122. Kapitel

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Die Tür zur Dachterrasse war schwer und quietschte leise, als ich sie aufzog. Die feuchtwarme Luft von Singapur schlug mir sofort entgegen, trug den Geruch von Meer, Beton und schwülem Tropennachtwind mit sich. Ich trat hinaus. Langsam. Niemand hier. Gut.

Die Stadt breitete sich unter mir aus wie ein glitzerndes Netz aus Möglichkeiten, Fehlern und Erinnerungen.

Hochhäuser glänzten in tausend Farben, Laser strichen über den Himmel, die Marina Bay glitzerte wie flüssiges Silber.

Und ich? Ich stand einfach nur da. Mit müden Beinen, verschwitztem Overall unter dem Arm und einem Herz, das sich schwerer anfühlte als alles andere.

Es war der erste Tag.

Das erste Training lag hinter uns. Ich war konzentriert gewesen, fokussiert, wenigstens eine Zeit lang.

Doch der Aufzug...der Moment...seine Stimme...seine Nähe...es war alles wieder da.

Ich ließ mich auf eine der gepolsterten Liegen am Rand der Terrasse sinken.

Der Wind strich mir durchs Haar.

Ich legte den Kopf in den Nacken, blickte hinauf in den dunstigen Nachthimmel. Kaum Sterne, zu viel Licht, zu viel Stadt. Und trotzdem wirkte alles so still.

Wieso jetzt, Lando? Wieso hast du mir gerade dann die Luft geraubt, als ich endlich wieder atmen konnte und wieso...wieso konnte ich nicht einfach gehen?

Ich umklammerte meine Handflächen, presste die Finger ineinander, als müsste ich mich selbst festhalten. Mein Herz hatte zu viel gesehen in den letzten Monaten.

Der Streit mit Papa. Mamas Schmerz. Die Öffentlichkeit, die Urteile fällte, ohne Fragen zu stellen. Das Team, der Druck, die Erwartung. Und er. Immer wieder er.

Ich hasste es, dass ich ihn vermisst hatte. Ich hasste es noch mehr, dass ich ihn trotzdem vermisste.

„Du bist stark," hatte er gesagt. Aber war ich das? Oder war ich einfach nur gut darin, nicht zu zerbrechen, während innen längst alles Risse hatte?

Ich schloss kurz die Augen. Hörte unten in der Ferne Autos, das leise Rauschen der Stadt, irgendwo Musik aus einer Rooftop-Bar.

Dann Schritte. Leise. Zögerlich.

Ich spannte mich an, fuhr herum.


Doch es war niemand. Nur ein Kellner, der kurz auf die Terrasse trat, etwas abstellte, und wieder verschwand. Ich atmete aus. Tief. Langsam. Wie er es mir gezeigt hatte.

Ich war nicht mehr dieselbe wie damals in Zandvoort. Ich war nicht mehr das Mädchen, das bei einer Wette kaputtging. Aber ich war auch noch nicht ganz die Frau, die ihm gegenüber stehen konnte, ohne dass alles in mir vibrierte.

Ich zog meine Beine an, umklammerte sie mit den Armen. Und ich ließ die Gedanken kommen. Alle. Die Wut. Die Angst. Die Sehnsucht.

Was, wenn er die Wahrheit sagte? Was, wenn es nicht nur Reue war, sondern echtes Gefühl?

Ich wusste, dass Max, George und selbst Carlos ihm wieder vertrauten. Dass sie sahen, dass es ihm ernst war. Aber was sah ich?

Ich sah Lando.



Den Jungen mit den funkelnden Augen, der mich zur Weißglut trieb. Den Mann mit der sanften Stimme, der mich aus einer Panik geholt hatte, obwohl ich ihn am liebsten weggeschoben hätte. Ich sah ihn und ich wusste es nicht.

Ob ich ihm je wieder vertrauen könnte. Ob ich es wollte.

Aber ich wusste eins: Ich war ihm nie egal gewesen. Nicht heute. Nicht damals. Vielleicht...niemals.

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt