102. Kapitel

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*Landos Sicht*

Ich saß immer noch auf der Veranda meiner Oma und starrte in die kalte, graue Ferne. Die Kälte kroch mir unter die Haut, ließ meine Finger taub werden, doch ich bewegte mich nicht.

Ich zog mir weder eine Jacke über noch griff ich zur Decke, die Mama mir vor einer Stunde hingelegt hatte. Ich wollte es spüren. Den Schmerz.

Die Kälte. Die Schuld. Alles, was ich verdient hatte.

Phina war längst weg, zurück in ihre Heimat nach Österreich. Dort wurde sie weiter in einem Krankenhaus behandelt.

Wie es ihr ging, wusste ich nicht. Niemand sprach mit mir darüber. Zoey hatte den Kontakt zu mir abgebrochen, Max mied meinen Blick, und von den anderen kam schon gar nichts mehr.

Ich war der Schuldige.

Ich hätte von Anfang an ehrlich zu ihr sein sollen. Ich hätte ihr sagen müssen, dass es eine Wette war. Doch ich hatte es vermasselt. Ich hatte gelogen. Ich hatte ihr Vertrauen mit Füßen getreten, das Einzige, was ihr wirklich wichtig war.

Eine einzelne Träne bahnte sich ihren Weg über meine Wange. Ich wischte sie hastig weg. Ich durfte jetzt nicht schwach werden. Nicht, wenn ich es verdient hatte, zu leiden.

„Hey, mein Großer...es wird doch alles wieder gut. Sie wird sicherlich wieder aufwachen," sagte Mama hinter mir mit dieser leisen, sanften Stimme, die früher alles wieder heil gemacht hatte. Doch heute traf sie mich nur wie ein weiterer Stich ins Herz.

Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht. Mein Hals war wie zugeschnürt. Es war, als würde jede Silbe, die ich aussprechen wollte, in meinem Brustkorb verbrennen.

Dann kam eine weitere Stimme dazu, klar, direkt, neugierig. „Bruderherz...ich weiß, euch setzt der Unfall zu, vor allem, weil Séra wirklich eine liebenswerte Person war, aber...wieso wirst du von den anderen so gehasst?" Flo trat langsam neben Mama auf die Veranda.

In ihrem Blick lag nichts als ehrliches Unverständnis.

Und das war der Moment, in dem alles in mir zerbrach.

„Weil ich einen Teil dazu beigetragen habe," flüsterte ich kaum hörbar. Sie blickten mich verwirrt an, rückten ein wenig näher.

„FUCK!!," schrie ich plötzlich, sprang auf und fauchte sie an. „Weil ich zu feige war, ihr die Wahrheit zu sagen, bevor es zu spät war!"

Mama zuckte erschrocken zurück.

Flo trat instinktiv einen Schritt nach hinten. Ihre Gesichter waren starr vor Schock. In diesem Moment traten auch Papa und Cisca aus dem Haus, sie hatten das Geschrei offenbar gehört.

„Was...was meinst du damit, mein Kleiner?," fragte Mama vorsichtig, als würde ein falsches Wort mich vollends zerstören.

Ich senkte den Kopf, mein ganzer Körper bebte. Es fühlte sich an, als würde ich jeden Moment in tausend Stücke zerspringen.

„Ich...es...es gab eine Wette...zwischen Charles und mir..." Meine Stimme brach, aber ich zwang mich weiterzusprechen. Ich wusste, dass ich mich gerade selbst ins Feuer warf, aber das war das Mindeste, was ich tun konnte.

Ich erzählte alles.

Von der Wette.

Von Charles' dummer Idee.

Wie ich mich auf sie einließ, nur um zu gewinnen. Wie ich dachte, dass ich Séra einfach wieder vergessen könnte, bis ich merkte, dass ich mich wirklich in sie verliebt hatte.

Wie sie mir zeigte, was es bedeutet, sich lebendig zu fühlen. Wie ich sie glücklich machte...und sie mich.

Und dann, wie Alex ihr die Wahrheit sagte. Der Streit. Der Schmerz in ihren Augen. Der Unfall. Und wie danach alle mich mieden – weil sie wussten, was ich getan hatte.

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