Durch die Wüste - Teil 3

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Während er dem davonfliegenden Dun'var hinterher blickte, kraulte John Feyth hinter den Ohren und presste sein Kinn sanft an ihre Stirn. „Du warst sehr mutig, Kleine." flüsterte er, sodass nur sie es hören konnte. Das Drachenmädchen antwortete mit einem leisen Schnurren, ein Geräusch, das der Titan niemals von einem Drachen erwartet hätte. *I – ich habe es gespürt, dass du ihn töten wolltest, für das was er mir angetan hat. Aber – ich, ich wollte das nicht. Er hat es ja schließlich nicht wirklich böse gemeint.* erklärte sie langsam, woraufhin der Soldat lächelte. „Jemandem zu verzeihen erfordert meist vielmehr Kraft, als die Sache mit Gewalt zu lösen. Dein Vater wäre sicher sehr stolz auf dich." Liebevoll schleckte ihm Feyth über seine Wange und John schloss für einen kurzen Moment die Augen.

Dann, mit etwas ernsterer Miene, drehte er sich wieder Alanna und Keno zu, die ebenfalls Schattenklaue hinterher sahen und meinte: „Also schön, wir haben schon genug Zeit mit diesem unnötigen Kampf vergeudet. Nehmt euch etwas zu essen aus dem Rucksack und trinkt ordentlich. Danach brechen wir wieder auf. Ich will die Wüste verlassen haben, bevor die Sonne ihren Zenit erreicht." Der junge Drachenreiter nickte verstehend, die Elfe hingegen warf ihm einen sorgenvollen Blick zu. „Ich mag nicht respektlos erscheinen, John-Vodhr, vor allem nicht, nachdem was gerade geschah, aber selbst wenn euer Körper dazu in der Lage ist solch eine Verletzung zu heilen, solltet ihr ihm Ruhe gönnen!" erwiderte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

Beruhigend legte John ihr seine Hand auf die Schulter, eine Geste, die sie offensichtlich ziemlich überraschte und sagte: „Ich weiß eure Sorge zu schätzen Alanna, doch es ist alles in Ordnung. Das einzige Problem wird sein, dass wir fürs erste nur in Kenos Geschwindigkeit vorankommen werden, da ich den Ranzen für die nächsten paar Stunden nicht richtig tragen kann." Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Im Übrigen habt ihr meinen Respekt zumindest teilweise wiedererlangt." Alannas Augen weiteten sich, als sie verunsichert entgegnete: „Tatsächlich?" Der Soldat nickte ernst und nahm die Hand wieder von der Schulter. „Ja. Ihr hattet die Möglichkeit mit Dun'var zu fliehen, als ich bewusstlos war, aber das habt ihr nicht getan. Wenn ihr wirklich vorgehabt hättet mir zu entfliehen, dann wäre das der perfekte Augenblick gewesen und doch scheint ihr nicht einmal entfernt daran gedacht zu haben."

„Natürlich nicht! Ich habe euch doch erzählt, dass ich die Schwarze Rose verlassen will, habt ihr das bereits wieder vergessen, John-Vodhr?" protestierte die Elfe. Zur Antwort schüttelte der Titan sacht den Kopf. „Ich vergesse nie etwas, doch ihr müsst selbst wissen, wie ich unser Gespräch von damals einstufe, nachdem ihr mich dermaßen hintergangen habt. Aber allmählich beginnt ihr damit dieses verlorene Vertrauen wiederzuerlangen. Ihr seid zwar noch weit davon entfernt, dass ich euch vollständig vertrauen kann, Alanna, dennoch befindet ihr euch auf dem richtigen Weg. Ich werde fortan nicht mehr auf jeden einzelnen eurer Schritte achten." erklärte er freundlich und hob Larva, das in der aufgehenden Sonne wie eine Drachenschuppe glänzte, vom Boden auf.

„Das – bedeutet mir wirklich sehr viel John-Vodhr. Ich weiß, ich habe viele Fehler in begangen, doch ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um diese wieder gut zu machen." erwiderte sie bestimmt und schenkte ihm glückliches Lächeln. Er erwiderte die Geste höflich und ging dann gemeinsam mit ihr hinüber zu Keno, der sich schon einen großen Apfel aus dem Rucksack genommen hatte. John konnte Feyths Magen hinter seinem Kopf knurren hören und grinste, als er bemerkte, wie das kleine Drachenmädchen die Frucht in der Hand des Jungen mit ihren Augen fixierte.

„Ganz ruhig Feyth, Angela hat sicherlich mehr als nur einen Apfel eingepackt." gluckste er. *Schon, aber sind die anderen auch alle so schön rot?* fragte die Kleine skeptisch und ließ ihre Zunge aus dem Maul schnellen, um die Luft zu kosten. „Bestimmt." entgegnete er amüsiert und steckte das Schwert zurück in die Seitentasche des Ranzens, als sie neben ihm zum Stehen kamen. Danach begann er mit seiner freien Hand im Rucksack herumzukramen, bis er schließlich zwei Äpfel zu fassen bekam und zu Tage förderte. „Hier, die sind doch genauso gut, wie der von Keno." meinte der Titan und hielt dem kleinen Drachen die mit Früchten gefüllte Hand entgegen. Feyth beschnupperte die zwei Äpfel zuerst, bevor sie gierig in einen der beiden hineinbiss, wobei John schnell den Daumen bei Seite ziehen musste, damit sie sich selbst nicht an der harten Panzerung verletzte. „Nicht so stürmisch Feyth. Es würde deinen Zähnchen gar nicht gut bekommen, wenn du meine Finger erwischt." ermahnte er sie, während sie sich die restliche Hälfte der Frucht mit der Zunge ins Maul schob. *Mhm. Willst du auch einen Bissen abhaben?* gab sie brummend zurück und schleckte sich über die Lippen. „Sehr liebenswert von dir, danke." Er lächelte fröhlich und nahm sich einen, für seine Verhältnisse, kleinen Bissen, ehe der Rest in Feyths gieriger Schnauze verschwand.
Ihr ging es schon deutlich besser als noch vor einigen Minuten.

Alanna angelte derweil eine kleine Birne aus dem Rucksack, die sie genüsslich verspeiste, während Keno das Kerngehäuse seiner Mahlzeit bereits im Sand verscharrte. Der junge Drachenreiter fuhr sich mit dem Ärmel seines Hemds über den Mund und meinte dann an John gewandt: „Ist wirklich alles in Ordnung John? Ich kann versuchen deinen Arm zu heilen, wenn du mir sagst, was genau beschädigt ist." Der Titan hob ablehnend die Hand. „Danke für das Angebot, Junge, aber du hast vermutlich schon einiges an Kraft verbraucht, um Dun'var zu heilen. Spar dir deine Energie lieber auf, mein Arm wird in ein paar Stunden wieder ganz von allein heilen." erwiderte er höflich, woraufhin der Drachenreiter zustimmend nickte. „Okay." Daraufhin holte der Soldat den ledernen Trinkbeutel aus dem Rucksack und warf ihn Keno zu.

„Verzeiht, wenn ich neugierig klingen mag, John-Vodhr, aber woher stammen eure Selbstheilungskräfte? Als ich euch vor Lyaths Höhle gefangen nahm, konnte ich keinerlei Magie in euch spüren und wenn es wahr ist, was ihr behauptet, dann könnt ihr eure Sehne nach dem Kampf gegen Dun'var im Gebirge auch nicht mit Zauberei geheilt haben, da ihr zu diesem Zeitpunkt mit den Drachenketten gefesselt ward." fragte die Elfe dazwischen und warf ihm einen musternden Blick zu. John hielt kurz inne, überlegte was er sagen sollte und antwortete schließlich ruhig: „Ich sagte bereits, dass mein Körper anders funktioniert. Ihr würdet es nicht verstehen, selbst wenn ich es euch haargenau erkläre." „Ihr könntet es versuchen." probierte sie es weiter, doch er schüttelte den Kopf. „Vielleicht, wenn ihr eure Strafe erhalten, euch bei Lyath entschuldigt und mein Vertrauen wiedererlangt habt. Bis dahin muss diese Erklärung ausreichen." „Ich verstehe, John-Vodhr." meinte Alanna und deutete ein Nicken an.

*Und erzählst du mir, was es damit auf sich hat? Ich weiß, dass das mit dem Fluch nur Unsinn ist, ich habe dein Blut gesehen. Es ist blau, nicht rot.* flüsterte Feyth in seinem Kopf und er konnte ihre Neugier förmlich spüren. Überrascht blickte er sie an. 'Wann hast du – ?' *Ich habe gespickelt, als du Tante Lyath geheilt hast.* gab sie kleinlaut zu und er konnte fühlen, wie der kleinen Drachen von einem Würgreiz übermannt wurde, als das Bild, wie er sich selbst das Messer in den Arm stieß, vor seinem inneren Auge auftauchte.

Nicht aus seiner Sicht, sondern aus ihrer.

„Feyth!" rief er erschrocken aus. „Ganz ruhig! Tief aus- und einatmen!" Sofort wandten Alanna und Keno ihnen ihre Köpfe zu. Beruhigend hob John die Hand. „Keine Sorge, sie hat sich nur an einem Stück Apfel verschluckt." „Oh, ach so." meinte der Junge und trank weiter. Die Elfe hingegen schien zu wissen, dass dies nicht der wahre Grund war, behielt es jedoch für sich und nahm ein paar Augenblicke später dankend den Wassersack entgegen.

Feyth hatte es derweil geschafft, ihren Magen wieder unter Kontrolle zu bringen und schmiegte sich mit geschlossenen Augen eng an den Hals des Titanen. Dieser strich ihr zärtlich über den Kopf. 'Feyth, versprich mir, dir nie wieder solche Erinnerungen anzusehen, ja?' Sie fiepte leise und erwiderte: *I – ich verspreche es. Ich wünschte nur, mein Körper würde nicht dagegen rebellieren.* 'Ich weiß, Kleine, ich weiß.' seufzte er in Gedanken. Im Versuch sie etwas aufzumuntern fügte er hinzu: 'Mir ergeht es da nicht viel besser als dir, weißt du?' *Wirklich?* 'Oh ja. Es ist der Grund, warum ich nur alle paar Monate schlafe, denn jedes Mal, wenn ich die Augen zu mache, bekomme ich schreckliche Alpträume.' *Das ist ja schrecklich! Warum hast du denn nur Alpträume?* 'Weil mich – alte Erinnerungen übermannen, Feyth.' *Erinnerungen? An was?*

John antwortete nicht sofort. Ein dicker Kloß hatte sich in seinem Hals gebildet. Schließlich raffte er sich aber zusammen und meinte: 'An meine Familie.'

Schlagartig riss Feyth ihre smaragdgrünen Augen auf und starrte ihn traurig an. *E – entschuldige, ich wollte nicht – * Er hob sanft ihren Kopf empor und legte liebevoll seine Stirn an ihre. „Schon in Ordnung, Kleine." flüsterte er. Eine einzelne Träne kullerte ihm über die Wange, wo das Drachenmädchen sie zärtlich aufschleckte. *Meister Eragon wird bestimmt einen Weg kennen, dich zurück in deine Heimat zu bringen, John.* versuchte sie ihn aufzumuntern, doch er schüttelte kaum merklich den Kopf. 'Nein Feyth, wird er nicht. Meine Frau und meine Tochter sind schon lange an einem besseren Ort. Einen Ort, den ich nicht erreichen kann.'

Er konnte sehen, wie die Erkenntnis langsam in ihren Augen dämmerte und sie mit einem traurigen Winseln den Kopf an seine Wange presste. *Es tut mir Leid, so leid.* schluchzte sie, während er beruhigend ihren Hals tätschelte. „Schon gut, Feyth, du brauchst dich nicht zu entschuldigen." erwiderte der Soldat mit sanfter Stimme. „Ich werde nicht zurückkehren in meine Heimat. Mein Platz ist hier an deiner Seite." *John.* krächzte das Drachenmädchen von Gefühlen übermannt. Der Titan lächelte ergriffen und stützte väterlich ihren Kopf an seiner Wange. 'Alles wird gut Feyth, ich werde immer für dich da sein, wenn du mich brauchst.'

„Ich störe wirklich nur ungern John-Vodhr, aber wir sollten uns langsam auf den Weg machen, bevor es zu heiß wird." unterbrach Alanna ihre Zweisamkeit und deutete mit entschuldigender Miene in den Himmel, wo die Sonne allmählich immer höher stieg. Der Soldat wurde leicht rot im Gesicht, als er sich daran erinnerte, dass er mit Feyth nicht alleine war. Verlegen räusperte er sich. „Ah, ja natürlich. Einen Moment kurz."

Er wandte sich wieder kurz dem Drachenmädchen zu, von der noch immer ein eindringliches Gefühl von Mitleid in seinen Geist schwappte. 'Alanna hat recht, Kleine. Wir müssen aufbrechen. Glaubst du, du kannst für ein paar Stunden über uns fliegen, bis mein Arm wieder heile ist? Das wird dir sicher helfen.' Sie fiepte leise und nahm, nach einem liebevollen Schleck über sein Kinn, den Kopf nach oben. *Ja.* Er nickte zufrieden und wollte sich erneut an die Elfe wenden, als Feyth kleinlaut hinzufügte: *Da – darf ich dir dann nachher zeigen, wovon ich gestern sprach?* „Ich bestehe darauf." antwortete John freundlich, woraufhin ein starkes Glücksgefühl damit begann ihre Trauer zu verdrängen. Sie summte fröhlich und zwinkerte ihm zu, bevor sie sich mit einem Ruck von seiner rechten Schulter abstieß und mit schnellen Flügelschlägen rasch an Höhe gewann.

Er sah ihr einige Augenblicke lang hinterher, ehe er erneut in den Rucksack griff und eine kleine Phiole mit blauer Flüssigkeit zwischen den Verbänden herauszog.

Der Magieblocker, den Angela ihm gegeben hatte.

„Würdest du das bitte für mich öffnen Keno, ist etwas schwer mit nur einer Hand." bat er den jungen Drachenreiter. „Natürlich." erwiderte dieser und löste den Pfropfen von der Phiole. „Danke." Dann wandte sich John Alanna zu, die das Glasfläschchen missmutig betrachtete. Es war offensichtlich, dass sie wusste, um was es sich handelte. „Ich würde das hier nur ungern mit Gewalt tun müssen Alanna, also macht bitte einfach den Mund auf, damit ich euch die Tropfen verabreichen kann." verlangte er und zögerlich kam sie seiner Bitte nach. „Aber nur weil ihr es seid, John-Vodhr." Vorsichtig kippte er das Fläschchen, sodass zwei einzelne Tropfen in ihren Mund fielen. Die Elfe verzog das Gesicht, als die blaue Flüssigkeit über ihre Zunge rannte, schluckte sie jedoch trotzdem hinunter.

„An diesen Geschmack werde ich mich hoffentlich nicht gewöhnen müssen." „Nur noch ein paar Tage Alanna, dann werden wir Drakenfort erreichen und Großmeister Eragon kann euch von eurem magischen Band, das euch fesselt, befreien." entgegnete der Colonel ernst und lies Keno die Phiole wieder verschließen. „Ich werde diesen Tag mit Freude erwarten, John-Vodhr." erwiderte Alanna nickend, während er den Trinkbeutel und das Fläschchen im Rucksack verstaute.

Danach hängte sich John den kleinen Lederbeutel über die Schulter, zog den Kompass hervor und überprüfte in welche Richtung sie weiterlaufen mussten. „In Ordnung. Ah, ehe ich es vergesse, hier, nehmt das Stückchen Kohle und schmiert euch etwas davon um die Augen herum, vor allem auf die Wangen. Dadurch blendet euch die Sonne nicht mehr so stark." erklärte er und reichte das Stück Holzkohle, welches er von ihrem Lagerfeuer mitgenommen hatte, an Keno. „Du weißt echt viel über das Durchqueren einer Wüste John." merkte der Junge beeindruckt an und tat wie ihm geheißen. „Ich sagte dir doch bereits, dass ich insgesamt mindestens zwei Jahre in solchen Gebieten praktisch gelebt habe. Viel Zeit, um zu lernen." meinte der Titan schmunzelnd. Er wartete geduldig, bis beide sich ordentlich genug mit der Kohle eingerieben hatten und sah sich derweil suchend um.

„Ich nehme an, dass ihr Dun'vars Körperteile, die ich ihm leider im Kampf abschlug, vergraben habt?" Der junge Drachenreiter, nun mit rußgefärbten Gesicht, nickte bestätigend. „Ja, wir dachten, das wäre die beste Möglichkeit, um sie vor den Nomaden und vorbeikommenden Händlern zu verbergen." „Gut mitgedacht." sagte John anerkennend und bedauerte es innerlich zutiefst, dass er nicht auf Alanna gehört hatte, um diesen Kampf zu vermeiden.

'Was hat mich dabei nur geritten? Ich habe nicht nur unnötig Zeit vergeudet, sondern auch noch beinahe Saphiras Sohn, beziehungsweise Tymdeks Bruder umgebracht. Das letzte was ich brauche, ist eine Fehde mit den Anführern der Drachen.' dachte er und schalt sich selbst einen Narren. Dann wanderten seine Gedanken zurück zu Feyth, die mittlerweile hoch über ihnen ihre Kreise zog. Sie war so klein und so weit oben, dass man sie ohne weiteres mit einem Geier oder dergleichen hätte verwechseln können. Durch sein Drachenauge konnte er ihre Konturen jedoch genau erkennen. 'Die Kleine hat es echt nicht leicht. Hoffentlich kann ich ihr dabei helfen, besser mit ihren Problemen umzugehen.'

Einige Minuten und zwei geschwärzte Gesichter später, verstaute er die restliche Holzkohle wieder im Beutel, setzte sich mit kleineren Schwierigkeiten den Helm auf den Kopf und hievte mit der freien Hand den Rucksack auf den Rücken. Er schnitt eine Grimasse, als er durch die Bewegung ausversehen einige Muskeln seiner linken Schulter benutzte, die ihm sofort mit einem stechenden Schmerz signalisierten, dass sie noch nicht vollständig repariert waren. „Also gut, dann wollen wir mal. In diese Richtung! Keno gibt das Tempo vor." erklärte der Soldat befehlsgewohnt und die kleine Gruppe setzte sich in Bewegung. Zum Glück bestand dieser letzte Abschnitt der Wüste aus einer einzigen ebenen Fläche, so würde der junge Drachenreiter immerhin ein halbwegs hohes Tempo halten können, nicht so wie zu Beginn, wo sie alle paar Meter eine neue Düne erklimmen mussten. Dadurch kamen sie trotz seines Handicaps relativ zügig voran.

Es dauerte nicht lange, bis Feyth sich erneut bei ihm meldete. Ihre Stimme klang weitaus gefasster, als zuvor.

*Ich habe etwas über unser kleines Gespräch nachgedacht.*
'Ja?'
*Es tut mir immer noch sehr leid, dass ich dich dazu getrieben habe, mir vom Tod deiner Familie zu berichten.*
'Das muss es nicht, Feyth. Es tut mir gut, wenn ich mit jemandem darüber reden kann. Außerdem verstehst du dann ja auch, dass es mir nicht viel besser geht als dir.'
*Schon, aber ich habe den gewaltigen Schmerz in deinem Herzen gespürt, als du mir davon erzählt hast. Das hat mich ziemlich mitgenommen.*
'Dann sollte es eher mir leid tun, als dir. Das Letzte was ich will, ist dir Schmerzen zuzufügen.'
*Aber ich kann dir dabei helfen diesen Schmerz zu lindern, vielleicht sogar soweit, dass du wieder schlafen kannst! Ich weiß wie es ist nicht schlafen zu können, ein grauenvolles Gefühl.*
'Ein sehr liebenswertes Angebot Feyth. Aber dieses Problem gehen wir erst an, nachdem wir Alanna von ihrem Bann und Shad aus den Klauen der Schwarzen Rose befreit haben, einverstanden?'
*Einverstanden!*
'Ausgezeichnet.'
*John?*
'Ja?'
*Darf ich dir jetzt diese eine Sache zeigen?*

Sie klang sehr aufgeregt und der Titan musste amüsiert schmunzeln. 'Natürlich. Was muss ich dafür tun?' *Bleib einfach ganz ruhig und blende alles aus, das du nicht unbedingt brauchst, um zu laufen.* 'In Ordnung. Gib mir einen Moment.' Er atmete ruhig einige Augenblicke lang aus und ein und leerte seine Gedanken so gut er konnte. Dann meinte er: 'Ich wäre soweit.' *Klasse! Dann erschrick jetzt bitte nicht und lass mich einfach machen. Es wird sich – seltsam anfühlen.* entgegnete Feyth erwartungsvoll.

Zunächst geschah überhaupt nichts und John wollte schon fragen, ob es ein Problem gebe, als plötzlich seine Sicht verschwamm. Ein merkwürdiges Gefühl, wie wenn jemand ihn aus seinem eigenen Körper ziehen würde, überkam den Soldaten. Instinktiv versuchte sein Verstand sich dagegen zu wehren, doch er zwang sich ruhig zu bleiben. Einen Augenblick später bereute er diese Entscheidung fast, als er das Gleichgewicht zu verlieren schien und in einen bodenlosen Abgrund stürzte. Der Fall dauerte nur wenige Millisekunden und schlagartig kam seine Sicht zurück. Oder, zumindest dachte er es wäre seine Sicht. Sein Körper fühlte sich merkwürdig an, vor allem seine Schultern und das Hinterteil. *Dein Geist ist ganz schön groß, war nicht einfach dich hierein zu bekommen.* dröhnte Feyths Stimme überall um ihn herum und sein Blick wandte sich nach unten zum Boden tief unter ihm.

Runter zu Boden?

Ihm blieb das Wort im Halse hängen, als er begriff, wo er sich befand.

Er bewegte diese Augen und diesen Körper nicht, es war Feyth!

'Holy Shit!' rief er in Gedanken. Er befand sich in ihrem Körper, sah was sie sah, spürte was sie spürte! *Diesen Ausruf kenne ich zwar nicht, aber ist das nicht toll?* kicherte sie und vollführte eine komplette Rolle in der Luft. 'Das ist – unglaublich!' stammelte der Titan, während er immer noch versuchte zu begreifen, wie das überhaupt möglich war. *Denk nicht darüber nach, genieße es einfach.* meinte das Drachenmädchen amüsiert. 'Einfacher gesagt, als getan, Kleine.' murmelte John überwältigt.

Er fühlte den Widerstand unter ihren Flügel, den Wind, der gegen ihre Schnauze peitschte und die Wärme der Sonne auf ihren Schuppen. *Schauen wir doch mal, was du für eine Figur dort unten abgibst.* scherzte Feyth, legte die Flügel an und ging in einen kleinen Sturzflug über.

'Was? Oh verdammt!'

Mit einem affenzahn schnellte sie dem Erdboden und vor allem der kleinen Gruppe entgegen. Erst im letzten Moment breitete sie ihre Schwingen wieder aus und schoss an seinem gepanzerten Kopf. Es war – seltsam sich selbst, live von einer anderen Perspektive aus zu sehen. Aber das Glücksgefühl, das durch den Körper des kleinen Drachens jagte packte ihn. Er hatte schon tausende Male im Cockpit eines Flugzeugs gesessen oder gestanden, aber das war nichts, im Vergleich zu dem Erlebnis, was Feyth ihm gerade bot.

Runter, rauf, rechts, links, einen Salto, eine dreifache Rolle, sie zeigte ihm alles.

Man fühlte sich einfach herrlich frei dort, hoch oben im Himmel. Mit der Zeit begann er zu verstehen, dass sie ihren Schwanz als Ruder für schnelle Richtungswechsel nutzte und schämte sich noch mehr, Dun'var diese Möglichkeit genommen zu haben. Die nächste Stunde verging, wortwörtlich, wie im Flug. Feyth erzählte ihm, wie Tymdek ihr all diese Tricks und Kunststücke beigebracht hatte, zusammen mit ihrem Bruder. Dieser jedoch hatte sich eines Tages von ihnen verabschiedet, um sein eigenes Revier zu finden.

*Da war er gerade mal acht Monate alt gewesen und hat mich trotzdem schon um mehr als das Dreifache überragt.* erklärte sie niedergeschlagen. 'Kopf hoch, Kleine. Dafür hast du Fähigkeiten, die er niemals besitzen wird.' entgegnete er aufmunternd. *Ich würde trotzdem gerne einmal wissen, wie es ist, groß zu sein. Ich kann dir jetzt ja mal zeigen, was ich meine.* Mit diesen Worten ging sie erneut in einen steilen Sinkflug über und landete eine Minute später direkt neben seinem Körper. Alanna und Keno drehten sich zu ihr um, lächelten kurz und wandten sich dann wieder ab. Feyth hingegen lief weiter neben ihm her und blickte nach oben.

Für einen winzigen Moment erhaschte er von ihr ein Gefühl von Sicher- und Geborgenheit, was seine, momentan imaginäre, Brust etwas anschwellen lies.

Allerdings begriff er auch, was sie meinte. Ihr Kopf reichte trotz des doch recht langen Halses nur knapp bis zu seinem Bauch. 'Ich denke, ich verstehe was du meinst.' sagte er und erntete Zuspruch von ihr. 'Aber sag mal, wie genau laufe ich denn gerade überhaupt, wenn ich doch bei dir bin?' wollte er dann wissen und stutzte, als sein Körper in diesem Moment einfach stehen blieb.

„John?"

„John-Vodhr?"

*Oh nein!* rief das Drachenmädchen nervös und wie mit einem Faustschlag wurde er aus ihrem Verstand katapultiert. Schwindel erfasste ihn, während er die Kontrolle über seinen eigenen Leib wiedererlangte. Fast kippte er nach hinten weg, fing sich jedoch noch rechtzeitig und verstärkte vor allem den Griff am Rucksack, der ihm aus der Hand zu rutschen drohte. Energisch schüttelte er mit geschlossenen Augen den Kopf, um wieder Herr seiner Sinne zu werden. Schließlich brachte er hervor: „Es ist – nichts. Ich – dachte ich hätte etwas gesehen, war aber doch nichts. Lasst uns weitergehen."

Die beiden warfen ihm skeptische Blicke zu, zuckten nach einigen Augenblicken jedoch mit den Schultern und gingen weiter.

Erleichtert atmete John aus. Dabei fiel sein Blick auf Feyth, die immer noch links neben ihm lief und ihn mit funkelnden Augen ansah.

*Und? Wie fandest du es?* 'Es war fantastisch Feyth, nur warn mich das nächste Mal bitte vorher.' antwortete er amüsiert und lächelte, als sie begann, an ihm nach oben zu klettern. *Okay.* erwiderte sie neckisch und setzte sich auf seine linke Schulter, wodurch ihr Kopf nun gut einen Meter über dem des Titanen schwebte. Zum Glück hatte er den Arm von der Schulter aus gesichert, sodass ihr Gewicht problemlos von der steifen Panzerplatte getragen wurde. Sie beugte ihren Kopf vor seinen Visor und schleckte über das orangene Panzerglas.

*John?*
'Ja, Kleine?'

*Ich hab dich lieb!*



[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die DrachenreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt