113. Kapitel

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*Landos Sicht*

„Ich sag das nicht gerne, aber ich hab Schiss," murmelte Carlos, als er sich neben mich stellte. Seine Stimme war leiser als sonst, fast ein Flüstern, das der Lärm auf dem Paddock beinahe verschluckte. Seine Stirn war in Falten gelegt, die Hände verkrampft in den Taschen seiner Teamjacke vergraben.

„Nicht nur du," antwortete ich, seufzend. Mein Blick schweifte über das geschäftige Treiben vor uns, Teammitglieder, Kamerateams, Offizielle.

Ich konnte es spüren. In jeder Faser meines Körpers. Dieses Jahr...könnte mein Jahr werden. Ich war nah dran, verdammt nah dran. Die Möglichkeit, Weltmeister zu werden, lag zum Greifen nah und wenn ich es wirklich schaffe, würde ich damit nicht nur in die Geschichtsbücher eingehen... ich würde auch Max endlich von seiner Erfolgswelle stoßen.

Ein bittersüßer Gedanke, einer, den ich nicht allzu laut aussprechen durfte.

„Dieses Wochenende wird's direkt beim Start crashen. Auch wenn ich's nicht gern sage, aber...das liegt in der Luft," warf Carlos trocken ein. Er stand mit verschränkten Armen neben mir, sein Blick war auf das Grid gerichtet, das noch leer, aber voller Spannung wirkte. Seine Stirn war leicht gerunzelt, sein Tonfall ernster als sonst.

Ich sah zu ihm rüber und spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. Nicht wegen des Themas, sondern weil ich wusste, dass er recht hatte. Das Wochenende in Monza trug eine Schwere in sich, die nicht nur mit dem Titelkampf zu tun hatte.

„Können wir vielleicht nicht darüber reden?," warf Oscar ein und sah uns beide mit einem leicht genervten, aber auch besorgten Blick an. „Klar, das beschäftigt uns alle. Aber es gibt gerade etwas...Dringenderes."


Er hatte recht. So sehr es mir widerstrebte, das Rennen, der Titelkampf, selbst die Medien, all das rückte momentan in den Hintergrund. Die Luft im Fahrerlager war zum Schneiden dick. Die Rückkehr von Séra, die unausgesprochenen Spannungen mit Charles, die Gerüchte...es war, als würde ein Sturm direkt über uns zusammenbrauen.

Ich seufzte tief und fuhr mir mit der Hand durch die Haare. Dann stellte ich Carlos eine Frage, die mir schon länger auf der Zunge brannte: „Würdest du eigentlich...freiwillig zurück zu Red Bull gehen?"

Er blinzelte überrascht, sah mich dann aber mit einem Blick an, der mehr sagte als Worte.

„Ganz ehrlich?" Er schnaubte leise und schüttelte den Kopf. „Nach allem, was da passiert ist? Nach all den Skandalen? Nach dem Umgang mit der einzigen Frau im Fahrerlager und das, obwohl die F1 mehr Diversität predigt als je zuvor?" Er schüttelte nochmals den Kopf.

„Höchstwahrscheinlich nicht."

Seine Worte hingen schwer in der Luft. Carlos war nicht der Typ, der leichtfertig sprach, schon gar nicht, wenn es um so etwas ging. Er fuhr fort, mit dieser ruhigen, aber bestimmten Art, die typisch für ihn war: „Ich glaube, ich würde lieber in ein Team gehen, das auf dem Papier vielleicht schlechter ist...und es dann mit aufbauen."

Oscar hob eine Augenbraue, ein leises Grinsen spielte um seine Lippen.

„So wie Williams?," fragte er und konnte sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen.

Carlos verzog keine Miene, aber ein Anflug von Humor blitzte in seinen Augen auf.

„Ja, genau so. Williams, Sauber, meinetwegen auch Haas. Lieber stecke ich meine Energie in ein Team mit Ehrgeiz und Potenzial als in eines, das in Arroganz und Selbstverherrlichung erstickt."

Ich nickte langsam, beeindruckt von seiner Klarheit.

Es war eine dieser seltenen Momente, in denen man sich bewusst wurde, wie sehr sich die Prioritäten im Laufe der Karriere verschieben. Es ging nicht mehr nur um Podien oder Siege. Es ging um Haltung. Um Respekt. Um Verantwortung.

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