110. Kapitel

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„Eines muss man deiner Mutter wirklich lassen ...," Emily ließ ihren Blick langsam über das Gelände schweifen, während sie sich mit den Händen an der alten Holzveranda abstützte. „Sie hat all das hier ernsthaft aufgegeben, nur um auf einem Bauernhof zu leben? Ich meine, wow."

Ihre Stimme war voller ehrlicher Bewunderung, gemischt mit einem Hauch Ungläubigkeit, obwohl wir mittlerweile schon zwei volle Tage hier verbracht hatten.

Ich zuckte leicht mit den Schultern, während ich auf das hügelige Land hinausblickte, das sich endlos vor uns ausbreitete. Die Sonne war gerade dabei, sich über das goldene Korn zu legen und ließ alles wie gemalt wirken.

„Damals war mir das ehrlich gesagt komplett egal. Ich war einfach nur froh, wieder zuhause zu sein, weg von all dem Trubel, dem Druck, dem...Lärm. Aber jetzt, mit etwas Abstand, überrascht es mich selbst, dass Nonna überhaupt zugestimmt hat, dass ich mit euch hierherfahre."

Emily schnaubte amüsiert. „Du überraschst uns ständig, ehrlich. Ich meine...deine Großeltern leben in einer riesigen Villa mit Marmorböden, einem Garten wie aus einem Architekturmagazin, einem Pool, der locker aus einem Film stammen könnte und dann steht da auch noch dieser perfekte Oldtimer in der Garage." Sie sah mich direkt an. „Was sind sie? Milliardäre oder was?"

Ich musste lachen. „Nicht ganz. Geschäftsleute, würde ich sagen. Also, zumindest mein Opa. Oma war immer mehr seine rechte Hand, hat sich um die Details gekümmert, war aber nie offiziell im Vordergrund."

„Und sie haben dir wirklich nie geholfen?," hakte Tina ein. Sie saß im Schneidersitz auf der alten Bank und kaute nachdenklich auf einem Strohhalm herum.

„Ich meine, bei so viel Geld, warum haben sie dich nicht einfach finanziell unterstützt? Gerade bei etwas wie der Formel 1, da geht's doch nicht ohne richtig viel Kapital."

Ich spürte, wie sich etwas Bitterkeit in mir regte, doch ich zwang mich zu einem ruhigen Ton.

„Sie hielten nie besonders viel von meiner Leidenschaft. Schon als ich ein Kind war, hatten sie eine ganz klare Vorstellung davon, was aus mir werden sollte: Eine Geschäftsfrau. Jemand, der später einmal das Familienunternehmen übernimmt. In ihren Augen war die Formel 1 ein gefährlicher Männertraum, nichts für ein Mädchen wie mich."

„Das ist so unfair," murmelte Emily.

„Vielleicht," antwortete ich. „Aber so war es nun mal. Sie hätten die Mittel gehabt ohne Zweifel. Aber sie haben mir nie den Rücken gestärkt, nie wirklich an mich geglaubt. Alles, was ich erreicht habe, verdanke ich meinem Vater. Und natürlich meiner Mutter auch wenn sie sich ganz anders entschieden hat."

„Und trotzdem lassen sie dich jetzt hier sein?," fragte Bia, die sich vorgebeugt hatte, als könne sie die Antwort an meinem Gesicht ablesen. „Ich mein, sie mögen deinen Vater doch überhaupt nicht, oder? Und jetzt lassen sie dich einfach hier wohnen? Das ergibt irgendwie keinen Sinn."

Ich sah sie kurz an, dann wandte ich den Blick wieder der untergehenden Sonne zu, die sich in den Feldern spiegelte. „Ehrlich gesagt...ich weiß es selbst nicht genau. Vielleicht war es Nonna, die es durchgesetzt hat. Oder sie glauben, ich würde das hier eh nicht lange aushalten und von selbst zurückkommen. Oder...sie haben einfach aufgegeben, mich in eine Form pressen zu wollen. Ich weiß es nicht."

Einen Moment lang war es still. Nur der Wind rauschte durch das hohe Gras. Dann legte Emily eine Hand auf meine Schulter. „Na ja, was auch immer der Grund ist wir sind hier. Und du bist genau da, wo du sein willst. Oder etwa nicht?"

Ich nickte langsam. „Ja. Zum ersten Mal seit langem...fühlt sich alles irgendwie richtig an."


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