Schlacht um die Drachenfestung - Teil 1

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„Zeit bis zum ersten Absprungpunkt: T minus fünf Minuten. Bereithalten für grünes Licht, Team Charlie." kam es über Funk von Robert nach hinten zu ihnen ins Truppenabteil, indem ein grelles weißes Licht herrschte, welches die gepanzerten Lichtröhren an den Wänden erzeugten.

John sah sich mit stoischer Entschlossenheit um.

Keiner von ihnen saß auf den, für längeren Flügen angebrachten, Sitzen.
Stattdessen hatten sich die Titanen und die Drachenreiter insgesamt in drei Gruppen aufgeteilt, die mehr oder weniger voneinander getrennt beisammen standen.

Zum einen gab es Team Charlie, bestehend aus Jonas, Sarah, Amber, Alina, Mark und Gerlinde. Sie waren das wohl am besten eingespielte Team unter den Titanen, da sie während des Weltkriegs fast ausnahmslos zusammen eingesetzt worden waren und Miller war sich ziemlich sicher, dass Jonas als erfahrener Anführer keinerlei Probleme haben würde, Gerlinde zu integrieren, auch wenn die doch eher zierliche Frau etwas verloren zwischen ihnen wirkte.

Als zweite Gruppe gab es Team Alpha, zu dem John selbst gehörte. Zusätzlich bestand es aus Steven, Shenmi, Julia, Micheal, Aidan und Eragon. Für gewöhnlich nahmen Kevin und Alex die Plätze ein, die nun er selbst und Forke füllten und auch das Kommando hatte Steven an seinen Vater abgegeben.

Als letztes blieb dann noch Team Bravo dessen Mitglieder aus Robert, Emily, Joseph, Benjamin, Chloe, Murtagh und Angela bestanden. Von diesen standen jedoch gerade nur Joseph und Emily bei Murtagh und der Kräuterhexe. Der Rest befand sich mit Holsted im Cockpit.

Im Kopf ging Miller rasch noch einmal den Plan durch, für den sie sich entschieden hatten. Team Charlie würde als erstes über der Stadt am Fuß des Drachenbergs abspringen und Drakenfort mit Hilfe der stationierten Stadtwache von jeglichen Angreifern säubern. Gleichzeitig würde Team Alpha, sein Team, direkt über dem großen Plateau vor der eigentlichen Festung abspringen und gemeinsam mit Eragon ins Innere vordringen. Abschließend würde Robert den Albatross in die Nisthöhlen über der Feste steuern und mit Team Bravo die Brutstätte der Drachen sichern. Soweit hatten sie den Plan zumindest in Ansätzen ausgearbeitet. Doch da sie kaum Hinweise auf die Truppenstärke der Schwarzen Rose besaßen, mussten sie auf alles vorbereitet sein. Insbesondere die Tatsache, dass Bloedhgarm ihnen gesagt hatte, dass sowohl Drachen aus Bralluth's Donner als auch Ra'zac samt Lethrblaka am Angriff beteiligt waren, machte die Sache extrem brisant. Weniger mit den insektenartigen Attentätern, die sie ohne Hintergedanken töten konnten, sondern vielmehr wegen den Drachen.

Es hatte darüber sogar eine kleine, aber hitzige Diskussion zwischen Jonas und Eragon gegeben. Der Drachenreiter wollte das Töten der Drache auf jeden Fall vermeiden. Nicht nur, weil es einfach Drachen waren, sondern da es bereits so viel zu wenige Weibchen gab und sie nicht ausschließen konnten, dass ein paar von ihnen am Kampf beteiligt waren. Jedes von ihnen wäre ein herber Rückschlag für die gesamte Drachenpopulation. John verstand die Sichtweise des Großmeisters sehr gut, schließlich ging es hier um die Existenz einer gesamten Spezies. Allerdings musste er sich auch hinter seinen Sohn stellen, der hart dagegenhielt, dass er es nicht einsehen würde, unschuldige Menschen sterben zu lassen, nur weil er einen Drachen vor seinem Anflug nicht abschießen durfte. Dabei schilderte er dem Schattentöter ausführlich, was für ein Gefühl es gewesen war, mit anzusehen, wie ein junges Mädchen vor seinen Augen von Shad verschlungen worden war, während andere Drachen das gesamte Dorf binnen weniger Minuten in Asche verwandelt hatten. Selbst Shenmi, von der Miller wusste, wie sehr sie Drachen liebte, hatte ihrem Bruder den Rücken gestärkt und nach einigem hin und her erreicht, dass die Titanen zwar Drachen vom Himmel holen durften, aber tödliche Gewalt nur in absoluten Notsituationen einsetzen sollten. Mehr hatte Jonas auch gar nicht gewollt, wie er danach zufrieden verkündete.

Nun machten sich er und sein Team bereit für ihren Absprung. Sie alle trugen inzwischen natürlich ihre Helme, sowie ein abgespecktes Jump-Pack auf ihrem Rücken. Es war bei weitem nicht so leistungsstark wie die Jump-Packs für den Atlas, da sie als Energiequelle nur einen integrierten Akku besaßen, doch da die HAX-Suits im Gegenzug deutlich leichter als der Atlas waren, reichte die Leistung vollkommen aus und herkömmlichen Fallschirmen waren sie immer noch um Lichtjahre überlegen. Ebenjenes Jump-Pack überprüften gerade die Titanen aus Team Charlie bei ihren Kameraden, wie es üblich war vor einem Absprung. Zusätzlich hatte ein jeder von ihnen zwei Waffen in den magnetischen Halterungen auf dem Rücken befestigt. Eine davon natürlich die Standardbewaffnung der kompletten Einheit, ihre altbewährte Maschinenkanone, doch bei der Zweitwaffe bevorzugte jeder etwas anderes.

John selbst zum Beispiel hatte sich für seine Sekundärbewaffnung für eines der Railgewehre, die sie ansonsten nur Railguns nannten, entschieden. Zwar schränkten die handballengroßen Batterien, die er alle zwei Magazine an der Waffe austauschen musste, ihren Gebrauch stark ein, aber diesen Nachteil machte sie durch ihre schiere Feuerrate und Durchschlag mehr als nur wett. Jonas im Gegenzug hatte sich für eine halbautomatische Schrotflinte als Zweitbewaffnung entschieden, was im engen Häuserkampf durchaus Sinn machte.

Zusätzlich zum üblichen Equipment trug Sarah eine Tragevorrichtung auf der Frontseite, in die sie gerade Gerlinde sicher eingurtete. Die Reiterin wirkte dabei äußerst verunsichert, tat jedoch alles, was ihr seine Tochter freundlich erklärte, die dabei halb in der Hocke saß. Wenige Augenblicke später saß Gerlinde fest in den Gurten und Sarah wandte kurz den Blick hinüber zu ihrem Vater, der ihr wiederum ernst zunickte. Nun würde es jeden Augenblick losgehen. Keine Sekunde später trat Jonas mit dem kompletten Team Charlie an ihnen vorbei zur Ladeluke und positionierte sich direkt beim Hebel der für den Mechanismus der Klappe zuständig war. „Wir bleiben über Funk in Kontakt und melden uns, sobald die Stadt gesichert ist." meinte er über den gesicherten Kanal ihrer Funkgräte und sowohl Robert, als auch John selbst, die beiden Anführer der anderen Teams bestätigten seine Aussage mit dem typischen grünen Lämpchen im HUD, welches für einen Moment aufleuchtete. „Roger. Hals- und Beinbruch Mädels!" gab Steven zurück, wobei es diesmal nicht wirklich scherzhaft, sondern eher anspornend gemeint war.

Miller, der natürlich wusste, was nun folgen würde, wies Murtagh, Eragon und Angela eiligst an, sich gut festzuhalten, denn im nächsten Moment betätigte Milten den Hebel. Knarzend schwang die Luke nach hinten auf und ließ die tosenden Windböen ins Innere krachen, ebenso wie die dröhnenden Triebwerke. Ein kurzer Blick nach draußen verriet John dreierlei Dinge. Erstens war das Wetter einigermaßen gut und der Himmel war fast vollkommen klar. Zweitens bemerkte er an den vereinzelt vorbeiziehenden Wolken, dass Robert bereits ihre Geschwindigkeit drastisch reduziert hatte. Das hatte nichts damit zu tun, dass die Titanen nicht bei hohen Geschwindigkeiten abspringen konnten, aber es machte die Koordination in der Luft um einiges einfacher, wenn die einzelnen Teammitglieder nicht knapp einen halben Kilometer auseinanderflogen, nachdem sie nacheinander aus dem Flieger absprangen. Und drittens konnte er auf Grund der wenigen kleinen Wölkchen ihre ungefähre Flughöhe erahnen. 'Wir müssten auf knapp 5.000 Meter sein.' stellte er in Gedanken fest, was auch nur Sinn ergab. Schließlich lag die Festung der Reiter auch auf etwas über 4.000 Meter, wodurch Holsted beide Absprünge in einem Anflug erledigen konnte. Seine Augen wanderten hinauf auf die kleine, rechteckige Lampe, die zum jetzigen Zeitpunkt noch rot leuchtete. „Möge das Glück euch hold sein, meine Freunde! Gerlinde, denke an was wir besprochen haben! Sobald ihr in Drakenfort gelandet seid, müsst ihr unverzüglich Hauptmann Gervon aufsuchen! Er und die Stadtwache werden eure Hilfe gut gebrauchen können!" rief der Großmeister über den hereindringenden Lärm hinweg. „Das werde ich, Ebrithil!" gab Gerlinde ebenso laut zurück, bevor erneut Roberts Stimme aus den Lautsprechern drang:

„Erreichen den ersten Absprungpunkt in T minus 30 Sekunden, bereithalten für grünes Licht!"

„Auf geht's, auf geht's! Eine Reihe bilden! Mark Position Eins, Sarah mit Gerlinde an Position Zwei, Amber Position Drei, Alina Position Vier, ich übernehme Fünf." bellte daraufhin Jonas befehlsgewohnt und binnen Sekunden nahmen die Teammitglieder ihre Positionen. Unweigerlich musste John zurückdenken an ihren ersten gemeinsamen Drop im Training, wie unorganisiert sie damals gewesen waren. Kein Vergleich mehr mit dem hier und jetzt. „Viel Erfolg Jonas!" rief er seinem Sohn ernst zu, der ihm einen Daumen-hoch als Antwort gab und dann den Kopf gen dem roten Lämpchen anhob. Wenige Sekunden später sprang dieses von rot auf grün um und Milten begann daraufhin heftig mit dem Arm in Richtung Ausstieg zu gestikulieren.
„Los, los, los!" brüllte er und nacheinander liefen seine Teammitglieder zackig hin zur Luke.

Einer nach dem anderen machte den Sprung, bis es an Jonas Reihe war, der dann ebenfalls hinterher sprintete und dann hinaussprang. Doch in dem Moment, als sein Sohn aus dem Sichtfeld verschwand, entdeckte Miller zwei riesige Schemen, die sich dem Albatross rasch näherten. Die rote Schuppenfarbe des einen schlug ihm durch die Drachenaugen fast so heftig entgegen, dass er meinen könnte, eine zweite Sonne wäre aufgegangen. Dagegen wirkte das dunkle Braun des anderen schon fast unscheinbar.

„Incoming! Zwei Drachen auf sechs Uhr, Robert! Greifen uns scheinbar im Sturzflug an!" rief er todernst durch den Funk und schlagartig schnellten alle Köpfe im Truppenabteil zur Luke hinaus. Ein doppelstimmiges, lautes Brüllen schlug ihnen von den riesigen Echsen entgegen und Micheal neben ihm fluchte unwillkürlich. „Roger, ich sehe sie. Alle Mann festhalten!" kam es von Robert über die Bordlautsprecher zurück, woraufhin alle Titanen und Drachenreiter samt Angela sich an die nächstgelegene Stange klammerten. „Sind das verbündete Drachen?" wollte Julia lautstark von Murtagh und Eragon wissen, die beide angestrengt zum Ausstieg hinausspähten, während Holsted den Albatross wieder beschleunigte. Wenige Momente später schüttelte der rotgerüstete Reiter hastig den Kopf und erwiderte über den tosenden Lärm hinweg: „Nein! Es sind keine der unseren!"

„Verfluchte Scheiße! Die sind nicht hinter uns her, sondern hinter Team Charlie!" brüllte Steven angespannt, der am nächsten an der Luke stand. Ein Blick genügte John um zu sehen, was er meinte. Tatsächlich schienen die beiden Drachen keinerlei Interesse an ihnen zu haben. Stattdessen schossen sie mit angelegten Flügeln schnurstracks weiter hinunter und drohten gleich aus seinem Sichtfeld zu verschwinden. Sein erster Gedanke war es, das Feuer auf die Drachen zu eröffnen, doch das verdrängte er sogleich wieder. Die Geschütze des Albatross würden die beiden ohne Zweifel sofort töten und sie von Joseph und Julia beschießen zu lassen, war nicht minder riskant. Die beiden waren zwar jeder für ausgezeichnete Scharfschützen, aber selbst für sie wäre solch ein nicht tödlicher Schuss bei diesen Bedingungen extrem riskant. Bei solchen Distanzen reichte es schon um nur einen Millimeter zu verwackeln, um ein völlig anderes Körperareal als angezielt zu erwischen. Das alles ging er in sekundenbruchteilen im Kopf durch, bevor er sich schnell entschloss erst einmal Jonas Bescheid zu geben.

Sofort öffnete er einen Funkkanal zu seinem Sohn und erklärte eindringlich: „Ihr habt Verfolger in eurem Rücken, Jonas! Zwei Drachen auf sechs Uhr, im Sturzflug. Sie werden euch gleich einholen." Praktisch ohne Verzögerung kam ein grünes Bestätigungslicht von Milten zurück, gefolgt von einem knappen: „Verstanden."

„Könnt ihr sie außer Gefecht setzen? Im freien Fall wird es heftig für Team Charlie sie abzuwehren." fragte Micheal daraufhin in Richtung von Murtagh und Eragon. Johns Gesicht wurde noch faltiger, als der Großmeister mit missmutiger Miene den Kopf schüttelte. „Nicht wirklich, vor allem könnte es schiefgehen, falls ein Magier sie mit Schutzzaubern belegt hat. Und ich will es nicht riskieren ausversehen unsere Kameraden mit einem abgelenkten Effekt zu treffen." erklärte der Reiter ernst. Das hatte der Colonel vermutet, auch wenn er gehofft hatte, eines anderen belehrt zu werden. Allerdings hob er eine Augenbraue, als zu Forke hinüberblickte, der seinerseits den Blick auf Aidan gerichtet hatte. Die KI schwebte knapp neben seinem Kopf und beobachtete die Situation soweit stillschweigend, da der Admiral ihr quasi den Mund verboten hatte. „Ich habe eine Idee. Aidan, aktiviere Notfall-Direktive Alpha 5, Authentifizierungscode 'Forke-Omega'." meinte er nach einigen Augenblicken, woraufhin Aidan zu neuem Leben erwachte. Seine Farbe änderte sich von blau zu rot, doch diesmal blieb er bei dieser für Miller sehr hervorstechenden Farbe. „Stimmabgleich bestätigt, Autorisierung akzeptiert. Aktiviere Notfall-Direktive Alpha 5, fahre Waffensysteme hoch." plapperte die KI munter und tatsächlich konnte der Colonel erkennen, wie sich eine kleine, kreisrunde Öffnung innerhalb des Roboterauges öffnete. „Wie lauten ihre Befehle Admiral?" wollte Aidan dann wissen und Micheal deutete zur Luke hinaus. „Setz die beiden Drachen mit nichttödlicher Gewalt außer Gefecht Aidan. Danach treff uns auf dem Plateau vor der Reiterfeste." befahl er. „Zu Befehl, Sir." erwiderte die KI und sauste mit unglaublicher Geschwindigkeit aus dem Albatross, sodass er binnen eines Wimpernschlags aus ihrem Sichtfeld verschwand.

„Was für eine Bewaffnung hast du Aidan eingebaut, Micheal?" fragte John skeptisch, während er hinüber zu Eragon ging, um den Drachenreiter in die Tragevorrichtung zu gurten. Immerhin war ihr Absprungpunkt der nächste und nur noch wenige Augenblicke entfernt. „Nichts Großes. Das schwerste ist wohl der Laser. Ansonsten hat er noch einen Schallemitter, den er hoffentlich gegen die Drachen einsetzen wird. Keine Sorge, es sind nur sehr laute Töne, extrem unangenehm für alles mit guten Ohren." erklärte der Admiral, wobei er den letzten Teil noch schnell hinzufügte, als ihm Angela einen skeptischen Blick zuwarf. Ein lautes Kreischen, das von außen zu ihnen ins Innere drang, ließ ihn jedoch abrupt verstummen und Miller konnte gerade noch so den Schattentöter packen und sich an einer Stange festhalten, als Robert den Albatross heftig nach links warf. Ein metallisches Kreischen kratzte gleichzeitig über die gepanzerte Außenhaut des Fliegers und keine Sekunde später eröffneten mindestens zwei der Zwillings-Gatlingtürme das Feuer. Es klang wie ein mehrstimmiges, verstärktes Dröhnen einer Motorsäge, gefolgt von einem weiteren lauten Kreischen.

„Irgendetwas Großes, Unsichtbares ist unsere Seite gekracht, Benjamin hat es erledigt, was auch immer es war. Alles in Ordnung dahinten?" kam es sofort von Robert besorgt über die Lautsprecher zu hören, als sich alle wieder etwas sammelten. „Alles okay hier hinten." gab ihm Joseph als Antwort zurück, doch Johns Augen verengten sich, als er ein metallisches Klacken auf der Außenhaut hören konnte. Es klang beinahe wie Schritte. „Das kann kein Drache gewesen sein. Der Schrei klang vielmehr nach einem Lehtrblaka." bemerkte Murtagh ernst und Angela stimmte ihm nickend zu. „Dieses abscheuliche Kreischen würde ich überall wiedererkennen."

Doch der Colonel beachtete die beiden gar nicht, sondern lauschte auf das Geräusch, das langsam über ihre Köpfe hinweg schritt und hinüber zur Ausstiegsluke tangierte. Dann folgte ein weiteres metallisches Kratzen unmittelbar vor Steven, direkt auf der Luke, das alle Anwesenden sofort hinüber schrecken ließ. Instinktiv legte Miller seine Waffe auf den offensichtlich unsichtbaren Widersacher vor ihnen an, genauso wie Julia, Shenmi und Steven. „Feuer!" bellte er energisch und sofort durchsiebten dutzende 30 Millimeter Kugeln, sowohl aus ihren Maschinenkanonen, als auch aus Stearns bewehrtem Gau-30, das scheinbare Nichts auf der Luke. John war jedoch nicht überrascht, als die Kugeln plötzlich auf einen Widerstand stießen, den sie wie Konfetti in blutige Fetzen zerrissen. Im selben Moment, als das der Todesschrei des Ra'zacs vor ihnen ertönte erlosch der Unsichtbarkeits-Zauber auf ihm, sodass blaugrünes Blut über das halbe Deck spritzte. Durch die schiere kinetische Wucht der Feuersalve katapultierte es die matschigen Überreste des Wesens im hohen Bogen aus dem Albatross. Lediglich einige Fetzen blutgetränkten, schwarzen Stoffs und die Blutspritzer selbst blieben als Zeugen des Angreifers vorhanden.

„Barzûln! Bei Morgothals verbanntem Bart, was für teuflische Waffen führt ihr da mit euch, John? Solch einen Radau und Schweinerei habe ich nicht mehr erlebt, seit ich dem Donner Drachen begegnet bin!" fluchte die Kräuterhexe lautstark, wobei sie sich unwillkürlich die Ohren zugehalten hatte, genauso wie Eragon und Murtagh, wobei die beiden Drachenreiter eher erschüttert, oder sogar schockiert wirkten. Jedoch eher weniger über ihre Waffen, sondern vielmehr wegen des Angreifers. „Verfluchter Mist, Bruder! Sie haben einen Weg gefunden die Ra'zac wahrhaftig unaufspürbar zu machen!" knurrte der rotgerüstete Reiter sichtlich erbost und der Großmeister pflichtete ihm mit einem grimmigen Nicken bei. „Wir müssen auf der Hut sein! Ein Glück, dass Meister Miller solch gute Reflexe besitzt. Nicht auszudenken, was ein, fürs Auge unsichtbarer, Ra'zac auf solch engem Raum hätte anrichten können." meinte Eragon, während die Titanen wieder ihre Waffen auf dem Rücken sicherten. „Wir dürfen uns nicht auf Glück verlassen, Großmeister." erwiderte Miller nüchtern und begann erneut damit den Drachenreiter in die Tragevorrichtung ein zuschnallen, denn wie erwartet drang erneut Holsteds Stimme aus den Lautsprechern: „Nähern uns dem zweiten Absprungpunkt in T minus zwei Minuten. Wir haben einigen Verkehr hier oben! LZ ist ebenfalls hart umkämpft! Festhalten, das wird ein harter Absprung!"

Wie aufs Stichwort ertönte von draußen ein lautes, schmerzerfülltes Brüllen, das John ohne Zweifel einem Drachen zuordnen konnte. Und ohne große Pause stimmten plötzlich noch mehr Drachen in diese Schlachtgeheul mit ein. Es war wie eine Kakofonie aus Brüllen, Fauchen, Knurren, Kreischen und sogar gelegentlichen Schreien von Zweibeinern, die über die tosenden Luftströme hinweg ins Innere drangen. Aus den Augenwinkeln erhaschte der Colonel einen kurzen Blick auf ein vorbeihuschendes Paar Drachen, die ineinander verkeilt waren und scheinbar nach dem Hals des jeweils anderen schnappten. Ihre Farben stachen durch seine Drachenaugen deutlich hervor. Ein Matschbrauner und ein Himmelblauer. „Los, Aufstellung Titanen! Wie viele Ziele in der Luft und am Boden Robert?" bellte er daraufhin zackig und stellte sich selbst neben Steven auf, der sich mit der rechten Hand an einer der Stangen festhielt und nach draußen ins Freie blickte, wo nun zwei Drachen und eines der Lehthrblaka miteinander ringend an ihnen vorbeitrudelten. Bunte Flammen schossen als lange Strahlen durch den Himmel. „In der Luft 12. Auf dem Plateau mindestens 40, ich kann es nicht genau erkennen, weil sich ihre Signaturen überlappen. Sie stehen teilweise verstreut und andererseits geballt. Es gibt keine freie Landezone." antwortete der Pilot knapp und warf den Albatross heftig nach rechts, sodass sich alle eiligst festklammern mussten. „Verstanden. Kannst du uns wenigstens eine kleine LZ clearen?" entgegnete Miller nachdenklich, doch Robert verneinte. „Negativ, dort unten gibt es einen größeren Kampfherd. Ein Strafing-Run würde eventuelle Verbündete mittreffen. Ihr müsst euch den Weg selbst freischießen."

„Verbündete? Kannst du erkennen wer es ist?" fragte der Titan, während er ein letztes Mal den Sitz seines Jump-Packs überprüfte. Er konnte spüren, wie Holsted den Flieger leicht nach rechts neigte, wohl um besser hinunter aufs Plateau blicken zu können, das sie ohne Zweifel gerade umkreisten. Der Pilot klang etwas verblüfft, als er antwortete: „Positiv. Wenn ich mich nicht täusche ist das Filia, die zusammen mit einem silbernen Drachen gegen einen roten und einen hellblauen Drachen samt einem Lehtrblaka ankämpft. Ihr Reiter Pelendol und ein weiterer Verbündeter werden ebenfalls heftig bedrängt. Sie brauchen dringend Unterstützung! Ich ziehe jetzt den Albatross drüber, bereithalten für grünes Licht!" „Roger." gab John knapp zurück und dachte innerlich: 'Sie müssen versucht haben, die Angreifer von der Feste fernzuhalten. Sehr gut.'

Gleichzeitig schnellte sein Blick hoch zur Lampe, die noch für einige Atemzüge rot aufleuchtete, ehe sie in ein grelles Grün überging.

„Go, go, go!" schrie Steven und winkte sie alle energisch hinaus. Miller, mit Eragon, war der erste in der Reihe und rannte gekonnt auf den Ausstieg zu, von dessen Kante er sich kräftig abstieß. Das erste, was er draußen im freien Fall bemerkte, war, dass der Himmel um ihn herum regelrecht brannte. Von überall um ihn und den Großmeister herum stoben heiße Drachenflammen umher, begleitet von wütendem Brüllen. Sofort legte er die Arme eng an den Körper, streckte die Beine durch und positionierte seinen Kopf schräg nach unten, sodass das Duo wie ein Pfeil auf das ihm bereits bekannte Felsplateau zuschoss, welches noch gute 800 Meter unter ihnen lag. Mit einem schnellen Blick verschaffte er sich dank seiner Drachenaugen einen Überblick über die Situation.

Am Fuß der großen Treppe, die hinauf zur Feste führte hatten sich knapp zehn Soldaten in hintereinander versetzte Fünferreihen aufgestellt. Sie trugen allesamt schwere, silbergraue Plattenrüstungen, die in der Sonne glänzten. Ihre Waffen bestanden aus schweren Armbrüsten, die sie im Volleyfeuer einsetzten, sodass ein steter Strom aus Bolzen auf Filia und ihren silbernen Artgenossen einprasselten. Die beiden wiederum waren in einen harten Kampf gegen zwei weitere Drachen, einem zinnoberrotem und einem himmelblauen, verstrickt, die ihnen in Sachen Größe und Masse in nichts nachstanden, beziehungsweise sogar teilweise kräftiger wirkten. Noch dazu kam der abscheuliche Lehtrblaka, der fast schon grotesk neben den farbenprächtigen Feuerechsen wirkte. Alle fünf trugen bereits schwere Kratz- und Bisswunden am Körper, wobei es besonders den Silbernen und den Roten mitgenommen hatte. Zum Glück schienen jedoch die beiden Drachenreiter, die ein paar Meter weiter um ihr Leben kämpften, noch Schutzzauber um ihre Seelengefährten gewoben zu haben, denn die Bolzen der Armbrustschützen zischten wirkungslos an den Drachen vorbei, wie von einem unsichtbarem Kraftfeld abgelenkt.

Dann betrachtete der Colonel die Situation der beiden Reiter genauer.

Einen der beiden konnte er zweifellos als Pelendol identifizieren, der mit gezogenem Schwert und Schild in den Händen gleich mehrere Angreifer abwehrte. Diese Soldaten trugen ebenfalls dieselbe schwere, silbergraue Plattenrüstung und dazu entweder eine lange Pieke oder eine Hellebarde, mit denen sie sowohl die Drachen, als auch die Reiter auf Distanzen halten konnten. Ihre Anzahl war unmöglich zu schätzen auf die Schnelle, aber jetzt da er durch den freien Fall schon deutlich näher gekommen war, konnte er auch ihre Helme besser einsehen, die in ihrer Form einer Wolfsfratze glichen und einen grauen Helmbusch als eine Art Mähne besaßen. Der zweite Reiter kämpfte Rücken an Rücken mit seinem Kameraden und war offensichtlich ein Zwerg, was John ohne Probleme an seiner kleinen, aber stämmigen Statur erkannte. Er trug nicht wie Pelendol eine gefärbte, verstärkte Lederrüstung, sondern ein mit goldenen Stickereien verzierten, schwarzen Waffenrock, unter dem er ein silbernes Kettenhemd trug, dessen einzelne Glieder in der Sonne glitzerten. Nur die Schultern und Oberarme waren zusätzlich noch mit einer Art Plattenrüstung versehen. Auf dem Kopf hatte er einen Helm, der den Titanen an einen antiken Brillenhelm erinnerte, aber auch seine Waffe war untypisch. Er hielt kein Schwert, sondern einen zweihändigen Kriegshammer in Händen, dessen hölzerner Schaft mit Stahlstreben beschlagen war. Offensichtlich war der Zwerg ein erfahrener Kämpfer, der nur zu gut wusste, dass ihm seine geringe Größe einen Nachteil einbrachte, den er versuchte mit einer Waffe mit größerer Reichweite und Durchschlagskraft wieder auszugleichen.

Doch obwohl die beiden Reiter scheinbar keine großen Probleme hatten, sich gegen die Waffen ihrer Gegner zu wehren, entging es Miller nicht, dass es ihnen nicht gelang große Konter zu setzen. Die schwergerüstete Soldaten, von denen er unmöglich sagen konnte, ob es nun Menschen, Elfen oder Urgals waren, waren keine Anfänger und wussten ihre Waffen perfekt einzusetzen, um die zweifellos schlagkräftigeren Drachenreiter auf Distanz zu halten.

Der Colonel wusste sofort, was es als erstes zu tun galt und aktivierte den Funkkanal seines Teams. „Sichert nach der Landung sofort eine Schutzzone um die verbündeten Drachen und Reiter! Haltet den Reitern die Soldaten vom Leib, damit sie sich um die feindlichen Drachen kümmern können! Julia, dein Ziel sind die Armbrustschütz an der Treppe!" bellte er befehlsgewohnt, woraufhin sofort vier Bestätigungslämpchen in seinem HUD aufploppten.
Da meldete sich plötzlich Eragon zu Wort, der logischerweise ebenfalls einen Ohrstecker besaß, um ihnen zuhören zu können.

„Das kann nicht sein! Das sind die 'Grauen Wölfe' dort unten!"
„Ihr kennt diese Soldaten?" fragte John knapp.
„Ja! Es sind Söldner, ich kenne ihren Anführer schon sehr lange! Wir haben öfters zusammengearbeitet, er würde so etwas niemals freiwillig tun!"
„Ihr glaubt, sie wurden mit Magie gezwungen?"
„Ja!"

Blitzschnell analysierte Miller diese neuen Informationen. Es ergab Sinn, immerhin hatte die Schwarze Rose solche Magie schon bei Drachen angewandt, warum nicht bei Zweibeinern? Und wenn es Eragon gelingen würde, sie von diesem Zauber zu befreien, hätten sie einen relativ großen Trupp aus schlagkräftigen Verbündeten gewonnen. Wie ein Adler auf Beutezug schossen seine Augen umher, bis er erblickte, was er suchte. Dort, nur wenige Schritte hinter dem Kampfgetümmel stand ohne Zweifel der Anführer, der sich durch eine schwarze Mähne und einem silbergrauen Umhang von den normalen Soldaten unterschied. Neben ihm standen noch vier weitere Personen. Eine Frau in grünen Gewändern, die direkt links neben ihm stand und einen langen, verschnörkelten Ast in den Händen hielt und dahinter zwei Männer in schwarzen Roben, dessen kahle Köpfe regelrecht in der Sonne glänzten. Und als letztes noch ein Ra'zac, dessen leicht bucklige Gestalt und die tief ins Gesicht gezogene Kapuze es dem Titanen leicht machte ihn zu identifizieren.

„Okay, neuer Plan! Julia, Mike, ihr kümmert euch um den Lehtrblaka. Shenmi, du hilfst den beiden Reitern, versuch die Soldaten nicht zu töten. Steven, du kommst mit mir und Eragon, wir schnappen uns die Magier der Schwarzen Rose! Los, los, los!" brüllte er daraufhin seinen neu geformten Plan in den Funk und erhielt wieder prompt vier grüne Bestätigungslämpchen. Sofort korrigierte er seinen Anflug mit den Manövrierdüsen des Jump-Packs, sodass er nun auf einen Punkt neben dem Anführer zuschoss. Aus dem Augenwinkeln bemerkte er, wie Steven neben ihm dasselbe tat.

Und das gerade noch rechtzeitig, denn langsam ging ihnen die Zeit aus.

Im letzten möglichen Augenblick schwang John seinen Körper samt Eragon herum und betätigte das Jump-Pack mit voller Schubleistung, sodass er ruckartig in der Luft abbremste. Es war ein heftiger Stoß, der ihn deshalb durchzuckte, doch er steckte ihn einfach weg, als er krachend auf dem kiesbedeckten Boden aufschlug, keine zehn Meter von der Gruppe des Anführers entfernt. Neben ihm tat es einen weiteren Schlag, als Coule landete. Kleine Kiesel spritzten wie Wasser umher und prallten von seiner grüngesprenkelten HAX-Rüstung hab, während er geschickt zwei Gurte betätigte und damit den Großmeister aus seinen Gurten zu Boden gleiten ließ. Dessen Beine zitterten kurz, als er unten aufkam, der Körper wohl voller Adrenalin, doch er schien sich schnell wieder zu fangen und zog geschwind seine blaue Klinge aus der Scheide an seinem Gürtel. John selbst nahm auch rasch die Railgun aus der Halterung an seinem Rücken und aktivierte sie per Knopfdruck. Sofort begannen die Elektromagneten im Innern der Waffe zu Summen. Neben sich hörte das charakteristische „Tsch-tschk" von Stevens Pump-Action Schrotflinte und im Hintergrund das laute Kreischen des Lehtrblakas.

„Los, jetzt wo sie noch verwirrt sind! Steven übernimm den Ra'zac, ich lenke den Anführer und die Frau ab! Eragon, ihr wisst selbst am besten was zu tun ist!" rief der Colonel daraufhin anspornend und setzte bereits zum Sprint auf die überrumpelte Gruppe an. „Mit Vergnügen." kam es knurrend von seinem Sohn zurück, der nun ebenfalls wie ein Nashorn auf seinen Widersacher zustürmte. „Natürlich!" erwiderte der Schattentöter angestrengt, während auch er, mit fast katzengleicher Eleganz auf die beiden schwarzgekleideten Magier zusprang, in dessen Augen John nun Panik erblicken konnte.

Gekonnt feuerte er aus dem Lauf einen gezielten Feuerstoß von drei Schuss auf einen der beiden Männer ab, doch zu seinem Unmut sah er mit an, wie die mehreren Kilometer pro Sekunde schnellen Geschosse von einer unsichtbaren Macht abgelenkt wurden und wirkungslos hinter dem Magier in den Kies schlugen. Angestrengt biss er die Kiefer aufeinander und feuerte drei weitere Feuerstöße auf den Mann ab. Aber alle neun Kugeln verfehlten ihr Ziel. Es wirkte fast so, als würde eine unsichtbare Macht den Kugeln nicht 'erlauben' zu treffen, denn er konnte deutlich sehen, dass die Geschoss nicht einfach aufgehalten wurden, oder abprallten. Es wirkte vielmehr so, als würden sie ihr Ziel 'umfließen'. Dennoch zuckte der Magier bei jedem Feuerstoß zusammen, was John zeigte, dass seine Kugeln doch zumindest irgendetwas bewirken mussten.

Mit einer schnellen Fingerbewegung stellt er den Feuermodus der Railgun auf Full-Auto und betätigte erneut den Abzug, mit der Absicht, das komplette Magazin in den Bastard zu entleeren. Mit einer Kakofonie aus dutzenden, praktisch gleichzeitig erklingenden Peitschenknallen, entleerten sich die restlichen 48 Schuss, des 60 Schuss Magazins binnen etwas über einer einzelnen Sekunde. Und endlich erreichte er die gewünschte Wirkung. Der Mann schrie wie ein abgestochenes Schwein, als einige der letzten Schüsse seine Schutzzauber überwanden und so mehrere 12,7 Millimeter Kugeln seinen Körper wie warme Butter durchsiebten. Blut spritzte auf und er fiel mit einem röchelnden Gurgeln zu Boden, wo sich rasch eine riesige Blutlache unter ihm bildete.

Viel weiter konnte Miller jedoch nicht mehr den Blick abgewandt halten, denn nun hatte er den Anführer und die Frau vor ihm erreicht. Die beiden waren in etwa gleichgroß, aber trotzdem fast einen Meter kleiner als der Titan, was ihm natürlich einen enormen Vorteil verschaffte. Er ließ die nun leergeschossene Waffe fallen, schließlich wollte er diese zwei nur beschäftigen und nicht töten. Der gerüstete Mann hatte inzwischen seine eigene Hellebarde in die Hände genommen und die Spitze direkt John gerichtet, sodass dieser sich rasch zur Seite weghechten musste, um sich nicht selbst an der Waffe aufzuspießen. Er glaubte zwar nicht, dass die stählerne Hellebarde seine Rüstung hätte durchdringen können, aber da er es hier unter anderem mit Magiern zu tun hatte, wollt er kein Risiko eingehen, um seine Theorie zu testen. Stattdessen rappelte er sich rasch wieder auf und packte flink den Schaft der Waffe mit seiner linken Hand, da der Söldner zu behäbig war, sie wegzuziehen. Anschließend entriss er sie ihm mit leichter Gewalt. Immerhin wusste er nun, dass sein Gegenüber kein Elf sein konnte, was die Angelegenheit um einiges erleichterte.

Doch er wurde wortwörtlich auf dem falschen Fuß erwischt, als die Frau neben dem Soldaten ihren verschnörkelten Ast, den er nun als feinverzierten Stab erkannte, auf den Boden stieß und etwas in einer fremden Sprache rief. Wie aus dem nichts riss der Felsboden unter seinem rechten Fuß einfach auf und rutschte unwillkürlich in den entstandenen Riss, wo sich sein Stiefel unglücklich im Gestein verkeilte. Neben sich vernahm er ein wütendes Zischen, gefolgt von mehreren Schüssen aus einer Schrotflinte, während der Mann vor ihm flink ein Schwert von seiner Hüfte zog und auf ihn einschlug. Mühelos blockte der den Schlag mit der entrissenen Hellebarde und fokussierte für einen kurzen Moment das Gesicht der Magierin.

Sie hatte rabenschwarzes, armlanges Haar, das ihr über die Schultern und den Rücken fiel und eine sehr helle Hautfarbe, doch was ihm besonders auffiel, waren ihre Augen. Sie wirkten milchig trüb, als wären sie von etwas nebligem verschleiert. Selbst für dieses Land war das doch etwas zu unnatürlich und er schloss daraus, dass Magie im Spiel sein musste. 'Eragon hatte recht.' dachte er angestrengt, während er mühsam versuchte seinen Fuß aus der kleinen Felsspalte zu befreien.

Dabei wehrte er gleichzeitig einige weitere Schwerthiebe des Anführers ab und merkte zu spät, dass dies nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war. Denn in der Zwischenzeit hatte die Frau eine Handvoll kleiner Wurfmesser aus der Tasche an ihrer Hüfte geholt, die sie scheinbar allesamt willkürlich in die Luft geworfen hatte. Doch nebenbei begann sie einen weiteren Zauber zu sprechen, denn die Wurfmesser blieben in der Luft schweben, begann sich um die eigene Achse zu drehen und schossen dann wie Pistolenkugeln auf ihn zu. Durch seinen eingeklemmten Fuß war ein Sprung zur Seite unmöglich, weswegen er sich nur hastig nach hinten wegduckte, um zumindest zu versuchen auszuweichen. Doch die kleinen Klingen waren wie Lenkgeschosse und änderten einfach ihre Flugbahn, sodass sie ihn einen Moment später erwischten. Zum Glück prallten die meisten einfach an der dicken Brustplatte des HAX-Suits ab, doch zwei der Wurfmesser fanden ihren Weg in die 'weiche' Panzerung seiner rechten Achsel und dem linken Ellbogengelenk. Obwohl der HAX eigentlich solchen mickrigen Waffen trotzen sollte, musste Miller schmerzerfüllt knurren, als die magiegetränkten Klingen die Rüstung mühelos durchdrangen und sich in seine Haut bohrten. Nicht wirklich tief, aber es reichte zumindest für einen kleinen Schnitt.

Nun sah der gerüstete Mann seine Chance und machte einen Satz auf ihn zu, während er das Schwert zum Stoß nach vorne stieß. Doch John ließ sich nicht zweimal überrumpeln. Er ließ die Hellebarde fallen und packte stattdessen mit der rechten Hand die auf ihn zukommende Klinge in einem schraubstockartigen Griff. Glücklicherweise schien seine Waffe keine rüstungsdurchdringende Magie zu besitzen, denn er konnte sie problemlos aufhalten, ohne dass sie in seine dick gepanzerten Handschuhe schnitt.

Gleichzeitig hörte er im Hintergrund ein überraschtes Kreischen, welches rasch verstummte und blickte automatisch hinüber zur Frau, wo er sah, dass Steven sie vorsichtig von hinten gepackt hatte und ihr die Hand vor den Mund hielt, um sie davon abzuhalten, weitere Zauber zu wirken. Im nächsten Moment sprang Eragon ihm ebenfalls zu Hilfe. Der Drachenreiter schlug mit der flachen Seite seines, mit blutbeschmiertem, blauen Schwerts hart auf die Führungshand, was einen metallischen Gong erzeugte und der Mann kurz aufschreiend die Waffe fallen ließ. „Beruhigt euch, alter Freund! Lasst mich den Nebel aus eurem Geist verjagen!" meinte der Großmeister daraufhin ernst und legte rasch die linke Hand auf die Wolfsfratze des Helms. Dabei begann er zeitgleich irgendwelche Wörter zu murmeln, denen der Colonel keine Bedeutung zuordnen konnte. Doch was immer er tat, es wirkte. Sofort als die Hand seinen Helm berührte erstarrte der Anführer wie zur Salzsäule. Dann plötzlich erhob sich Eragons Stimme zu einem lauten Ruf, der über das gesamte Plateau hinweg schallte. Das Ganze dauerte einige Augenblicke lang an, ehe der Reiter wieder verstummte, der Mann vor ihm plötzlich ein leises Stöhnen ausstieß und sich wie schlaftrunken an die Schläfe fasste. Der Großmeister zog seine Hand wieder zurück und gebot mit einem Nicken Steven die Frau wieder freizugeben, die sich ebenfalls erschöpft an die Stirn langte und dabei leicht den Kopf schüttelte.

„Was war das für ein schrecklicher Albtraum? Als wäre ich aus einem langen Schlaf erwacht. Meister Eragon? Seid ihr das?" murmelte der Söldner verwirrt und öffnete dabei das Visier, wodurch er den Blick auf seine hellblauen Augen und das hartgesottene Gesicht freigab. Der Mann musste schon viel in seinem Leben durchgemacht haben, dachte sich John, während er sich mühsam aus der Felsspalte befreite und dann nacheinander die kleinen Wurfmesser herauszog. Dabei fiel ihm auf durch einen kurzen Seitenblick zum eigentlichen Kampfplatz auf, dass die Soldaten sich ebenfalls verwirrt an die Schläfen fassten und keinerlei Anstalten machten, Shenmi oder die beiden Drachenreiter anzugreifen. Lediglich die vier Drachen bekämpften sich noch verbittert im Hintergrund und Julia und Micheal standen etwas abseits neben dem blutigem Leichnam des Lehtrblakas, dem ein großer Teil des Kopfes fehlte, wie Miller auf die Schnelle feststellen konnte. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Situation vor ihm, wo Eragon dem Mann freundschaftlich die Hand auf die Schulter legte und sagte: „Es ist schön zu sehen, dass ihr wieder ihr selbst seid, Freki. Und natürlich auch ihr, Muninn."

Die Frau richtete sich wieder auf und neigte dann respektvoll den Kopf in Richtung des Drachenreiters, bevor sie erwiderte: „Habt vielen Dank, Schattentöter. Zu lange schon hielt uns dieser Nebel gefangen." Ihre Stimme klang äußerst jung und charmant, aber gleichzeitig hatte sie einen gewissen erfahrenen Unterton. Tatsächlich hatte sich der Nebel aus ihren Augen verzogen, wodurch der Titan nun ihre seltsamen pechschwarzen Augen bemerkte. „Viel zu lange! Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn ihr uns nicht befreit hättet, Meister Drachenreiter." stimmte der Mann namens Freki knurrend zu und nickte dankbar. Ehe sie ihre Unterhaltung jedoch fortsetzen konnten, ertönte ein durchdringendes, schmerzerfülltes Gebrüll von dem silbernen Drachen, als der Rote ihm so heftig ins rechte Hinterbein biss, dass das Blut geradezu hervor spritzte. „Bei Wotan! Ich denke wir sollten unsere Unterhaltung fürs erste verschieben, alter Freund! Lasst uns zeigen, dass die Grauen Wölfe nie eine Schuld vergessen!" rief der Anführer energisch und erhob wenige Augenblicke erneut die Stimme, doch diesmal in einer Sprache, die Miller sehr an die alten skandinavischen Sprachen erinnerte.

Alle der gut und gern 40 Soldaten wandten sich zu ihm um, während Freki seine kurze, aber offenbar emotionale Rede quasi brüllte und anschließend sein Schwert in den Himmel stieß, das er zuvor rasch vom Boden aufgehoben hatte. Als Antwort stießen die Männer vor ihm selbst energisch ihre Waffen in die Höhe, während ein einstimmiges „A-uh, A-uh, Ah-uh!" von ihnen herüber schlug. Dann bellte ihnen ihr Anführer offenbar Befehle zu, denn keinen Moment später eilten sie im Laufschritt hinüber zu den kämpfenden Drachen, wo es Filia mittlerweile gelungen war, ihren Kameraden von dem Roten zu trennen.
Dabei stellte John beeindruckt fest, dass die Söldner keinerlei Angst zu haben schienen, sich erwachsenen Drachen entgegenzuwerfen.

Schnell eilten, er, Steven, Eragon und die beiden Söldneranführer hinter ihnen her und sammelten unterwegs, Shenmi, Pelendol und den zwergischen Reiter auf, der sich rasch als Hagrind vorstellte, auf. Um sie herum hatten ein paar tote Soldaten gelegen, doch weder Freki noch sonst irgendwer achtete jetzt darauf. Stattdessen bemerkte John, wie die Armbrustschützen ihre Position an der Treppe aufgaben und so schnell sie konnten zu ihnen spurteten. Erst als sie näher kamen, erkannte Miller überrascht, dass es sich um Kull handeln musste, denn sie waren praktisch so groß wie die Titanen selbst. Zudem sah er beeindruckt zu, wie die schwergerüsteten Soldaten es mit ihren Pieken und Hellebarden schafften, Filia und den stark verwundeten Silbernen von den anderen beiden Drachen zu trennen. Dabei hatten sie zwar durch Prankenhiebe eine Handvoll Männer einbüßen müssen, doch der Flammenatem, den die wütenden Echsen auf sie herab branden ließen, floss harmlos links und rechts an ihnen vorbei, wobei John aus dem Augenwinkel bemerkte, wie Muninns Stab leicht bläulich aufzuleuchten schien.

Er war schon dabei den Mund zu öffnen, um Eragon zu fragen, wie er gedachte die Drachen kampfunfähig zu machen, als Freki erneut ihm unverständliche Befehle bellte und daraufhin die Armbrustschützen nach vorn traten. Sie bildeten diesmal zwei Fünfergruppen, von denen sich eine in etwas Abstand neben dem roten und die andere neben dem blauen Drachen positionierte. Dann griffen sie nach einer schweren, stählernen Kette, die scheinbar aufgerollt am Gürtel hing und Millers Augen verengten sich, als er bemerkte, um was es sich dabei handelte.

'Drachenketten.' stellte er in Gedanken fest und sah zu, wie die Kull das eine Ende der Kette, an welchem eine Art Enterhaken befestigt war, in die überschwere Armbrust einlegten, die ein normaler Mensch wohl nicht einmal hätte anheben können, ehe sie das zweite Ende mit einem stählernen Pflock in den Kies und den Fels darunter rammten. Anschließend legten sie an, sodass sie in einem leichten Bogen über den jeweiligen Drachen hinweg schießen würden. Es folgte ein weiteres gebrülltes Kommando von Freki, woraufhin zunächst die Kulls beim himmelblauen Drachen die magischen Ketten abschossen. Gleichzeitig rannten die anderen Soldaten, die die Flugechse bisher unter Kontrolle gehalten hatten, beiseite und gaben so den Blick frei, auf das Schauspiel, das nun bevorstand. Neben ihm erhob plötzlich Muninn ihre Stimme zu einem Zauberspruch, noch während die Ketten in der Luft waren.

Wie Schlangen begannen sich die Drachenketten um den Rumpf, Flügel, Hals, Beine und Schwanz zu winden und nahem dabei anscheinend auf unnatürliche Weise an Länge zu. Die Echse versuchte sich fauchend dagegen aufzubäumen, doch die Ketten wanden sich erbarmungslos weiter um seinen Körper. Mit jedem Zentimeter, den sie mehr umspannten, wurde die Gegenwehr schwächer und schwächer, bis der Himmelblaue schließlich stillschweigend einknickte und reglos auf dem Boden liegen blieb. Nur seine Augen huschten noch wütend umher und seine Flanke hob und senkte sich heftig von der verstärkten Atmung. Die Runen auf der Kette leuchteten für einen Moment auf, erst dann beendete die Magierin ihren Zauber.

Freki gab ihr einige Momente Ruhe, in denen der rote Drache, erbost über die Gefangennahme seines Kameraden, wütend um sich schlug und einen weiteren unglücklichen Soldaten erwischte, wobei ein zweiter Glück hatte, dass Julia ihn noch rechtzeitig beiseite ziehen konnte. Dann bellte der Hauptmann erneut den gleichen Befehl, die Kull feuerten die Drachenketten auf den Roten und Muninn erhob wieder ihren magischen Gesang. Diesmal ging das Ganze sogar noch etwas schneller, da der Drache schon derart von seinen zahlreichen Verletzungen geschwächt war, dass er praktisch von selbst fast zusammenklappte. Nur eine Minute später verebbte der Gesang der Magierin wieder und Jubel brach unter den Söldnern aus.

Selbst Steven bemerkte beeindruckt: „Sehr geschmeidig. Und praktisch." Freki drehte sich wieder zu Eragon um, während Pelendol und Hagrind schnellstens zu ihren Drachen eilten und meinte mit einem selbstbewusstem Lächeln: „Die Grauen Wölfe stehen wieder zu eurer Verfügung, Schattentöter. Aber jetzt erzählt mir erst einmal, was genau hier vor sich geht und vor allem, wer eure – großen – Freund hier sind." Dabei warf er insbesondere dem Colonel einen musternden Blick zu, wohingegen der Titan ihm seinerseits ein respektvolles Nicken zukommen ließ.

Diese Söldner würden wahrhaftig gute Verbündete für die bevorstehende Erstürmung der Burg sein.

[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die DrachenreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt