Blutrot

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Neugierig musterte John das Schwert, welches aus der Kiste gefallen war und nun auf dem blanken Steinboden lag. Es war lang, relativ schmal, zweischneidig und in seinem Knauf, am Ende des Hefts saß ein großer geschliffener Edelstein. Im Gegensatz jedoch zur Klinge, die blutrot gefärbt war, hatte der Edelstein eine smaragdgrüne Farbe. Die Parierstange und das Heft waren, soweit er es beurteilen konnte, eher schlicht gehalten. Der Griff war mit dicken Lederstreifen umwickelt von denen er nicht einmal sagen konnte, ob sie auf irgendeine Weise mit dem darunter liegenden Metall verbunden waren und die Parierstange war im Grunde nur eine dünne Platte aus dem gleichen roten Metall wie die Klinge. Ihre Kanten waren noch nicht einmal abgeschliffen. John hatte nicht viel Ahnung von Schwertern, aber auf ihn machte es den Eindruck, als hätte sich jemand sehr viel Zeit genommen, die Klinge perfekt zu machen, nur um dann in aller Eile Parierstange und Heft anzufertigen, um rechtzeitig fertig zu werden.

Er räusperte sich, da auch Keno und Feyth wie gebannt auf das Schwert gestarrt hatten und fragte dann: „Ist das nun das Schwert, welches in den Runen erwähnt wurde? Wie war noch gleich sein Name, Undbitr?" Der Drachenreiter schüttelte heftig den Kopf. „Nein, auf keinen Fall. Undbitr war blau, genauso wie Broms Drache Saphira. Ich kenne den Namen dieses Schwertes nicht, ich habe es noch nie in meinem Leben gesehen. Allerdings hat es gewisse Ähnlichkeit mit anderen Drachenreiterschwertern. Auch wenn es ein paar Dinge gibt, die davon abweichen wie zum Beispiel die unterschiedliche Farbe von Edelstein und Klinge und der Griff, welcher äußerst schlampig fertiggestellt wurde. Zudem sieht es mir stark nach einem Zweihänder aus, was ziemlich ungewöhnlich für ein Reiterschwert wäre, da es sich mit solch einer Waffe nur schlecht auf dem Rücken eines Drachens kämpfen lässt." *Es wirkt bedrohlich.* meinte Feyth und gab ein leises Knurren von sich.

Keno griff nach der Waffe, um sie genauer betrachten zu können, doch als sich seine Finger um das Heft schlossen, stieß er einen überraschten Schrei aus und ließ das Schwert zurück auf den Boden fallen. „Was ist passiert?" wollte John angespannt wissen und der Junge hielt ihm erklärend die offene Handfläche entgegen. Ein blutender Schnitt zog sich quer über die gesamte Breite der Hand. „Ich habe mich an dem verdammten Ding geschnitten." zischte Keno, schloss die Augen und murmelte einige Worte, von denen John nur das Wort "letta" heraushören konnte, dessen Bedeutung er nicht kannte. Die Blutung stoppte und der Schnitt schloss sich wieder.

*Schwächlicher Idiot!*

„Hast du etwas gesagt Feyth?" *Was meinst du? Ich habe nicht einen Ton von mir gegeben.* meinte das Drachenmädchen und sah John verdutzt an. Der Soldat schüttelte verwirrt den Kopf. Er hätte schwören können gerade eben eine Stimme in seinem Kopf gehört zu haben. Den Gedanken als Hirngespinst abtuend, griff er nun seinerseits nach dem Schwert und hob es in die Höhe, um es zu begutachten. Ein stechender Schmerz durchdrang für einen kurzen Moment seine Hand und den gesamten Arm, nur um einen Augenblick später wieder zu verschwinden. Er war zu abgehärtet um sich Schmerzen äußerlich anmerken zu lassen, weswegen Feyth und Keno ihn nur fragend ansahen, als er das Schwert auf Augenhöhe hob. Erklärend meinte er: „Es hat auch mir einen kurzen Stich versetzt, als ich es aufgehoben habe. Was eigentlich nicht möglich sein sollte durch die Rüstung hindurch." *Vielleicht ist es verzaubert denjenigen zu verletzten, der es in die Hand nimmt?* schlug das Drachenmädchen vor und schnupperte an der Kiste herum, die nun aufgebrochen da lag. „Ich weiß es nicht. Solche Zauber sind für gewöhnlich schwer zu finden, da ihr Anwender sie meist gut versteckt." sagte der Drachenreiter nachdenklich und kratzte sich am Kinn. Da ertönte ein weiteres Mal die Stimme in Johns Kopf:

*Ihr seid mächtig. Blutbeschmierte Hände. Ich werde dienen.*

„Feyth, hör auf Späße mit mir zu treiben. Das ist nicht witzig!" meinte er verärgert, doch als der Soldat den kleinen Drachen ansah, blickte er nur in ein verwirrtes Gesicht. *Ich habe nichts getan John, ehrlich.* sagte sie und starrte ihn eindringlich an. Ungläubig wanderte sein Blick zurück auf das Schwert.

„Ich weiß das mag vielleicht etwas verrückt klingen, aber ich glaube, das Schwert spricht zu mir." sagte er langsam und hob die blutrote Waffe etwas weiter Weg von sich. „Was?" rief Keno überrascht aus und sprang auf die Beine. Auch Feyth schien schockiert. *Bist du dir sicher?* „Keine Ahnung, wenn es nur einmal passiert wäre, hätte ich es als Einbildung abgetan, aber zweimal in kurzer Zeit und mit der gleichen Stimme? Unwahrscheinlich." meinte er ernst und besah sich die Klinge genauer. „Ich kann niemand anderen außer uns Dreien hier spüren. Kannst du die Stimme genauer beschreiben?" fragte der Junge. Er konnte seine Aufgeregtheit kaum verbergen. John überlegte kurz bevor er antwortete: „Nun, sie war tief, rauchig und ziemlich direkt. Von der Stimmlage her, vergleichbar mit deinem Vater Feyth, nur sehr viel blutrünstiger." *Und da hast du mich mit in Verbindung gebracht?* Er zuckte entschuldigen mit den Schultern. „Ich weiß ja nicht zu was man alles in der Lage ist, wenn man in den Gedanken eines anderen eindringt. Du hättest deine Stimme verstellt haben können." *Schon gut. Aber Keno hat recht, ich kann auch keine andere Präsenz spüren außer ihm und dir. Wer oder was auch immer zu dir gesprochen hat, besitzt keinen eigenen Geist.* meinte sie und kostete mit ihrer Zunge die Luft. „Oder John erlaubt sich einen Spaß mit uns." vermutete Keno und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich habe seit über zweihundert Jahren keine Scherze mehr getrieben, Kleiner. Die Stimme war da, das bilde ich mir nicht ein." knurrte der Titan, woraufhin der Junge deutlich in sich zusammensank. „Was auch immer es war, es hat mit dieser Waffe hier zu tun. Die Stimme meinte etwas von Ich werde dienen." erklärte John, ließ dabei aber aus, dass die Stimme Keno einen Schwächling genannt und ihn als mächtig beschrieben hatte.

„Ich habe leider nicht den geringsten Schimmer, um was oder wen es sich handeln könnte. Falls jemand einen Geist oder eine andere Seele in den Smaragd gesperrt hätte, sollte ich deren Präsenz spüren können. Selbst wenn es aus irgendwelchen verrückten Gründen ein Eldunari sein sollte, müsste ich ihn spüren. Aber dort ist nichts, bis auf uns." „Eldunari?" fragte der Soldat und ließ das Schwert wieder sinken. Er versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was es damit auf sich hatte, doch an mehr als eine Verbindung zu den Drachen konnte er sich nicht erinnern. „Oh, nunja. Eigentlich darf ich es dir nicht verraten. Es ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse meines Ordens. Tut mir leid." sagte Keno entschuldigend und kratzte sich verlegen am Kopf.

„Na schön, wir haben also dieses Schwert gefunden, in einem Kästchen in dem sich eigentlich Undbitr befinden sollte, welches vor zwei Jahren verloren ging und offenbar in die Hände von Schmugglern gelangt ist. Es spricht zu mir und beeinflusst bestimmte Personen. Außerdem hat es einerseits Merkmale eines Reiterschwerts, andererseits jedoch auch nicht. Habe ich etwas vergessen?" zählte John auf und legte die rote Klinge wieder vor sich auf den kargen Felsboden. *Es klingt noch verrückter, wenn man es laut ausspricht, als wenn ich es mir nur denke.* murmelte Feyth und legte sich neben den Soldaten hin, den Blick auf das Schwert gerichtet. „Ich denke, das Beste wäre, es mitzunehmen. Meister Eragon sollte uns über alles aufklären können, sobald wir in der Festung sind. Immerhin ist es seine Kiste. Aber in der Tat kommt es mir äußerst verdächtig vor, nur fällt mir absolut kein Schwert ein, das auf diese Beschreibung passen würde." meinte Keno. John nickte. „Dem stimme ich zu. Euer Oberhaupt dürfte einiges zu erklären haben, denn, dass er ein ihm so wichtiges Schwert einfach so verliert, kannst du mir nicht weiß machen. Da steckt mehr dahinter."

„Wenn wir Glück haben, ist wirklich ein Zauber auf der Kiste gewesen, der Meister Eragon Bescheid gibt." „Wie lange würde er bis hierher brauchen?" „Ungefähr 3 Tage, kommt auf den Wind an." „Fliegend mit einem Drachen nehme ich an?" wollte der Titan wissen und der Junge nickte zustimmend. „Ja, sein Drache ist Meisterin Saphira." „Saphira. Hattest du nicht erwähnt, dass Broms Drache Saphira hieß? Handelt es sich hierbei um irgendeine Verwandtschaft?"

Keno holte gerade Luft um zu antworten, aber Feyth kam ihm zuvor: *Nein gibt es nicht. Die jetzige Saphira meinte einmal zu mir, sie habe sich ihren Namen nur ausgesucht, weil er schön klang. Sie wusste zu der Zeit nicht einmal, dass der Vater ihres Reiters ebenfalls ein Drachenreiter war und dessen Drache Saphira hieß.* „Ich verstehe." gab John zurück und langte dann nach ein paar der schwarzen Tücher, mit denen er Kenos Wunden verbunden hatte. Vorsichtig wickelte er das gesamte Schwert darin ein und stand auf.

„Es vergeht wohl kein Tag in diesem Land, an dem ich nicht mit etwas sonderbaren konfrontiert werde. Erst Sklavenhändler, die ein kleines Dorf überfallen, dann finde ich einen entführten Drachenreiter, kämpfe gegen einen Drachen, beginne meine Reise mit euch beiden und jetzt finden wir ein Schwert, das mehr Rätsel aufweist, als ich mir vorstellen kann. So viel habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt." sagte er laut, während er das eingepackte Schwert in den großen Lederbeutel schob und sich bereit machte aufzubrechen.

„Er hat gegen einen Drachen gekämpft? Ohne Magie, nur mit seinem Messer bewaffnet?" fragte Keno Feyth entgeistert und sie zwinkerte ihm zu. *Gegen meinen Vater, ja. Ich erzähle dir das unterwegs.* Mit einem Satz sprang sie auf Johns Rücken. *Es macht dir doch sicher nichts aus, mich zu tragen, oder? Ich bin noch etwas erschöpft vom Fliegen und vor allem durch den langen Marsch im Wald.* wollte sie neckisch wissen und der Soldat lachte laut. „Halte dich aber gut fest." An den jungen Drachenreiter gewandt meinte er: „Du hast doch nichts dagegen, wenn wir wieder aufbrechen? Ich würde gerne noch ein wenig Boden gut machen." „Nein, schon in Ordnung. Es wird mir bestimmt gut tun, meine müden Knochen wieder zu bewegen." entgegnete Keno und fügte dann etwas leiser hinzu: „Vielleicht vertreibe ich so meine Sorgen über Shad." Der Titan klopfte ihm sacht auf den Rücken. „Keine Sorge, ich bin mir sicher, dass dein Lehrmeister eine Möglichkeit kennt, Shad zu finden." Der Junge lächelte schief. Nebeneinander gehend, wanderten sie los in steileres Gelände.

Das fahle Mondlicht strahlte auf sie herab und erleuchtete den schmalen Weg, auf dem sie gingen und von dem sich John immer noch fragte, wie die Banditen es geschafft hatten ihm mit einer Kutsche zu folgen. Nur wenige Minuten, nachdem sie aufgebrochen waren, vernahm er Feyths rhythmischen Atem und hob das kleine Drachenmädchen nach vorn, damit sie nicht schlafend von seinem Rücken fiel. Während er sie so ruhig schlafend auf seinem Arm sah, musste er wieder an das Schwert denken.

Blutbeschmierte Hände.

'Damit hatte es auf jeden Fall recht.' dachte er sich, 'Nur, mächtig, bin ich in dieser Welt, voller Magie, Drachen und anderer mystischer Dinge, mit Sicherheit nicht.'



[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die DrachenreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt