112. Kapitel

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Es war Donnerstag. Ein ganz gewöhnlicher Tag, zumindest für den Rest der Welt. Für mich jedoch war es alles andere als normal. Heute hätte der Media Day in Monza stattfinden sollen. In meiner zweiten Heimat.

In der Stadt, in der der Geruch von Benzin in der Luft lag und das Geräusch von heulenden Motoren wie Musik klang. Doch ich saß hier. In dem alten, gepflegten Garten meiner Großeltern, eingekuschelt in eine Decke, die nach Lavendel und Waschmittel roch, und versuchte, irgendwie klarzukommen. Mit mir. Mit allem.

Die Mädels waren längst dort. In Monza.

Sie gingen ihrer Arbeit nach, posteten fröhliche Stories aus der Boxengasse und schickten mir nur eine letzte Nachricht, bevor sie sich verabschiedeten: „Du kannst dich nicht ewig verstecken – vor allem nicht vor ihm." Sie wussten es. Sie wussten von mir und Lando. Es war nie wirklich ein Geheimnis gewesen, nicht für sie.


Zu offensichtlich war es geworden, unsere Blicke, unser Geplänkel, das ständige Necken, das wir als harmlosen Spaß tarnten. Aber jeder, der Augen hatte, hätte sehen können, was da zwischen uns war.

Ein schwerer Seufzer entrang sich meiner Kehle, gerade als ich die Stimme meines Opas hinter mir hörte. Tief, bestimmend, mit diesem leicht grantigen Unterton, der aber immer mehr Wärme als Strenge in sich trug.

„Okay, entweder du bewegst deinen Hintern jetzt mal freiwillig aus diesem Selbstmitleidssumpf oder ich schlepp dich höchstpersönlich mit in meine Firma," sagte er, während er sich neben mich auf die alte Gartenbank sinken ließ.

„Was soll ich denn sonst noch machen außer trainieren?," brummte ich, ohne ihn anzusehen. „Fit werden, um nicht zu schwächeln?"

Ich spürte, wie sich sein Blick in meine Seite bohrte, bevor eine zweite Stimme dazukam, weich, aber mit einem Hauch von unerschütterlicher Entschlossenheit: Oma.

„Dich endlich mal der Welt zeigen. Zeigen, dass es dich noch gibt," sagte sie ruhig, während sie sich mit verschränkten Armen neben Opa stellte. „Du bist seit Spa von der Bildfläche verschwunden, mein Schatz. Es wird Zeit."

Ich starrte auf den Boden, suchte zwischen den Pflastersteinen nach einer Antwort. Spa. Das Rennen, bei dem alles auseinanderzufallen begann. Das Rennen, nach dem ich nicht mehr dieselbe war.

„Das ist die blödeste Idee ever," murrte ich leise. „Oma, das ist doch nicht dein Ernst."

„Doch. Und wir fangen gleich hiermit an." Ohne zu zögern warf sie mir einen kleinen Gegenstand zu. Reflexartig fing ich ihn und sah dann hinunter auf das, was sie mir gerade in die Hand gedrückt hatte.



„Siehst du? Sieht doch viel besser aus, oder nicht?," fragte Oma mich lachend, während sie mit einer lockeren Geste auf mein Spiegelbild zeigte. Ich stand vor dem großen, leicht angelaufenen Spiegel im Flur, dem, der schon Generationen vor mir gezeigt hatte, wie sie aussahen, bevor sie sich der Welt stellten.

Ich sah mich selbst an, legte den Kopf leicht schräg. Der Blick blieb kritisch. Der beigefarbene Jumpsuit war schlicht, aber elegant, mit einem leicht taillierten Schnitt. Darüber trug ich eine dunkle Jeansjacke mit ausgefransten Kanten. Es war nicht zu aufgestylt, aber auch nicht nachlässig. Und doch...

„Und du meinst, das sieht wirklich gut aus?," fragte ich skeptisch und zupfte an der Jacke herum, als würde sie sich dann besser anfühlen.

Oma stemmte demonstrativ die Hände in die Hüften. „Hey! Ich bin vielleicht alt, aber ich hab mehr Ahnung von Mode als du denkst. Der Jumpsuit mit der Jacke, das ist lässig und trotzdem präsentabel. Wenn du willst, kannst du deine weißen Sneaker dazu tragen und deine Haare offenlassen. Sie stehen dir so. Echt jetzt."

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt