81. Kapitel

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*Bias Sicht*

Die Worte hallten in meinem Kopf nach, als Lando und Oscar sich entfernten. „Jemand hat dir eine zweite Chance gegeben." Ich schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Ich konnte es immer noch nicht ganz fassen, wie sehr sich alles verändert hatte. Es fühlte sich an, als wäre ich in einem völlig anderen Leben gelandet. Ein Leben, in dem ich immer wieder die gleichen Fehler machte, doch nie wusste, wie ich sie richtig beheben konnte.

„Glaubt ihr wirklich, dass sie uns zuhören wird?," fragte Tina, die plötzlich leise neben mir stand. Ihre Stimme klang jetzt viel unsicherer, als sie es normalerweise tat.

„Vielleicht", murmelte ich, während ich einen Blick zu Séra warf. Sie saß immer noch mit P zusammen, lachte, aber ich wusste, dass dieses Lachen nicht echt war. Es war das gleiche Lachen, das wir alle schon einmal gehört hatten – das Lachen, das auf die Welt prallte, aber tief im Inneren eine Mauer verbarg. „Vielleicht hat sie einfach nur...jemanden gebraucht, der sie versteht. Vielleicht war sie nie wirklich so stark, wie sie sich immer gegeben hat."

Tina nickte nachdenklich. „Weißt du, was mich am meisten verletzt? Dass wir es nicht gesehen haben. Dass wir uns so auf uns selbst konzentriert haben, dass wir vergessen haben, dass sie...sie braucht uns. Vielleicht mehr, als wir jemals gecheckt haben."

„Und jetzt?," fragte Emily, die uns mit verschränkten Armen beobachtete. Sie schüttelte den Kopf, als würde sie sich selbst von einem Gedanken befreien wollen. „Was, wenn sie uns einfach nicht mehr in ihrem Leben haben will? Was, wenn sie mit uns abgeschlossen hat?"

„Ich hoffe, dass das nicht der Fall ist," sagte ich leise und fühlte, wie sich ein Zittern in meiner Stimme anbahnte. „Aber ich kann es nicht ändern, ohne es wenigstens zu versuchen."



Wir standen eine Weile in Stille, jeder von uns mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ich blickte wieder zu Séra hinüber. Es war schwer, ihr so gegenüberzutreten. Ich wusste, dass sie uns verletzt hatte, und doch wusste ich auch, dass wir sie genauso verletzt hatten. Wir hatten sie verloren, aber wir wollten sie nicht aufgeben. Nicht jetzt, nicht so.

„Was wenn...was, wenn wir sie einfach in Ruhe lassen?," sagte Emily schließlich, ohne uns anzusehen. Ihre Worte klangen fast schon wie eine Entschuldigung an sich. „Vielleicht hat sie keinen Bock auf diese ganzen Gespräche, auf diesen ganzen Mist."

„Nein," sagte ich bestimmt. „Wir können sie nicht einfach in Ruhe lassen. Nicht jetzt."

Tina sah mich mit einem fast ungläubigen Blick an. „Du willst wirklich zu ihr gehen? Sie direkt ansprechen?," fragte sie, als hätte sie die Worte selbst noch nie ausgesprochen.

„Ja," antwortete ich, ohne lange nachzudenken. „Ja, ich will. Wir können es nicht länger verdrängen. Wir müssen es tun, bevor wir uns wirklich irgendwann fragen, was wir verloren haben."

„Okay," sagte Tina schließlich, ihre Stimme immer noch zögerlich, aber jetzt auch voller Entschlossenheit. „Dann machen wir das. Aber wir müssen sicher sein, dass sie uns wirklich zuhört."

„Genau," stimmte ich zu. „Wir müssen es ruhig und ehrlich angehen. Keine Spiele mehr."



Es war dann, als ich mich auf den Weg zu Séra machte, dass ich zum ersten Mal seit langem wieder diesen seltsamen Druck in der Brust verspürte. Es war kein unangenehmes Gefühl, sondern eher das eines Neuanfangs, eines Versuchs, wieder etwas zu reparieren, was lange Zeit zerbrochen war.

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