Mailand vibrierte. Es war einer dieser spätsommerlichen Tage, an denen die Sonne die Dächer gold färbte und der Wind zwischen den engen Straßen der Altstadt wie ein lebendiger Flüsterton wirkte.
Die Boutiquen entlang der Via Montenapoleone waren gut besucht, Designerduft lag in der Luft, und auf den Marmorfliesen glänzten teure Absätze.
Obwohl ich in Italien mittlerweile sehr bekannt war, schaffte ich es nicht auf zu fallen. Zumindest versuchte ich es. Große Sonnenbrille, flaches Haar, ein luftiges, weißes Kleid mit gebrochenen Knöpfen, absichtlich schlicht.
Doch wer mich kannte, erkannte mich trotzdem. Immer wieder blieben Blicke an mir hängen, verstohlen, neugierig. Manche flüsterten. Andere zückten diskret ihr Handy.
Neben mir schlenderte Zoey, jung, temperamentvoll, mit einer erfrischenden Unbekümmertheit. Zoey war eine Art Zufluchtsort geworden, nach der ganzen Sache die letztes Jahr alles auseinandergebracht hatte. Jemand, der mich noch als "die freche Seraphina" kannte, die als Kind aus dem Fenster kletterte, um nachts auf der Kartstrecke zu fahren.
„Du brauchst was Lockeres. Etwas, das nicht nach Pressekonferenz schreit," sagte Zoey und hielt ein schlichtes, aber edles Kleid hoch. „Das hier? Casual, aber verdammt gefährlich. Du gehst mittlerweile sehr nach der Mode."
Séra grinste. „Ich will heute nichts Gefährliches. Ich will unsichtbar sein."
„Bei deinem Gesicht? Viel Glück damit. Du hast seit du in die Formel 1 gekommen bist. Rookie hin oder her ziemlich viel Scheinwerferlicht auf dich gezogen."
Wir lachten gerade, als wir aus der Boutique traten und uns an einem kleinen Straßencafé vorbeischlängelten, in Richtung unseres Lieblingsgelato-Spots. Doch dann blieb ich wie angewurzelt stehen.
Er stand da. An einem Tisch in der Nachmittagssonne, mit einem Espresso in der Hand. Charles Leclerc. Was machte er den hier in Mailand?
Müsste er nicht Monaco sein?
Er sah mich in exakt dem Moment, in dem ich ihn erblickte. Kein Zögern. Kein Versuch, sich zu verstecken. Er stand einfach auf, langsam, respektvoll und trat ein paar Schritte auf uns zu.
Zoey merkte sofort, dass etwas in der Luft lag. „Ist das...Charles?"
Ich antwortete nicht. Ich war zurück in einem Moment, der sich in mir eingebrannt hatte.
„Séra," sagte Charles, ruhig. „Kann ich bitte kurz mit dir sprechen?" Seine Stimme war tiefer als sonst, fast brüchig. Es war nicht das selbstsichere Timbre, das sie von ihm kannte, kein Hauch der gewohnten Überlegenheit, keine Spur seines charmanten Spiels, das sonst jede Situation zu seinen Gunsten drehte.
Diesmal war es anders. Ehrlicher. Vielleicht.
Ich spürte, wie sich Zoeys Blick in mein Profil bohrte, voller Fragen, Sorge vielleicht auch. Aber ich hob nur die Hand. „Gib mir fünf Minuten," murmelte ich. Meine Stimme klang gefasst, obwohl mein Inneres alles andere als ruhig war.
Ich wollte diesen Moment nicht. Nicht jetzt, nicht inmitten der engen Altstadtgassen mit ihren bröckelnden Mauern, wo der Geruch von warmem Stein, Rosmarin und altem Kaffee in der Luft lag.
Und doch, es war Zeit. Nach allem, was passiert war. Nach all dem Schweigen, den Ausflüchten und der Wut.
Wir traten zur Seite, zwischen zwei Gebäude, in eine schmale Gasse, wo das Licht gefiltert durch die zerfransten Blätter eines Efeus auf die Pflastersteine fiel. Hier war es stiller.
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Lights Out
Fanfiction"Frauen haben in dieser Welt nichts zu suchen." Diesen Spruch hörte Séra schon seitdem sie ein kleines Mädchen war. Doch das hielt sie nicht auf darum zu kämpfen ihren Traum wahr werden zu lassen. Die erste Frau in der Formel 1 zu werden. Das die...
