100. Kapitel

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TW: Triggerwarnung


Die Ardennen lagen schwer und düster unter einem Himmel, der aussah, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen. Dunkelgraue Wolken wälzten sich über die Baumwipfel, dick und tief hängend, wie eine zweite Haut über der Welt.

Es war, als hätte der Himmel selbst verstanden, was für eine Last ich an diesem Wochenende mit mir herumschleppte und er trug sie mit mir.

Die Strecke vor mir – Spa-Francorchamps – war ein Mythos. Schön, gefährlich, gnadenlos. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, das überlebt hatte. Kein gesichtsloser Beton-Oval, sondern ein lebendiges Biest aus Kurven und Höhenunterschieden, das Respekt verlangte.

Heute lag sie vor mir, feucht vom nächtlichen Regen, schwarz glänzend wie Öl. Sie wartete. Still. Beobachtend.

Ich fuhr langsam durch die Boxengasse, das Visier meines Helms halb geöffnet, nur einen Spalt, um wenigstens einen klaren Atemzug zu bekommen. Die Luft war kalt und roch nach Gummi, Benzin und Spannung. Mein Magen zog sich zusammen wie vor einem freien Fall. Ich versuchte, mich zu sammeln, meine Gedanken zu ordnen, aber sie rasten.

Ich war müde.

Nicht körperlich. Mein Körper war bereit, trainiert, routiniert. Interviews, Medienpflichten, technische Briefings, alles Alltag. Alles Teil des Spiels. Aber innerlich...war ich leer. Oder schlimmer: überfüllt. Voller Dinge, für die ich keine Worte hatte.

In mir tobte ein Krieg.


Zwischen der kalten, nagenden Wut über die Wette zwischen Lando und Charles, eine dämliche Mutprobe auf meine Kosten und dem dumpfen Schmerz der Enttäuschung über meinen Vater. Er hatte meine Mutter betrogen.

Eine Freundin hatte ihn gesehen. Mit einer anderen. Eine Fremde. Ein Name, der nicht zu meiner Mutter gehörte. Und seitdem brannte dieses Wissen in mir wie Säure. Ich versuchte, es wegzudrängen. Es zu ignorieren. Aber es zersetzte mich langsam von innen.

Und dann war da noch das Auto.

Es fühlte sich...fremd an. Das ganze Wochenende über. Die ersten Runden hatten schon Zweifel geweckt. Kein klarer Grip. Mal zu viel, mal gar keiner. Die Lenkung wechselte zwischen übersteuert leicht und bleiern schwer, als würde jemand heimlich daran herumdrehen, je nachdem, wie ich in die Kurve ging.

Die Balance – normalerweise ein Gefühl, auf das ich mich verlassen konnte wie auf meinen eigenen Atem, war unberechenbar geworden. Ein Verschieben. Ein Zucken. Mal hinten, mal vorn. Mal gar nicht. Es war, als würde ich gegen einen unsichtbaren Gegner fahren, der im Auto saß.

Ich hatte es angesprochen. Immer wieder.

Im Debrief hatte ich gesagt: „Etwas stimmt nicht. Das ist nicht nur Spa."

Doch Alex hatte nur die Schultern gezuckt. „Spa ist halt eine Diva," hatte er gesagt. Und Michi hatte genickt, als wäre das eine gültige Erklärung. „Feuchte Linien, wechselnder Grip, du kennst das."

Ja. Ich kannte das. Ich kannte Spa. Ich kannte die Eigenheiten dieser Strecke. Ich kannte das Spiel mit dem Asphalt, das Spiel mit dem Wetter, das Spiel mit der Angst.

Aber ich kannte auch mein Bauchgefühl.

Und das schrie.

Es schrie so laut, dass es meine Gedanken übertönte. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas war anders. Falsch. Und niemand hörte mir zu.



Ich saß im Auto. Mein Herz schlug schneller, als ich es zulassen wollte. Die Startaufstellung war fast komplett. Motoren heulten auf, als wollten sie sich gegenseitig übertönen.

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