97. Kapitel

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Ich war gerade dabei, meine Ohrringe abzulegen, das Licht im Bad noch an, als das Handy vibrierte. Alexandra stand auf dem Display.

Ungewöhnlich. Wir hatten nie ein enges Verhältnis gehabt, höflich, distanziert, wie Frauen, die um denselben Tisch sitzen, aber nie wirklich gemeinsam essen. Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht erwartet, jemals einen persönlichen Anruf von ihr zu bekommen. Und schon gar nicht um diese Uhrzeit.

Sie war doch mit den anderen auf einer Party? Auf Charles und ihrer Party auf der Yacht.

Ich nahm das Gespräch an. „Rosenberg?," sagte ich, gewohnt knapp.

Am anderen Ende, Stille.

Dann ein Atemzug. Und noch einer. Zittrig. Unregelmäßig. Ich runzelte die Stirn, schaltete instinktiv den Lautsprecher aus und trat vom Licht weg in den Schatten meines Zimmers. Mein Blick wanderte zu der leicht geöffneten Balkontür, durch die das Licht des Mondes fiel, flirrend, warm. Ein surrealer Kontrast zu dem, was ich in ihrer Stimme hörte.

„Alexandra?," fragte ich leise. Erneut.

Keine Antwort. Nur...ein Laut. Kein richtiges Wort, eher ein Geräusch, wie ein unterdrücktes Schluchzen, tief aus dem Bauch, rohes, scharfes Atmen. Mein Magen zog sich zusammen.

Ich kannte das. Dieses Schweigen. Diese Art von Schmerz, die keine Sprache findet, weil sie größer ist als jedes Wort.

Etwas war passiert.

„Alex," sagte ich, diesmal vorsichtiger, leiser, fast wie ein Flüstern. „Was ist los? Bist du—"

„Sie haben gewettet," platzte es da plötzlich aus ihr heraus. Die Worte überschlugen sich, brachen ab, kamen wieder. „Lando...Charles...es ging um dich. Wer dich als erstes kriegt. Eine verdammte Wette..."



Ich erstarrte.

Alles in mir zog sich zusammen, mein Herz schlug auf einmal zu laut, zu schnell. „Was?," fragte ich, nicht, weil ich es nicht verstanden hatte, sondern weil ich es nicht glauben wollte. Noch nicht. Nicht ohne den Rest.

Alexandras Stimme kam abgehackt. Zwischen Tränen, zwischen Wut und Entsetzen.

„Ich hab's gehört. Eben. Auf dem Gang. Sie haben sich gestritten. Lando wollte aussteigen, hat gesagt, es sei falsch. Aber Charles...Charles..." Sie rang nach Luft, als müsse sie sich zwingen, weiterzureden. „Er hat gesagt, du bist ein Spiel. Eine Trophäe. Dass du ihn reizen würdest, weil du so tust, als wärst du unnahbar. Und er meinte, das mit mir...das mit uns...sei nur...Fassade gerade. Da es sowieso zwischen uns gerade ziemlich kriselt."

Ich schloss die Augen. Für einen Moment lang war alles still in mir. Kein Sturm, kein Donner. Nur diese eine, stille, glasklare Kälte, die sich durch meinen Brustkorb zog wie ein Haarriss in einer perfekt geschliffenen Oberfläche.

Ein Riss, der sich unaufhaltsam ausbreitete.

Ich hatte es gespürt. Schon lange. Die Art, wie Charles mich ansah, nicht wie ein Mensch einen Menschen anschaut, sondern wie ein Jäger seine Beute. Die Sätze, die zu glatt waren. Die Gesten, zu präzise. Zu perfekt, um echt zu sein.

Und ich hatte es ignoriert. Nicht aus Naivität. Sondern weil ich geglaubt hatte, ich wäre immun gegen solche Spiele. Wie dumm.

„Danke," sagte ich schließlich, ganz ruhig. Kälter als beabsichtigt, aber es war das Einzige, was ich gerade halten konnte, die Kontrolle. „Danke, dass du es mir gesagt hast."

„Séra...es tut mir leid. Ich hätte es früher..."

„Du hast's jetzt getan. Das reicht."


Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt