Gefangener?

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John spannte seine Muskeln an und versuchte die massive Stahlkette, mit der seine beiden Hände gefesselt waren zu sprengen, aber so sehr er sich auch anstrengte, das Metall gab nicht einen einzigen Millimeter nach. „Versucht es gar nicht erst Krieger. Diese Ketten wurden geschmiedet um weitaus mächtigere Kreaturen als euch zu binden." meinte Alanna zart lächelnd, während sie wieder auf ihr Pferd stieg und sein Kampfmesser zusammen mit dem blutroten Schwert in einer ihrer Satteltaschen verstaute. Der Titan blieb stumm.

Der Hauptmann hatte ihm gerade erst, mit Hilfe einiger seiner Männer, die magischen Ketten angelegt, so dass er gezwungen war, beide Arme leicht angewinkelt vor der Brust zu halten. Außerdem waren diese mit seinem Hals verbunden, wodurch er seine Arme und Hände so gut wie gar nicht mehr bewegen konnte. Zusätzlich hatten sie ihm Fußfesseln angelegt, die wiederum mit seinen Händen verkoppelt waren. Er konnte nicht mehr rennen, nicht mehr kämpfen oder sonst irgendwie entkommen. Die Kettenglieder bestanden aus hochpoliertem Stahl, in den viele kleine Runen eingraviert worden waren, welche ihn laut der Elfe daran hinderten gegen seine Häscher vorzugehen, oder Magie einzusetzen. Das Ende seiner Fessel, hielt Alanna in ihrer rechten Hand.

Ihre Magie hatte sie erst aufgehoben, als er sicher verschnürt gewesen war und wenn er ihr kurzes Zusammenzucken danach richtig deutete, hatte der Zauber ihr wohl eine Menge Energie abverlangt. Jetzt erwartete sie sicherlich, dass er hinter ihrem Gaul herlaufen würde, wie ein artiger Gefangener, doch John hatte nicht vor, sich so einfach seinem Schicksal zu ergeben. Er konnte zwar nicht mehr wegrennen, oder kämpfen, das bedeutete aber nicht er würde sich freiwillig vom Fleck bewegen. Als die Elfe dann also an der Kette zog und neckisch sagte: „Ihr seid es sicher schon gewohnt lange zu marschieren.", tat er einfach gar nichts. Er blieb an Ort und Stelle stehen, ohne auf ihre Provokation einzugehen.

Nach ein paar Augenblicken zog sie wieder an seinen Fesseln, diesmal stärker, doch John rührte sich nicht. Sie war außerordentlich kräftig, dafür, dass sie derart zart gebaut war. 'Vermutlich sind Elfen von Natur aus stärker als Menschen.' überlegte der Titan, während er mit zufriedener Miene beobachtete, wie die Arroganz im Gesicht der Elfe langsam aber sicher dem Missmut wich. „Ihr haltet es also für schlau, einen sturen Esel zu imitieren?" fragte sie leicht verstimmt, als sie nunmehr zum vierten Mal an der Kette zog und er sich immer noch keinen Zentimeter nach vorne bewegt hatte. Ein eiskalter Schmerz explodierte förmlich in seinem Kopf und er zuckte zusammen.

Es fühlte sich an, als würde man ihm mit einer tiefgefrorenen Axt den Schädel spalten. John krümmte sich zusammen, aber presste die Kiefer aufeinander um nicht laut zu schreien. Es war der gleiche Schmerz wie damals, als die Wissenschaftler ihn zu Testzwecken in flüssigen Stickstoff getaucht hatten. Wenige Augenblicke später verebbten die Qualen allmählich und der Titan konnte wieder klar denken.

'Feyth und die anderen sind in Sicherheit. Ich gewinne nichts, wenn ich mich ihnen widersetzte. Fürs erste sollte ich einfach tun was sie verlangen. Es gibt keine Informationen, die ich preisgeben könnte, welche für sie von Interesse sind. Vielleicht erfahre ich so auch mehr über die Schwarze Rose.' stellte er nüchtern fest und holte tief Luft, als er sich wieder aufrichtete. „Ihr habt einen außerordentlich starken Willen Mensch, das muss ich euch lassen, aber solltet ihr euch noch einmal widersetzten, wird es größere Konsequenzen haben, als leichte Kopfschmerzen. Verstehen wir uns?" meinte die Elfe ernst und John nickte. „Ich werde kooperieren." versicherte er ihr tonlos.

Es war der erste Satz überhaupt, den er mit einem seiner Häscher wechselte, seit seiner Gefangennahme. Alanna lächelte zufrieden und gab dann den Befehl zum Aufbruch, den der Hauptmann lautstark an die übrigen Männer weitergab. Die hatten sich in der Zwischenzeit jeweils zu zweit auf eines der verbliebenen Pferde gesetzt, welche ohnehin schon vollkommen überladen waren mit allerhand Zeug. Die normalen Soldaten hatten sich hinter dem Titan aufgestellt, behielten jedoch einen respektvollen Abstand zu ihm. Langsam setzte sich der Tross mit der Elfe und dem Hauptmann an der Spitze in Bewegung und John trottete hinter ihnen her.

Der Weg war eine einzige Schlammlache, die Pferde hatten große Mühe bei jedem Schritt ihre Hufe aus dem Morast zu ziehen, genau wie der Titan. Der Dreck reichte ihm bis über das Sprunggelenk und schon nach wenigen Metern begannen sich vereinzelte Schlammspritzer auf dem Atlas abzulagern, welche jedes Mal von den Beinen der Rösser hochspritzten, wenn diese einen Schritt taten. Es war recht mühsam, mit den Tieren mitzuhalten, da er mit seinem Gewicht viel tiefer in den Morast einsank als die Pferde. Die Minuten vergingen, während sie Lyaths Höhle hinter sich ließen und den doch relativ steil ansteigenden Weg folgten, der sie irgendwann unweigerlich zum Bergpass führen würde. 'Trefholm muss also jenseits der Wüste liegen, vermutlich eine Hafenstadt dem Namen nach zu urteilen.' schlussfolgerte John daraus und inspizierte die Elfe, welche vor ihm auf dem schwarzen Pferd ritt, etwas genauer.

Ihr langes, blondes Haar reichte bis zur Hüfte hinunter, der Speer auf ihrem Rücken war mit feinen Verzierungen versehen, welche der Titan weder als Schriftzeichen noch etwas anderes identifizieren konnte und die Rüstung die sie trug sah an einigen Stellen äußerst abgetragen aus, was darauf hinwies, dass Alanna entweder schon viel Schlachten erlebt hatte, oder aber dass sie die Kleider schon recht lange trug. Dann bemerkte er einen sehr feinen Schnitt, den er zuvor nur für eine verrutschte Haarsträhne gehalten hatte und fein säuberlich zusammengenäht worden war. Er zog sich einmal quer von ihrem rechten Schulterblatt bis hinunter zur linken Taille, vorausgesetzt, dass der Schnitt hinter dem Haar durchgehend war. 'Entweder sie ist einmal in einen Hinterhalt geraten, oder aber sie wurde von den eigenen Leuten verraten und von hinten angegriffen. Sie muss unglaubliches Glück gehabt haben, so eine Wunde zu überleben.' dachte John. Er prägte sich jedes noch so kleine Detail das er an ihr erkennen konnte ein, vielleicht würde es sich noch als nützlich erweisen.

Der Titan wollte gerade damit beginnen, den Hauptmann näher zu untersuchen, als die Elfe leicht ihren Kopf drehte und freundlich meinte: „Also, Krieger, wir hatten noch nicht die Gelegenheit dazu uns einander vorzustellen. Mein Name ist Alanna Silberwind. Und wer seid ihr?" „Titan 06, Colonel John Miller." antwortete John kühl und prägte sich das Gesicht der Elfe genau ein, wobei ihm auffiel, dass sie hellgrüne Augen hatte. Ansonsten bemerkte er nichts besonderes, außer vielleicht die relativ hochgezogenen Wangenknochen und die spitz zulaufenden Ohren, aber da auch die beiden Elfen, die er verhört hatte, ebenso solche Merkmale aufgewiesen hatten, stufte er es als Eigenart des Volks ein.

„John, das ist ein starker Name. Sagt, wo kommt ihr her, denn so eine Rüstung habe ich bisher auf meinen Reisen noch nie gesehen, noch dazu euer enormer Körperbau für einen Menschen." nahm Alanna den Gesprächsfaden auf und schenkte dem Titan ein kurzes Lächeln. Johns Gesichtszüge blieben emotionslos, als er entgegnete: „Aus einem fernen Land, unerreichbar für euch, weder zu Lande, zu Wasser oder auf einem Drachen." Er empfand es als äußerst nützlich, dass sein Helm als Sichtbarriere zwischen ihr und ihm fungierte, sodass sie nur die kalte Fassade des verspiegelten Panzerglases sehen konnte. Nicht das es etwas geändert hätte, aber dieser Sichtschutz bot ihm einen psychologischen Vorteil, da sie seine Reaktionen auf ihre Fragen nicht sehen konnte. Allein dieser Aspekt reichte oft schon aus, um einen Gesprächspartner zu verunsichern.

„Aus einem fernen, unerreichbaren Land also, das ist sehr interessant." meinte die Elfe. „Und was führte euch hierher mein Freund, wenn doch eure Heimat derart weit entfernt liegt?" „Der Zufall. Mein Schiff kenterte weit draußen auf dem Meer und nur ich habe es lebend an die Küste geschafft." erwiderte der Titan monoton und blickte kurz hoch in den Himmel, als ein Schatten über sein Visier huschte.

Er entdeckte jedoch nur eine Gruppe großer Vögel die hoch über ihnen im warmen Schein der Sonne ihre Kreise zogen. Zumindest glaubte er, dass es Vögel waren, aber wegen der enormen Flughöhe konnte er es nicht ausschließen, dass es doch etwas anderes war. Er beschloss weiterhin auf die Tiere zu achten.

„Ein Unfall also, mein Beileid John. Auch ich habe schon viele Freunde durch Schiffunglücke verloren. Die Gewässer rund um Nidhan sind äußerst tückisch, ein einziger Fehler und man läuft auf Grund. Ihr hattet Glück den Nïdhwalar zu entkommen, für gewöhnlich landen die meisten Schiffbrüchigen in ihren Mägen." erklärte Alanna und der Hauptmann brummte zustimmend. „Verteufelte Biester." John konnte hören, wie er seine gepanzerte Hand zu einer Faust ballte. 'Ein Seeungeheuer? Wahrscheinlich nur ein großer Raubfisch.' vermutete der Soldat, blieb jedoch gegenüber der Elfe stumm.

Diese wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht bevor sie fortfuhr: „Aber genug davon. Erzählt uns lieber, wo ihr dieses Schwert her habt! Und versucht gar nicht erst zu lügen, ich weiß, wessen Schmiedearbeit es entsprungen ist. Die Frage ist nur, wem habt ihr es gestohlen?" Alanna öffnete die hintere Satteltasche und zog vorsichtig das blutrote Schwert mit dem schimmernden Smaragd im Heft heraus. Sie legte es sich über den Schoß, um es besser untersuchen zu können. „Ich habe es in einem Schmugglerversteck gefunden." erklärte John tonlos und wartet gespannt auf eine Reaktion der Elfe, die gerade im Begriff war die Finger um das Heft zu legen. „Ein Schmugglerversteck, amüsanter Versu –" meinte sie leise kichernd, als ein erstickter Schrei ihrer Kehle entwich und sie kurz zusammenzuckte.

*Bah, verräterisches Elfenweib, voll von Reue, Rache und verlorener Liebe! Tötet sie so schnell es euch möglich ist, bevor ich den Verstand verliere!*

Darauf hatte der Titan gehofft. Das Schwert hatte, wie schon zuvor bei ihm und Keno, einen Teil der Persönlichkeit Alannas preisgegeben, sogar weitaus mehr als bei ihnen selbst, aber er wollte sich nicht beschweren. Jede Information über seine Häscher konnte noch nützlich sein.

„Was ist das für eine Waffe?" hörte er die Elfe leise fluchen und beobachtete still, wie sie ihren linken Panzerhandschuh auszog und etwas auf der Handfläche vorsichtig betastete. Er konnte einen kurzen Blick auf einen langen Schnitt werfen, der sich durch ihre Haut zog und eine Art Symbol nur knapp verfehlt hatte. Seine Augen verengten sich um das Zeichen auf ihrer Hand deutlicher zu erkennen, aber er bekam keine Chance dazu, weil Alanna schnell einige Worte murmelte, die er nicht verstand und den Handschuh sofort wieder anzog, als ihre Hand grün zu leuchten begann.

An John gewandt fragte sie: „Was hat das zu bedeuten, Titan? Habt ihr einen Zauber über dieses Schwert gelegt?" Wahrheitsgemäß antwortete er emotionslos: „Nein." Die Elfe warf ihm einen prüfenden Blick zu und murmelte erneut einige Sätze in der Sprache, die Feyth Alte Sprache genannt hatte. Es störte den Soldaten, die Übersetzung dieser Worte nicht zu kennen, er konnte nicht einmal versuchen sie von irgendeiner ihm bekannten Sprache abzuleiten, da sie keinerlei Anhaltspunkte dafür bot. Als sie mit ihrem gemurmelten Zauber fertig war und sich nichts verändert hatte meinte sie nachdenklich: „Ihr sagt die Wahrheit John. Es liegt keine Magie auf dieser Klinge, die solch einen Schnitt hervorrufen würde. Und ihr behauptet immer noch, dieses Schwert in einer Kiste gefunden zu haben?" „Ja." Ihr Gesichtsausdruck zeigte dem Titan, dass sie es immer noch nicht glaubte. „Wollt ihr etwa meine Intelligenz beleidigen? Warum sollte jemand eine solch mächtige Waffe in einer einfachen Kiste am Wegesrand liegen lassen? Noch dazu in einem unfertigen Zustand." „Es ist euer Problem, wenn ihr meinen Worten keinen Glauben schenken wollt. Ich kann euch nur sagen wie es war. Ich habe dieses Schwert in einer runenverzierten Kiste gefunden, welche in einer größeren Schmugglerkiste aufbewahrt wurde." erklärte er ihr ernst, während er langsam hinter den Pferden herging und angenehm überrascht war, als der schlammige Boden allmählich einem festen Felsuntergrund wich.

John blickte kurz über die Schulter zurück, um zu sehen, wie viel Strecke sie zurückgelegt hatten und stellte fest, dass es schon ein gutes Stück Weg war. Lyaths Höhle und selbst der Wald waren nicht mehr zusehen, nur noch die kahlen, steilen Berghänge die sich links und rechts von ihnen auftürmten. Es war keine Schlucht im eigentlichen Sinne, dafür lagen die Hänge zu weit auseinander, aber man kam sich trotzdem klein vor neben diesen Felsgiganten, die einige Kilometer in die Höhe ragten. Der Titan bemerkte einige ziegenartige Tiere auf den spärlich bewachsenen Abhängen. Sie bewegten sich sprungartig fort, von einem sichern Standplatz zum nächsten, immer darauf bedacht nicht abzustürzen. 'Recht groß für eine Ziege. Scheinen harmlos zu sein.' befand John und wurde von der Elfe aus seinen Gedanken gerissen.

„Ihr meint es wohl wirklich ernst, mit der Kiste, belassen wir es vorerst dabei. Heute Abend im Lager werde ich es mit Gewissheit sagen können, wenn ich euren Geist untersuche. Fürs erste werde ich es wohl wieder sicher Verwahren, bis wir zurück in Trefholm sind. Mein Meister wird ohne Zweifel wissen, um welches Schwert es sich hierbei handelt. Nun denn, kommen wir wieder auf eure kleinen Freunde zu sprechen. Liege ich richtig mit der Annahme, dass der Mensch, welcher auf Lyaths Rücken gesessen hat, der junge Drachenreiter Keno war?" „Möglicherweise." entgegnete er teilnahmslos und erhielt einen wütenden Blick des Hauptmanns als Belohnung.

„Ihr habt ihn befreit und meine besten Männer umgebracht, Bastard." knurrte der Mann und war schon im Begriff sein Schwert zu ziehen und abzusitzen, als Alanna ihn aufhielt. „Genug Berdon. Ihr werdet die Rache für eure Männer bekommen, aber nicht hier und nicht jetzt. Haben wir uns verstanden?" Er nahm die Hand vom Griff der Waffe, funkelte John allerdings weiterhin böse an. „Ja, Herrin." „Sie haben ihr Schicksal selbst gewählt Hauptmann. Eure Männer haben mich ohne Provokation angegriffen, und selbst in eurem Land sollte es erlaubt sein sich zu verteidigen." meinte John trocken. Er hatte die Chance erkannt, die sich ihm bot, doch leider ging die Elfe dazwischen. „Ruhig Berdon. Seht ihr nicht, dass er euch nur provozieren möchte? Geht nicht darauf ein, ich bin mir sicher, dass er euch töten wird, wenn ihr ihm zu nahe kommt. " „Er ist mit den Drachenketten gefesselt, wie sollte er es damit schaffen auch nur einen Finger gegen mich zu erheben?" widersprach der Hauptmann wütend und sah den Titan weiterhin hasserfüllt an.

„Ihr solltet euren Gegner niemals unterschätzen, selbst wenn er schon halbtot auf dem Boden vor euch liegt und um Gnade winselt. Dieser Mann hier, wird sicherlich schon über mehrere Möglichkeiten nachgedacht haben uns trotz seiner eingeschränkten Beweglichkeit umzubringen. Er ist schließlich ein gefangener Soldat, es ist seine Mission uns zu entkommen. Das solltet ihr selbst am besten wissen Hauptmann." entgegnete Alanna ernst und warf Berdon einen eindringlichen Blick zu. Dieser knirschte mit den Zähnen, wandte sich aber schließlich nachgebend ab und sagte unterwürfig: „Natürlich Herrin, verzeiht mir mein unangebrachtes Verhalten." „Versucht es nicht zur Gewohnheit werden zu lassen." meinte die Elfe versöhnlich und wandte sich nach einem anerkennenden Nicken wieder dem Titan zu, der den kurzen Wortwechsel der Beiden aufmerksam beobachtet hatte.

Für ihn war nun klar, welches Glied der Kette er angehen musste, um sie zu sprengen. Personen mit geradezu explosiver Persönlichkeit waren herrlich einfach zu überlisten. Er musste nur dafür sorgen, dass Alanna sich nicht einmischte, doch die Elfe schien zu wissen, was er dachte.

„Ihr seid nicht nur stark, sondern auch klug, eine schlagkräftige Kombination für einen Krieger wie euch. Aber ich warne euch, ich werde es nicht dulden, dass ihr meine Untergebenen angreift. Solltet ihr es wagen Hauptmann Berdon oder einem der Soldaten auch nur ein Haar zu krümmen, verfüttere ich euch höchstpersönlich an den nächsten Beorn dem wir begegnen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt, mein Freund?" gab sie ihm mit ernster Stimme zu verstehen, das Gesicht zu einer einschüchternden Grimasse verzogen. John zeigte sich davon jedoch relativ unbeeindruckt. „Wie ihr meint Elf." Er konnte sehen, wie sich die Anführerin innerlich zügeln musste, nicht den gleichen Fehler zu begehen, wie ihr Hauptmann, weswegen sie ein falsches Lächeln aufsetzte als sie erneut das Wort an ihn richtete.

„Gut, da wir das nun geklärt haben, würdet ihr uns vielleicht davon berichten, wie es dazu kam, dass ihr Keno befreit und mit ihm zusammen in Lyaths Hort Unterschlupf gesucht habt? Wo sollte euch eure Reise ursprünglich hinführen John?" Der Titan zuckte mit den Schultern. „Ich war in Richtung der Drachenreiterfestung unterwegs. Sie und ihre Magie sind wohl meine einzige Hoffnung nach Hause zu kommen. Es waren eure Männer die mich zum handeln zwangen, als sie mich angriffen. Das ich dabei Keno befreite war einerseits ein Zufall und andererseits nur logisch, da ich ihn unmöglich halbtot zurücklassen konnte. Die Begegnung mit Lyath war ebenfalls nicht geplant, wir wurden gezwungen vor dem Unwetter Schutz zu finden. Ihre Höhle war der nächstbeste Ort dafür, woher hätten wir wissen sollen, dass sie bereits bewohnt war?"

Es machte ihm nichts aus, Alanna die Wahrheit zu erzählen, sie konnte daraus keine Informationen gewinnen, die für sie in irgendeiner Weise brauchbar waren oder die sie nicht schon bereits wusste. Zudem hatte die Elfe zuvor selbst zugegeben, dass sie vorhatte seinen Geist zu durchsuchen, weswegen ihm Lügen im Endeffekt mehr schaden, als nützen würden.

„Das ergibt Sinn, ich wäre vermutlich zu dem gleichen Schluss gekommen wie ihr Titan. Ich nehme an, dass Lyath euch nicht mit offenen Armen empfangen hat?" entgegnete die Elfe nachdenklich, während sie das blutrote Schwert vorsichtig zurück in die Satteltasche bugsierte und stattdessen Johns Kampfmesser hervorholte. Den Soldat den er damit verletzt hatte, war von ihr mit Magie geheilt worden, anderweitig wäre er vermutlich innerhalb der nächsten paar Stunden verblutet. Der Titan neigte leicht den Kopf, um einen besseren Blick auf ihre Hände zu haben, als er monoton erwiderte: „Nein, es gab eine kleine Auseinandersetzung, aber Keno konnte die Sache klären, bevor es zu größerem Blutvergießen kam." „Das ist schön zu hören. Wer war der kleine grüne Drache, der neben Lyath und ihrem Sohn flog? Ich kann mich nicht vorstellen, dass eines der anderen beiden Eier geschlüpft ist, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe." „Ihr Name ist Feyth, mehr weiß ich nicht." antwortete John kurz angebunden.

Irgendetwas in ihm weigerte sich der Elfe mehr über seine kleine Drachenfreundin zu erzählen. Diese jedoch wirkte positiv überrascht, als er Feyths Namen erwähnte. „Die kleine Feyth? Geht es ihr gut? Ich habe sie schon knapp ein Jahr lang nicht mehr gesehen." Es war ihr deutlich anzusehen, dass sie den kleinen Drachen mochte und sich um ihn sorgte. Der Titan jedoch schwieg und schritt behäbig hinter den Pferden her. Er konnte es sich nicht erklären, aber irgendetwas hinderte ihn daran mehr von dem kleinen Drachenmädchen preiszugeben. Vielleicht waren es die anderen beiden in ihm, die er ohnehin schon die ganze Zeit gegen seine Kontrolle drücken spürte, er wusste es nicht. Alanna jedoch, nahm ihm sein Schweigen offenbar nicht übel, da sie selbst einige peinliche Minuten verstreichen ließ, in denen sie interessiert sein Messer musterte, bis sie ihn erneut ansprach.

„Nun gut, diese Frage war ohnehin nur persönlich und ohne Belang. Erzählt mir stattdessen lieber, wie ihr es geschafft habt, Lyath zu entgiften? Ich weiß nur von fünf Personen in ganz Alagäsia und Nidhan, die dazu in der Lage gewesen wären, doch keiner von ihnen war bei euch. Wie ist das möglich?" „Eure Heilkunst ist weitaus rückständiger, als die meines Landes, Elfe. Es war einfach das Gift zu neutralisieren." antwortete John wahrheitsgemäß, erleichtert, dass sie das Thema gewechselt hatte und erntete dafür einen skeptischen Blick. Nach einigen Augenblicken entspannten sich ihre Züge jedoch wieder und die Elfe meinte: „Das ist äußerst bemerkenswert. Wir hatten schon befürchtet, es nicht mehr rechtzeitig zu schaffen, um ihr unser Gegenmittel zu verabreichen. Deswegen habe ich auch meine beiden Lehrlinge sofort losgeschickt, nachdem das Unwetter vorbei war. Unglücklicherweise haben sie gegen euch offensichtlich den Kürzeren gezogen, wie ihr Menschen so treffend sagt." „Also war das Gift tödlich und Lyath wäre durch eure mangelhafte Planung gestorben, hätte ich sie nicht geheilt." schlussfolgerte der Titan kühl und zu seiner Überraschung wurde Alanna nicht wütend, sondern wandte nur beschämt den Blick von ihm ab.

„Der Plan war ein zu großes Wagnis, ja. Sie wäre zwar nicht gestorben, aber der Schlaf der sie übermannt hätte, kann mehrere Jahrzehnte andauern. In gewisser Weise bin ich euch deswegen dankbar, Titan." entgegnete sie mit gesenkter, reumütiger Stimme. Skeptisch zog John eine Augenbraue hoch. Es war schwer einzuschätzen, ob die Elfe die Wahrheit sagte, oder das Blaue vom Himmel herunter log. Ihr Verhalten jedenfalls deutete daraufhin, dass sie es ernst meinte und auch der besorgte Blick des Hauptmanns hinüber zu seiner Anführerin ließ den Verdacht einer Lüge stark verblassen. Er entschied sich vorerst keine Schlüsse zu ziehen und trabte schweigend hinter der Elfe und dem Menschen her.

Erneut glitt ein Schatten direkt über ihn hinweg und ließ den Titan aufmerksam nach oben schauen. Noch immer kreisten die geflügelten Tiere hoch über ihren Köpfen, doch sie waren schon ein Stück nähergekommen. Ihre Form passte nicht zu den Vogelarten, die er kannte, dafür war ihr Körper viel zu langezogen, fast schon wie eine etwas breiter gebaute Schlange. 'Das dürften wohl keine Vögel sein. Drachen sind es auch nicht, dafür sind sie zu schlank. Ich sollte sie auf jeden Fall im Auge behalten, niemand verringert seine Flughöhe ohne Grund, vor allem nicht wilde Tiere.' dachte John , als er seinen Blick wieder nach vorne richtete, wo sich die Elfe mittlerweile wieder zu ihm gedreht hatte.

Eine einzelne Träne rann ihr über die Wange.

Offensichtlich nahm sie diese Sache doch mehr mit, als er vermutet hatte. 'Das ist interessant.' stellte der Titan mit hochgezogenen Augenbrauen fest, während Alanna die Träne mit ihrer linken Hand wegwischte. „Das genügt für den Anfang erst einmal John. Wir werden die Befragung heute Abend im Lager fortsetzen. Ich brauche erst einmal Zeit für mich allein." erklärte sie mit einem schiefen Lächeln, ließ sein Kampfmesser in eine der Satteltaschen gleiten und wandte sich wieder nach vorne. Für John hätte es besser kaum laufen können.

Er besaß nun weitaus mehr nützliche Informationen über Alanna, als sie über ihn, ohne auch nur eine einzige Frage gestellt zu haben. Dass er nebenbei auch noch herausgefunden hatte, dass Hauptmann Berdon leicht zu provozieren war, erschien ihm fast schon zu viel. So also blieb er still und trottete gemächlich hinter seinen Häschern her.

Die Stunden verstrichen und das Licht der untergehenden Sonne hüllte allmählich alles in ein sanftes Rot ein. Immer wieder hatte John während des Marschs nach oben in den Himmel geschaut, um nach den fliegenden Schlangen Ausschau zu halten, doch nach ein paar Stunden waren sie auf einmal verschwunden und tauchten auch nicht wieder auf. Stattdessen bemerkte er in der Ferne ein Rudel großer Wölfe, die Jagd auf die am Hang grasenden Ziegen machten. Einer der Wölfe war zu gierig und verschätzte sich bei einem Sprung auf seine Beute. Lauthals heulend und wimmernd purzelte er rollend den Berg hinunter, bis er schließlich gegen ein paar Felsen prallte und starb.

Den Männern, die hinter ihm ritten, ging das Geheul dieser Tiere durch Mark und Bein. Sie begannen einander Schauergeschichten zu erzählen von Wölfen so groß wie Pferde, Bären so groß wie ein kleines Haus und Wildschweine mit Hauern so dick wie der Arm eines Menschen. Dazu kamen noch allerhand Gesocks wie Urgals, Ra'zacs und untote Zwerge, die scheinbar die Schächte verlassener Minen heimsuchten um sie gegen Eindringlinge zu verteidigen. John glaubte kein einziges Wort von dem was die Männer da sprachen, allerdings konnte er nicht abstreiten, dass er das Gefühl hatte beobachtet zu werden. Auch Alanna und Berdon schienen davon befallen zu sein, denn sie sahen immer wieder aufmerksam durch die Gegend, so als ob sie jederzeit einen Angriff erwarteten.

Die Sonne wurde immer schwächer, während der aufgehende Mond das Land allmählich in sein silbernes Licht tauchte. Erst jetzt gab die Elfe den Befehl ein Lager aufzuschlagen. Der Titan blieb knapp zwei Meter hinter ihr stehen und sah kurz zurück über die Schulter. Die Soldaten saßen von den völlig ausgelaugten Tieren ab, deren Beine fast vollkommen von getrocknetem Schlamm überzogen waren, und begannen damit die Satteltaschen zu entleeren. Wie erwartet kamen keine Zelte zum Vorschein sondern nur einfache Schlafsäcke und zusammengerollte Decken aus Wolle. 'Zeltstangen mit dem Pferd zu transportieren scheint wohl keine Option zu sein.' dachte John und überlegte, wie die Männer sich mit einer derart notdürftigen Ausrüstung vor dem Dauerregen geschützt hatten. In Windeseile hatten die Soldaten ihr Lager aufgeschlagen, die Pferde versorgt und ein mittelgroßes Feuer geschürt, welches auf der Mitte der Straße vor sich hin flackerte. Während Hauptmann Berdon zu seinen Männer hinüber schlurfte, spürte der Titan einen leichten Zug auf seinen Ketten und bemerkte überrascht, dass Alanna etwas abseits der Menschen im Schatten stand und ihn freundlich belächelte.

Sie deutete ihm an, ihr zu folgen. Die Elfe führte in ein paar Meter weiter weg von den anderen, sodass diese zwar noch in Sicht- aber nicht in Hörweite waren. Dann setzte sie sich auf einen der am Wegesrand liegenden Felsbrocken und sah ihn musternd an. Ein leiser Seufzer entglitt ihren Lippen. „Wartet einen Augenblick." bat sie John, der ihr gegenüberstand und die sitzende Elfe um mehr als anderthalb Meter überragte. Er überlegte kurz, einen Angriff zu wagen, entschied sich jedoch dagegen, da die Chance damit etwas zu erreichen viel zu gering war. So also wartete er schweigend darauf, dass Alanna ihren gemurmelten Zauber beenden und sich erneut an ihn wenden würde.

Es dauerte nur ein paar Augenblicke, dann öffnete die Elfe ihre Augen wieder, legte die Beine übereinander und faltete die Hände im Schoß zusammen. Sie fixierte sein Visier mit ihren hellgrünen Pupillen und meinte dann mit einer leisen, melodischen Stimme: „Es tut mir Leid, dass ich euch derart grobschlächtig behandeln musste mein Freund, aber Hauptmann Berdon und die anderen sollten keinen Verdacht schöpfen. Sie haben eine andere Sichtweise auf die Dinge, als ich und würden deswegen an manchen meiner Entscheidungen zweifeln, wenn sie den Grund wüssten. Das kann ich mir als Kommandantin nicht leisten, ich denke ihr versteht das." John sah sie skeptisch an. „Was genau meint ihr damit?"

Alanna seufzte erneut.

„Ihr seid das Opfer einer fehlgeplanten Mission geworden John. Euch geht dieser Konflikt nichts an, ihr wisst vermutlich nicht einmal wovon ich rede. Ihr seid weder unser Freund, noch unser Feind und doch steht ihr hier vor mir in Ketten, die geschmiedet wurden um einen anderen Freund zu fesseln. Die Welt ist im Ungleichgewicht und die Unschuldigen werden in den Malstrom zwischen den Fronten gesogen, genau wie ihr." „Erspart euch euer philosophisches Geschwätz Elf. Sagt worauf ihr hinaus wollt." „Ich trat der Schwarzen Rose vor vielen Jahren bei, da ich die Ideale ihres Anführers teilte. Ein vereinigtes Land, keinen Streit mehr zwischen den verschiedenen Völkern und die Freiheit der einfachen Leute ihren eigenen Anführer zu wählen. Es klang perfekt, vielleicht zu perfekt, doch meine träumerische Vorstellung dieses vereinigten und freien Reiches trübte mir die Sinne. Aber nicht alles was glänzt, ist auch aus Gold, wie ein altes Sprichwort der Zwerge sagt." erklärte die Elfe und John begann zu verstehen was sie meinte.

„Ihr seid nicht mehr überzeugt von den Plänen eures Herrn?" Alanna nickte sanft. „Er lässt Bruder gegen Bruder kämpfen, Schwester gegen Schwester und aus alten Freunden werden neue Feinde. Niemals hätte ich mir vorgestellt dieses Ziel eines friedlichen Miteinanders nur durch solch blutige Kämpfe zu erhalten. Ich bin froh, dass ihr Lyath und den anderen zur Flucht verholfen habt, insbesondere Keno, der ohnehin schon zu viel durchlitten hat für einen Mensch seines Alters." Der Titan neigte nachdenklich den Kopf zu Seite und wollte dann mit ernster Stimme wissen: „Wieso sollte ich euch glauben? Ihr könntet mir genauso gut alles vorlügen und behaupten es wäre die Wahrheit. Wie könnt ihr mir versichern, dass eure Worte die Wahrheit berichten?"

Die Elfe nickte verstehend, holte kurz Luft und sagte dann laut und deutlich: „Eka thorta du ilumëo!"

Ein leichtes Kribbeln erfasste Johns kompletten Körper und er bekam eine Gänsehaut, als ihn ein Gefühl des Verstehens übermannte. Er wusste nicht, wieso, aber mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass alles was die Elfe gesagt hatte, wahr war. 'Das ist nicht natürlich.' dachte er verwirrt und wollte gerade Alanna zur Rede stelle, als diese ihm schon zuvor kam. „Nein, es war kein Zauber, den ich gewirkt habe, zumindest nicht direkt. Ihr müsst verstehen, in der Alten Sprache ist es niemandem möglich zu lügen. Nicht einmal uns Elfen, auch wenn es mein Volk zugegebener Maßen zur Meisterschaft darin gebracht hat Unwahrheiten in Wahrheiten darzustellen." „Das habe ich gespürt. Es war, als hätte mich eine unsichtbare Macht dazu gezwungen eure Worte zu verstehen. Ein unschöner Gedanke." entgegnete der Titan tonlos und ließ seine Schultern etwas kreisen um die Gänsehaut loszuwerden.

„Das ist wahr." gab die Elfe zu und schloss für einen kurzen Moment die Augen. „Ich kann euren Geist fühlen John. So kalt, so berechnend und voller Schmerz und Tod. Ihr habt eine Menge durchgestanden in eurem Leben. Und doch, so scheint es mir fehlen große Stücke eures Verstandes, die –" Sie verstummte und blickte ihn dann mit einer Mischung aus Traurigkeit und Scham an.

„Entschuldigt, ich hatte kein Recht darauf, bitte verzeiht mir." meinte sie kleinlaut und zuckte zusammen, als John kettenrasselnd einen Schritt auf sie zu machte und vornüberbeugte, um ihr direkt Auge in Auge gegenüberzustehen. „Was habt ihr gesehen?" fragte er dann mit eiskalter Stimme. Er hatte keine Ahnung, was die Elfe gesehen hatte, ob es die verschiedenen Persönlichkeiten in seinem Kopf waren, oder die Erkenntnis, dass er aus einer ganz anderen Welt stammte, oder aber eine seiner zahllosen Erinnerungen an lang vergangene Schlachten. Flüsternd antwortete ihm Alanna: „Ich denke nicht, dass es euch gefallen würde, wenn ich die Erinnerung daran erneuere." „Dann nennt mir einen Namen, der damit in Verbindung steht." verlangte John und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Die Elfe senkte ihren Blick beschämt zu Boden und sagte dann leise: „Samantha."

Ein heiß brennender Schmerz breitete sich in seiner Brust aus, sein Herz pochte so schnell, dass er glaubte es würde ihm gleich aus der Brust springen und dicke Tränen kullerten aus seinen weit aufgerissenen Augen. Er stolperte ein paar Schritte zurück und ließ sich krachend auf einem großen Steinblock nieder, der dadurch von einigen Rissen durchzogen wurde. Wütend blickte er Alanna an, die ihn mitleidig beobachtet und meinte dann mit hasserfüllter, gedämpfter Stimme: „Erwähnt nie wieder diesen Namen Elf, oder ich schwöre, ich werde euch umbringen." Die Elfe nickte kurz.

'Warum sie, warum ausgerechnet sie?'

Er durfte sich nicht von der Erinnerung übermannen lassen, nicht jetzt. Mit aller Gewalt versuchte John Samantha aus seinen Gedanken zu verdrängen und fixierte einen Stein, der zu seinen Füßen lag. Er dachte an nichts anderes mehr als den Stein und allmählich verebbten die Tränen in seinen Augen, der brennende Schmerz in seiner Brust ließ nach und sein Herzschlag reduzierte sich wieder auf ein normales Maß. Langsam hob er seinen Kopf wieder an und bemerkte, dass Alanna sich nicht vom Fleck gerührt hatte und ihn immer noch mitleidig ansah. „Es tut mir Leid. Ich hatte euch gewarnt, dass –" setzte sie zur Entschuldigung an, aber John unterbrach sie rüde. „Erwähnt es einfach nicht mehr."

Was folgte, war eine lange, schweigsame Pause, die nur von gelegentlichem Wolfsgeheul und dem Lachen von Berdon und seinen Männern unterbrochen wurde. Schließlich nach einer halben Ewigkeit des gegenseitigen Anschweigens räusperte sich die Elfe und fragte freundlich: „Wisst ihr, wohin Lyath und die anderen geflohen sind? Meine beiden Schüler sind immer noch in ihrer Gewalt und es ist meine Pflicht sie zu retten, das versteht ihr sicherlich." John nickte, seine Stimme war rau las er antwortete: „Natürlich. Aber so wie es eure Pflicht ist, eure Untergebenen zu retten, so ist es auch meine Pflicht die Sicherheit meiner Freunde zu gewährleisten. Ich kann euch nicht sagen, wohin sie geflogen sind, selbst wenn ich es wöllte. Nach dem Weg zu fragen wäre ein zu großes Risiko gewesen. Ein Soldat in einer Eskorte sollte niemals das Ziel kennen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, ansonsten wird er schnell zur Gefahr, falls der Feind ihn gefangen nimmt."

„Das ist überaus weise." meinte sie anerkennend und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Das wird die Suche nach Tanil und Midur natürlich ziemlich erschweren. Ich hoffe für euch, dass wir sie lebend finden, ansonsten werdet ihr meinen Zorn zu spüren bekommen."

Der Titan schwieg und starrte weiter stur auf den kleinen Stein zwischen seinen Füßen. Er war wütend darauf, dass diese Elfe eine derart tiefvergrabene Erinnerung in seinem Geist entdeckt hatte und nun nutzen konnte, um ihn zu beeinflussen. Er musste unbedingt lernen, wie er seinen Verstand gegen ein solches Eindringen verteidigen konnte, das besaß für ihn nun absolute Priorität neben seiner Flucht. Da riss ihn Alanna erneut aus seinen Gedanken.

„Ihr seid ein wahrhaft ehrenvoller Mann John, sich für jemanden zu opfern, den ihr erst vor wenigen Tagen kennengelernt habt, benötigt großen Mut. Es wäre mir eine Ehre gewesen euch einen Freund nennen zu können, aber dafür ist es leider zu spät, der Schaden bereits angerichtet und das Vertrauen gebrochen. Ich werde euch nicht weiter mit unnötigen Fragen belästigen, ihr besitzt kein Wissen, das uns von Nutzen wäre. Zudem versuche ich mit meinem Meister zu sprechen, um über eure Freilassung verhandeln, damit ihr die Möglichkeit bekommt in eure Heimat zurückzukehren. Euch geht dieser Krieg nichts an, vielleicht wird er das verstehen."

John horchte überrascht auf.

„Das würdet ihr für mich tun? Warum?"

Die Elfe lächelte sanftmütig. „Ich habe jemandem ein Versprechen gegeben, vor langer Zeit und ich gedenke es einzuhalten. Ihr habt mit all dem hier nichts zu tun und wurdet in diese Position in der ihr euch befindet gezwungen. Das ist nicht gerecht, ihr hattet keine Wahl uns zu bekämpfen oder nicht. Das widerspricht allem für das ich kämpfe." „Dann nehmt mir die Ketten ab und ich verschwinde von hier!" „Das kann ich nicht. Diese Fesseln lassen sich nur durch mächtige Magie lösen. Hauptmann Berdon und die anderen Männer wüssten, dass ich euch freigelassen habe. Lasst mich mit meinem Meister sprechen, ich bin mir sicher, dass er die Situation verstehen wird."

Der Titan brummte nachgebend.

„Na schön. Wann habt ihr vor ihn zu kontaktieren?" „Er wartet mit seinem Schiff in Trefholm auf uns, bis dahin brauchen wir vielleicht eine Woche, je nachdem wie schnell wir durch die Wüste vorankommen." erklärte Alanna und wartete mit hochgezogenen Augenbrauen auf seine Antwort. Ihm blieb im Grunde keine Wahl, ob er ihren Worten nun Glauben schenkte oder nicht. Er hatte keine Möglichkeit zur Flucht, sie würde ihn bei jedem Versuche einfach mit Magie aufhalten. Es war seine beste Chance darauf zu hoffen, dass ihr Meister ihn tatsächlich laufen lassen würde, auch wenn er nicht wirklich daran glaubte. So also entgegnete er mit gesenkter Stimme: „In Ordnung. Ich werde nichts unternehmen, solange wir nicht in Trefholm sind und ihr mit eurem Meister gesprochen habt. Sollte er mich jedoch nicht freigeben, bin ich nicht mehr an diese Worte gebunden, wenn ihr versteht was ich meine."

„Selbstverständlich. Keine Sorge, er kann zwar zuweilen recht herrisch daherkommen, aber er ist im Grunde eine gute Seele, er wird es verstehen." meinte die Elfe spürbar erleichtert und fügte dann hinzu: „Ihr solltet jetzt versuchen zu schlafen, die Nacht ist schon alt und der morgige Tag wird recht anstrengend für euch." John nickte ihr bestimmt zu und ließ dann seinen Kopf locker nach vorne auf die Brust fallen.

Er beherzigte ihren Ratschlag jedoch nicht, sondern beobachtete die Elfe mit Argusaugen, während er nur so tat, als würde er schlafen. Nach einigen Minuten des stillen Dasitzens zwang er seine Atmung einen sanften Rhythmus anzunehmen, wie der eines Mannes im Tiefschlaf. Es dauerte nicht lange, bis Alanna tatsächlich davon überzeugt war, sich in eine versteckte Tasche an ihrer Brust griff und einen kleinen, rundlichen Edelstein, von der Größe einer Orange herauszog, den sie mit beiden Händen fest an ihren Busen drückte. Sehr leise hörte er sie überglücklich flüstern:

„Ich habe ihn endlich gefunden."



[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die DrachenreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt