisten zu schaffen machte, sie war einfach nur hinter verschlossener Tür. Allein. Still.

Und niemand war bei ihr.

Nicht einmal ich.

Und vielleicht war genau das das Schlimmste. Nicht, dass sie weg war. Nicht, dass sie mich hasste. Sondern dass sie litt. Und ich nichts mehr tun konnte, um sie aufzufangen.

Sie hat sich verschlossen und wenn sie auch noch wüsste was bei mir vorging. Dann wäre alles in ihr zerbrochen. Nicht nach dem, was ich getan hatte.



Séra meldete sich in den nächsten Tagen nicht mehr bei mir. Keine Nachricht. Kein Anruf. Nicht einmal ein flüchtiger Blick auf dem Flur. Für andere war es vielleicht nichts Ungewöhnliches,  aber für mich fühlte es sich an wie ein langsames Ertrinken.

Am Anfang hatte ich mir eingeredet, dass sie einfach Zeit für sich brauchte. So war sie manchmal. Still, zurückgezogen, in ihrer eigenen Welt. Aber es war anders diesmal. Tiefer. Kälter. Und das nagende Gefühl in meiner Brust wurde von Stunde zu Stunde unerträglicher.

Ich schlief kaum noch. Ließ Mahlzeiten aus. Starrte auf mein Handy, als würde es mir irgendwann doch noch ein Lebenszeichen von ihr schicken. Es kam nichts. Ich machte mir Sorgen um sie. 

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt