Die Nacht verging sehr langsam. Zumindest bildete es sich Johns Verstand so ein.
Er saß schon mehrere Stunden auf dem großen Felsbrocken, den Kopf leicht nach vorne geneigt und beobachtete die hochgewachsene Elfe, welche ihm ein paar Meter entfernt gegenüber saß. Sie hielt immer noch den faustgroßen, hellgelben Edelstein mit beiden Händen festumschlossen an ihre Brust gedrückt, die Augen geschlossen und die Mundwinkel zu einem breiten Lächeln verzogen. Ein unbeteiligter Beobachter hätte wohl gedacht, dass sie friedlich schlafen würde, doch der Titan wusste es besser.
Er hatte vor ein paar Stunden seine Beine ein kleines Stück bewegt, weit genug, um ein leises Kettenklirren zu verursachen und sofort waren die Augen der Elfe aufgesprungen, hatten ihn skeptisch fixiert, nur um danach wieder zuzuklappen, als wäre nichts geschehen.
Alanna schlief nicht und ihre Sinne waren offensichtlich bis aufs äußerste geschärft.
'Entweder Elfen benötigen weitaus weniger Schlaf als normale Menschen, oder dieser Kristall ist nicht einfach nur ein ordinärer Edelstein.' mutmaßte John nachdenklich und warf einen Blick aus den Augenwinkeln auf Berdon und die übrigen Männer, welche einige Meter entfernt da lagen und schliefen, bis auf eine einzige Wache, die müde am Lagerfeuer saß und darin mit einem Ast herumstocherte. Doch im Gegensatz zu der Elfe hatten bereits zwei andere Soldaten Nachtwache gehalten und würden die Rotation auch wohl bis zum Morgengrauen beibehalten.
Es wäre ein leichtes für John gewesen, sie alle lautlos auszuschalten, doch erstens war er immer noch durch die magischen Ketten gefesselt, zweitens wachte die magiebegabte Anführerin über ihn und drittens hatte er ihr sein Wort gegeben, nichts zu unternehmen, bis sie in Trefholm mit ihrem Meister gesprochen hatte. Doch würde sich ihm die Gelegenheit bieten auf dem Weg dorthin zu fliehen, sprich falls sie einmal seine Fesseln lösen sollten, wäre er wohl bereit dieses Versprechen zu brechen. Immerhin gab es aus seiner Sicht bisher keinen Grund weshalb er ihr auch nur annähernd trauen sollte, schließlich war sie es gewesen, die Lyath und ihre Eier entführen wollte und auch hinter Kenos und Shads Entführung steckte die Schwarze Rose. Dass sie die Drachendame dabei sogar fast getötet, oder wenn man ihren Worten Glauben schenken mochte eingeschläfert hätte, sprach nicht gerade für Alanna. Aber eine Möglichkeit zur Flucht würde es wohl ohnehin nicht geben. Nicht solange diese magischen Ketten ihn fesselten und die Elfe auf jeden seiner Schritte achtete.
'Magie, pah! Allmählich fange ich an diese übernatürlichen Kräfte zu hassen.' dachte er und knirschte grimmig mit den Zähnen. So also blieb ihm nichts anderes übrig als ruhig auf seinem Felsen sitzen zu bleiben und den Sonnenaufgang abzuwarten.
Immer wieder wurde die Stille der Nacht von lautem Wolfsgeheul unterbrochen, doch aus seiner sitzendes Pose heraus konnte der Titan die Umgebung nur schlecht beobachten und unnötig bewegen wollte er sich nicht. Die Tiere schienen nicht näher zu kommen, zumindest wurde ihr Geheul nicht lauter. Stattdessen hallte ein markerschütterndes Brüllen über die Berghänge hinweg und ließ Alanna aufschrecken.
Das Brüllen erinnerte John an sein erstes Aufeinandertreffen mit Tymdek, nur klang es dieses Mal weitaus bedrohlicher, fast schon wütend. Das das Gebrüll von einem Drachen stammte, war außer Frage, aber was vermochte es ein derart großes Raubtier dermaßen zu verärgern? Die Elfe schien ähnlich zu denken, denn sie war aufgesprungen, hatte den Kristall wieder in der versteckten Tasche verstaut und blickte aufmerksam empor in den Nachthimmel. Dann wandte sie sich John ruckartig zu, eilte zu ihm herüber und ergriff seine Schulter um ihn wach zu rütteln. Erst nach einigen Sekunden täuschte er vor zu sich zu kommen, hob seinen Kopf von der Brust und sah in Alannas ernstes Gesicht.
„Gut, ihr seid wach. Hört zu, uns bleibt nicht viel Zeit. Dun'var wird jeden Augenblick hier auftauchen und wissen wollen, weshalb wir nur einen Menschen anstatt Lyath gefangen genommen haben. Was immer auch passieren mag, versucht nicht ihn zu provozieren. Ich werde euch nicht vor seinem Zorn beschützen können, falls er wütend wird." erklärte sie kurz angebunden, während John kettenrasselnd aufstand und ebenfalls suchend in den Himmel blickte. „Ich nehme an, dieser Dun'var ist ein Drache?" fragte er leise, da er hören konnte, wie jemand zu ihnen herüber gelaufen kam. Mit gedämpfter Stimme erwiderte die Elfe nickend: „Ja. Und nun verhaltet euch wieder wie ein Gefangener, Berdon ist hier."
John antwortete nicht, sondern suchte weiterhin das Firmament nach einer riesigen Echse ab, ohne Erfolg. Wo auch immer dieser Dun'var sein mochte, er würde wohl noch ein paar Minuten brauchen um herzukommen.
„Herrin, alles in Ordnung? Ich habe die Männer angewiesen ruhig zu bleiben. Hat er euch den Grund genannt weshalb er uns zu solch einer Stunde aufsucht?" meinte Berdon aufgeregt, als er vor Alanna und dem Titanen zum stehen kam. Er warf John einen misstrauischen Blick zu, doch dieser musterte noch immer angestrengt den sternenbehangenen Nachthimmel, ohne Notiz vom Hauptmann zu nehmen. „Nein hat er nicht Berdon. Ich tappe ebenso im Dunkeln wie ihr." entgegnete die Elfe ernst. „Vermutlich wird er wissen wollen, weshalb wir nur ihn hier als Gefangenen bei uns haben, anstatt zwei Drachen." Sie deutete mit einer kleinen Geste zu ihm hinüber. „Glaubt ihr, er wird wütend sein?" Der Hauptmann klang äußerst angespannt. „Eher schadenfroh als wütend. Er war ohnehin recht skeptisch was unseren Plan betrifft." erwiderte sie und sah hinüber zu John, der einige Schritte in Richtung Abgrund getan hatte, da ihm ein bekanntes Geräusch in die Ohren gedrungen war.
Es klang wie das laute, rhythmische Pusten eines Blasebalgs, nur sehr viel dumpfer. Eindeutig der Flügelschlag eines Drachens, doch er konnte nichts dergleichen am Nachthimmel erkennen. Trotzdem wurde das Geräusch immer lauter und lauter.
'Die Schlucht!' schoss es dem Titanen durch den Kopf und sein Blick huschte nach unten in die enorme Schlucht zwischen den beiden Bergen und tatsächlich.
Dort, knapp 500 Meter unter ihm flog ein gigantischer dunkler Schatten genau auf ihre Position zu. Das Wesen bemerkte den Soldaten und begann einen schnellen Steigflug. 'Noch größer als Tymdek.' dachte John und machte zügig einige Schritte zurück, sodass er jetzt hinter Alanna und Berdon stand, die ihn beide skeptisch beäugten.
„Was ist los Gefangener, habt ihr etwa Angst? Ein lautes Brüllen und schon macht ihr euch in die Hosen?" fragte der Hauptmann zynisch und lachte gehässig. „Ihr glaubt, Angst zu haben sei etwas Schlechtes, Hauptmann? Jemand ohne Angst ist schwach. Nur durch sie erkennt man seine eigenen Grenzen und schärft die Sinne im Kampf, nur durch Angst wird man erst mutig. Ob ich Angst habe? Natürlich. Und wenn euch euer erbärmliches Leben etwas wert ist, solltet ihr ein paar Schritte zurückkommen." knurrte John.
Bevor Berdon etwas erwidern konnte, packte die Elfe ihn unsanft an der Schulter und riss ihn zu sich.
Keine Sekunde zu früh, denn im nächsten Moment rauschte ein riesige Drache vor ihnen empor und lies sich krachend auf dem Weg nieder, genau dort, wo noch vor wenigen Augenblicken der Hauptmann gestanden hatte. Dieser wurde beim Anblick des gigantischen Reptils aschfahl und ein schadenfrohes Lächeln huschte kurz über Johns Mundwinkel, was leider durch den Helm nicht von Berdon bemerkt wurde. Dann richtete der Titan seine volle Aufmerksamkeit dem Drachen, der keine zehn Meter vor ihm stand und Alanna mit seinem Blick fixierte.
Er war größer und bulliger als Tymdek, mit weitaus dickeren Hörnern und Stacheln auf Kopf und Rücken. Seine Schuppen glichen farblich gesehen dem marineblau angestrichenen Atlas von Micheal, waren jedoch eine Nuance dunkler und auch seine schlitzartigen Pupillen hatten dieselbe Farbe. Die Flügel hatte der Drache eng an seinen Körper angelegt, doch selbst so konnte der Titan einige langgezogene Striemen auf der Flügelmembran erkennen. Als letztes fiel sein Blick auf die knapp beinlangen Krallen an seinen Zehen, die einen Menschen wohl ohne große Mühe zerteilen konnten.
'Hat wohl schon einige Kämpfe hinter sich.' mutmaßte John und seine Muskeln spannten sich an, als die Echse von der Elfe abließ und stattdessen ihn fixierte. Offensichtlich hatte sie ihm alles bereits per Telepathie berichtet, denn sie warf ihm einen nervösen Blick zu. Der Titan musste unwillkürlich schlucken, als der Drache mit seiner Schnauze ganz nah an ihn herankam, leicht das Maul öffnete und seine messerscharfen Zähne entblößte. Jeder von ihnen so groß wie sein Unterarm. Der Anblick war äußerst respekteinflößend und jemand ohne Johns Ausbildung wäre sehr wahrscheinlich einfach ihn Ohnmacht gefallen oder kauernd zu Boden gesunken. Er jedoch blieb eisern stehen und bot dem Ungetüm die Stirn.
Sie starrten einander über eine Minute lang gegenseitig an, ohne auch nur einen Muskel zu rühren, bis der Drache ihm schließlich eine Rauchwolke entgegenpustete und laut knurrte. Dann donnerte eine tiefe, raue Stimme durch seinen Kopf.
*Ein Mensch, der nicht gleich kauernd vor mir zittert und dass obwohl ihr mit Ketten gefesselt seid, die selbst ich nicht zerreißen könnte, so etwas habe ich noch nie erlebt. Wie lautet euer Name Zweibeiner?* „Titan 06, Colonel John Miller." erwiderte der Soldat kühl woraufhin die Echse überrascht schnaubte und etwas zurückwich.
*Also ist es wahr, was mir mein Bruder erzählt hat, ihr seid nicht nur ein Hirngespinst. Das ist faszinierend! Aber wo bleiben meine Manieren, schließlich habt ihr euch auch höflich vorgestellt. Ich bin Dun'var Schattenklaue, Herr des südlichen Beor-Gebirges.* Dun'var setzte sich auf sein Hinterteil und hob den Kopf empor, wodurch er den Titanen nun um viele Meter überragte, ganz zu schweigen von Alanna und Berdon die geradezu winzig wirkten im Vergleich. Doch etwas anderes erregte Johns Neugier.
'Bruder? Der einzige männliche Drache, der dafür in Frage kommen würde, ist Tymdek. Dekri hatte keine Gelegenheit mit jemandem über mich zu sprechen, er war die ganze Zeit in der Höhle mit uns. Das bedeutet Dun'var ist Feyths genetischer Onkel. Interessant.' folgerte er und wollte dann laut wissen: „ Sehr erfreut, aber verzeiht wenn ich frage, wer genau ist euer Bruder? Ich hätte gern gewusst, wer da Geschichten über mich erzählt." Der Drache knurrte amüsiert. *Nicht nur mutig, sondern auch klug. Das gefällt mir. Um eure Frage zu beantworten: Mein Bruder hört auf den Namen Tymdek Dunkelschwinge, er ist der Herr des Großen Waldes.* „Ah ja, ich erinnere mich." entgegnete der Titan tonlos und Dun'var entblößte abermals seine Zähne.
*Meine kleine Freundin hier hat mir berichtet, dass ihr es ward, der Lyaths Entführung verhindert hat, indem ihr die Vergiftung geheilt, euch geopfert habt, damit die anderen fliehen konnten und dabei noch drei Soldaten getötet habt, obwohl sie euch zehn zu eins überlegen waren. Allein das ist schon eine beachtliche Leistung für einen Menschen.* John sagte nichts, sondern wartete nun jeden Augenblick darauf, dass der Drache sich auf ihn stürzen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen fuhr Dun'var fort: *Aber das ist ja noch längst nicht alles, nicht wahr? Ihr habt etwas getan, das selbst einem Drachenreiter oder einem Elfen wohl kaum gelingen könnte. Ihr seid der erste Zweibeiner überhaupt, der jemals den Kampf gegen einen Drachen gewonnen hat und das ohne Magie oder nennenswerte Waffen. Ein einfacher Mensch! Selbst Großmeister Eragon wäre bei solch einer Konfrontation gescheitert!* Qualm stieg aus seinen Nasenlöchern empor und er leckte sich mit seiner gespaltenen Zunge über die Zähne.
Der Titan blieb weiterhin ruhig, er ahnte schon, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde und vielleicht konnte er das als seinen Vorteil nutzen.
Berdon schien hingegen anderer Meinung zu sein. „Das ist doch nicht euer ernst Herr? Niemals könnte dieser niederträchtige Abschaum einen Drachen bezwingen! Schon gar nicht den Herrn des Großen Waldes!" Der Kopf des Drachens fuhr herum und ein lautes Brüllen donnerte über sie hinweg, sodass John kurzfristig die Lautsprecher in seinem Helm herunterregeln musste und sich die anderen allesamt die Ohren zuhielten. *Ihr behauptet also, dass ein Drache, mein Bruder, freiwillig über eine Niederlage lügen würde? Ist es das was ihr sagen wollt Mensch?* knurrte er bedrohlich und blickte den Hauptmann hasserfüllt an. Dieser fiel zwar nicht auf die Knie und bat winselnd um Vergebung, aber seine Hand glitt reflexartig zum Griff seiner Waffe und die Knie begannen leicht zu zittern. Kleinlaut und ehrfürchtig antwortete er: „Nein, selbstverständlich nicht Herr. Bitte verzeiht mein unnützes Gerede." Dun'var öffnete sein Maul einen Spalt breit und zeigte seinen stockdunklen Rachen. *Seid froh, dass Alanna hier ist, ansonsten hätte ich euch für diese Beleidigung ohne zu zögern den Kopf von den Schultern gerissen.*meinte er todernst. Dann lies er seine gewaltigen Kiefer wieder zuklappen und wandte sich erneut John zu.
*Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, genau. Ihr habt also meinen Bruder in einem Zweikampf ohne Magie und nur mit einem kleinen Dolch bewaffnet bezwungen, allein dafür gehört euch schon mein Respekt. Allerdings wüsste ich gerne ob all das stimmt, was er über euch erzählt hat. Zum Beispiel eure feuerfeste Haut, die selbst seinem Drachenfeuer widerstehen konnte. Ist das wahr?* Seine Stimme klang aufgeregt, fast so wie ein kleines Kind, das auf ein Geschenk wartete. Der Titan neigte seinen Kopf leicht nach links, als er nüchtern entgegnete: „Wieso testet ihr es nicht selbst?"
Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da hörte er schon das Rauschen der Luft, welche in die Lungen des Drachens gesogen wurde. Aus den Augenwinkeln, konnte er noch erkennen, wie die Elfe den Hauptmann packte und mit ihm weghechtete, dann kam ihm auch schon eine riesige hellblaue Feuerwand aus Dun'vars Schlund entgegen.
Die Flammen waren derartig grell, dass sich seine Hornhaut verdunkelte, um ihn vor einer vorübergehenden Blindheit zu bewahren. Die Hitze jedoch machte ihm im kaum etwas aus, da der Atlas dieses Mal vollständig versiegelt und so der interne Kühlmittekreislauf funktionstüchtig war. Damit wurde Kühlmittel aus dem Reaktor auf seinem Rücken durch eine dünne Schicht innerhalb der Panzerung gepumpt, wodurch John zwar spürte, wie es schnell wärmer wurde, die Temperatur aber ab einem gewissen Punkt konstant blieb. Es war zwar nicht gerade angenehm, aber immer noch besser als bei lebendigem Leib gebraten zu werden, wie zuvor im Kampf gegen Tymdek.
Das alles verhinderte jedoch nicht, was die Flammen mit seiner Umgebung anstellten. John konnte spüren, wie der Fels unter seinen Füßen anfing zu schmelzen, obwohl er bis jetzt nur wenige Sekunden in Dun'vars Drachenfeuer gebadet worden war. 'Vielleicht sind auch die Ketten?' fragte er sich und versuchte mit aller Macht seine Fesseln zu sprengen, doch nichts geschah. Offenbar war die Kette immun gegen die Hitze des Feuers. 'Was zu erwarten war, bei einer Kette, die zum fesseln für Drachen geschaffen wurde.' So also blieb John nichts anderes zu tun, als darauf zu warten, dass dem Drachen die Puste ausging und selbst nicht am geschmolzenen Gestein kleben zu bleiben.
Während er wartete, dachte er darüber nach, ob jeder Drache eine unterschiedliche Flammenfarbe, passend zu seinem Schuppenkleid erzeugte, oder ob es reiner Zufall war, dass Lyath rubinrote und Dun'var hellblaue Flammen erschuf. Eines war auf jeden Fall sicher, Drachenfeuer spielte in einer anderen Liga, als gewöhnliches Feuer.
Das Flammenmeer hielt noch fast weiter zehn Sekunden lang an, bis der Drache erneut sein Maul schloss und damit den Feuerstrahl abwürgte. Sofort hellte sich die Hornhaut in Johns Augen auf und verschaffte ihm freie Sicht auf seine Umgebung. Alles um ihn herum glühte gelblich, als er sich umsah, aber schon nach wenigen Augenblicken begann das Gestein in der kalten Gebirgsnacht abzukühlen. Von Alanna, Berdon und den anderen Soldaten fehlte jegliche Spur. Sicherlich hatten sie sich irgendwo in Sicherheit gebracht.
Schnell hob er abwechselnd immer wieder seine Füße an, damit sie nicht im zähen geschmolzenen Granit kleben blieben.
*Beindruckend.* grollte Dun'vars Stimme durch seinen Kopf und er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Drachen, der auf allen Vieren vor ihm stand. *Es scheint, als hätte mein Bruder nicht übertrieben, was eure Feuerfestigkeit anbelangt, aber das allein macht euch noch nicht zu einem Gewinner. Wie sieht es mit der Stärke eurer Rüstung aus? Hält sie auch den Krallen eines Drachens stand?*
Ohne große Vorwarnung schnellte seine Pranke nach vorn, direkt auf den Titanen zu. John hatte nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit zu reagieren. Er verlagerte seinen Schwerpunkt nach unten, drehte die rechte Schulter nach vorn und spannte sämtliche Muskeln an, um sich auf den Aufprall vorzubereiten. Die riesige Pranke traf ihn wie eine Abrissbirne. Die scharfen Krallen kratzten wirkungslos über die dicke Panzerung des Atlas und erzeugten ein lautes, kreischendes Geräusch. Die Wucht des Schlags katapultierte ihn einige Zentimeter hoch in die Luft und gegen die nächstbeste Wand. Benommen sackte er auf hinunter auf die Knie, seine Arm- und Rückenmuskeln brannten wie die Hölle und auch seine linke Schulter fühlte sich so an, als hätte ihm jemand einen Schlagbohrer durch das Gelenk getrieben. Er schmeckte den kupferartigen Geschmack des künstlichen Bluts, das aus seiner aufgebissenen Zunge quoll.
Ein fanatisches Grinsen verzog seine Mundwinkel.
„Ist das alles was ihr könnt Drache?" rief er überdreht lachend und rappelte sich aus dem Schutt, der ihn umgab, auf. Dun'var sah den Soldaten fasziniert an, als dieser festen Schrittes auf ihn zu kam, ohne auch nur einen Hauch von Furcht zu zeigen. „Kommt schon, war das alles, was ihr zu bieten habt? Ich bin hier, greift gefälligst an!" forderte John laut und richtete sich zu voller Größe auf. Wie eine Peitsche raste der Schwanz des Drachens auf ihn zu, vollbesetzten mit dicken Stacheln.
Doch der Titan war vorbereitet.
Statt zu versuchen dem Angriff auszuweichen, packte er den spitzen Felsbrocken, welchen er zuvor beim Aufstehen zwischen seinen gefesselten Armen und der Brust versteckt gehalten hatte, und rammte die improvisierte Waffe tief in den muskelbepackten Schwanz. Ein gedämpftes Knallen ertönte irgendwo hinter ihm, als er die Wucht des Aufpralls mit den Beinen abfederte und Blut spritzte ihm über das Visier, als Dun'var fauchend von seinem Vorstoß abließ.
„Was für ein mächtiger Drache ihr doch seid!" höhnte John lachend und klatschte zynisch Beifall, so gut es mit seinen zusammengebundenen Händen ging. Der Drache brüllte wütend und schoss mit weit geöffnetem Maul nach vorne. Abermals wich der Soldat nicht aus. Die mächtigen Kiefer schlossen sich um seine Hüfte. Sein gesamter Oberkörper befand sich nun im Maul, während die Beine noch draußen herum baumelten. Mit aller Kraft biss die riesige Echse zu, seine Zähne drückten auf die dicke Panzerung.
Kein faires Duell.
Ein lautes Knacken hallte durch die Mundhöhle, als einer der Zähne an der harten Rüstung zerbrach und ein markerschütterndes Jaulen drang aus Dun'vars Rachen. Doch damit noch nicht genug. John hatte in der Zwischenzeit die große, mit Widerhaken besetzte, Zunge in die Hände bekommen und grub seine Finger wie ein Schraubstock in das zarte Muskelfleisch. Dickes Drachenblut rann ihm über beide Arme und schon einen Augenblick später wurde er brutal aus dem Maul herausgeschleudert.
Mit der Schulter voran krachte erneut gegen die Felswand und ein stechender Schmerz schoss ihm durch den gesamten linken Arm. John keuchte.
Der Schleier des Blutrauschs war verflogen und er versuchte langsam aufzustehen. Erst da bemerkte er den brennenden Schmerz an seinem rechten Fußgelenk und, dass er das Bein nicht mehr belasten konnte. Auch seine Schulter pochte ununterbrochen und als er versuchte seine Finger an der linken Hand zu bewegen, wollten sie nicht reagieren. Er stöhnte leise und schloss für einen kurzen Moment die Augen, um schnell rekapitulieren zu können, was geschehen war.
'Mein blutrünstiger Alter Ego hat die Kontrolle übernommen, als ich das erste Mal gegen die Wand gekracht bin. Dann hat er ohne Rücksicht auf Verluste einen Kampf gegen Dun'var angefangen. Nicht gut. Meine Schulter ist ausgekugelt, die rechte Achillessehne wahrscheinlich gerissen und vermutlich noch mehr. Ein normaler Kampf wäre mit diesen Verletzungen schon äußerst schwierig, gegen einen Drachen und dazu noch gefesselt ist es geradezu lächerlich an einen Sieg zu denken.'
John öffnete die Augen und blickte mit schmerzverzerrtem Gesicht hinüber zu Dun'var, der zu seiner Überraschung keinerlei Anstalten machte ihn anzugreifen. Stattdessen saß der große Drache einfach nur ruhig da und beobachtete ihn neugierig. Die relativ kleine Wunde an seinem Schwanz ignorierte er geflissentlich und auch seine verletzte Zunge oder der abgebrochene Zahn schienen ihn nicht zu stören. Schließlich ertönte seine raue Stimme in Johns Kopf. *Kein Wunder, dass ihr meinen Bruder bezwingen konntet. Solch einen Kampfeswillen habe ich bisher nur zweimal in meinem ganzen Leben gesehen.* meinte Dun'var ehrfürchtig. *Ich hatte zwar erwartet, dass ihr meine Angriffe übersteht, aber so kühn zu sein einen Drachen anzugreifen, ohne Magie und mit gebundenen Armen und Beinen, das grenzt an Wahnsinn. Und doch habt ihr es geschafft mich zu verwunden, trotz eurer Nachteile. Wie muss es wohl gewesen sein, als ihr damals ohne eure Ketten gegen Tymdek gekämpft habt?*
„Anders." presste der Titan nüchtern hervor und kniete sich hin, was wegen der Ketten nicht ganz einfach war. Dann ließ er sich nach vorne auf den linken Ellbogen fallen. Mit einem Knacken sprang das Schultergelenk zurück in seine Pfanne und er stöhnte leise, als der Schmerz kurzzeitig einen Höhepunkt erreichte, um danach wieder abzuflachen. 'Die Sehne zu reparieren wird wohl noch ein paar Minuten dauern.' schätzte er und stand mühsam auf, darauf bedacht sein Gewicht auf das linke Bein zu verlagern. Dun'var musterte ihn dabei fasziniert.
*Selbst mit solchen Verletzungen könnt ihr noch aufrecht stehen. Ihr seid wahrhaftig ein großer Jäger, Meister Miller. Ich würde euch zu gern einmal in die Augen sehen, wenn es euch genehm ist.* merkte der Drache beeindruckt an, doch John schüttelte entschuldigend den Kopf. Er hatte mittlerweile begriffen, was genau Schattenklaue wollte. „Das geht leider nicht solange meine Hände gefesselt sind." antwortete er, woraufhin Dun'var seinen Blick von ihm abwandte und etwas weit hinter dem Soldaten fixierte.
Kurz darauf konnte er laute, schnelle Schritte kommen hören und als er sich humpelnd umdrehte, sah er Alanna mit wehenden Haaren auf ihn zu rennen, ihr Gesicht strahlte große Besorgnis aus. Ein paar Meter dahinter schlich Berdon mit gezogenem Schwert und weichen Knien. Offensichtich hatten sie sich etwas zurückgezogen, um sicher zu sein. Schließlich kam die Elfe direkt vor John und dem Drachen zum Stehen und starrte ihn aus ihren unergründlichen grünen Augen an, als wäre er ein Geist. Die ersten Sonnenstrahlen tanzten über ihre Körper und hüllten die ganze Szenerie in ein gedämpftes Licht.
Dann berührte sie die Kette, welche um seine Handgelenke geschnürt war mit der linken Hand und murmelte einige Worte in der Alten Sprache. Der Titan stutzte, als die stählerne Fessel in der Mitte zersprang und damit begann sich wie eine Schlange um jeweils einen seiner Arme zu wickeln, sodass er nach ein paar Augenblicken seine Hände wieder frei bewegen konnte. 'Sie muss Dun'var ohne Vorbehalte vertrauen, wenn sie mir ohne zu zögern die Ketten auf seinen Wunsch hin abnimmt.' dachte John und ließ langsam seinen Arm gegen den Uhrzeigersinn kreisen, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung war.
Die Naniten hatten bereits begonnen, das beschädigte Gewebe zu reparieren, weswegen der leicht brennende Schmerz in ein warmes Kribbeln übergegangen war. Ganz im Gegensatz zu seinem rechten Fußgelenk, das sich so anfühlte, als würde er es in flüssige Lava halten. Aber diese Schmerzen waren geradezu lächerlich im Vergleich zu jenen, die er damals während der Experimente hatte durchleiden müssen. 'Ich riskiere besser nichts. Mit den Fußfesseln könnte ich Dun'var sowieso nicht entkommen, selbst wenn es mir gelänge die Elfe und den Hauptmann zu überrumpeln.' beschloss er und entriegelte seinen Helm. Ein leises Zischen durchbrach die momentane Stille, die zwischen ihnen herrschte und mit einem Klicken zog er sich vorsichtig den Helm vom Kopf.
Mit ausdrucksloser Miene wandte er sich dem großen Drachen zu, der seinen Schädel tief hinunter gebeugt hatte, wodurch sein großes blaues Auge nun direkt vor John schwebte und ihn eindringlich musterte. *Die Augen eines wahren Jägers. Eiskalt, unergründlich, einschüchternd. Ich könnte euch stundenlang anstarren und würde doch nichts über euch lernen.* knurrte Dun'var nach einigen Sekunden anerkennend und ging wieder auf Abstand. Dann fügte er hinzu: *Ich freue mich schon darauf, bei unserem nächsten Treffen gegen euch ohne Einschränkungen zu kämpfen. Ruht euch aus, heilt eure Wunden. Ihr habt noch einen langen Weg vor euch John Miller.*
Mit diesen Worten, wandte er sich von ihm ab und Alanna zu, die ebenfalls neugierig sein Gesicht begutachtet hatte. Ihre Reaktion fiel jedoch etwas anders aus, als die des Drachens. Sie wirkte –enttäuscht? Stumm beobachtete der Titan das stille Gespräch zwischen der Elfe und dem Drachen. Nach einigen Augenblicken legte sie ihm sanft die Hand auf die Schnauze, was von Schattenklaue mit einem leisen Brummen untermalt wurde. Dann trat Alanna ein paar Schritte zurück, sodass sie nun vor John und Berdon stand, der sich mittlerweile auch dazu gestellt hatte und sein Schwert einschüchternd vor den Titanen hielt, wohl um seine Anführerin vor einem Angriff zu schützen.
Der Soldat ignorierte diese Geste einfach und zog überrascht die Augenbrauen nach oben, als noch einmal Dun'vars Stimme in seinem Kopf ertönte. *Nur kurz nur unter uns beiden ehe ich es vergesse: Haltet Ausschau nach einer alten Frau und ihrer großen Katze. Ein Vöglein hat mir gezwitschert, dass sie hier in Gegend unterwegs sein sollen. Aber nun, gehabt euch wohl John Miller, ich freue mich bereits auf unser nächstes Treffen!* Mit diesen Worten, breitete der Drache seine riesigen Flügel aus und stieß sich schwerfällig vom Boden ab. Der starke Luftstrom, den seine Schwingen erzeugten, blies ihnen ins Gesicht, während Schattenklaue schnell an Höhe gewann. 'Eine alte Frau und eine Katze? Inwiefern sollte mich das interessieren?' überlegte John skeptisch und sah hinauf in den morgendlichen Himmel, wo er Dun'var entgegen des Sonnenaufgangs davonfliegen sah.
Ihr nächstes Treffen lag hoffentlich noch in weiter Ferne.
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[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die Drachenreiter
FanfictionDer Soldat John Miller findet sich nach einem schrecklichem Unfall an den Ufern eines ihm unbekannten Landes wieder. Schon sehr bald wird ihm bewusst, dass er sich nicht mehr in seiner eigenen Welt befindet. So also macht er sich auf den Weg, die Dr...
![[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die Drachenreiter](https://img.wattpad.com/cover/57579266-64-k536634.jpg)