Ruhe vor dem Sturm

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„Das wäre dann der letzte, Mark. Ich bin immer wieder davon fasziniert, wie schnell und gleichzeitig präzise du arbeiten kannst." merkte Sebastian beeindruckt an, während er seinen eigenen, matschbraun lackierten Atlas vor dem Ingenieur auf die große Werkbank legte, wobei er darauf achtete logischerweise den Rücken mit dem Fusionspack nach oben gedreht zu haben. Micheal nickte zustimmend, während Mark ein dumpfes Brummen ausstieß, ehe er sich daran machte, mit dem Spezialwerkzeug die gepanzerte Wartungsklappe des Reaktors zu öffnen. „Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn das einer von euch machen würde, hätte er mit Sicherheit schon das halbe Schiff verstrahlt, oder in die Luft gesprengt." erwiderte er mit konzentrierter Stimme, was Forke ein unwillkürliches Schmunzeln entlockte.

Damit hatte sein Bruder wohl recht, keiner von ihnen hätte es auch nur ansatzweise geschafft die Reaktorkerne aus den Anzügen zu entfernen, ohne dabei etwas falsch zu machen. Insbesondere nicht 14 mal in Folge. Sie befanden sich nach wie vor im Reaktorraum der Venator und der riesige Fusionsreaktor stand einige Schritte neben ihnen, praktisch mittig in der relativ großen Halle. Im Vergleich zu ihm, wirkten die gerade einmal faustgroßen Fusionskerne aus den Rüstungen winzig, die Duncan in einem strahlensicheren, stahlgrauen Container untergebracht hatte, der direkt neben der Werkbank stand. Ein kurzer Blick auf sein Tablet verriet Micheal, dass inzwischen schon die Morgenstunden angebrochen waren. Das überraschte ihn nicht sonderlich, immerhin war es eine unglaublich delikate und vor allem zeitaufwendige Arbeit die Kerne aus den Anzügen einzeln zu entfernen. Zumindest wenn man als Maßstab Marks sonstige Arbeitsgeschwindigkeit nahm. Allein zum Öffnen der hermetisch versiegelten Wartungsklappe benötigte der Ingenieur einige Minuten und erst dann kam der eigentlich schwere Teil, den Kern des Fusionsreaktors vom eigentlichen Reaktor zu trennen und auszubauen. Dabei hatte Duncan praktisch alles alleine durchgeführt, während die anderen nichts hatten tun können, außer die bereits entkernten Rüstungen feinsäuberlich zurück in den Repulsorkarren zu legen und ihrem Bruder bei der Arbeit zuzusehen.

Und auch nun beim letzten Atlas standen sie nur unnütz herum, während Marks Schrauberrei zusammen mit dem tiefen Brummen des Schiffsreaktors die einzige Geräuschquelle im ganzen Raum darstellte. „Ich bin nur froh, dass Aidan diesen Virus rechtzeitig entdeckt hat. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn nicht." bemerkte Sarah nachdenklich, wobei sie direkt neben dem Admiral stand und die Arme vor der Brust verschränkt hielt. Gleichzeitig lief ein farbiges Mosaikmuster aus tiefem blau, hellem gelb und kräftigem rot wellenartig über ihre Haut, was dafür sorgte, dass Forke seinen Blick sofort wieder von ihr abwandte, als er kurz hinübersah. Er wusste genau, was für eine Wirkung dieses Farbenspiel haben konnte, wenn man es ein paar Augenblicke zu lange betrachtete und für den Moment hatte er gerade kein großes Interesse daran quasi hypnotisiert zu werden. Es war eine nervige Eigenart von ihr beim Nachdenken ein solches Farbenspiel an den Tag zu legen, was schon mehr als einmal dafür gesorgt hatte, dass Micheal selbst, oder ein anderer Gesprächspartner sie auf einmal nur noch tranceartig anstarrte, bis sie ihren Fehler bemerkte.

Eine äußerst gefährliche, aber auch nützliche Fähigkeit.

„Da gibt es nichts groß drüber nachzudenken, Sarah. Es ist nicht passiert und wird nicht passieren, Ende der Geschichte. Hör lieber auf mit deiner Lichtershow, bevor Sebastian noch anfängt hier herumzusabbern." gab Mark ernst zurück und erst jetzt bemerkte der Admiral, dass Sebastian neben ihm ausversehen tatsächlich in ihren Bann geraten war. Sofort stoppten die farbigen Wellen auf Sarahs Haut und wichen binnen Millisekunden einer knallroten Färbung, ehe sie sich etwas kleinlaut entschuldigte: „Tut mir leid, Bastian. Du weißt ich mache das nicht mit Absicht." Dieser schüttelte kurz den Kopf und lächelte dann vergebend. „Das ist schon in Ordnung, es war meine eigene Schuld. Immerhin wissen wir ja alle über dich Bescheid." erwiderte er und Micheal nickte zustimmend, woraufhin sie wieder langsam eine normale menschliche Hautfarbe annahm.

Die nächsten Minuten verbrachten sie daraufhin wieder schweigend und sahen ihrem Bruder fasziniert zu, wie er nun zum letzten Mal die Wartungsklappe abmontierte und sich am runtergefahrenen Fusionskern des Atlas zu schaffen machte. Immer wieder wechselte er dabei das Werkzeug, löste hier eine Schraube, zog eine andere wieder fest, die er zuvor gelöst hatte. Handschuhe trug er dabei nicht, aus einem ganz gewissen Grund. Denn immer wieder hielt er mit dem Werkzeug kurz inne und fühlte mit der linken Hand über eine bestimmte Stelle. Ein Außenstehender hätte vielleicht vermutet, dass er nach einer Hitzequelle suchte, aber weitgefehlt. Vielmehr hielt er nach elektrischen Strömen Ausschau, die er mithilfe der abertausenden Elektrorezeptoren in seiner Hand erspüren konnte. Diese Rezeptoren stammten von seiner Darwin-Mutation des Schnabeltiers her und sie waren äußerst nützlich für einen Mechaniker wie Duncan, der ständig mit elektrischen Leitungen zu tun hatte.

Allerdings beschränkte sich diese Fähigkeit nicht nur auf künstliche Energieströme. Er konnte damit auch Muskelreize von lebenden Wesen ausmachen und das auf eine beeindruckende Distanz von bis zu zehn Metern außerhalb des Wassers. Für gewöhnlich funktionierten diese Rezeptoren nur im Wasser, oder bei hoher Feuchtigkeit, doch die Naniten hatte sie sohin gehend verbessert, dass diese Einschränkung nicht mehr ganz galt. Amanda hatte es ihm einmal versucht zu erklären wie, doch Micheal hatte es bis heute noch nicht ganz verstanden.
Jedenfalls nutzte er diese Fähigkeit häufig, um ihm verborgene Schaltkreise oder andere elektrische Leitungen aufzuspüren.

Trotzdem benötigte er knapp 20 Minuten, bis er endlich das Werkzeug aus der Hand legte und vorsichtig den Fusionskern aus Sebastians Atlas entfernte. Der Kern selbst besaß eine ellipsoide Form und war an den Seiten fein gerippt, doch ansonsten wirkte er wie eine gewöhnliche, kleine stahlgraue Metallkugel. Mit konzentriertem Blick und dem Fusionskern in der rechten Hand haltend trat der Ingenieur hinüber zum strahlensicheren Container, betätigte einen Knopf, sodass dieser unter Zischen eine kleine Klappe öffnete und ließ dann den Kern hineinrollen, ehe sie sich wieder schloss.

Dann klatschte er zufrieden in die Hände und meinte: „So, das wars. Jetzt müssen wir sie nur noch entsorgen. Am besten kommst du kurz mit und hilfst mir dabei Mike. Ihr anderen zwei könnt derweil ja die Anzüge zurück in den Hangar bringen. Ich schaue sie mir dann gleich komplett wartungstechnisch an, wenn ich schon dabei bin." erklärte er mit gewohnt fester Stimme und hoben ohne groß zu warten den Container mit den Kernen hoch, ehe er in Richtung des Schiffsreaktors davon stiefelte. „Oui, mon Général." erwiderte Sebastian mit seinem dicken französischen Akzent, während er gleichzeitig scherzhaft salutierte und danach gemeinsam mit Sarah, die nur zustimmend brummte, seinen Atlas packte. Diesen legten sie mehr oder minder behutsam auf den Repulsorkarren zu den anderen und begannen diesen aus der Reaktorkammer herauszuschieben.

Derweil ging Micheal hinter seinem Bruder her, der schließlich vor einem großen, stahlgrauen Kasten stehen blieb, der ungefähr auf Brusthöhe am Gehäuse des Schiffsreaktors angebracht war. Auf der Vorderseite dieses Anhängsels befand sich eine hermetisch versiegelte Klappe, neben der ein kleines Terminal samt Handabdruckscanner eingebaut war. „Na dann mach mal auf." bat Duncan Forke kurz darauf auffordernd und der Admiral tat wie ihm geheißen. Einen Scan und eine Zahlenkombinationseingabe später sprang die Signalleuchte im Terminal auf grün um und erlaubte es Micheal den Hebel zum entriegeln der Kammer zu betätigen. Zischend glitt die Klappe auf und offenbarte eine ungefähr waschzubergroße Wanne im Innern, die in einen Mechanismus integriert war, um Material in den Plasmaraum des Reaktors zu befördern, indem sich das mehrere Millionen Grad heiße Plasma aufhielt, das für die Kernfusion benötigt wurde. Extrem starke Magnetfelder hielten es dort in der Schwebe, da es sich sofort durch sämtliche Materialien hindurchbrennen würde, wenn es die Wände berühren könnte.

Während sie nun also damit anfingen, die Anzugskerne in ebenjene Wanne umzuschichten, fragte Mike nachdenklich: „Ist es wirklich nötig, sie zu zerstören?" Prompt bekam er seine Antwort in Form eines leisen, entnervten Stöhnens, ehe Mark antwortete: „Wir können sie nicht länger als vier Tage außerhalb ihres Reaktors aufbewahren Mike, das weiß du doch. Oder willst du etwa das komplette Schiff kontaminieren, wenn sie anfangen zu zerfallen? Im Schiffsreaktor dienen sie immerhin noch als zusätzlicher Brennstoff und sind wenigstens noch für etwas zu gebrauchen." „Ah, nein daran habe ich gerade gar nicht gedacht, entschuldige." erwiderte Forke einsichtig und sah kurz hinüber zu seinem Bruder, als dieser anmerkte: „Das wird echt ein Haufen Arbeit, wieder genügend Kernmaterial für alle Anzüge zu besorgen. Mal ganz davon abgesehen, wie lange ich brauchen werde, um sie zu bauen."

Allerdings wirkte er dabei keineswegs gestört, oder wirklich genervt und Micheal musste unwillkürlich schmunzeln. Er kannte Duncan genau und wusste, wie sehr der Ingenieur es genoss tagelang an der Werkbank zu stehen und nichts anderes zu tun, als zu arbeiten. Wenige Minuten und einen Knopfdruck später hatten sie die Kerne dann endlich in den größeren Reaktor der Venator entsorgt und machten sich gemeinsam zurück auf den Weg in Richtung Hangar.

Dabei sah Mike abermals auf sein Tablet, nur um festzustellen, dass sie mittlerweile schon nach sechs Uhr hatten.

Er horchte überrascht auf, als Mark, der neben ihm ging, in einem für ihn ungewohnt mitfühlenden Ton wissen wollte: „Wie geht es Amanda? Alles in Ordnung mit ihr und dem Baby?" Leicht überrumpelt sah der Admiral auf und sah seinen Bruder kurz verdutzt an, ehe er ruhig nickte. „Ihr geht es soweit gut und der kleinen auch. Alina hat mir mehrfach versichert, dass alles in bester Ordnung ist, von den Verbrennungen einmal abgesehen. Warum fragst du?" Der Ingenieur zuckte durchatmend mit den Schultern und dehnte ausgiebig seine Arme, indem er die Hände hinter dem Kopf faltete. „Nur so. Ich sehe sie halt sehr oft, wie sie unten bei Ileakri ist. Ich bekomme zwar durch meine Arbeit nicht alles mit, aber die beiden verstehen sich scheinbar echt gut. Ileakri hat sogar vorgestern einmal Mimiath angeknurrt und Amanda dicht an sich gepresst, als die Weiße mal kurz ihre Schnauze zu nah herangestreckt hat für ihren Geschmack. Scheint ihr wohl nicht vertrauenswürdig genug zu sein. Da musste ich schon ein wenig grinsen." erklärte er nun deutlich entspannter, als er die Stunden zuvor gewesen war und fügte nach kurzem Nachdenken hinzu: „Wenn sie erst einmal da ist, wird sich auf dem Schiff hier wohl einiges ändern, also deine Tochter natürlich."

„Mhm." brummte Forke zustimmend und unwillkürlich schweiften seine Gedanken in Richtung der bevorstehenden Geburt seiner Tochter ab. So viel Vorfreude hatte er nicht mehr verspürt, seit dem Tag, an dem er um Amandas Hand angehalten hatte.

Er schreckte daher abermals auf, als Duncan ihn wenige Minuten später kräftig gegen den linken Arm knuffte und etwas ernster meinte: „Was ist das für ein Aufstand da vorne? Wehe einer von denen hat an der Prothese herumgepfuscht." Micheals Blick folgte der ausgestreckten Hand seines Bruders, der auf die geöffnete Hangartür vor ihnen zeigte. Tatsächlich musste auch der Admiral leicht stutzen, als er sah, was Duncan meinte.

Im Hangar vor ihnen konnte er mehrere Personen erkennen, die sich alle vor Shad zu versammeln schienen. Praktisch alle Mitglieder der Titaneinheit, ausgenommen von Joseph und Benjamin stand dort herum, doch auch Professor Greenes und seine Frau Amanda hatten sich zu ihnen gesellt, obwohl die beiden eigentlich nichts von der Lagebesprechung wissen sollten, die er wegen ihrer Anzüge anberaumt hatte. Als letzes bemerkte er den Drachenreiter Trestol, der seine Nichte Misa dicht neben sich an der Hand führte und auch der Anfang von Mimiaths schneeweißer Schnauze war im Hintergrund zu erkennen.

Für einen Moment teilte Mike die Verwirrung von Mark, ehe er begriff, weswegen sich auch die anderen hier versammelt hatten. „Alina wollte heute den jungen Shad endlich aus dem künstlichen Koma aufwecken." erklärte er Duncan hastig, während sie beide ihren Schritt beschleunigten. Die Miene des Ingenieurs wurde angespannter. „Was? Schon so früh am Morgen? Ich bin noch nicht ganz mit der Prothese fertig! Da muss erst noch der Schutzlack drauf, bevor Ally überhaupt daran denken kann, sie anzulegen!" knurrte er und verfiel dabei wieder in seinen gewohnten Tonfall. „Nur die Ruhe Mark, das Aufwecken wird einige Stunden dauern schätze ich. Deswegen fängt sie so früh an." beruhigte der Admiral seinen Bruder und winkte seiner Frau lächelnd zu, als diese sie im Gang bemerkte und ihm eine freudestrahlendes Lächeln zuwarf.

Während er sich wenige Augenblicke später zu seiner Frau gesellte, die bei Kevin und Trestol stand, stiefelte Duncanc schnurgerade hinüber zu seiner Werkbank, um wohl letzte Hand an die Prothese zu legen.

Micheal gab Amanda einen liebvollen Kuss auf die Lippen, ehe er grüßend dem Reiter und seiner Nichte zunickte. Seine Heiterkeit bekam jedoch einen kleinen Dämpfer, als er bemerkte, dass Misas Augen offensichtlich immer noch verschlossen waren, da sie ein weißes Stofftuch über sie gebunden trug. „Einen guten Morgen wünsche ich euch Trestol und natürlich auch dir Misa." meinte er anschließend, woraufhin das Mädchen ihren Kopf in Richtung seines Gesichts wandte und ein freundliches Lächeln aufsetze. „Das wünsche ich euch auch, Herr Forke." erwiderte sie höflich, während ihr Onkel den Kopf neigend hinzufügte: „Dem schließe ich mich an." Ein lautes Summen aus dem Hintergrund verkündete auch Mimiaths Gutenmorgenwünsche und der Admiral schenkte auch der weißen Drachendame, die sich wenige Meter neben Shad niedergelassen hatte, ein respektvolles Nicken. Dann wandte er sich abermals Trestol zu. „Ihr konntet ihr also nicht helfen?" fragte er mitfühlend und spürte, wie Amandas Hand sich etwas fester um die seine schloss.

Mit trauriger Miene schüttelte der Reiter den Kopf und legte seine Hand behütend auf Misas Kopf. „Leider nein. Die Schäden an ihren Augen sind zu groß für meine mickrigen Heilkünste. Aber sobald Großmeister Eragon bei uns ankommt, wird er ihr sicher helfen können. Wenn nicht, werde ich schon einen Weg finden ihr Augenlicht wiederherzustellen. Ich meine einmal gelesen zu haben, dass die Elfen über derlei Fertigkeiten verfügen." erklärte er missmutig, aber auch gleichzeitig wieder Hoffnung schöpfend, bevor er hinüber zu Shad blickte, wo Alina schon eifrig dabei war, alles vorzubereiten. „Das ist gut zu hören, Trestol. Es ist wichtig, niemals die Hoffnung aufzugeben." entgegnete Micheal respektvoll und erntete ein zustimmendes Nicken seitens Kevin, der im Gegensatz zu allen anderen im Raum so dick angezogen war, dass man meinen könnte, es herrschten dutzende Grad Minus.
Er hatte jedoch keine Wahl, da er jeden Quadratmillimeter seiner Haut abdecken musste, um nicht Gefahr zu laufen, jemanden ausversehen zu vergiften. Einzig und allein der Kopf und sein Gesicht waren frei von Kleidungsstücken.

„Das stimmt, jetzt gilt es aber erst einmal dem jungen Shad zu helfen. Ich hoffe meine und Mimiath's Anwesenheit wird beruhigend auf ihn wirken, wenn er hier unter Fremden aufwacht." merkte Trestol bestimmt an, wohingegen Misa unwillkürlich ein Schauer über den Rücken lief, woraufhin sie sich etwas enger an ihren Onkel drückte. Mike machte ihr deswegen keinen Vorwurf. So wie er es mittlerweile von mehreren Augenzeugenberichten jener Nacht mitbekommen hatte, war es der rote Jungdrache selbst gewesen, der Misas Familie angegriffen und bei lebendigem Leib verbrannt hatte. Er war der Grund für ihre Blindheit und sie mochte ihn zwar nicht sehen können, aber der Admiral konnte sich nur zu gut vorstellen, was in ihrem Kopf vorging, auch wenn sie wusste, dass er es nicht aus freien Stücken getan hatte.

Kevin schien dies ebenfalls zu bemerken und griff geschwind in seine Hosentasche, wo er eine seiner Spezialbeeren hervorholte und sie freundlich schmunzelnd in Misas Hand legte. „Eine Kleinigkeit um dich abzulenken, meine Kleine. Steck es dir einfach in den Mund, du wirst sehen es schmeckt gut." erklärte er mit seiner basserfüllten Opernstimme und sie alle lächelten amüsiert, als sich die Mundwinkel des Mädchens nach oben zogen, nachdem sie die Beere in den Mund befördert hatte.

Anschließend wandte sich Pestoun Forke und Amanda zu. „Ich habe mit Alina besprochen ihn sehr langsam und behutsam aufzuwecken. Es wird einige Stunden dauern, bis er wieder völlig bei Bewusstsein ist." sagte er erklärend, woraufhin sie sich alle zu dem roten Drachen hin umwandten, wo Alina gerade eine kleine Ampulle aufzog und danach an den Infusionsschlauch anschloss.
Jetzt blieb ihnen allen nur das warten und die Hoffnung, dass alles glatt ablaufen würde.



Zur gleichen Zeit an Tymdeks Hort:

Shixin ließ seinen Blick langsam über den noch im Schatten liegenden Waldrand wandern, während er im Schneidersitz auf dem Plateau vor Tymdeks Höhle saß. Neben ihm glühten noch die Reste des nächtlichen Lagerfeuers und in seinem Schoß lag zusammengerollt der kleine türkisene Drache.

Das junge Drachenmädchen hatte die gesamte Nacht mit ihm hier draußen am Feuer verbracht und mit großen Augen und aufgestellten Ohren seinen Geschichten gelauscht, ehe sie der Schlaf übermannte. Der Titan musste wohlwollend Schmunzeln, als sein Blick auf das zusammengerollte Drachenküken in seinem Schoß fiel. Den Kopf hatte sie unter ihren kleinen Flügel geschoben und den Schwanz bis vor an den Kopf geschwungen. Ihre türkisenen Schuppen glitzerten wie Meerwasser im Licht der aufgehenden Sonne und ließen ein schönes Lichterspiel über die rote Panzerung seiner Arme gleiten. Ihre Flanke hob und senkte sich gleichmäßig, was ihm verriet, dass sie noch tief schlief und wollte sie jetzt nicht unnötig aufwecken, weswegen er einfach so sitzen blieb und ebenfalls die Augen schloss, um die Sonne etwas zu genießen.

Das Drachenmädchen schien ihn auf Anhieb ins Herz geschlossen zu haben. Seit ihrem zweiten Tag hier bei Lyath und Tymdek, hatte sie fast jede freie Minute bei ihm verbracht und folgte ihm auf Schritt und Tritt, wohin er auch ging. Shixin hatte dabei sehr schnell festgestellt, dass sie deutlich schwächer war, als ihre Geschwister, die den lieben langen Tag praktisch nur herumtollten. Zwar nicht so schwach, als dass es ihm oder ihren Eltern ernsthafte Sorgen bereiten würde, doch sie war viel, viel ruhiger, als die anderen. Er bezweifelte zwar, dass sie ihn wirklich verstand, aber scheinbar mochte sie es sehr seiner Stimme zu lauschen, weswegen er dazu übergangen war, sie wie eine richtige Gesprächspartnerin zu behandeln. Ihre Antwort bestand logischerweise dabei nur aus Fiepen und Gurren, doch seine Gesellschaft schien ihr zu helfen, da sie Tag für Tag fitter wirkte. Er hatte ihr sogar einen Namen gegeben, den sie offensichtlich sehr mochte, denn sie hatte fröhlich und aufgeregt gefiept, als er ihn das erste Mal erwähnt hatte.

Shuilian, was aus seiner Muttersprache stammte und so viel bedeutete wie „die noch Schlafende", was durchaus treffend für die Kleine war, wie der Titan fand. Insbesondere jetzt gerade.

Ihre traute Zweisamkeit wurde jedoch jäh unterbrochen, als Mathew laut gähnend und sich streckend aus der Höhle hinter ihm hervorgetrabt kam. Shixin warf ihm dafür einen ernsten Blick mit seinem rechten Auge zu, woraufhin sein Bruder das Drachenmädchen in seinem Schoß bemerkte und hastig den Mund schloss. „Oh, ich hatte sie gar nicht gesehen, sorry." flüsterte er entschuldigend und musste ebenfalls schmunzeln, als er die Kleine etwas länger betrachtete. „Sie sind wirklich zu niedlich, wenn sie so schlafen." bemerkte er mit immer noch gesenkter Stimme, worauf Zhou nur mit einem zustimmenden Nicken antwortete, um nicht noch mehr Lärm zu erzeugen.

Anschließend trat Mathew an ihnen vorbei und begann so leise wie möglich das Plateau hinunterzuklettern.
Shixin wusste genau wohin er wollte.

Erst vorletzte Nacht hatte sein Bruder Nachtwache geschoben und dabei eine Begegnung mit seinen Artgenossen gemacht. Oder vielmehr mit einer Artgenossin. Ein weiblicher Shrrg war offensichtlich ziellos mit einem einzelnen Jungtier in der Umgebung unterwegs gewesen und hatte den Wolfstitanen getroffen, als dieser gerade auf einem kleinen Patrouillenrundgang war. Er hatte erzählt, dass sie abgemagert ausgesehen hatte, mit zerzaustem, teilweise mit Blut verkrustetem Fell, die Augen voller Angst und Hilflosigkeit. Um das Junge hatte es nicht wesentlich besser gestanden. Gewaltsam ausgestoßen aus dem Rudel hatte das Weibchen offenbar versucht ihren Nachwuchs irgendwie alleine aufzuziehen, doch da Wölfe in der Regel mehr als ein Junges zu Welt brachten, sie aber nur noch mit einem einzigen Welpen unterwegs war, hatte sich der Titan an zwei Fingern abzählen können, was geschehen war. Ohne zu zögern hatte er die große Wölfin und ihr Jungen in eine etwas abseits gelegene Höhle geführt, wobei sie ihn dank seiner Wolfsmutation offensichtlich als Alpha akzeptierte. Er brachte ihnen Futter und Wasser und im Morgengrauen führte er ein längeres Gespräch mit Tymdek, der schließlich eher widerwillig versprach, die beiden vorerst in seinem Revier zu dulden, unter der Voraussetzung, dass Mathew dafür sorgte, dass sie sich nicht seiner Höhle und damit seinen Jungen näherte.

Shixin hatte keine Ahnung, wie sein Bruder es geschafft hatte, das der Wölfin klar zu machen, doch bisher hatte sie sich an diese Vereinbarung gehalten und war nicht näher als hundert Fuß zum Plateau gekommen. Er hatte sie bisher nur zweimal gesehen, doch sie machte auf ihn einen recht imposanten Anblick für einen abgemagerten Wolf. Sie war insgesamt gesehen deutlich größer als er oder Mathew, wobei ihr Kopf vermutlich knapp unter seinem Kinn saß von der Höhe her. Ihr Fell, nachdem Gilston sie gewaschen hatte, besaß eine dunkelgraue Farbe mit einem weißen Bereich auf ihrem Bauch und ihre Augen waren genauso bernsteinfarben wie die seines Bruders. Ihre Miene hatte bei ihren nur kurz andauernden Blickkontakten eine angespannte Ruhe und Vorsicht ausgestrahlt, was er aufgrund ihres Hintergrunds durchaus verstand.

Ein amüsiertes Lächeln stahl sich in sein Gesicht, als er daran dachte, was die anderen dazu sagen würden, wenn sie in Begleitung dieser Wölfin und ihres Welpen zum Schiff zurückkehrten.

Dann drehte er den Kopf halb nach hinten, als von dort schwere, den Boden erschütternde Schritte die Ankunft des gigantischen schwarzen Drachens ankündigten, der sich wenige Momente später aus dem Schatten der Höhle pellte. Auch er gähnte ausgiebig, wobei er dabei gleichzeitig ein tiefes Brummen ausstieß, dass Shixins ganzen Körper vibrieren ließ und das kleine Drachenmädchen in seinem Schoß aufschreckte. *Einen guten Morgen euch zwei.* wünschte ihm Tymdek freundlich und kam dabei mit seiner Schnauze soweit zu ihm herunter, dass er kurz seiner Tochter zärtlich über den Kopf schlecken konnte, den sie verschlafen unter ihrem Flügel hervorzog.

„Auch euch einen guten Morgen, mein Freund." erwiderte der Titan höflich und begann gleichzeitig das kleine Drachenmädchen am Hals zu kraulen, als diese genauso wie ihr Vater ausgiebig und in Begleitung eines leisen Gurrens gähnte. Dabei waren deutlich ihre winzigen, aber trotzdem rasiermesserscharfen Zähnchen deutlich zu sehen, mit denen sie prompt nach einem seiner gepanzerten Finger schnappte. Allerdings schien sie das eher instinktiv und noch halb schlaftrunken getan zu haben, denn schon im nächsten Moment fiepte sie erschrocken und ließ den Finger sofort wieder los, ehe sie entschuldigend zu Gurren anfing und über seine Hand schleckte.

Der Soldat fand das überaus rührend und tätschelte ihr aufmunternd den Kopf, während Dunkelschwinge ein tiefes Keckern ausstieß, das man schon halb mit einem Knurren verwechseln konnte. *Eines Tages wird sie noch euren Finger erwischen, Shixin. Ich habe damals dem Reiter meiner Mutter beinahe eine Zehe abgebissen, als ich noch jünger war.* grollte der Drache belustigt und breitete seine gewaltigen Schwingen aus, um sie wohl etwas zu dehnen. „Ich glaube da würde sich Shuilian vorher ihre kleinen Zähnchen ausbeißen, bevor das passiert." erwiderte Shixin und stimmte in das Lachen mit ein, während das türkisene Drachenmädchen lautstark auf seinem Schoß protestierte und ihm dabei auch kurz ihre kleinen Krallen in die Oberschenkel schlug, was dem Titan zumindest ein leichtes Keuchen entlockte. Beruhigend streichelte er ihr daher langsam über den Rücken und bekam als Antwort ein genießerisches Summen zu hören, als der Schmerz in seinen Beinen verebbte.

Kurz darauf wollte Tymdek neugierig wissen: *Shuilian, was bedeutet dieser Name eigentlich?* „Er bedeutet so viel wie ‚die noch Schlafende' oder aber ‚Seerose' je nachdem wie man es sieht." erklärte Zhou höflich, während der große Drache seiner Tochter einen liebevollen Blick zuwarf, als diese wieder genießerisch die Augen schloss. *Die noch Schlafende? Hhm, äußerst passend finde ich. Sie scheint wirklich einen Narren an euch gefressen zu haben Shixin.* brummte der Gigant anschließend und zwinkerte dem Titanen gutmütig zu, was dieser mit einem Nicken begegnete. „Das kann ich nicht abstreiten, ja."

Es vergingen ein paar weitere Augenblicke, in denen sie alle drei einfach nur die morgendliche Sonne genossen, bevor der schwarze Drache abermals seine Schwingen ausbreitete und mit neu gewonnenem Elan erklärte: *Ich werde heute auf die Jagd gehen, Shixin. Passt gut auf meine Familie auf!* „Das werde ich. Weidmannsheil! Möge die Sonne immer in deinem Rücken stehen!" entgegnete Shixin freundlich hob die Hand zum Gruß, als Tymdek sich mit einem mächtigen Satz vom Plateau abstieß und mit einigen kräftigen Flügelschlägen rasch an Höhe gewann. Shuilian fiepte aufgeregt in seinem Schoß und starrte ihrem Vater mit großen Augen nach, während dieser noch ein paar Mal über ihnen kreiste, ehe er ein lautes Brüllen ausstieß und dann hinter den dichten Baumkronen verschwand.

Der Titan atmete tief durch und blickte noch einmal in Richtung der aufgehenden Sonne. Heute Abend würde sein Vater zusammen mit den anderen und den Drachenreitern auf der Venator ankommen, zumindest hatte Jonas ihm das in ihrem gestrigen Gespräch gesagt. Er vermutete stark, dass John zumindest im Anschluss sobald wie möglich Tymdek und Lyath einen Besuch abstatten wollen würde, schon allein um ihnen zum nochmaligen Elternglück zu gratulieren.
Ein weiteres Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
Ja, dieser Tag würde wohl sehr viel Gutes bereithalten.

[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die DrachenreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt