105. Kapitel

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*Séras Sicht*

Es ist schwarz.

Nicht einfach nur Dunkelheit, sondern ein alles verschlingendes Schwarz, das sich schwer auf meine Brust legt, obwohl ich keinen Körper mehr spüre. Es ist, als wäre ich unter Wasser, tief unten, fern von allem, was einmal real war. Ich höre nichts, sehe nichts, nur manchmal spüre ich etwas.

Ein Zittern vielleicht. Ein Echo. Ein Hauch von Geräuschen, die sich anfühlen wie Wind oder Stimmen, die durch mein Inneres streifen, ohne sich greifen zu lassen.

Ich weiß nicht, wo ich bin. Ich weiß nur, dass etwas in mir weh tut. Nicht der Körper, der scheint irgendwo weit entfernt zu existieren, als wäre er nicht mehr meiner. Aber in meinem Inneren ist ein Schmerz, der nicht aufhört. Eine Wunde, die nicht heilt. Etwas schreit in mir. Und ich kann nicht antworten. Ich bin gefangen, irgendwo zwischen Jetzt und Nie.

Und dann kommt die Erinnerung.

Spa.

Die Strecke. Die Kurven. Die Geschwindigkeit. Alles war vertraut. Aber an diesem Tag fühlte sich nichts richtig an. Ich hatte es gespürt, diese seltsame Kälte in der Brust, dieses ungute Ziehen im Magen. Mein Instinkt hatte Alarm geschlagen.

Ich hatte es gesagt: „Etwas stimmt nicht." Ich hatte versucht, mich bemerkbar zu machen. Ich wollte, dass sie mich ernst nehmen. Aber das Team...Red Bull...sie hatten mich angesehen und genickt, als würden sie zuhören, doch in ihren Augen lag etwas anderes. Etwas Ungeduldiges. Unausgesprochen hatten sie mir zu verstehen gegeben: „Reiß dich zusammen."

Sie sagten es nicht laut, aber ihre Blicke waren deutlich. Es war, als wäre ich ein Problem, das sie zum Schweigen bringen wollten. Also schwieg ich. Ich stieg ein. Ich fuhr. Ich war tapfer. Oder vielleicht war ich einfach nur dumm.


Dann geschah alles sehr schnell. Zu schnell. Es war, als hätte sich die Welt plötzlich gegen mich verschworen. Der Regen hatte zugenommen, stärker als gedacht. Ich fuhr in eine Kurve – eine, die ich tausendmal genommen hatte und dann verlor ich den Halt. Ich bremste, lenkte gegen, versuchte alles, aber es war zu spät.

Der Wagen drehte sich, ich spürte, wie die Kontrolle entglitt. Metall kreischte. Der Aufprall kam plötzlich, brutal. Die Welt überschlug sich, Bilder flackerten: grauer Himmel, nasser Asphalt, Leitplanke, Gras, Himmel wieder. Und dann kam das Nichts.

Stille.

Aber der eigentliche Sturm hatte längst vorher begonnen.

Es war nicht nur der Unfall. Es war alles. Charles. Lando. Diese verdammte Wette. Ich hatte alles von Alex gehört, Fetzen von Gesprächen im Fahrerlager, halb zugehört, halb verdrängt. Es hieß, sie hätten gewettet. Dass ich nur ein Spiel war. Ein Zeitvertreib zwischen zwei Männern, die sich sonst nichts mehr zu beweisen hatten.

Ich wollte es nicht glauben. Vor allem nicht bei ihm.

Ich hatte an Lando geglaubt. Ich hatte ihm vertraut. Ich hatte ihn geliebt – mit einer Intensität, die ich selbst kaum verstanden hatte. Ich war ihm nähergekommen als je einem Menschen zuvor. Ich hatte ihm alles gegeben.

Nicht nur meinen Körper, obwohl es auch das war. Es war mein erstes Mal. Etwas, das ich mir nicht leicht gemacht hatte. Aber es war mehr. Viel mehr. Ich hatte ihm mein Herz gegeben. Meine Ängste. Meine verletzliche Seite. Dinge, die ich vor allen anderen versteckt hatte.


Aber vielleicht... vielleicht irre ich mich.

Ich erinnere mich an einen Moment.

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt