92. Kapitel

982 48 4
                                        

„P4, nicht schlecht," gratulierte mir Susi mit einem ehrlichen Lächeln, als ich gerade an der Mercedes-Box vorbeiging. Ihre Stimme war ruhig, aber in ihrem Blick lag ein Funke Anerkennung.

„Danke, Susi," erwiderte ich und blieb stehen. Es war selten, dass sie mir Komplimente machte, und wenn, dann nie leichtfertig.

Sie sah mich eindringlich an, fast als würde sie etwas abwägen, dann sagte sie leise, aber bestimmt: „Glaub mir, ich sage das nicht gerne, wirklich nicht, aber du hast Weltmeister-Potenzial, Kleine."

Ihre Worte trafen mich wie ein Stromschlag. Ich schwieg, überrascht und auch ein wenig überfordert von dieser Aussage.

„Naja...ich habe ja noch Zeit," murmelte ich schüchtern, fast abwehrend.

Doch Susi ließ sich davon nicht beirren. „Ich meine das ernst, Séra. Was du da draußen auf der Strecke leistest, ist der Wahnsinn. Du hast so viel Talent, du hast dich bewiesen, immer wieder. Es wäre eine Schande, wenn das einfach untergeht."

Sie sah sich kurz um, als wollte sie sicherstellen, dass niemand lauschte. Dann fragte sie beiläufig: „Musst du noch Interviews führen oder bist du für heute durch?"

Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin fertig. Warum fragst du?"

Ein verschmitztes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Komm, wir trinken einen Kaffee aber nicht bei uns in der Hospitality. Sonst kriegt Horner noch einen Anfall." Sie lachte leise und legte ganz selbstverständlich einen Arm um meine Schulter.

„Oder hast du noch was vor?," fragte sie im Gehen.

„Nicht direkt. Aron ist gerade eh zu sehr mit sich selbst beschäftigt," sagte ich trocken, woraufhin wir beide schmunzelten und gemeinsam Richtung Paddock Club schlenderten.



Wir fanden einen freien Tisch mit Aussicht auf das geschäftige Treiben der Boxengasse und setzten uns. Kaum hatte der Kellner uns zwei Cappuccinos gebracht, wurde Susi plötzlich ernst.

„Wie fühlst du dich, Kleine?" Ihre Stimme war sanft, aber sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie eine ehrliche Antwort wollte.

Ich sah sie verwirrt an. „Ganz gut eigentlich...warum fragst du?"

Sie legte den Kopf leicht schräg und musterte mich aufmerksam. „Sei ehrlich, meine Liebe. Die Gerüchte rund um dein Team reißen seit Wochen nicht ab. Und in Monaco...da hat man gesehen, dass es dir zu viel wurde."

Ich seufzte tief. Auch wenn sie Totos Frau war, vielleicht gerade deshalb, wusste ich, dass ich ihr vertrauen konnte. Sie war immer diskret, immer loyal.

„Es war schwer. Vor ein paar Wochen war ich wirklich am Limit. Ich hab kaum noch geschlafen, mich nur noch durch die Rennen geschleppt...aber inzwischen geht es besser. Ich habe gelernt, es ein wenig auszublenden."

Susi nickte langsam. „Dass sie dich gehen lassen...Ich verstehe das nicht. So eine gute Fahrerin und dann...einfach loslassen? Können sie das überhaupt? Du hast doch einen Vertrag mit Red Bull, oder nicht?"

Ich nahm einen Schluck Cappuccino, versuchte meine Gedanken zu ordnen.

„Ich weiß nicht, was genau damals mit Dieter vereinbart wurde. Das ist das Problem. Es gibt Dinge in meinem Vertrag, die nicht mal Mark genau kennt. Und er...er will mich eigentlich noch lange in der Formel 1 halten."

Susi runzelte die Stirn. „Das klingt alles sehr undurchsichtig."

Dann, nach einer kurzen Pause, sagte sie leise: „Ich weiß, das kommt jetzt überraschend aber du weißt, dass du in meinem Team immer willkommen wärst. Vielleicht nicht mehr als aktive Fahrerin...aber einen Platz bei uns, den hättest du immer. Und du wärst nicht die Erste, die ihre Karriere auf eine andere Art fortsetzt."

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt