84. Kapitel

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„Séra!!"

Ein Chor aus Stimmen schlug mir entgegen, kaum dass ich mich dem Tunnel näherte. Die Leute hatten sich dicht an die Absperrung gedrängt – sie standen Schulter an Schulter, hielten selbstgemalte Schilder hoch, Handys in die Höhe gereckt, um den perfekten Moment einzufangen. Ich saß am Steuer meines Wagens, das Herz schlug mir bis zum Hals, doch ich lächelte. Grinsend trat ich kurz aufs Gas, ließ den Motor aufheulen, nur um direkt danach mit quietschenden Reifen zum Stehen zu kommen.

„Séra, was hast du vor?," hörte ich Lauras Stimme, skeptisch, beinahe tadelnd. Sie saß noch angeschnallt neben mir, doch ich antwortete nicht mehr – es war bereits zu spät. Ich war schon ausgestiegen.

Die Menge kreischte auf, als ich mich ihnen näherte. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, aber auf eine Art und Weise auch berauschend. Die Energie war spürbar, fast greifbar – und ich sog sie in mich auf wie Sonnenlicht nach einem langen, dunklen Winter. Ich lächelte, hob die Hand, und sofort streckten sich mir unzählige Arme entgegen. Ich begann Autogramme zu geben, auf Mützen, Plakate, T-Shirts, selbst auf Helme. Jemand reichte mir sogar einen Arm, den ich mit einem Lächeln signierte.

Ich wusste, dass mein Wochenende anstrengend werden würde. Zwei Rennen, ein Sprint, Medientermine, Strategiebesprechungen – aber das hier war für mich genauso wichtig. Ich wollte etwas zurückgeben. Einen Moment schaffen, den meine Fans nicht mehr vergessen würden.

Immer wieder blitzten Kameras auf. Ich lachte, posierte für Selfies, hörte die vielen Stimmen, die mir Glück wünschten. „Séra! Du schaffst das! Wir stehen hinter dir!" „Du wirst dieses Wochenende rocken!" „Wir glauben an dich!"

Und dann sagte jemand leise, fast verschwörerisch: „Nicht so wie Max."

In meinem Hals bildete sich ein Kloß. Ich zwang mich zum Lächeln, doch innerlich zuckte ich zusammen. „Leute...im Motorsport kann alles passieren," versuchte ich beschwichtigend, aber sie hörten nicht auf. Ihre Unterstützung war ehrlich, doch sie wusste nicht, was sie in mir auslöste.



Nach einer halben Stunde stieg ich wieder ins Auto. Mein Gesicht war müde vom Dauerlächeln, mein Herz schwer. Laura sah mich finster an, die Arme verschränkt. „Los, fahr einfach," knurrte sie, aber ich ließ mich nicht beirren. Ich grinste schief, startete den Motor und fuhr los.

Im Paddock angekommen, sprang ich aus dem Wagen und ging schnellen Schrittes Richtung Teamgebäude. „Hey Séra!! Heute leider nur im Teamkit?," rief Pierre lachend von der Alpine-Garage herüber. „Muss ja irgendwie das Team repräsentieren!," rief ich zurück und lachte. Es fühlte sich gut an, wenigstens für einen Moment so zu tun, als wäre alles normal.

Gestern war Medientag gewesen. Ich hatte unsere offiziellen Teamklamotten demonstrativ nicht getragen. Stattdessen hatte ich meine traditionelle Lederhose angezogen – ohne Träger, aber dafür mit einer rot-weißen Bluse, passend zu meinem Styling. Die Fans hatten es gefeiert. Manche Fahrer auch. Nicht alle.

„Ah, da ist sie ja endlich," grinste Aron, als ich das Gebäude betrat. Ich sah meine Familie an einem Tisch sitzen, versammelt wie ein Bollwerk. „Hast du dir die Pünktlichkeit von Norris abgeguckt?," fragte er trocken. Ich ignorierte den Kommentar.

Ohne ein Wort ging ich vorbei. Vorbei an meiner Familie. Vorbei an ihm.

Ich konnte ihm nicht mehr in die Augen schauen.

Die Bilder am See... sie hatten alles verändert. Ich konnte sie nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Zuerst dachte ich, es wäre ein Scherz. Eine dumme Inszenierung. Doch sie waren echt. Roh. Ungeschönt. Und sie zeigten genau das, was ich immer befürchtet hatte.

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt