*Das ist nicht fair! Du bist viel stärker als ich!* grummelte Feyth beleidigt und kletterte an Johns Arm hinunter, den der Titan mitsamt dem kleinen Drachenmädchen hoch über seinen Kopf gehoben hatte. „Ich hatte dich gewarnt, aber du warst diejenige, die darauf bestanden hat." verteidigte er sich schmunzelnd und streichelte ihr aufmunternd über den Kopf. Der kleine Drach knurrte beleidigt, genoss jedoch trotzdem seine sanfte Berührung.
Alanna saß ihnen nach wie vor gegenüber, ebenso wie Keno, und beobachtete lächelnd die spielerischen Wettkämpfe der beiden, mit denen sie sich die letzte Viertelstunde vergnügt hatten. Das Ganze war Feyths Kopf entsprungen und entgegen ihrer selbstsicheren Annahme war sie bis auf einen einzigen Wettstreit gegen den Titanen untergegangen. Zuletzt gerade hatte sie versucht Johns rechte Hand zu Boden zu drücken, was dieser einige Minuten lang spaßeshalber immer wieder fast zuließ, bis er schließlich entschied dem Unsinn ein Ende zu setzten und seinen Arm anhob.
Nun saß der kleine Drache schmollend auf seinem Schoß und er seufzte aufgebend. „Sieh es positiv Kleine, den Wettbewerb im Geräusche erkennen hast du klar gewonnen. Deine Stärken liegen eben nicht in körperlicher Kraft." Sie schnaubte genervt. *Mag sein, trotzdem ist es ziemlich ernüchternd, wenn du mich nicht einmal ernst nehmen musst.* Ihre Augen verengten sich, als sie den Colonel angestrengt anfunkelte. Nach ein paar Augenblicken meinte sie dann: *Lass uns noch einen Wettkampf machen.* Der Titan nickte zustimmend. „In Ordnung, aber danach ist Schluss, sonst verkochen uns noch die Kartoffeln." Er lächelte freundlich und kraulte ihr das Kinn, was dem Drachenmädchen ein genüssliches Schnurren entlockte.
„Solche Gebärden werdet ihr noch öfters erdulden müssen, John-Vodhr. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Nirlath sich immer mit den anderen Jungdrachen gemessen hat. Das liegt ihnen im Blut." erklärte Alanna erheitert, hob einen abgebrochenen Ast vom Boden auf und begann etwas in die feuchte Erde zu zeichnen. „Oh, ich habe schon weitaus Schlimmeres überstanden und ein bisschen Kampfgeist hat noch nie jemandem geschadet." erwiderte John und rührte mit den Fingern seiner linken Hand die kochenden Kartoffeln um.
Keno, der bisher still neben der Elfe gesessen und ins Feuer gestarrt hatte, horchte auf. „Nirlath? War das der Name eures Drachens, Ebrithil?" fragte er mit gesenkter, trauriger Stimme. Die Drachenreiterin warf ihm einen aufmunternden Blick zu und neigte leicht den Kopf. „In der Tat, Keno-Finiarel, Nirlath Sonnenschimmer. Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du dieses Geheimnis für dich behalten könntest. Es gibt gute Gründe weshalb ich nie mit euch Schülern darüber gesprochen habe." entgegnete sie freundlich und doch gleichzeitig streng. Der Junge nickte nachdenklich. „Das werde ich."
Diese drei Worte, so unbedeutend sie auch klingen mochten, ließen beim Colonel sämtliche Alarmglocken läuten. Es war nicht ihre eigentliche Bedeutung, die den Soldaten beunruhigten, sondern wie Keno sie ausgesprochen hatte. Todernst. 'Dem Jungen scheint wohl langsam klar zu werden, was Alanna getan und wem er Shads Schicksal mit zu verdanken hat. Nicht gut. Streit ist jetzt das Letzte was ich gebrauchen kann.' dachte er und machte sich gedanklich schon bereit, zwischen die beiden zu springen.
Zu seiner Verwunderung, kam die Elfe ihm allerdings zuvor, indem sie ruhig sagte: „Ich weiß, worüber du nachdenkst, junger Schüler, aber ich versichere dir, dass ich nicht mit deiner und Shads Entführung zu tun hatte. Vielmehr habe ich meinem Meister widersprochen, als er diesen Plan unserem Anführer vorschlug." Sie zog den linken Panzerhandschuh von ihren Fingern und zeigte dem Drachenreiter ihre Handfläche. Entsetzten breitete sich in dessen Gesicht aus. „Das ist – " stammelte er und starrte schockiert auf die entblößte Hand.
John richtete sich zu seiner vollen Größe auf, um auch einen Blick zu erhaschen. Er hatte schon während seiner kurzen Zeit in Gefangenschaft gesehen, dass Alanna eine Art Symbol auf der Handinnenseite trug, doch nun konnte er es im flackernden Licht des Feuers besser erkennen. Das Symbol glich entfernt einem Oval, auch wenn seine Kurven an den jeweiligen Kanten eher spitz zuliefen und schimmerte leicht silbrig. Dies war jedoch nicht der Grund für Kenos entsetzten Blick. Die Augen des Titanen verengten sich, als er eine weitere Markierung über dem Symbol bemerkte. Es sah aus wie eine seltsame Rune, die jemand mit einem scharfen Messer in das Fleisch der Elfe geritzt hatte und das ansonsten makellose silberne Zeichen verunstaltete.
Feyth, die von Natur aus neugierig war, kletterte flink auf seine rechte Schulter, um ebenfalls auf die Hand schauen zu können und stieß ein ersticktes Quieken aus, als sie die roten Narben entdeckte.
Alanna schloss für einen kurzen Moment die Augen. „Das war die Bestrafung, die ich für meinen Einwand bekam. Eine mit schwarzer Magie verfluchte Wunde, die mich durch den immer wiederkehrenden Schmerz daran erinnern soll, wem meine Loyalität zu gelten hat." erklärte sie und der Colonel mahlte mit den Zähnen, behielt seine Gedanken allerdings für sich. Der junge Drachenreiter hingegen betrachtete mit betroffenem Gesicht seine rechte Hand, auf der John das gleiche silbrige Symbol erkennen konnte. „Verzeiht bitte meine unangebrachte Gedanken, Ebrithil. Ich hätte es besser wissen müssen, schließlich habt ihr den gleichen Verlust durchgemacht, wie ich." murmelte er traurig und beschämt zugleich. Aufmunternd legte ihm die Elfe ihre linke Hand auf die Schulter und meinte: „Ihr tut gut daran, über meine Taten zu urteilen, Keno-Finiarel, denn sie sind zahlreich und schrecklich. Aber sei nicht ohne Hoffnung! Sobald Meister Eragon den Schwur von mir genommen hat, wird es mir möglich sein, ihm und dir zu sagen, wo die Schwarze Rose Shad gefangen hält. Was ich dir allerdings jetzt schon sagen kann ist, dass dein Drache wohlauf ist und ihm kein Leid angetan wurde."
Sie beließ es jedoch nicht dabei, sondern redete weiter in der alten Sprache. Danach zog sie ihre Hand zurück und schenkte dem Burschen ein warmes Lächeln. Das schien zumindest kurz zu helfen, auch wenn der Titan erneut nichts von dieser fremden Sprache verstanden hatte. Kenos Züge hellten sich wieder ein wenig auf und er schniefte laut, wobei er sich mit dem Ärmel seines Hemds die Tränen von den Wangen wischte. „Danke, Ebrithil, das bedeutet mir wirklich viel. Es ist nur – er fehlt mir so sehr. Als hätte man einen Teil meiner Seele abgeschnitten und in einen dunklen Raum geworfen, der keine Fenster hat. Ich fühle mich – leer." krächzte er und verbarg sein Gesicht in den Händen, während weitere Tränen sich in seinen Augen sammelten.
John überlegte nicht lange, sondern stand auf, trat übers Feuer hinweg und ließ sich neben den Jungen auf dem Baumstamm nieder, der bedrohlich unter dem Gewicht knarzte. Tröstend legte er seinen großen Arm um den Drachenreiter, der nun scheinbar vollends seine Hemmungen verlor und schluchzend den Titanen umarmte. Sein Kopf drückte dabei fest auf die dicke Brustplatte des Atlas. „Schhh. Alles gut, Kleiner. Wird schon alles wieder gut." flüsterte der Colonel sanft und legte auch noch seinen zweiten Arm um Keno.
„Er fehlt mir so sehr, John! Er fehlt mir so sehr!" heulte Keno und dicke Tränen rannen ihm über die Wangen. „Ich weiß, Kleiner, ich weiß." Fürsorglich hielt der große Krieger den jungen Teenager in seinen Armen fest und Feyth legte sich um seinen Hals, fiepte traurig und schleckte dem Jungen mitfühlend über die Wange. Es war genauso gekommen, wie John es befürchtet hatte. Kenos Verstand hatte endlich das gesamte Ausmaß seines Verlustes begriffen, dass nun krachend auf den noch jungen Geist des Drachenreiters herniederstürzte und ihn fast erdrückte. 'Ein Glück, dass er ein weitaus besseres Ventil für seine Gefühle gefunden hat, als ich damals. Ich kann mir nicht einmal wirklich vorstellen, wie es sein muss, praktisch einen Teil seines eigenen Wesens zu verlieren.' überlegte der Soldat mitleidig und wiegte behutsam hin und her, um seinen Schützling zu beruhigen. „Es wird alles wieder gut werden, Kleiner. Wir werden Shad finden und wieder zurückholen, das verspreche ich dir." sagte er mit ruhiger Stimme, während Kenos Schluchzen mit der Zeit immer leiser wurde.
Sie verharrten noch einige Minuten in dieser Stellung mit keinen anderen Geräuschen als das knisternde Feuer, das Rascheln der Bäume, dem mitfühlenden Fiepen der kleinen Drachendame und dem leiser werdenden Weinen des jungen Drachenreiters.
Schließlich schniefte dieser kräftig und fragte mit zittriger Stimme: „Wirklich? Das würdest du für mich tun?" „Nun, ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass Meister Eragon und Meister Murtagh schon alles tun werden, um ihn zu befreien, aber ich werde helfen so gut ich kann." entgegnete John mit einem Lächeln und Feyth brummte bestimmt. „Verzeihe, ich meinte natürlich mich und Feyth." fügte er aufmunternd lachend hinzu. Keno grinste schlapp, löste sich aus der innigen Umarmung und wischte sich die Tränen mit den Hemdärmeln weg. „Danke, John, ihr beide. Ich – ich weiß gar nicht wie ich euch dafür danken soll. Ihr habt schon so viel für mich gemacht insbesondere du hast mir bereits mehrfach das Leben gerettet John!" krächzte der Junge und nahm dankend das Taschentuch entgegen, welches ihm von Alanna gereicht wurde.
Die Elfe hatte die letzten paar Minuten schweigend verbracht und wirkte äußerst mitgenommen, vom aufgelösten Zustand ihres ehemaligen Schülers. Der Soldat konnte ihr es nicht verdenken, schließlich hatte sie mit ihrem Drachen etwas Ähnliches, wenn nicht sogar Schlimmeres durchgemacht.
„Schon gut Keno, du hast mir schließlich auch oft geholfen vergiss das nicht." wertete er die Lobpreisung des Knaben etwas ab und stellte gleichzeitig seinen Helm, in dem die Kartoffeln kochten, vom Feuer, damit sie nicht zu einer einzigen Pampe wurden. „Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich dir weitaus mehr Schulde, als nur meinen Dank. Hättest du mich nicht aus den Fängen dieser Kerle befreit wäre ich wahrscheinlich jetzt bereits ein willenloser Sklave der Schwarzen Rose, oder Schlimmeres. Ich hoffe wirklich nur, dass sie Shad auch weiterhin nichts tun und ihm keiner Gehirnwäsche unterziehen. Gott, das mag ich mir gar nicht vorstellen!" widersprach der Drachenreiter, nachdem er ausgiebig geschnäuzt hatte und biss sich verzweifelt auf die Unterlippe. „Denke gar nicht erst so etwas! Shad geht es gut und wir werden ihn wohlbehalten wiederfinden! Vertrau mir, du willst nicht in Kummer versinken. Ich weiß, wovon ich spreche. Am besten wäre es, wenn du dir eine Decke nimmst, dich dort drüben ins Gras legst und eine Runde schläfst. Es ist ohnehin schon spät und wir werden die Nacht hier voll verbringen." meinte John, wobei er unweigerlich an sich selbst vor über 200 Jahren denken musste.
Alanna nickte zustimmend. „Hört auf John-Vodhr, junger Schüler. Schlaf ist jetzt genau das, was dein Körper und vor allem dein geschundener Geist am meisten benötigt. Vielleicht vermögt ihr es so auch einen Blick auf die Gedanken eures Partners zu erhaschen, denn das Band zwischen zwei Seelenpartnern kann niemals vollständig durchtrennt werden. Selbst nicht mit stärkster Magie. Öffnet einfach euren Geist und sucht nach dieser unsichtbaren Bindung, dann wird sich die Pforte zu eurem Gefährten einen Spalt weit öffnen." „Wirklich?" „So wahr ich hier sitze, Keno-Finiarel." Kenos Augen weiteten sich, aber er zögerte. „Aber – wollten wir nicht wieder aufbrechen, nach dem Essen?" fragte er, doch der Soldat hob beruhigend die Hand und erwiderte: „Keine Angst. Wir werden die Nacht über hierbleiben. Die Zeit werden wir morgen locker wieder hereinholen. Lass das nur meine Sorge sein."
Er konnte spüren, wie sich Feyths Haltung um seinen Hals herum kurzzeitig verkrampfte. Sie wusste, was er damit meinte und wem sie dadurch wieder begegnen würde. Der junge Drachenreiter hingegen schien nichts davon zu ahnen, als er verstehend nickte und fast über den mit Kartoffeln gefüllten Helm stolperte, als er zum Rucksack eilte, um eine Decke heraus zu kramen. Der Titan schmunzelte über den neu gefundenen Tatendrang des Jungen, war allerdings gleichzeitig skeptisch, was die Worte der Elfe betraf, immerhin hatte der junge Reiter seit er ihn getroffen hatte, keinerlei Kontakt zu seinem Drachen und wusste nicht einmal wo dieser sich befand. Aber da es ihm offenbar half wieder neuen Mut zu fassen, behielt er seine Bedenken für sich.
Stattdessen unterstützte er den Burschen dabei, ein notdürftiges Nachtlager auf dem dichten Gras, ein paar Meter abseits der Feuerstelle, zu errichten, wobei er eine Decke als Unterlage, eine weitere zusammengerollt als Kissen und noch eine letzte Wolldecke nutzte, um ihn vor der Kälte des auffrischenden Windes zu schützen. Feyth assistierte auf ihre eigene Weise, indem sie sich zu Keno unter die Decke kuschelte. Zur Erklärung an den etwas verdutzt dreinblickenden John flüsterte sie: *Ich mag zwar kein Feuerspucken können, trotzdem kann ich mit meiner inneren Flamme andere wärmen. Außerdem bin ich todmüde von der vielen Fliegerei heute. Heb aber bitte ein paar Kartoffeln für mich auf, ja?*
Er lächelte gerührt und ging kurz in die Hocke, als der Drachenreiter ihn zu sich herunter winkte. „Glaubst du Alanna hat damit recht, dass ich Shad in meinen Träumen sehen kann?" wollte er leise wissen. Der Colonel antwortete nicht sofort, sondern sah den Jungen zunächst nur mit wissendem Blick an. Anschließend erwiderte er schwerfällig: „Der Verstand verarbeitet in unseren Träumen das, was wir erlebt haben. Da es ja eine Art magische Verbindung zwischen dir und Shad gibt, kann ich mir gut vorstellen, dass das möglich ist." „Wenn du es glaubst, dann muss es ja stimmen. Das werde ich sofort versuchen! Ich wünsche eine gute Nacht und noch einmal vielen Dank für Alles John. Und natürlich auch ein großes Dankeschön an dich Feyth!" entgegnete der Reiter spürbar entspannter, als noch vor wenigen Augenblicken und schlang die Arme sanft um den kleinen Drachen, der leise fiepte, die Augen schloss und den Kopf eng an die Brust des Knaben drückte. Der Titan schmunzelte zufrieden. „Gute Nacht ihr beiden, träumt was Schönes."
Mit diesen Worten fielen auch Kenos Äuglein zu und John gesellte sich wieder auf leisen Sohlen zu Alanna, die das kuschelnde Pärchen wohlwollend betrachtete. Er setzte sich gegenüber der Elfe ins Gras, langte nach seinem Helm und warf ihr einen misstrauischen Blick zu.
„Ich dachte, ihr dürftet nicht gegen die Interessen eures Meisters handeln?" fragte er flüsternd und schüttete das noch dampfende Kochwasser neben sich ins Gras, wobei er seine linke Hand als eine Art Sieb nutzte, um die Kartoffeln nicht auch weg zu leeren. Die ältere Drachenreiterin zuckte unschuldig mit den Schultern. „Tatsächlich? Ich dachte, ich hätte Keno-Finiarel lediglich einen gut gemeinten Rat im Bezug auf seine Gefährten gegeben, oder seht ihr das etwa anders, John-Vodhr?" Ein schelmisches Grinsen huschte über ihr Gesicht und der Soldat verstand. Sie hatte den Hinweis dermaßen in Worte verpackt, dass ihr Schwur sie nicht daran hinderte ihn auszusprechen, da er sich theoretisch auf eine andere Person beziehen könnte, als Shad. 'Raffiniert.' gestand er ihr in Gedanken zu und nickte respektvoll.
Dann erkundigte er sich weiterhin: „Diese Narbe über dem silbernen Symbol auf eurer Hand, es ist eine Rune oder Schriftzeichen, nicht wahr?" Diesmal war es an Alanna den Kopf zu neigen und ihm linke Handfläche zu präsentieren. „Das habt ihr gut erkannt, Krieger. Das silberne Symbol trägt den Namen Gedwëy Ignasia und ist das Mal, dass jeder Drachenreiter trägt. Als Zeichen dafür, dass er an einen Drachen gebunden ist." erklärte die Elfe, woraufhin John die Stirn runzelte. „Nett zu wissen, aber das beantwortet nicht meine Frage." „Nun, ich bin mir sicher, dass es eure nächste Frage gewesen wäre. So rum ist einfach. Ja, ihr habt richtig erkannt, diese Narbe, die mir unser Anführer verpasste, ist eine Rune." „Und was bedeutet sie? Oder ist es euch verboten darüber zu sprechen?" Die Drachenreiterin schüttelte den Kopf und nahm die Hand wieder herunter. „Nein ist es nicht. Er will ja gerade, dass ich es anderen erzählen kann, damit sie wissen, was mit denen geschieht, die versuchen sich einzumischen. Dieses Schriftzeichen bedeutet in der Sprache der Menschen so viel wie: Schmerzender Ungehorsam." erklärte sie und das Gesicht des Titanen verzog sich zu einer ächtenden Grimasse.
Die rechte Hand zu einer Faust geballt knurrte er: „Das ist barbarisch." Es erinnerte ihn mit Grauen an die Brandmale, die Micheal und die anderen auf ihrem Rücken getragen hatten, als er sie damals aus den Klauen der Sklavenschieber errettete. Zum Glück hatten die Naniten damit später kurzen Prozess gemacht. „Ihr sprecht mir aus der Seele, John-Vodhr. Ich hoffe, dass Meister Eragon einen Weg findet dieses – Ding – zu entfernen. Ansonsten werde ich wohl den Rest meines Lebens mit Handschuhen verbringen müssen." stimmte Alanna zu und schüttelte leise seufzend den Kopf, während sie den ledernen Panzerhandschuh wieder über die Finger stülpte. „Ich verstehe sehr gut, was ihr meint." entgegnete der Soldat immer noch angewidert, langte einer Kartoffel aus dem Helm und pustete gegen sie, um die Knolle abzukühlen.
Die nächsten Minuten verbrachten sie schweigend, sodass die gesamte nächtliche Geräuschkulisse des Hains deutlich zu hören war. Das Schuhuhen einer Eule hier, das Rascheln von am Boden liegenden Laub, das durchwühlt wurde dort und das lauter werdende Rauschen des Windes, der über sie hinwegfegte. Und nach einer kleinen Weile schließlich auch das leise Schnarchen von Keno. Geschickt zog John sein Messer aus der Halterung und begann damit die Kartoffel in seiner Hand zu schälen, um sie anschließend der Elfe zu reichen, welche die Knolle dankend entgegennahm. Dann wiederholte er das Prozedere noch einmal, nur diesmal behielt er das Gemüse und biss herzhaft hinein. Seine Zähne protestierten schmerzhaft gegen die hohe Temperatur seiner Mahlzeit, aber er ignorierte es so gut er konnte. Alanna hingegen biss nur zaghaft in ihre Kartoffel und kaute auch weitaus gründlicher als der Titan, welcher seine Knolle innerhalb von wenigen Sekunden verspeiste und direkt nach einer weiteren langte.
Schließlich brach die Drachenreiterin das Schweigen und fragte höflich: „Wie genau seid ihr eigentlich an ein Drachenauge gelangt, John-Vodhr? Das Letzte an das ich mich erinnern kann ist, dass einer der Fanghur euch das linke Auge auskratzte. Hat Angela euch geheilt?" John, der gerade den Mund mit einer halben Kartoffel voll hatte, kaute hastig und schluckte sie unter großem Protest seiner Speiseröhre hinunter, bevor er antwortete: „Die Kräuterhexe hat mir zwar eine Salbe gegeben, aber geheilt habe ich selbst. Dass ich dabei allerdings ein Drachenauge erhielt, war nicht beabsichtigt." Alanna runzelte verwirrt die Stirn. „Wie kam es denn dann dazu? Mir selbst fällt nicht einmal entfernt ein Zauber ein, der so etwas bewirkt, davon abgesehen, dass ihr kein Magier seid." „Ihr solltet mittlerweile ja wissen, dass mein Körper weder mit eurem noch mit dem eines gewöhnlichen Menschen vergleichbar ist." meinte er schlicht und schob sich den Rest der Kartoffel in den Mund.
„Ihr weicht der Frage aus, John-Vodhr." hielt die Elfe verschmitzt lächelnd dagegen woraufhin der Colonel mental seufzte. Dieses Mal würde sie nicht locker lassen und er wollte keinen unnötigen Zwist zwischen ihnen provozieren, weswegen er schnell überlegte, wie er ihr es so simpel wie möglich erklären konnte.
„Na schön, ich will es so einfach erklären wie es geht. Als ich Lyath von ihrer Vergiftung geheilt habe, ist mir etwas Drachenblut in eine Wunde getropft. Das Problem dabei ist, mein Blut ist darauf – ausgelegt – ihm fremdes Gewebe zu analysieren und die stärkenden Aspekte auf meinen Körper zu übertragen. Scheinbar sind die Augen eines Drachens das Einzige an ihm, was mich nur stärker machen würde." sagte er nach einigen Momenten, zufrieden damit, wie er das verfluchte Darwin-Protokoll der Naniten umschrieben hatte. Fasziniert legte Alanna ihren Kopf schräg und sah ihn musternd in die Augen. „Das ist wirklich einzigartig! Nicht einmal Magie ist zu so etwas in der Lage. Ihr könnt also wirklich die stärksten Aspekte eines jeden Lebewesens übernehmen?" „Jein. Mein Körper übernimmt ausschließlich Dinge, die mir Vorteile verschaffen. Alles was einen einschneidenden Nachteil besitzt, wird ignoriert. Deswegen werden mir auch nie Flügel oder ein Schwanz wachsen. Aber ihr habt mich an etwas Wichtiges erinnert." widersprach er kopfschüttelnd und langte nach einem Tuch aus dem Rucksack, um sein Messer sauber zu wischen.
„Was habt ihr vor, John-Vodhr?" wollte die Drachenreiterin skeptisch wissen, als er die Klinge anschließend zum sterilisieren in die Flammen hob. „Etwas, das mir sehr – wehtun wird. Am besten ihr schließt die Augen und dreht euch weg." erklärte der Titan bestimmt und nach einem kurzen Blickaustausch der beiden nickte die Elfe, schloss ihre Augen und drehte sich von ihm weg.
John atmete tief aus und ein.
Das geschwärzte Messer hielt er wenige Zentimeter vor seinem rechten Augen, bereit es auszustechen. 'Das muss echt das Bekloppteste sein, das ich je getan habe.' dachte er, während er seine Hand dazu zwang ruhig zu bleiben. Er hatte keine Probleme damit sich in den Arm oder die Wange zu schneiden, das schmerzte nur kurz und war nicht weiter schlimm, aber sich das eigene Auge herauszuschneiden war ein ganz anderes Kaliber, selbst für ihn. Doch es musste sein. Er blies beruhigend die Luft aus seinen Nasenlöchern. 'Von selbst herausfallen wird es wohl kaum. Fuck! Also schön, auf drei. Eins. Zwei. Drei!'
Das Messer zuckte leicht nach vorne und er presste die Kiefer aufeinander als ein unbeschreiblicher Schmerz durch die rechte Augenhöhle flammte. Das Bild von seinem Auge verschwand augenblicklich und tauchte einen großen Winkel seines Blickfelds in Dunkelheit. Er brüllte in seine aufgeblähten Backen, was nach außen hin wie ein lautes Krächzen und Gurgeln vernehmbar war. Mit einem Ruck zog er die Waffe wieder aus seinem nun zerstochenen Augapfel, was ein ekelerregendes, schmatzendes Geräusch verursachte.
„John-Vodhr, was ist – ?" begann Alanna zu fragen, die sich beunruhigt von dem gedämpften Schrei umgedreht hatte, doch die restliche Worte blieben ihr im Halse stecken, als sie bemerkte, was der Titan getan hatte. Die Elfe stieß einen Fluch in einer ihm unbekannten Sprache aus, während sie zu ihm sprang. „Was um alles in der Welt habt ihr euch dabei gedacht John? Lasst mich mal sehen." meinte sie bestürzt, aber der Soldat hob beschwichtigend die linke Hand. „Ich sagte doch, es würde mir wehtun. Keine Sorge, in ein paar Stunden ist es wieder verheilt." „Aber warum? Ich verstehe nicht –" „Es ist sehr verwirrend mit zwei unterschiedlichen Augen zu sehen, vor allem bei Nacht. Der Unterschied zwischen einem Drachenauge und einem menschlichen Auge ist einfach zu groß, als dass man sich daran gewöhnen könnte." erklärte er mit noch leicht schmerzverzerrtem Gesicht und wischte das Messer im Gras neben ihm ab, wobei die blaue Nanitenlösung deutlich sichtbar an den Halmen kleben blieb.
„Ihr seid wirklich der verrückteste Mensch, der mir jemals untergekommen ist, John-Vodhr. Sich das eigene Auge auszustechen ohne es vorher zu betäuben! Ihr hättet warten können, bis Keno wieder erwacht und ihn darum bitten mit Magie zu helfen." meinte Alanna vorwurfsvoll und warf einen interessierten Seitenblick auf Johns blaues Blut. Dieser schüttelte den Kopf und bereute die hektische Bewegung sofort, als die abflauenden Schmerzen wieder aufflammten. „Nein, ich wollte den Jungen nicht auch noch damit belasten. Er hat genug durchgemacht, da muss ich nicht auch noch mit solch einer Bitte zu ihm kommen." „Ihr denkt wirklich immer zuerst an andere, nicht wahr?" entgegnete die Elfe nun etwas ruhiger und reichte dem Soldaten ein fein besticktes, weißes Tuch, das sie aus ihrer Hosentasche zog.
„Hier nehmt das, um euch das Blut wegzuwischen." „Danke. Eigentlich schade um den schönen Stoff." erwiderte John und neigte dankbar den Kopf, während er vorsichtig um sein rechtes Auge herum tupfte. Alanna zuckte mit den Schultern. „Es bedeutet mir nichts, nur das teure Geschenk eines adligen Verehrers." „Wenn dem so ist, will ich nichts gesagt haben." Er benötigte nur einige Augenblicke, bis die Elfe ihm bescheinigte, dass er alle Blutspritzer beseitigt hatte und dachte währenddessen: 'Hoffentlich ist es bis Sonnenaufgang wieder geheilt. Naja sollte es eigentlich, letztes Mal hat es auch nur wenige Stunden gebraucht. Ich will Feyth nicht unbedingt auf diese Weise nach dem Aufwachen überraschen.' Anschließend reichte er ihr das Tuch zurück, doch sie winkte ab. „Behaltet es. Wer weiß, ob ihr es nicht noch einmal benötigt und zumindest nutzt es nun auch wirklich jemand mit blauem Blut." sagte sie lächelnd und setzte sich zurück auf ihren Baumstamm, allerdings nicht ohne sich zuvor zu vergewissern, dass wirklich alles in Ordnung war.
„In eurer Gesellschaft wird einem zumindest nicht langweilig, John-Vodhr. Nur mein Appetit leidet etwas darunter." bemerkte sie halb scherzhaft und legte ihre Kartoffel zurück in den Helm, nachdem sie die angebissene Kante abgebrochen hatte. „Das tut mir leid." gab der Titan wahrheitsgemäß zurück und schob das Messer zurück in seine Scheide. Danach langte er nach der eben weggelegten Knolle und biss vorsichtig hinein. Jede einzelne Kaubewegung schmerzte ungemein, aber er brauchte die Energie aus den Kartoffeln, um seinen Körper zu regenerieren, insbesondere, da die Naniten ein Auge zu ersetzten hatten. Er fragte sich, weshalb ihn die Drachenreiterin nicht auf die ungewöhnliche Farbe seines Blutes angesprochen hatte, doch solange es keine Probleme gab, schenkte er dem keine weitere Beachtung.
Die nächsten Stunden verliefen wieder recht ereignislos. John futterte bis auf eine Handvoll Kartoffel den gesamten Helm leer und legte immer wieder Feuerholz nach, wohingegen Alanna zu ihrer Zeichnung im Erdreich zurückkehrte und leise eine Melodie summte, die dem Titanen nicht einmal annähernd bekannt vorkam. Der Mond zog über sie hinweg und verschwand schließlich vollständig hinter einer Wand aus Wolken, die der mittlerweile abflauende Wind hergetragen hatte. Auch die Naniten machten große Fortschritte bei der Heilung. Schon wenige Augenblicke, nach seinem Gespräch mit der Elfe, hatten sie bereits den Bereich um das rechte Auge weiträumig betäubt und arbeiteten mit Hochdruck an der Wiederherstellung seines Sehorgans. Noch ein bis zwei weitere Stunden und der Vorgang würde abgeschlossen sein. Während sie also, bis auf Alannas Melodie, schweigend dasaßen konnte der Soldat nicht anders, als die Elfe zu bewundern.
'Wenn man ihre Ohnmacht einmal weglässt, ist sie mittlerweile genauso lange auf den Beinen wie ich, zumindest solange wir uns kennen. Jeder normale Mensch wäre inzwischen vor Erschöpfung umgekippt.' dachte er beeindruckt.
Er wollte sie gerade danach befragen, als Keno wie von allen guten Geistern verlassen aufschrie und sich derart schnell aufrichtete, dass Feyth von ihm herunter purzelte. Schlagartig befand sich Johns kompletter Körper in Alarmbereitschaft und er sprang zum Jungen hinüber, dicht gefolgt von Alanna, die ebenfalls sehr besorgt wirkte. Er packte den Burschen vorsichtig an den Schultern und sprach ruhig auf ihn ein.
„Hey, hey! Keno, ganz ruhig, ganz ruhig. Sieh mich. Genau und jetzt tief einatmen und wieder ausatmen. Ein und aus, ein und aus. So und jetzt erzähl was geschehen ist, hattest du einen Albtraum?"
Der Drachenreiter benötigte einige Augenblicke mit Johns Atemtechnik, um sich wieder zu beruhigen. Er wirkte vollkommen verstört, als er antwortete: „Ich – ich weiß es nicht." Die linke Augenbraue des Titanen hob sich misstrauisch. „Ich verstehe, erzähle mir einfach was geschehen ist, eins nach dem anderen."
Keno nickte schluckend.
„A – Also ich bin eingeschlafen und hatte dabei meinen Geist so geöffnet, wie Meisterin Alanna es gesagt hat."
„Und dann?"
„Dann – dann hatte ich plötzlich das Gefühl die Welt aus Shads Sicht zu sehen!" stammelte der Junge nervös und der Colonel horchte auf. „Was geschah dann? Was hast du gesehen?"
„Ein – ein Boot, nein ein Schiff. Ein großes Schiff mit drei Masten und riesigen Segeln. Die Sonne ging im Hintergrund unter und ich flog über dem Schiff, zusammen mit vier anderen Drachen."
Der Titan sah zu Alanna auf, die hinter ihm stand. „Sagt euch diese Beschreibung etwas?" „Nun, die Schwarze Rose besitzt zwei Schiffe dieser Größe und da eines davon sicher im Hafen von Trefholm vor Anker liegt, kann es nur die Persadia sein. Aber die sollte sich eigentlich irgendwo in den Gewässern vor Reavstone befinden. " erklärte die Elfe stirnrunzelnd. „Habt ihr in der Ferne vielleicht eine Stadt gesehen, Keno-Finiarel?"
Der Reiter schüttelte den Kopf. „Nein, da war nur ein felsige Küste, sehr steil. Ich flog mit den anderen Drachen über sie hinweg und dann war da eine große grüne Ebene mit einem kleinen Dorf auf einer Anhöhe."
Er kam ins stocken und Tränen sammelten sich erneut in seinen Augen.
„Dann – dann haben die Drachen das Dorf angegriffen, überall war Feuer und Blut. Frauen und Kinder haben geschrien, leblose Körper wurden durch die Luft gewirbelt, es war grauenhaft! Ein Massaker! I – ic – ich habe noch ein – ein lautes Brüllen gehört, dann bin ich aufgewacht." schluchzte der Junge und drückte sich an die Brust des Soldaten, der ihm aufmunternd den Rücken tätschelte.
„Schon gut Kleiner, es war nur ein Albtraum, nur ein Albtraum." murmelte John beruhigend, während Feyth verschlafen ihre Äuglein öffnete und ausgiebig gähnte.
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[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die Drachenreiter
FanfictionDer Soldat John Miller findet sich nach einem schrecklichem Unfall an den Ufern eines ihm unbekannten Landes wieder. Schon sehr bald wird ihm bewusst, dass er sich nicht mehr in seiner eigenen Welt befindet. So also macht er sich auf den Weg, die Dr...
![[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die Drachenreiter](https://img.wattpad.com/cover/57579266-64-k536634.jpg)