104. Kapitel

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Ich verschwand schneller aus Georges Wohnung, als ich es selbst erwartet hätte. Kaum hatte ich meine Worte ausgesprochen, diese eine, bittere Wahrheit in den Raum geworfen, drehte ich mich um und ging. Keine Reaktion abgewartet.

Keine Gesichter mehr gesehen. Keine weiteren Erklärungen. Ich wollte nur noch weg. Raus. Abstand. Luft.

Meine Schritte hallten auf dem Pflaster, während ich wie ferngesteuert zur Wohnung lief. Ob ich rannte oder ging, konnte ich später nicht mehr sagen. Alles fühlte sich wie in Watte gepackt an, taub, unwirklich.



Als ich meine Wohnungstür aufsperrte, vibrierte mein Handy in meiner Hosentasche. Ein einziger Ton, kurz, klar, direkt. Ich zog es hervor. Eine Nachricht. Nur ein paar Zeilen. Doch mein Herz setzte aus.

„Sie liegt im Unfallkrankenhaus Salzburg. Etage 8, Zimmer 811. Lass dich nur nicht erwischen."

Ich starrte auf den Text. Sekundenlang. Mein Atem stockte. Mein Herzschlag raste. Hatte Maria mir gerade wirklich den Aufenthaltsort von Séra geschickt? Warum? Warum gerade jetzt? Warum überhaupt?


Doch ich zögerte nicht lange. Kein Platz für Zweifel. Kein Platz für Angst. Ich warf das Handy aufs Bett, griff nach meiner Reisetasche und stopfte in Windeseile das Nötigste hinein: Kleidung, Ladekabel, Ausweis.

Alles, was man brauchte, wenn man nicht wusste, wie lange man wegbleiben würde. Dann rief ich Max an.

Er war der Einzige, dem ich noch vertraute. Der Einzige, der mir nicht den Rücken gekehrt hatte, als alles zusammenbrach.

Der mir von Anfang an geglaubt hatte, als alle anderen nur verurteilten, schwiegen oder wegsahen. Ich weihte ihn in meinen Plan ein. Keine Sekunde zögerte er.

Noch in derselben Stunde buchte ich einen Flug von Nizza nach Salzburg.




Am Flughafen in Salzburg wartete ich draußen vor der Ankunftshalle. Es war früh am Morgen, die Stadt noch still, der Himmel wolkenverhangen. Ich trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, bis ich Max' vertraute Gestalt entdeckte. Neben ihm lief Pietra.

Dass sie dabei war, überraschte mich kurz, machte aber auch Sinn. Zwei Leute wirkten weniger verdächtig als einer allein.

„Du riskierst da gerade verdammt viel. Das ist dir klar, oder?," sagte Max, als er auf mich zukam. Seine Stimme war leise, ernst aber nicht verurteilend. Ich nickte. „Ich weiß. Aber ich muss sie sehen. Noch vor Zandvoort. Ich halte es sonst nicht aus."

Wir gingen gemeinsam zum Mietwagen. Pietra saß vorne, Max übernahm das Steuer, ich rutschte auf die Rückbank, mein Herz klopfte bis zum Hals.

„Und sie hat dir einfach so geschrieben?," fragte Pietra schließlich, während wir auf die Autobahn fuhren. Ihr Ton lag irgendwo zwischen Ungläubigkeit und vorsichtiger Hoffnung.

Ich atmete tief durch. „Ja. Ich dachte erst, es wäre ein schlechter Scherz. Oder eine Falle. Aber...es war wirklich Maria. Ich habe die Nachricht hundertmal gelesen. Sie meinte es ernst."

Für einen Moment war es still im Wagen. Nur das leise Summen des Motors und das gleichmäßige Rauschen der Reifen auf dem Asphalt füllten die Stille.

Ich sah aus dem Fenster und spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog. Hoffnung. Angst. Schuld. Sehnsucht.

Was auch immer mich im achten Stock des Unfallkrankenhauses erwartete, ich musste es tun. Ich musste zu ihr.

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt