117. Kapitel

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„Oh Gott!! Spinnt der!!!"

Alex' Stimme durchbrach die elegante Stille des Paddock Clubs wie ein Donnerschlag. Ihre Worte hallten in der klimatisierten Lounge wider, wo das feine Klirren von Besteck und gedämpften Gesprächen eben noch den Ton angegeben hatten. Jetzt war alles verstummt. Alle Augen auf die riesigen Monitore gerichtet, auf denen die Autos wie Pfeile auf die erste Kurve zuschossen.

Ich hielt den Atem an. Mein Herzschlag war plötzlich überall, in meinen Ohren, in meiner Kehle, bis in die Fingerspitzen.

Oscar.

Er wollte es zu sehr. Zu früh. Zu heftig.

Ich sah es in Zeitlupe: Er setzte innen an, direkt auf der Linie von Lando. Ein aggressives Manöver. Millimeterarbeit.

„Nein, nein, nein...!," flüsterte ich, mehr zu mir selbst als zu den anderen.

Lando reagierte in letzter Sekunde, zog zurück, wich aus. Es war reines Renninstinkt-Reflexverhalten. Hätte er auch nur eine Hundertstelsekunde später reagiert, wären sie frontal ineinander gekracht.

„Verdammt, ihr solltet Punkte holen, nicht euch gegenseitig abschießen!," fauchte Lilly, die neben mir auf der beigen Ledercouch saß. Ihre perfekt lackierten Nägel klackten unaufhörlich gegen den Rand ihres Champagnerglases, ein nervöses Ticken, das seltsam gut zur Anspannung in der Luft passte.

Ich ließ mich in meinen Sessel zurückfallen, atmete einmal tief durch und zwang mich zu einem Lächeln. „Sag das denen mal über den Funk. So wie ich mich kenne, würde ich fluchen wie ein Bauarbeiter, wenn Max das getan hätte."

Ein halblachender Ton, fast ironisch aber die Anspannung in meiner Stimme war nicht zu überhören.


Die Szenerie um uns herum wirkte fast wie ein Kontrastprogramm zu dem Chaos auf der Strecke: Der Paddock Club, diese luxuriöse Blase über der Boxengasse, glänzte im eleganten Licht, gefüllt mit weißen Tischdecken, Kristallgläsern und Häppchen, die so schön angerichtet waren, dass man sie kaum essen mochte. Großflächige Fenster gaben den Blick auf die Start-Ziel-Geraden frei, doch heute schien der Raum trotz allem Glanz kleiner, enger.

Alex saß leicht nach vorne gebeugt, die Ellbogen auf den Knien, die Augen fest auf den Bildschirm geheftet. Ihr Gesicht war angespannt, nicht wütend, nicht panisch, sondern...verletzt.

Charles.

Ich dachte an die Gespräche, die wir in letzter Zeit geführt hatten. An das, was sie mir unter vier Augen anvertraut hatte. Dass sie nicht mehr zusammen waren. Dass es vorbei war, schon länger eigentlich. Und trotzdem...lächelten sie in die Kameras, standen nebeneinander, gaben Interviews.

„Für die Außenwelt," hatte sie gesagt.

Ich hatte nie ganz verstanden, warum sie sich das antat. Warum sie sich selbst die Freiheit verweigerte, die sie verdient hätte. Vielleicht war es der Druck. Oder vielleicht, wie so oft, war es einfach komplizierter, als man es sich vorstellte.

„Eine Sache..." Alex' Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Sie sprach leise, fast tonlos, mit einem bitteren Grinsen auf den Lippen. „Charles soll nicht gewinnen."

Ich drehte den Kopf, sah sie an.

Ihr Blick war geradeaus gerichtet, als würde sie versuchen, ihre Gedanken nicht zuzulassen.

Ich nickte kaum merklich, dann murmelte ich zurück: „Da bin ich ganz bei dir."

Einen Moment lang war es still. Dann begannen wir zu lachen, nicht schrill oder ausgelassen, eher befreiend. Wie ein kurzes Aufatmen, ein Moment kollektiver Erleichterung.

Lights OutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt