89. Kapitel

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*Seras Sicht*

Ich konnte es kaum fassen.

Lando stand mitten im Stall. Einfach so. Als wäre es das Normalste der Welt, hier zu sein – zwischen Heu, Pferdegeruch und Mistgabeln. Und das Verrückteste: meine Mutter wusste davon. Ich hatte gerade die leere Schubkarre zurück an ihren Platz gebracht, die Hände noch leicht schmutzig, als ich ein leises, aber deutliches Knurren vernahm.

Ich drehte mich um und da war er. Lando, der leicht verlegen dreinschaute, eine Hand auf dem Magen, die andere in der Jackentasche vergraben. Ein kleiner, entschuldigender Blick in meinen Augen, und dann dieses halb-schiefe, entwaffnende Grinsen.

„Ich habe heute noch nicht so viel gegessen," sagte er, fast verteidigend, mit einem leichten Schulterzucken.

Ich musste lachen. Natürlich. Typisch. Ohne ein weiteres Wort trat ich auf ihn zu, stellte mich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen schnellen Kuss. Seine Lippen waren kühl von der Stallluft, aber weich. Es fühlte sich so vertraut an. So richtig. „Komm," murmelte ich leise, „dann füttern wir dich mal."

Ich zog ihn mit nach draußen, hinaus in die kühle Abendluft. Über den Hof hinweg ging es in Richtung Haupthaus, unsere Schritte leise auf dem Kies. „Hast du irgendwo deine Sachen liegen?," fragte ich beiläufig, während ich mit dem Handrücken über meine Stirn strich.

„Die sind schon bei dir in der Wohnung," sagte Lando ruhig. „Deine Mum war so nett und hat mir aufgemacht."

Ich blieb kurz stehen und sah ihn an. „Sie hat dir die Tür aufgemacht?" Er nickte nur und grinste dabei.



Ich wollte gerade die Treppe zu meiner Wohnung hinaufsteigen, als sich plötzlich die Haustür öffnete und meine Mutter auf der Veranda erschien, ein zuckersüßes Grinsen auf den Lippen, als hätte sie das alles genau so geplant.

„Na? Überraschung gelungen?," fragte sie in einer Mischung aus Stolz und Belustigung.

Ich sah sie nur sprachlos an, dann schüttelte ich leicht den Kopf und konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Ähm... ja," brachte ich mühsam hervor. Mehr kam erstmal nicht.

Lando, der mittlerweile an meiner Seite stand, grinste einfach nur. Dieser Kerl schien sich pudelwohl zu fühlen. Ich hingegen...war mir nicht mehr ganz so sicher.

„Lass dir das gesagt sein, meine Kleine," meinte Mama gespielt ernst, ihre Augen funkelten, „Mütter wissen alles, auch das, was man nicht weitererzählt."

Mir wurde heiß. Und kalt. Gleichzeitig.

„Wieso ich eigentlich hier bin?," fuhr sie fort, ohne auf meine entgleisten Gesichtszüge zu achten. „In deiner Küche steht ein Topf mit den Resten von gestern. Ich dachte, ihr habt sicher Hunger."

„Danke, Frau Rosenberg," sagte Lando höflich, viel zu höflich und sah sie dabei so charmant an, dass ich innerlich die Augen verdrehte.

Ich beugte mich leicht zu ihm hinüber und murmelte leise, aber absichtlich hörbar: „Schleimer."

Er grinste nur und boxte mich sanft gegen die Schulter.

„Ach nenn mich doch Maria," warf meine Mutter über die Schulter zurück, bevor sie sich schon wieder abwandte. Doch sie blieb noch einmal kurz stehen und sah mich mit hochgezogenen Brauen an: „Aber Séra, wir reden noch."



Ich stöhnte leise. Und dann war sie verschwunden, in der Dämmerung, wie ein Geist der elterlichen Kontrolle.

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt