120. Kapitel

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*Landos Sicht*

Singapur war...drückend. Selbst im Hotelzimmer, wo die Klimaanlage lief, als wollte sie den Regen aus der Luft saugen, fühlte sich alles feucht an. Meine Haut, mein Atem, mein Kopf. Die Tage waren lang gewesen, Interviews, Medientermine, ein Spaziergang durch das Fahrerlager, bei dem ich gefühlt jedem begegnet war, außer der einen Person, bei der ich nicht wusste, ob ich sie überhaupt sehen wollte.

Jetzt saßen wir wie so oft am Mittwochabend in Carlos' Zimmer. Eine Art Tradition, die sich eingeschlichen hatte, gemeinsam ankommen, runterkommen, reden, lachen. Normalerweise.

Heute war es anders. Die Stimmung war nicht schlecht, nur...leiser. Vorsichtiger.

George lag auf dem Boden und fütterte sich gedankenverloren Chips in den Mund. Max scrollte durch irgendwas auf seinem Handy und tat so, als hörte er nicht zu.

Oscar saß mit hochgezogenen Beinen auf dem Sofa, und Carlos stand mit verschränkten Armen am Fenster, die Stadtlichter spiegelten sich in der Scheibe.

Ich saß in der Ecke, allein in einem dieser Sessel, die zu weich waren, um sich wohlzufühlen. Mein Handy lag in meiner Hand, der Bildschirm längst schwarz, aber ich ließ den Daumen trotzdem weiter darüber gleiten. Eine Bewegung, die mir half, nichts zu sagen.

Dann kam es.

„Hast du eigentlich mal mit ihr geredet?," Carlos' Stimme war nicht laut, nicht vorwurfsvoll. Und gerade das machte sie schwerer zu ertragen. Ich antwortete automatisch. „Mit wem?" „Séra," sagte Oscar. Sanft. Wie jemand, der wusste, dass das Thema brenzlig war.

Ich hob den Blick nicht. Stattdessen starrte ich weiter auf das dunkle Display. Warum sie immer wieder damit anfingen? Warum sie nicht einfach das Thema wechselten?

Aber die Antwort wusste ich selbst. Es war nicht erledigt. Nicht geklärt. Und ich war der Einzige, der es tun konnte, aber nicht tat.

„Nicht wirklich," gab ich zu. Meine Stimme war leiser als beabsichtigt. „Wir haben...ein paar Worte gewechselt in Aserbaidschan. Nichts Bedeutendes."

„Warum nicht?" Max fragte, als würde er es wirklich wissen wollen. Nicht um zu sticheln. Sondern, weil er sich sorgte.

Ich presste die Lippen aufeinander, sah endlich auf, blickte aber an ihnen vorbei, Richtung Fenster.

„Weil ich's nicht kann. Ich hab keine Ahnung, was ich sagen soll. Was soll ich denn sagen? 'Hey, sorry, dass du Teil einer Wette warst?' Oder 'Tut mir leid, dass ich's dir nicht gesagt hab, weil ich Schiss hatte, dass du mich verlässt'? Was davon klingt bitte nicht wie die größte Scheiße überhaupt?"

Keiner sagte etwas. Das war fast schlimmer.

Ich fuhr mir durch die Haare, der Nacken spannte sich. „Ich hab's verbockt. Richtig. Und jetzt schaut sie mich an, als wär ich irgendein verdammter Fremder. Vielleicht bin ich das ja auch mittlerweile."

Carlos kam rüber, ließ sich neben mir auf die Sofakante fallen. Er war ruhig. Kein Tadel. Kein Mitleid. Einfach da.

„Das Schweigen ist schlimmer, Lando," sagte er. „Wenn du nichts sagst, wird sie ihre eigene Geschichte schreiben. Und die wird nicht zu deinen Gunsten enden." Ich wollte etwas sagen, aber was? Dass ich's versucht hatte? Dass ich vorhatte, mit ihr zu reden und dann doch wieder zurückgewichen war?

„Sie redet ja auch nicht mit mir," murmelte ich stattdessen.

Carlos schnaubte. „Weil sie auf eine Erklärung wartet. Du bist derjenige, der den Dreck verursacht hat. Nicht sie."

„Du hast Angst," warf George trocken ein, aber nicht ohne Verständnis. „Ist okay. Angst ist menschlich. Aber Angst darf nicht das letzte Wort haben."

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt