Ich saß im hintersten Eck unserer Scheune, dort, wo das Licht nur in dünnen Streifen durch das alte, staubige Fenster fiel und der Geruch von Heu, Öl und altem Holz in der Luft hing. Eingewickelt in eine viel zu große Decke, meine Haare fettig, die Augen müde und gerötet, der Laptop auf meinen Knien. Es war kalt, aber ich hatte das Gefühl, dass die Kälte in mir längst begonnen hatte und von innen wärmte mich nichts mehr.
Auf dem Bildschirm flimmerten die Ergebnisse von Zandvoort. Mein Rennen. Oder das, was einmal mein Rennen gewesen war. Vor genau einem Jahr war ich hier fast als Siegerin über die Linie gegangen, mein Rookie-Jahr, mein Durchbruch. Ich konnte das Rauschen der Menge noch hören, das Adrenalin, das Kribbeln in den Fingern am Lenkrad. Und jetzt? War ich nichts weiter als eine Schlagzeile, eine Erinnerung, ein Fragezeichen.
Diesmal hatte Lando gewonnen. Sein zweiter Sieg. Max wurde Zweiter, in seinem Heimrennen. Ich biss mir auf die Unterlippe, starrte auf die Anzeige. Ich sollte mich freuen. Ich freute mich ja auch. Für Lando. Für das, was wir einmal waren. Für das, was vielleicht noch irgendwo da war. Aber für Max? Für Red Bull?
Nein. Ich gönnte es ihnen nicht.
Nicht nach dem, was passiert war. Nicht nach dem, wie sie mich behandelt hatten. Nicht nach dem Schweigen.
Kein Anruf. Keine Nachricht. Kein „Wie geht es dir?". Kein „Was sagt der Arzt? Wann kannst du wieder ins Auto steigen?" Nichts. Als wäre ich nur ein Name auf einem Helm gewesen, der sich leicht austauschen ließ. Checo war jetzt da. Er fuhr meinen Boliden. Und niemand schien es zu stören.
Ich war ausgetauscht worden, wie ein Reifen in der Boxengasse.
Mama hatte ursprünglich gewollt, dass die Nachricht, dass ich wieder wach war, noch zurückgehalten wurde. „Du brauchst Zeit, Séra," hatte sie gesagt. Zeit, um klarzukommen. Um zu heilen. Doch irgendjemand hatte es durchgestochen. Vielleicht absichtlich. Vielleicht aus Sensationsgier.
Seitdem bombardierten mich die Nachrichten. Medien, Fans, Kollegen. Jeder wollte wissen, wie es mir ging, wie lange es noch dauern würde, wann ich zurückkommen würde.
Aber ich antwortete niemandem. Ich konnte nicht.
Ich brauchte Zeit. Zeit, um zu begreifen, wer ich war, wer ich geworden war. Denn die Séra, die im Krankenhaus in Salzburg in den Spiegel geschaut hatte, war nicht ich. Konnte nicht ich sein.
Diese leere Hülle...schlaffer Körper, eingefallene Wangen, große, dunkle Augenringe, kraftlos und fremd. Kein Glanz mehr in den Augen, keine Kraft in der Stimme und was schlimmer war: kein Feuer mehr im Herzen.
Ich war nicht mehr die, die alles gegeben hatte, um im Cockpit zu sitzen.
Und auch in meinem Kopf sah es nicht besser aus. Gedanken überschlugen sich. Das Team, das mich vergessen hatte. Der Riss, der durch meine Familie ging. Und Lando. Immer wieder Lando.
Ich hatte alles nachgeholt. Jedes Interview geschaut, jedes Foto, jeden Bericht gelesen. Und zwischen den Zeilen gelesen. Er lachte weniger. Zeigte sich kaum noch. Und wenn, dann nie mit den anderen. Keine Bilder aus Restaurants, keine Clubnächte, keine Paparazzi-Schnappschüsse mit Kollegen. Er wirkte...verloren.
So wie ich.
Die anderen wussten es. Von der Wette. Zoey hatte es mir erzählt, beiläufig, als wäre es ihr egal. Als wäre auch er ihr egal. Aber mir war es nicht egal. Nie gewesen.
Selbst wenn er es getan hatte, ich wusste, wer Lando wirklich war. Ich kannte ihn. Ich hatte ihn gesehen, in Momenten, in denen niemand sonst ihn sehen durfte. In seinen Unsicherheiten, seinen Ängsten, seinen Ecken. Und trotz allem...trotz allem, was passiert war, konnte ich nicht aufhören, ihn zu sehen.
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Lights Out
Fanfiction"Frauen haben in dieser Welt nichts zu suchen." Diesen Spruch hörte Séra schon seitdem sie ein kleines Mädchen war. Doch das hielt sie nicht auf darum zu kämpfen ihren Traum wahr werden zu lassen. Die erste Frau in der Formel 1 zu werden. Das die...
