Familienbande

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„Du scheinst ja ganz scharf auf diese Dinger zu sein, nicht wahr? Hier, hast noch einen, als Wiedergutmachung für vorher." gluckste Steven amüsiert und kramte einen weiteren Energieriegel aus einer der zahlreichen Taschen seines Multifunktionsgürtels. Er entfernte die Plastikverpackung, auf der in Druckschrift „Banane" geschrieben stand und hielt den Riegel Dekri entgegen, der ihn gierig mit der Zunge in sein Maul beförderte. „Ich wusste gar nicht, dass die Dinger mal gut geschmeckt haben." meinte Robert scherzhaft, während er den jungen Drachen fasziniert musterte. „Oh, zwei, drei Riegel lang, ja. Danach hörts dann aber schon wieder auf." entgegnete der Sergeant lachend und kraulte den Jungdrachen hinter den Ohren. „Vermutlich." erwiderte der Pilot grinsend.

Er und Coule saßen auf der Kante des großen Nests, direkt neben Lyaths Kopf, um auf Alinas Anweisung hin die Atmung der roten Drachendame zu überwachen. Daher stand auch, keine zwei Meter entfernt, das Beatmungsgerät, falls es zu einem Zwischenfall kommen sollte. Danach sah es jedoch glücklicherweise nicht aus, denn laut Aidan würde Lyath innerhalb der nächsten zehn Minuten wieder erwachen und bisher war nichts geschehen. Stattdessen hatte sich Steven etwas mehr mit dem jungen Dekri angefreundet, der zwischen den Titanen und seiner Mutter lag. Der silberne Drache hatte den Kopf in den Schoß des Sergeants gelegt, genießerisch die Augen geschlossen und brummte zufrieden, während er den Energieriegel genüsslich mit seiner rauen Zunge zerkleinerte.

Nur wenige Meter daneben stand Alina, die mittlerweile ihren Helm wieder abgesetzt hatte, an Lyaths Flanke und horchte mit einem altmodischen Stethoskop nach ihrem Herzschlag. Aidan schwebte knapp links über der Ärztin und merkte an: „Scanner zeigen eine verstärkte Nanitenaktivität in den Blutgefäßen, Miss Kensac. Ich vermute, dass sie damit begonnen haben das Anästhetikum aus dem Körper zu entfernen." Alina nickte zustimmend. „Das dachte ich mir bereits. Ihr Puls ist in den letzten paar Minuten stark angestiegen. Theoretisch kann sie jetzt jeden Augenblick aufwachen." „Dem stimme ich zu, Ma'am." „Ich hoffe nur, dass sie die Schmerzmittel weitestgehend in Ruhe lassen, ansonsten müsste ich Lyath an den Tropf legen und in regelmäßigen Abständen mit den Mitteln versorgen. Das will ich eigentlich vermeiden." meinte der Major und biss sich leicht angespannt auf die Unterlippe.

*Verzeiht meine Unwissenheit, Heilerin, aber was genau ist ein Tropf?* fragte Tymdek dazwischen und beugte seinen Kopf hinunter zu dem seiner Gefährtin, um ihr liebevoll über die Wange zu schlecken. Alina zog sich das Stethoskop aus den Ohren und hängte es sich locker um den Hals, bevor sie höflich antwortete: „Ein Tropf, Mr. Tymdek, ist ein – wie drücke ich das am besten aus? Nennen wir es einfach ein Hilfsmittel, das ich nutze, wenn einer meiner Patienten längerfristig Medikamente benötigt. Ich würde das bei eurer Gefährtin jedoch gerne vermeiden, da ihr Körper in letzter Zeit ohnehin schon zu viel Stress durchstehen musste. Es wäre nicht ratsam ihn deshalb auch noch mit Schmerzmittel vollzupumpen, die ihn noch weiter belasten würden." Der schwarze Drache gab ein tiefes Brummen vor sich und zwinkerte der Titanin zu. *Ich verstehe, Heilerin. Habt noch einmal vielen Dank.* „Ich helfe immer gern, insbesondere Freunden meines Vaters." erwiderte diese freundlich lächelnd.

„Wir hätten euch ohnehin geholfen, selbst wenn ihr John nicht begegnete wärt." fügte Micheal bestimmt hinzu. Er stand einige Meter abseits des Nests und hatte bislang fasziniert das hellblaue Feuer, in dessen Mitte sich fünf Dracheneier befanden, betrachtet. *Daran hege ich keinerlei Zweifel, Herr Forke. Ihr Titanen seid mitunter die ehrbarsten Zweibeiner, die mir je über den Weg gelaufen sind.* entgegnete Tymdek und neigte respektvoll das Haupt in Richtung des blaugerüsteten Soldaten. „Lobpreist uns bitte nicht zu viel, Mr. Tymdek." widersprach Mike halb belustigt, wandte seinen Blick von den tanzenden Flammen ab und schritt hinüber zu Alina, die nach vorne zu Steven, Robert und Dekri gegangen war, um mit einer abmontierten Helmlampe Lyaths Pupillen-Reflex zu überprüfen. „Wie sieht es aus?" wollte er wissen und warf Aidan einen genervten Blick zu, da die KI dazu übergegangen war, den silbernen Jungdrachen ab zu scannen.

„Aidan lass das, das kannst du auch später einmal machen."
„Wie sie wünschen, Sir."

Ungeachtet dessen, was hinter ihr geschah, hob die Ärztin das Augenlid der roten Drachendame an und leuchtete auf den Augapfel. Leicht verzögert, verengte sich die schlitzartige Pupille. „Sie kommt langsam zu sich, Steven, Robert, macht mal etwas Platz." meinte sie ernst und die beiden kamen ihrer Auffordern sofort nach. Auch Dekri stand auf und sprang vom Nest herunter. „Ist es also endlich soweit? Kam mir gar nicht vor wie eine halbe Stunde, eher wie fünf Minuten." bemerkte Mark, legte die Knochensäge, die er gerade reparierte bei Seite und gesellte sich zu den anderen. Er hatte, während des Wartens, mehrere von Alinas medizinischen Gerätschaften gerichtet, nur um etwas zu tun zu haben. „Du findest aber auch immer irgendwas, um dich abzulenken, oder?" scherzte Steven und klopfte dem Ingenieur freundschaftlich auf die Schulter. „Ist nicht meine Art nutzlos rumzusitzen, wenn es Dinge zu erledigen gibt. Ach ja, Mike, ich habe kurz mit dem Prof gesprochen. Er meinte die Schäden am Albatross wären nicht allzu gravierend. Mit etwas Glück hab ich unseren alten Vogel in ein paar Tagen wieder flott." erwiderte Duncan, woraufhin der Admiral zufrieden nickte. „Das sind großartige Neuigkeiten."

„Könntet ihr jetzt bitte allesamt die Klappe halten, oder muss ich Aidan dazu anweisen, eure Lautsprecher abzuschalten?" zischte die Ärztin verärgert, wobei sie den Vieren wütende Blicke zuwarf. Schlagartig verstummten die Titanen und beobachteten stattdessen wie Lyath langsam aber sicher erwachte.

Zunächst zuckten nur kurz die Schnauze und die Nasenlöcher, dann begannen die Ohren zu wackeln und wenige Momente später öffnete sie schlaftrunken das linke Auge. Gleichzeitig klaffte ihr Maul zu einem ausgiebigen Gähner auf und entblößte dabei zwei Reihen von spitzen, rasiermesserscharfen Zähnen. Zärtlich beugte Tymdek sich erneut zu seiner Gefährtin hinunter und begann beruhigend zu brummen, während er seine Wange an ihrer Stirn rieb. Ein, nach einem erschöpften Seufzer klingendes, Knurren drang aus der Kehle der roten Drachendame und sie schleckte ihrem Liebhaber liebevoll über die Stirn, eine Geste, die der schwarze Drache sofort erwiderte. Dekri fiepte ebenfalls aufgeregt und rieb seinen Kopf stürmisch an der Schnauze seiner Mutter, wobei er fast Alina anrempelte, die gerade noch so einen Schritt zur Seite machen konnte. Lyath schleckte ihrem Sohn sanft über die Wange und schnurrte leise.

Die Titanin ließ die kleine Familie kurz für sich allein, bevor sie fragte: „Wie geht es euch Miss Lyath?" Sie musste lächeln, als die Drachendame vorsichtig ihren Kopf anhob und ihr mit der Zunge mehrmals über das komplette Gesicht fuhr. Es dauerte einige Augenblicke, bis sie ihre erschöpfte Stimme im Kopf vernahm. *Ich fühle mich – matt und in meinem Bauch zieht es leicht, aber ansonsten geht es mir sehr gut, nur dank eurer Hilfe, Heilerin.* Erleichtert atmete Alina aus, die Naniten hatten die Schmerzmittel in Ruhe gelassen. „Das freut mich sehr zu hören. Die Operation war ein voller Erfolg. Am besten wäre es, wenn ihr euch auf die Seite legen könntet, dass dürfte wesentlich angenehmer für einen Drachen sein, als auf dem Rücken zu liegen. Aber Vorsicht, dort liegen sechs wunderschöne Eier." entgegnete sie und deutete auf die sechs Eier, die Tymdek fein säuberlich an Lyaths Flanke platziert hatte.

Die Augen der Drachendame weiteten sich und die Titanin musste einige Schritte zurücktreten, als sie sich auf die Seite rollte, darauf bedacht nicht die Eier unter sich zu begraben. Es sah etwas unbeholfen aus, was wohl allerdings auf die eben erst beendete Narkose zurückzuführen war und nach einigen Anläufen schaffte sie es mit Tymdeks Hilfe. Aufgeregt beugte sie ihren Hals und Kopf hinunter an ihren Bauch, um ihre noch ungeschlüpften Jungen zu betrachten und zu beschnuppern. *Sie sind tatsächlich wunderschön. Habt Dank Heilerin, habt vielen, vielen Dank. Ich stehe auf ewig in eurer Schuld!* flüsterte sie nach einigen Momenten des Beschnupperns und drückte ihre Schnauze liebevoll an die Ärztin. „Gern geschehen." gab diese zurück und streichelte Lyaths schuppige Haut.

„Unsere herzlichsten Glückwünsche, Miss Lyath. Ich bin mir sicher, dass eure Kinder groß und stark werden, sobald sie einmal geschlüpft sind." sagte Micheal im Namen der restlichen Titanen, die allesamt zustimmend nickten und selbst Aidan, der mittlerweile über dem Haupt des Admirals schwebte, leuchtete grün auf. „Oh ja, ich glaub wenn Shenmi, das hier gerade sehen könnte, würde sie vor Freude in Ohnmacht fallen. Gut, dass du sie nicht mitgenommen hast Mike." gluckste Steven, trat vor zu Alina und ging in die Hocke, sodass seine Augen jetzt auf einer Ebene mit den Dracheneiern waren. Gleichzeitig behielt er jedoch einen gewissen, respektvollen Abstand. „Ich denke, dass Amanda nicht viel besser dran wäre." fügte Robert hinzu und klopfte Mike brüderlich auf die Schulter. Dieser konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Da dürftest du recht haben."

*Verzeiht, aber wer sind diese Personen von denen ihr da sprecht, Herr Forke?* unterbrach sie Tymdek höflich, während er wie ein stolzer Vater hinter Lyath saß und sich zu seiner vollen Größe aufrichtete, zumindest soweit, wie die Höhlendecke es zuließ. Der Sergeant antwortete ihm: „Shenmi ist meine Verlobte und Amanda ist Micheals Ehefrau." Den Blick wandte er dabei nicht von den Eiern ab. *Ah, ich verstehe. Eure Brutpartnerin also?* „Sozusagen." erwiderte der Admiral amüsiert und der schwarze Drache brummte bestimmt.

„Miss Lyath, ich weiß, dass ist eigentlich eine recht ungehobelte Frage, aber dürfte ich vielleicht einmal eines der Eier anfassen?" fragte Coule dann plötzlich und die rote Drachendame schnaubte belustigt. *Selbstverständlich, Herr Coule.* Sie zwinkerte ihm zu und stupste einer der Eier, das Magentafarbene, mit der Schnauze an. *Ihr könnt es gerne in die Hand nehmen, Jäger. Dracheneier sind so gut wie unzerstörbar für äußere Einflüsse, also braucht ihr keine Angst zu haben es zu zerbrechen.* „Ich werde trotzdem ganz vorsichtig sein." versicherte ihr Steven, bevor behutsam die rechte Hand unter das magentafarbene Ei schob und mit der Linken gestützt sacht emporhob. Tymdek beobachtete ihn dabei mit Argusaugen und auch die anderen Titanen kamen heran, um das Ei aus der Nähe zu betrachten.

„Wirklich faszinierend. Schaut mal, es ziehen sich da mehrere schwarze Adern durch das Rot." staunte Robert und fuhr mit dem Zeigefinger eine dieser Adern entlang. „Kaum zu glauben, dass aus solch einem kleinen Ei einmal ein derartiger Gigant werden kann, nichts für ungut Mr. Tymdek." bemerkte Mark und hob entschuldigend die Hand in Richtung des großen Drachens. *Ich sehe das als Kompliment an, Herr Duncan. Außerdem, seid ihr selbst ausgesprochen groß für einen Menschen.* erwiderte Dunkelschwinge, woraufhin sich der Ingenieur verlegen am Hinterkopf kratzte. „Da haben sie wohl nicht so ganz unrecht." „Jedenfalls ist es ganz schön leicht, dafür, dass es relativ groß ist." kommentierte Steven und erhielt prompt einen leichten Klaps auf den Kopf von Micheal. „Wir sind Titanen, du Held. Für uns wären selbst 200 Kilo leicht." „Ach lass mich doch. Es ist trotzdem leichter, als ein Menschenkind von der gleichen Größe." Mike seufzte aufgebend und Coule grinste breit. „Gibt es eine bestimmte Zeit, bevor die Jungen schlüpfen?" fragte Alina und ignorierte das kindliche Scharmützel zwischen den beiden.

Bevor Lyath oder Tymdek antworten konnten, hatte bereits Aidan das Wort ergriffen.

„Meinen Aufzeichnungen zu Folge, gibt es kein genaues Zeitfenster, in der wilde Drachenjungen schlüpfen. Vielmehr hängt es mit verschiedenen Umgebungsfaktoren zusammen, wie etwa Nahrungsknappheit, Sicherheit oder Jahreszeit. Theoretisch könnten die Jungen sofort nach der Eiablage schlüpfen, Miss Kensac, allerdings gibt es auch Fälle, in denen sie mehrere Jahre in den Eiern verbringen, bis der richtige Zeitpunkt kommt."

Verblüfft sahen die beiden Drachen die KI an, während Micheal am liebsten im Boden versunken wäre. Er war schon im Begriff, sich schnell eine Notlüge einfallen zu lassen, als Lyath beeindruckt meinte: *Euer kleiner Freund scheint einen großen Wissensschatz in sich zu tragen. Er hat recht, eigentlich könnten sie sofort schlüpfen, aber sie selbst treffen unbewusst die Entscheidung ob und wann sie es tun.*

Erleichtert atmete der Admiral auf und schickte ein kurzes Stoßgebet gen Himmel. Irgendwann würde sie die direkte Art der KI noch in die Bredouille bringen.

„Wenn das so ist. Na ich hätte auch keine große Lust zu schlüpfen, wenn diese zwei Bastarde in meiner Nähe wären." entgegnete Steven grimmig und nickte mit dem Kopf in die Richtung der beiden Elfen, die noch immer gefesselt und geknebelt an der Wand hockten. „Wer genau sind diese beiden Clowns eigentlich?" wollte Robert wissen und zog angespannt die Augenbrauen zusammen, als die Drachen jeweils ein bedrohliches Knurren ausstießen und die Zähne zeigten. „Mörder und Kinderräuber. Sie sind quasi dafür verantwortlich, dass Miss Lyath operiert werden musste. Außerdem hatten sie vor Dekri und die restlichen Eier in ihrem Körper zu stehlen." erklärte Micheal zähneknirschend. Das Gesicht des Piloten, der sonst ein besonnener und friedlicher Zeitgenosse war, verzog sich zu einer zornigen Fratze. Seine rechte Hand schoss zum Griff der Pistole an seinem Gürtel, doch bevor er sie ziehen und abdrücken konnte befahl der Admiral ernst: „Lasst die Waffe stecken, ihr beide!" Erst jetzt bemerkte er, dass auch Mark nach seiner Waffe gegriffen hatte.

Nur war der Ingenieur schon einen Schritt weitergegangen. Er hatte seine Pistole bereits entsichert und auf die Gefangenen gerichtet, wäre Mikes Befehl eine Sekunde später gekommen, würde nun das Hirn der beiden Elfen an der Höhlenwand kleben. Und im Gegensatz zu Robert, der nach den Worten seines Bruders sofort die Hand von der Waffe genommen hatte, machte Duncan keinerlei Anstalten die Pistole zu holstern.

„Nenn mir einen Grund, weshalb ich ihnen nicht hier und jetzt ihre Köpfe wegblasen darf, du hast zehn Sekunden."

„Grund eins: Du vergisst, dass hier ein Kind unter uns ist! Grund zwei: Er ist nicht unser Gefangener! Grund drei: Wir sind keine schießwütigen Irren! Grund vier: Vater hat sie am Leben gelassen, genauso wie Miss Lyath und Mr. Tymdek und ich denke nicht, dass zwei Kerle wie die, lange überleben würden, wenn sie keinem Nutzen mehr dienen!" zählte der Admiral mit ernster Stimme auf und Mark schien sich wieder zu entspannen.

Er sicherte die Pistole und steckte sie zurück in den Holster, während er meinte: „Du hattest mich schon bei Grund eins. Trotzdem, ich hoffe es ist es Wert diesen Abschaum weiteratmen zu lassen." „Bestimmt, du glaubst doch nicht, dass Vater solche Typen am Leben gelassen hätte, wenn es keinen Sinn gäbe, oder? Von Miss Lyath und Mr. Tymdek mal ganz abgesehen." „Wahrscheinlich." *Ihr scheint in eurer Vergangenheit Grausames durchlebt zu haben, um einen solchen Hass auf diese Verbrecher zu haben, Meister Handwerker.* sagte Lyath besorgt und warf Duncan einen mitleidigen Blick zu. Der Ingenieur nickte ernst. „Stellt euch einfach vor was passiert wäre, wenn diese Drecksäcke mit ihrem Plan Erfolg gehabt hätten. Dann wisst ihr ungefähr, was uns Titanen widerfahren ist. Mit der Ausnahme von John natürlich." Die Augen der roten Drachendame weiteten sich vor Entsetzten und auch Tymdek stieß ein weiteres, tiefes Knurren aus. Selbst der kleine Dekri wirkte betroffen.

*Was für ein schreckliches Schicksal! Verzeiht, dass ich es angesprochen und diese schmerzende Erinnerung wachgerufen habe.* entschuldigte sie sich bestürzt, doch Micheal hob beruhigend die Hand. „Ihr braucht euch nicht für etwas zu entschuldigen, das ihr nicht wissen konntet." erklärte er ruhig und Alina stimmte zu: „Es liegt schon so lange zurück und Vater uns damals geholfen, es zu verarbeiten. Trotzdem wird sich dieser Hass niemals vollständig aus unseren Köpfen verdrängen lassen, doch wie ihr gesehen habt, braucht es nur ein paar ruhige Worte, damit wir von Rachegelüsten ablassen." „Eine Tracht Prügel würde ich ihnen trotzdem gerne mal geben." meinte Steven und warf den Elfen einen wütenden Blick zu. „Ich denke nicht, dass sie eine Tracht Prügel von dir überleben würden." merkte Robert skeptisch an, aber der Sergeant zuckte nur mit den Schultern.

*Ich kann euren Hass durchaus verstehen und wäre der Letzte, der euch davon abhalten würde diesen spitzöhrigen Bastarden die Gedärme rauszureißen, doch Herr Forke hat recht. Es gibt einen triftigen Grund, sie am Leben zu lassen. Aber am besten wäre es, wenn ich von vorn anfangen würde, damit ihr alles versteht.*entgegnete Tymdek bestimmt, nachdem er mit seiner Gefährtin kurzen Augenkontakt ausgetauscht hatte. Micheal neigte leicht Kopf. „Da eure Gefährtin nun wieder erwacht ist, denke ich, dass dem nichts widerspricht. Nur zu." Er setzte sich im Schneidersitz vor das Nest und legte die Hände in seinen Schoß. Die anderen Titanen taten es ihm gleich, nur Coule legte statt der Hände das magentafarbene Drachenei in den Schoß und drückte es schützend an sich. Erwartungsvoll sahen sie den schwarzen Drachen an, der offenbar noch nach den richtigen Worten suchte, bevor anfing:

*Es war vor nicht ganz zwei Wochen, als meine Tochter, Feyth, zu mir meinte, dass jemand spezielles den Wald betreten hätte. Und das bei Nacht. Höchst ungewöhnlich für einen Zweibeiner, da der Wald nachts zu einem wahren Paradies für Raubtiere aller Art wird. Niemand, der noch ganz bei Sinnen ist, betritt ihn freiwillig bei Nacht. So also machte ich mich auf die Suche nach ihm und es dauerte auch nicht lange, bis ich ein grelles Licht durch die dichten Baumwipfel hindurch bemerkte. Ich legte also meine Flügel an und stürzte mich auf die ungefähre Stelle, wo ich den Zweibeiner vermutete. Doch, dieser schien mein Kommen offenbar vorhergeahnt zu haben, denn sein Licht erlosch nur einen Bruchteil eines Augenblicks, bevor ich durch die Bäume krachte und dadurch eine kleine Lichtung in den Wald schlug. Ich sah mich um, doch nirgends war der Zweibeiner zu entdecken und dabei müsst ihr wissen, dass die Augen eines Drachens genauso scharf in der Nacht sehen, wie am Tag. Aber er war nirgends zu sehen. Ich kostete die Luft, doch es gab nichts Ungewöhnliches in ihr.

Es war so, als hätte der Zweibeiner einfach aufgehört zu existieren.

Wütend darüber, dass er mir entwischt war, flog ich davon, ohne die Umgebung nach seinem Geist zu durchsuchen. Am nächsten Morgen sagte mir meine Tochter dann, dass ich mich nicht geirrt hätte und er wirklich dort gewesen war, verborgen in einem Busch. Sie zeigte mir ein Bild von ihm und in diesem Moment, wusste ich, wer er war.*

„Verzeiht, wenn ich eure Erzählung unterbreche, aber wie konntet ihr damals nur von seinem Aussehen her wissen, wer John war?" unterbrach ihn Mike, woraufhin Tymdek schnaubend den Kopf schüttelte. *Ich habe mich hab mich falsch ausgedrückt. Ich wusste natürlich nicht, wer er war, ich wusste jedoch, was er war. Der Retter für mein kleines Mädchen.* „Ich verstehe immer noch nicht – " Der schwarze Drache sandte den Titanen ein geistiges Abbild der kleinen Feyth. „Woah!" rief Steven blinzelnd aus, „Ist das eure Tochter?"

Dunkelschwinge nickte.

*Ja. Ihr müsst wissen, meine Tochter leidet, seit sie geschlüpft ist, an einem seltsamen Phänomen, das selbst Angela, der Kräuterhexe, unbekannt ist. Zum Zeitpunkt ihres Schlupfs, spaltete irgendein gewaltiges Ereignis ihre kleine Seele in zwei Hälften. Wir wissen bis heute nicht, wie es dazu kommen konnte. Jedenfalls tat es einen gewaltigen Knall, in dem Moment, als Feyth die Schale ihres Eies durchschlug und ein Sturm, so stark wie ich noch nie einen erlebt hatte fegte über uns hinweg. Kurz darauf hörten wir eine ferne Stimme die rief: ‚Schließen, schließ es sofort!'. Es war Johns Stimme, wie ich jetzt erst vor kurzem erkannte. Aber was auch immer dieses Ereignis war und so schnell es wieder verging, der Schaden war bereits angerichtet. Ein Teil der Seele meines kleinen Mädchens hatte sich in Form eines Schattens von ihr abgespalten und über ihr ausgebreitet. Feyth zitterte und Angela und ich dachten, der Schatten würde ihr schaden. Deshalb sperrten wir ihn mit all unserer Kraft in einem Smaragd ein, den die Wahrsagerin glücklicherweise bei sich trug. Dann hatte sie eine Vision, die euch nun zeigen werde.*

Er sandte erneut ein Bild an die Soldaten, doch dieses Mal war es die Erinnerung an Angelas Vision. John, der mit Schwert in der Hand und Feyth auf der Schulter da stand wie ein Denkmal. Benommen schüttelte Mike den Kopf und fasste sich an die Schläfe. „Wie ist das möglich? Das sind ohne Zweifel unser Vater und eure Tochter. Aber wie – ?" fragte er verwirrt. Den anderen Titanen erging es ähnlich. *Ich weiß es nicht.* antwortete Tymdek. *Angela war schon immer eine Wahrsagerin, seit ich sie kenne und nur selten lagen ihre Prophezeiungen falsch. Insbesondere solche Visionen. Jedenfalls schloss sie daraus, dass eines Tages dieser Drachenritter auftauchen und Feyth in seine Obhut nehmen würde, um für sie zu sorgen. Und das, so fanden wir über die nächsten zwei Jahre heraus, würde auch bitter nötig sein. Lasst es mich so erklären: Seht ihr den jungen Dekri?* Der Admiral nickte und zog skeptisch eine Braue nach oben. *Er ist gerade einmal zwei Monate alt.*

Die Augen der Titanen weiteten sich, als sie verstanden, worauf der schwarze Drache anspielte. „Unmöglich. Wenn Feyth zwei Jahre alt ist, müsste sie doch weitaus größer sein, als John oder Dekri!" meinte Alina schockiert und Dunkelschwinge zwinkerte zustimmend. *Das ist vollkommen richtig, Heilerin. Wir vermuten es liegt an dem Seelensplitter, der sich von Feyth abgespalten hat. Meine Tochter wächst einfach nicht, beziehungsweise nur sehr, sehr langsam. Sie ist winzig, selbst im Vergleich zu einem normalen Menschen. Und dieser Missstand wäre ihr schon öfters beinahe zum Verhängnis geworden. Ihr müsst wissen, Drachen, insbesondere wir wilden Drachen hegen ein starkes Gefühl für das Recht des Stärkeren. Das ist für Feyth, quasi ein Todesurteil. Ich musste sie schon öfters vor anderen meiner Art retten, selbst vor ihrer eigenen Mutter! Es gibt leider nur wenige von uns, die für ihre Situation Verständnis zeigen, wie zum Beispiel ich oder Lyath. Das Problem ist, dass sie nicht für immer in meinem Territorium leben kann, insbesondere wenn weitere Jungdrachen schlüpfen. Irgendwann wäre ich gezwungen gewesen, sie fort, in den Tod, zuschicken. Ihr glaubt daher gar nicht, was für Stein mir von Herzen fiel, als meine Tochter mir das Bild dieses Zweibeiners im Wald schickte, den ich als den Drachenritter, wie Angela ihn nannte, wiedererkannte.*

„Bitte wartet kurz. Das ist alles sehr schwierig in den Kopf zu bekommen." unterbrach ihn Micheal abermals und schloss für einen kurzen Moment die Augen, um seine Gedanken zu ordnen.

„Nur, um nochmal bis hierher alles klarzustellen: Die Seele eurer Tochter wurde bei ihrem Schlupf, vor etwa zwei Jahren, geteilt und der böse Splitter in Smaragd eingeschlossen. Bei diesem Ereignis habt ihr kurzzeitig Johns Stimme gehört. Daraufhin hat diese Angela eine Vision von unserem Vater, der als Beschützer der kleinen Feyth auftritt. Eure Tochter wächst nicht, weil ihr durch die Spaltung irgendwas genommen wurde und nun habt ihr John im Wald getroffen, ist das bis dahin alles korrekt?" Erneut nickte der schwarze Drache. *Ja.* Mikes Gesichtsausdruck wurde ernster, als er sich an Aidan wandte.

„Aidan?"

„Ja, Sir? Wie kann ich ihnen behilflich sein?"

„Rufe die Dateien bezüglich der Experimente in Labor AL-3 auf und durchsuche sie auf Zwischenfälle."

„Stehen ihnen eventuell Angaben bezüglich des Zeitraums zur Verfügung, oder soll ich das gesamte Archiv durchsuchen?"

„Durchsuche nur die Akten für das Jahr 2436." Steven und die anderen Titanen sahen ihn ungläubig an. „Du glaubst doch nicht etwa – ?" fragte Robert, doch ein Blick auf das angestrengte Gesicht des Admirals war ihm Antwort genug.

Es dauerte nur wenige Sekunden bis Aidan grün aufleuchtete und vermeldete: „Suchtreffer für ihre Angaben: Einer. Vorfall C-003, beschrieben als explosionsartiges Auftauchen eines Dimensionstors. Ursache: Menschliches Versagen. Colonel John Miller übernahm die volle Verantwortung für diesen Vorfall, von einer Bestrafung wurde jedoch abgesehen, da weder Personal noch Gerätschaften Schaden genommen haben, weil Mr. Miller es durch schnelles Handeln verhinderte. Es existiert ein Audiolog zu diesem Unfall, das die Geschehnisse während des Vorfalls beinhaltet. Soll ich es abspielen, Sir?"

„Wie lang ist die Datei?"

„Unglücklicherweise nur 13,26 Sekunden. Scheinbar wurde die Aufzeichnung stark beschädigt."

„In Ordnung, spiel sie ab."

„Wie sie wünschen."

Der Körper der KI begann wieder blau zu leuchten und nach einem kurzen technischen Rauschen begann die Aufnahme.

„ – und dann müssen wir hier – " konnten sie die unverwechselbare Stimme von Professor Greenes hören, die unmittelbar darauf von einem metallischen Klackern und dann von einem derart lauten Knall unterbrochen wurde, dass Aidans Lautsprecher kurzzeitig übersteuerten. Danach drang lautes Rauschen an ihre Ohren, wie von Luft, die durch einen Schlauch gesogen wurde und zum Schluss kam das, was Micheal bereits befürchtet hatte. „Schließen, schließ es sofort!" schallte Johns aufgebrachte Stimme hervor. Daraufhin endete das Audiolog und der Admiral fuhr sich tiefatmend über das Gesicht.

„Ende der Aufzeichnung." ließ die KI sie unnötigerweise wissen.

„Oh Mann." murmelte Steven und sprach damit wohl das aus, was die anderen dachten. Tymdek hingegen reagierte anders. *Das war, bis auf die anfängliche Stimme, genau das gleiche, was ich damals gehört habe!* rief er überrascht aus und Mike nickte. „Dieses Ereignis gab es nicht nur in eurer Welt, Mr. Tymdek, sondern auch in unserer. Um genauer zu sein, lag bei uns der Ursprung des Übels. Ich will gar nicht wissen, was passiert wäre, wenn mein Vater damals den Versuch nicht gestoppt hätte. Es tut mir leid, dass eure Tochter dadurch solch ein grausames Schicksal erleiden musste."

Der schwarze Drache sah den Titanen einige Sekunden lang an, bevor er erwiderte: *Die Zeit den Schuldigen zu suchen ist längst vorbei, der Schaden angerichtet. Jetzt zählt nur die Gegenwart und dank John, blickt meine kleine Tochter einer glücklichen Zukunft entgegen, denn er wird sie bis auf den letzten Tropfen Blut verteidigen, als wäre sie sein eigenes Kind.* *Das Band zwischen den Beiden ist wirklich sehr stark, fast könnte man meinen sie seien Drache und Reiter, doch die Verbindung ist – anders.* fügte Lyath hinzu und zwinkerte sanft.

Die Soldaten horchten auf.

'Wenn Lyath die Verbindung zwischen John und dieser Feyth derart beschreibt und Tymdek ihm derart vertraut, kann es eigentlich nur stimmen, warum sollten sie lügen? Und vor allem, es ergibt Sinn, dass Vater so handeln würde. Schließlich hat er es schon einmal getan, damals, für uns.' dachte der Admiral. Er musste schmunzeln, als Robert genau das laut aussprach und dabei symbolisch die Arme ausbreite.

„Die Geschichte scheint sich also zu wiederholen, interessant. Nur anstatt 19 verwaister Kinder, ist es dieses Mal ein niedlicher kleiner Drache, der dringend Hilfe benötigt. Ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, aber ich bin immer offen für Neuankömmlinge in unserer Familie, sei es jetzt Drache, Mensch oder sonst noch was!"
„Da hast du recht." stimmte Mark zu und auch Alina nickte ernst.

„Also haben wir jetzt praktisch einen kleinen, grünen Drachen als Schwester? Um Gottes willen, wehe einer von euch verrät das Shenmi, bevor ich mit ihr gesprochen habe!" meinte Steven scherzhaft drohend und grinste breit. „Ich denke, ich spreche für uns alle, wenn ich sage, dass wir vollkommen hinter dem stehen, was John tut. Und wenn er die kleine Feyth als Teil seiner Familie ansieht, dann tun wir das auch!" fügte Mike bestimmt hinzu.

Die rote Drachendame summte zufrieden und auch Dunkelschwinge schien sehr angetan von der Reaktion der Titanen zu sein, denn er meinte respektvoll: *Ihr ehrt mich und Feyth mit diesen Worten, meine Freunde.* „Das ist einzig und allein euer Verdienst, Tymdek. Immerhin habt ihr uns davon erzählt und ich glaube bei weitem nicht, dass ihr uns anlügen würdet. Wir sind jetzt eine Familie und sowohl Feyth, als auch ihr, Lyath, Dekri und eure Nachkommen stehen unter dem Schutz der gesamten Titan-Einheit." erwiderte Micheal ernst. Demonstrativ standen alle fünf Titanen gleichzeitig auf und schlugen sich die rechte Hand auf die Brust, dorthin wo das Herz saß.

Ihnen gegenüber verneigten Tymdek, Lyath und Dekri ihre Häupter so tief, dass die fast den Boden berührten, was eine beachtliche Leistung war, wenn man bedachte, dass der Kopf des schwarzen Drachens eigentlich knappe 35 Meter über dem Höhlenboden thronte. *Ich weiß diese Bande zu schätzen, Micheal. Ihr steht genauso unter unserem Schutz, wie wir unter dem eurem. Es gibt kein Wort in dieser Welt, um zu beschreiben, was ich gerade Fühle.* sagte Dunkelschwinge feierlich und berührte den Admiral mit seiner Schnauze an der Stirn, wobei er ihm mit seinem Atem das halblang geschnittene Haar verwirbelte. Lächelnd entgegnete Mike: „Nun, ich denke glücklich, wäre ein passendes Wort, immerhin ist eure Tochter bei John auf jeden Fall in Sicherheit und wir wissen nun, dass er nicht mehr vorhat zurückzukehren, denn das würde gegen jegliche Prinzipien gehen, die er besitzt."

*Glücklich, ja in der Tat, es kommt dem am nächsten.*

Der Offizier wollte gerade fragen, wo genau sie John und Feyth gerade aufhielten, als ein lautes, mehrstimmiges Knacken durch die Höhle hallte. Vorahnungsvoll drehten sich sämtliche Köpfe der Titanen auf das magentafarbene Ei in Stevens Armen. Der Sergeant starrte selbst mit weitaufgerissenen Augen darauf und zuckte unwillkürlich zusammen, als ein weiteres Knacken durch den Raum schallte. Ein langgezogener, aber schmaler Riss begann sich auf der glatten Oberfläche des Dracheneis abzuzeichnen.

„Oh Fuck!"



[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die DrachenreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt