111. Kapitel

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„Du weißt doch gar nicht, wie sich so etwas anfühlt," murmelte ich und zog meine Beine dichter an meinen Körper. Meine Arme umschlangen sie fest, als könnten sie die aufgewühlten Gedanken in meinem Inneren zusammenhalten.

„Phinchen...du weißt, wie ich das meine," hörte ich Nonna sagen. Ihre Stimme war sanft, fast bittend, doch sie erreichte mich nicht so wie sie es vielleicht wollte.

Ich lachte auf. Hart. Bitter. „Nenn mich nicht so, Nonna." Mein Blick richtete sich auf den Garten vor uns, doch in Wirklichkeit sah ich nichts außer die Wut in meinem Inneren. „Warum bin ich hier? Warum habt ihr mich überhaupt eingeladen, wenn ich für euch doch nur eine Enttäuschung bin? Eine Zeitverschwendung! Ich erfülle eure Träume nicht, ich drehe lieber meine Runden auf der Rennstrecke, nicht wahr?" Die Worte kamen schärfer über meine Lippen, als ich es beabsichtigt hatte, aber ich konnte sie nicht zurücknehmen.

Nonna schwieg einen Moment. Dann antwortete sie ruhig, aber bestimmt: „Auch wenn wir es nicht immer gezeigt haben, Séraphina...wir haben dich immer unterstützt. Wir haben jedes einzelne Rennen verfolgt. Jeden Skandal mitgelesen. Und ja...auch deinen Unfall haben wir mitbekommen."

Ich hob den Blick. Ihre Worte ließen etwas in mir erzittern, aber da war noch mehr. Eine Wahrheit, die ich längst geahnt hatte. „Du wusstest es, oder?" Meine Stimme war dieses Mal leise, beinahe flüsternd. „Du wusstest, dass Papa Mama eines Tages betrügen würde, nicht wahr?"

Nonna sah hinaus in die Ferne, dorthin, wo die Abendsonne den Horizont färbte. Ihre Augen glänzten. Dann setzte sie sich langsam auf die Liege mir gegenüber, ohne mich anzusehen.

„Wusstest du es bei dir auch damals?," stellte sie die Frage zurück. Sie hatte mich.

„Nein," entgegnete ich sofort. „Sie sahen immer so glücklich aus. Auch wenn ich schwierig war." Ich presste die Lippen zusammen. Die Erinnerungen an die harmonischen Familienfotos, an das laute Lachen meiner Mutter, all das flackerte kurz auf und fühlte sich jetzt falsch an.


„Deine Eltern kannten sich nicht lange, als alles begann," sagte Nonna leise.

„Es ging alles viel zu schnell. Ich will niemanden verurteilen, aber...deine Mutter hat uns damals versprochen, dass sie ihre Familie niemals im Stich lassen würde und dann ist sie einfach...fort. Mit deinem Vater durchgebrannt, nach Österreich. Ich mochte ihn damals nicht und heute vor allem auch nicht."

Ihre Worte taten weh, obwohl ich sie verstand. Ich schüttelte den Kopf. „Aber Aron und ich...wir können doch nichts dafür."

„Nein, könnt ihr nicht. Besonders du nicht." Nonna sah mich endlich an. Ihre Augen waren sanft, aber voller Kummer.

„Aron war schon immer wie Mark, dein Vater. Ruhig, angepasst. Dass er jemanden wie Zoe gefunden hat, überrascht mich bis heute." Sie lächelte schwach.

„Aber du...du bist wie deine Mutter. Ehrgeizig. Stur. Klug. Du hast kaum etwas von ihm geerbt."

Ich senkte den Blick. Ein Seufzer entrang sich meiner Kehle. „Und trotzdem erklärt das nicht, warum ihr mich so behandelt habt."

„Am Anfang...besonders dein Opa...er konnte sich nicht vorstellen, dass aus dir mal etwas wird. Mark hat ihm damals erzählt, was dein Traum war, und er hat ihn ausgelacht. Du weißt, wie wir früher lebten, da war der Gedanke, dass jemand von uns in die Formel 1 kommt, einfach...absurd."

Sie hielt inne, als müsste sie ihre Gedanken sammeln. Dann fuhr sie fort: „Aber dann kamst du in die F1 Academy. Hast Rennen gewonnen. Hast dich bewiesen. Du bist nicht gefallen, du bist geflogen. Und da wussten wir: Wir lagen falsch. Wir hätten dich von Anfang an unterstützen müssen. Vor allem, als du den Sprung in die Formel 1 geschafft hast."

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt