„Bei den Götter John! So lasst doch Vernunft walten!" rief Eragon dem angeschlagenen Titanen hinterher, während dieser gerade die zerborstene Tür in Richtung des letzten verbliebenen Ra'zacs durchschritt. Er ignorierte die Bitte des Drachenreiters und verzog hasserfüllt sein mit Chitinfragmenten gespicktes Gesicht, als er das Untier am Ende des Gangs liegen sah. Es rührte sich nicht und eine gewaltige Blutlache hatte sich bereits unter ihm gebildet. John beschleunigte seinen Schritt etwas, sodass der Großmeister hinter ihm schon fast rennen musste, um Schritt mit ihm zu halten.
„Bitte John, ihr seid schwer verletzt und wir müssen ihn erst befragen, bevor er seinen wohlverdienten Tod bekommt! Zwingt mich nicht euch aufzuhalten." bemerkte Eragon nun etwas strenger, als Miller nunmehr wenige Meter vom Ra'zac entfernt war. Doch dieser reagierte nicht auf den Drachenreiter, sein Verstand war vollkommen überschwemmt vom unbändigen Verlangen nach Rache, Rache für den Albtraum, den Feyth hatte durchstehen müssen.
Tief im Innern kämpfte die logische Persönlichkeit energisch darum wieder die Kontrolle zu erlangen, um einen Konflikt mit Schattentöter zu vermeiden und um die Informationen aus dem Ra'zac pressen zu können. Bis jetzt hatte sie jedoch wenig Erfolg, die Wut der anderen beiden Persönlichkeiten war zu stark, als dass sie sie einfach hätte beiseite fegen können. Das einzige was sie jetzt noch tun konnte, war hoffen, dass der Drachenreiter rechtzeitig eingreifen würde.
Zum Glück tat er es.
Der Colonel hatte bereits die Hand ausgestreckt, um dem offensichtlich bewusstlosen Attentäter den Rest zu geben, da seufzte der Großmeister schwer und rief hastig eine magische Formel. John erstarrte sofort zu Eis. Es war wie damals, als er das erste Mal Alanna getroffen hatte. So sehr er sich auch anstrengte seine Muskeln regten sich keinen Millimeter. Einzig allein die Augen und der Mund folgten seinen Anweisungen. „Was soll das, Drachenreiter?" blaffte der Titan zornig, während er sich mit aller Macht gegen die unsichtbaren Fesseln stemmte. Ohne Erfolg.
„Ihr habt mir keine Wahl gelassen, Herr Miller. Ich weiß nicht, was in euch gefahren ist, aber es ist, als wärt ihr ein vollkommen anderer Mensch. Euer Verstand schäumt förmlich über vor Hass und Zorn. Versucht euch zu beruhigen, während ich mich darum bemühe diesen Bastard reden zu lassen, bevor er stirbt." antwortete Eragon ernst und trat an dem erstarrten Soldaten vorbei, der ihn aus weitaufgerissenen Augen anstarrte.
Die Naniten hatten mittlerweile dafür gesorgt, dass sämtliche Blutungen gestoppt wurden, trotzdem befand sich noch eine große Menge des Plasma-Naniten-Gemischs auf seiner Haut, welches sich langsam um seine Nase herum sammelte, die vom Schnitt des vergifteten Schwerts verstümmelt worden war. Auch zur großflächigen Wunde auf seinem Hinterkopf und zum abgetrennten Ohr wanderte die blaue Flüssigkeit allmählich.
Der Schattentöter warf ihm kurz einen ernsten, musternden Blick zu, dann wandte er sich ab und murmelte leise einen weiteren Zauberspruch, den John in seiner Rage nicht einmal annähernd verstand. Dabei richtete der Drachenreiter die rechte Hand auf den leblosen Körper des Ra'zac, doch als nach einigen Momenten nichts geschah rief Eragon erneut dieses eine Wort aus, dessen Macht durch den gesamten Körper des Titanen fuhr, aber an das er sich auf Teufel komm raus nicht erinnern konnte. Als danach jedoch immer noch nichts geschah, spie der Großmeister einen Fluch in einer ihm unbekannten Sprache aus, packte den Attentäter am Hals und drehte das schnabelbewehrte Gesicht zu ihnen her.
John grinste hämisch sobald er die Fratze des schwarzgekleideten Wesens bemerkte und polterte boshaft lachend: „Da bin ich jetzt aber mal gespannt wie ihr aus dem Stück Scheiße noch ein Wort herausziehen wollt, Meister Drachenreiter." Und damit hatte der Colonel sogar halbwegs recht.
Die gesamte linke Hälfte vom Kopf des Ra'zacs war eingeschlagen, das Auge zerquetscht und feine Risse zogen sich quer durch das gesamte Gesicht. Selbst der Schnabel hing schräg und die Spitze war von Millers Fausthieb oder dem Aufschlag an der Wand zertrümmert worden. Und doch: Die Kreatur atmete noch schwach und reagierte sogar auf Eragons Handgreiflichkeiten. Wenn auch äußerst schwach. Lediglich seine rechte Hand zuckte kurz nach oben, wurde allerdings mühelos vom Großmeister beiseite gefegt.
„Hör mir gut zu du faulige Made. Du weißt wer ich bin. Ich bin derjenige, der einst im Helgrind deine Vorfahren niederstreckte und ihre Körper zum verrotten dort zurückließ, damit sich die Maden an ihnen gütlich tun konnten. Und wenn du nicht willst, dass dir ein schlimmeres Schicksal widerfährt solltest du meine Fragen wahrheitsgemäß beantworten." knurrte der Reiter erbost, hob den Ra'zac an der blutgetränkten nach oben, wobei er aufpassen musste nicht mit dem erstarrten John zusammenzustoßen und drückte ihn gegen die blutige Delle in der Wand, wo er zuvor dagegen geschmettert worden war. Der Attentäter starrte zunächst Eragon aus seinem verbliebenen, pechschwarzen Auge an, nur um dann zusammenzuzucken, als er den Titanen hinter dem Drachenreiter bemerkte.
„Dämon!" krächzte der Ra'zac aufgebracht und spie dabei einige Blutstropfen in Schattentöters Richtung, die jedoch mitten in der Luft von irgendetwas Unsichtbarem abgehalten wurden. „Ja, Dämon! Sei froh, dass er hier mich mit Magie festhält. Sobald ich hier irgendwie rauskomme, werde ich dir alle Gliedmaßen einzeln rausreißen, bevor du abkratzt!" donnerte Miller mit hasserfüllter Stimme und verdoppelte noch einmal seine Anstrengungen sich zu befreien, ohne jedoch etwas zu bewirken.
„Ruhe! Und du, rede! Wer hat euch geschickt?" unterbrach Eragon respekteinfordernd und drohte dem Ra'zac mit seiner geballten, rechten Faust. Als dieser aber nicht antworten wollte, zog der Drachenreiter in einer einzelnen fließenden Bewegung sein Schwert und rammte es einen Millimeter vom Kopf des Untiers entfernt in die Wand. „Meine Geduld ist mittlerweile am Ende angelangt, Attentäter. Beantwortet meine Frage, oder ich werde dir Schmerzen zufügen, die dich um den Tod betteln lassen. Also, noch einmal: Wer hat euch geschickt?" Der Ra'zac begann gurgelnd und keckernd zu Lachen. „Ihr habt nichtsss womit ihr mir drohen könntet, Ssschattentöter. Tötet mich, in ein paar Augenblicken wird mich dasss Leben ohnehin verlassssen. Mein Herr hat unsss bereitsss euren Tod versssprochen, ob ich nun lebe oder sssterbe issst ihm und mir gleich." zischte die Kreatur fast schon angeberisch und umfasste mit beiden Händen Eragons Schwert.
„Lasst mich frei und ich werde ihm die Antworten schon aus dem Leib prügeln." grollte John, aber verstummte schlagartig, als der Reiter erneut dieses eine Wort gebrauchte und ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Zunge verknotete. Er brachte keinen einzigen Ton mehr heraus!
„Ich hatte euch gewarnt, Herr Miller. Und du Ra'zac, wenn du glaubst, ich würde dich als Märtyrer sterben lassen, nachdem deine Gruppe dieses Attentat hier verübt hat, hast du dich gewaltig getäuscht. Ich weiß nicht, was euch vor meiner Magie schützt, aber niemand besitzt Schutzzauber gegen Heilzauber." meinte der Großmeister bestimmt und begann leise irgendwelche Verse in der Alten Sprache zu rezitieren. „Nein! Lasssst mich! Madenbrut!" kreischte der Ra'zac panisch, während sich seine Wunden im Gesicht allmählich schlossen.
Währenddessen hatte der Verstummungszauber den Titanen ziemlich kalt erwischt. Er war regelrecht baff von der Tatsache, dass der Drachenreiter ihn so simpel, ohne mögliche Gegenwehr, hatte ausschalten können. So etwas war ihm zuvor noch nie passiert. Die logische Persönlichkeit nutzte diese Verwirrung aus und übernahm blitzschnell die Kontrolle. Sofort ließ er alle Versuche sich aus den magischen Fesseln zu befreien sinken, entspannte die komplette Muskulatur so gut es eben ging und sagte dann trocken in Gedanken: 'Ich weiß, dass ihr mich hören könnt, Meister Eragon. Es mag auf euch vermutlich recht sonderbar wirken, aber ich stelle nun keine Gefahr mehr dar. Ich werde euch gerne helfen diesen Attentäter zu verhören, falls ihr willens seid, mir zu vertrauen und den Zauber von mir zu nehmen. Ihr könnt gerne meinen Geist nach Lügen durchsuchen wenn ihr wollt.'
Fast augenblicklich wandte der Reiter verblüfft den Kopf zu ihm um, murmelte aber den Vers den er angefangen hatte zu Ende, bevor er ebenfalls in Gedanken antwortete: *Ich – sehe es. Als wärt ihr erneut ein völlig anderer Mensch. Keine Spur mehr von Wut, Hass oder Zorn.* 'Es ist eine Krankheit des Geistes, die das gerade verursacht hat. Ich werde es euch gerne näher erklären, sobald die Situation hier geklärt ist.' erwiderte Miller ernst und nach kurzem Nachdenken nickte Eragon. *Einverstanden. Solltet ihr jedoch wieder ein solches Verhalten an den Tag legen, werde ich nicht noch einmal zögern.* 'Natürlich nicht.'
Mit diesen Worten murmelte Schattentöter einen weiteren Zauber und mit einem Ruck wich die Starre vom Körper des Titanen. Nur knapp konnte er die begonnene Bewegung abbrechen, wobei er fast noch das Bein des Ra'zacs erwischte. Er fing sich jedoch rechtzeitig und stellte sich dann mit durchgedrückten Rücken hinter den Großmeister. Dabei wirkte seine enorme Größe fast gangausfüllend. „Wenn ihr gestattet." meinte der Colonel kühl und übernahm den Ra'zac aus der Hand des Reiters. Er packte ihn mit der linken Hand am Genick und hielt mit der Rechten beide Arme des Unholds hinter dessen Rücken fest.
Gleichzeitig presste er selbst die Kiefer aufeinander, als die Naniten eine äußerst schmerzhafte Prozedur begannen, die sie zuvor sorgfältig vorbereitet hatten. 'Das Gift auf ihren Waffen muss äußerst stark gewesen sein, wenn die Naniten zu solchen Mitteln greifen müssen. Zum Glück haben die anderen keinen Schnitt davongetragen.' dachte er sich und knurrte verhalten, als die winzigen Roboter damit anfingen, seine komplette Nase und einen Großteil des umliegenden Hautgewebes an seinem Hinterkopf und am abgetrennten Ohr abzubauen. Zum Glück schalteten die Nanobots schon nach wenigen Augenblicken seine Schmerzrezeptoren ab, wodurch das ganze etwas erträglicher gemacht wurde. Nur der Zwang durch den Mund atmen zu müssen störte ihn etwas.
„Nein! Lasssst mich! Ich habe verssssucht euch zu töten, Dämon! Sssehnt ihr euch nicht nach Rache? Tötet mich! Ich bin euch ausssgeliefert!" versuchte der Ra'zac ihn plump dazu zu bringen ihm den Hals umzudrehen, doch John antwortete emotionslos: „Es ist mir nicht möglich Rachegelüste zu verspüren, Attentäter. Jetzt haltet still, damit Meister Eragon euch das Leben retten kann." Wie aufs Stichwort begann der Schattentöter von neuem Zauber in der Alten Sprache zu weben. „Nein! Neeeeiiiin!" kreischte das Wesen und versuchte sich so gut es ging gegen Millers stählernen Griff zu wehren. Eher zufällig rutschte ihm dabei die Kapuze vom blanken, schwarzen Schädel.
Oder zumindest dachte der Titan für einen Moment, dass der Chitinpanzer makellos schwarz glänzte.
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als er feine, in den Panzer selbst geritzte Runen ausmachte, die ihn stark an die Runen auf der Drachenkette erinnerten. Instinktiv ließ er kurzzeitig die Arme des Ra'zac los, um die Kapuze zu packen und mit einem kräftigen Ruck, riss er der Kreatur den schwarzen Mantel vom Leib. „John? Was habt ihr?" unterbrach Eragon seine Magie, als er aus den Augenwinkel heraus den musternden Blick des Soldaten bemerkte. Er folgte ihm mit seinen eigenen Augen und seine Stirn legte sich in tiefe Falten. „Ich denke, ich habe herausgefunden, weshalb eure Magie keinerlei Wirkung auf diese Kreaturen hat." bemerkte der Colonel scharfsinnig und ergriff wieder die beiden Arme des Ra'zac, um ihn zu bändigen.
„Bei allen Göttern." hörte er den Reiter murmeln während dieser die Runen auf der Brust des Attentäters näher untersuchte. Der gesamte Körperpanzer des Wesens war übersät mit diesen merkwürdigen Schriftzeichen! „Diese Runen ähneln denen auf der Drachenkette. Könnt ihr sie entziffern?" fragte John und kam sich dabei ziemlich lächerlich vor, da seine Stimme durch die Naniten so klang, als würde ihm jemand die Nase zuhalten. Der Großmeister verzog angewidert das Gesicht. „Teilweise. Soweit ich es verstehe sollen diese Runen die Magie, welche gegen ihren Träger gerichtet wird nicht ausschalten sondern – weiterleiten? Oh nein!" erklärte er und sein Gesicht wurde bleich, als ihm offensichtlich etwas bewusst wurde. Hastig eilte der Reiter zur nächstgelegenen Tür, trat diese mit voller Wucht ein und stürmte ins Zimmer dahinter.
Den Ra'zac fest im Griff haltend folgte der Titan ihm. Er wusste nicht genau, was Eragon vorhatte, doch er konnte es sich vorstellen. Wenn die Runen dafür zuständig waren Magie weiterzuleiten, musste es irgendwo eine Person geben, die als Ziel fungierte. Und als er wenige Augenblicke später ein lautes Fluchen aus dem Raum vor sich hören konnte, bestätigte dies seine Vermutung.
Miller betrat den Raum mit dem Attentäter, wobei er sich ducken musste, um durch die Tür zu passen und sah den Drachenreiter wenige Meter vor sich an einem Doppelbett stehen. Ein körperloses Licht, offensichtlich vom Schattentöter herbei beschworen, erhellte den Raum. Das Zimmer war zu üppig eingerichtet, als dass es ein einfaches Gästezimmer sein konnte. Neben dem großen Bett befand sich ein kleiner Nachttisch auf dem eine stark gedimmte Öllampe stand und ein paar Schritt daneben ein große Regal, mit allerhand Büchern darin. Dann gab es noch zwei hölzerne Schränke, einen mittelgroßen Tisch mit drei Stühlen darum, einen Kleiderständer mit drei, vier Mänteln und zwei einfache, hölzerne Lagerkisten, welche jeweils mit einem eisernen Vorhängeschloss verriegelt waren. Zuletzt fiel dem Colonel dann noch eine kleine Wiege auf, die in Armreichweite neben dem Doppelbett stand.
Sein Blick blieb jedoch auf dem großen Bett hängen, denn darauf lagen zwei Personen, ein Mann und eine Frau und sich nicht mehr regten. „Barzûln! Diese verfluchte Bastarde!" spie Eragon wütend aus, während er neben den Mann trat und ihn vorsichtig untersuchte. Ohne Zweifel waren beide Menschen tot. „Ich nehme an, diese beiden wurden wohl von den Ra'zacs als Opfer missbraucht." stellte Miller tonlos fest und verstärkte den Griff um die Handgelenke des Attentäters, sodass der Chitinpanzer bereits unter dem Druck zu knacken begann. „Ja, sie haben ihnen Runen in die Stirn geritzt. Meine Zauber haben diese unschuldigen Leute hier getroffen, anstatt die Ra'zac." erwiderte der Großmeister knurrend und fuhr vorsichtig mit den Fingern über die Augenlider des Mannes und der Frau, um ihnen wenigstens die Würde wiederzugeben. Dann erhob er sich wieder aus seiner hockenden Position und trat hinüber an die Wiege.
„Ihr könnt nicht gewinnen Ssschattentöter, für jeden Sssieg den ihr erlangt bringen wir euch zwei Niederlagen bei." zischte der Ra'zac in Johns Griff keckernd, als der Reiter das Kinderbett erreichte, kurz hineinsah und danach die Augen schloss und betroffen den Kopf senkte. Ohne mit der Wimper zu zucken riss der Titan dem Attentäter den rechten Arm mit einer simplen Geste vom Körper, woraufhin dieser einen erstickten Schrei ausstieß. „Ihr solltet eure Zunge zügeln, Attentäter, wir benötigen nur euren Kopf und euren Schnabel, nicht eure Gliedmaßen. Sprecht noch einmal ungefragt und ich werde euch den linken Arm ausreißen." kommentierte Miller trocken und richtete dann das Wort an Eragon: „Sie haben auch das Kind mit den Runen versehen?" Der Drachenreiter nickte stumm und drehte sich zu ihnen um, nachdem er dem Säugling ebenfalls die Augen geschlossen hatte.
„Das hier sind Miriams Eltern und ihr kleiner Bruder. Erst letzte Woche habe ich dem Kleinen meinen Segen gegeben. Unschuldige Leute, sogar ein Baby als Schutzschild zu missbrauchen? Du bist weniger Wert als der Dreck unter meinen Stiefeln Ra'zac! Hast du gehört? Ich schwöre dir, jeden einzelnen deiner Rasse aufzuspüren und bei lebendigem Leibe in Drachenfeuer zu verbrennen, zusammen mit ihren Eiern! Ihr feiges, wert- und ehrloses Pack!" grollte er zornig, streckte die Hand mit dem nach wie vor gezogenem, blauen Schwert aus und deutete auf die rechte Schulter des Unholds. „Brisingr!" rief er laut und sofort umhüllten saphirblaue Flammen das Schwert und auch die blutende Schulter des Ra'zac. Dieser schrie wie am Spieß und wandte sich in Johns Griff, doch der Titan ließ nicht einmal ansatzweise los.
Er wusste, weshalb der Drachenreiter dermaßen überreagierte. Dunkel erinnerte er sich daran, wie die Ra'zac in den Büchern Brom, Eragons Vater, und noch viele weitere Freunde aus Carvahall umgebracht hatten. Ob das jedoch einen Genozid rechtfertigte, wagte er zu bezweifeln, behielt es jedoch für den Moment für sich.
Das Feuer loderte nur ein paar Sekunden lang, bevor der Schattentöter bestimmt „Letta!" sagte und die Flammen damit versiegten. Der Ra'zac hatte mittlerweile aufgehört zu schreien, vermutlich war er vom enormen Schmerz ohnmächtig geworden, aber wegen dem immer offenem schwarzen, lidlosen Auge konnte man es nur schwer erkennen. „Ein Glück, dass ich nur versucht habe drei dieser Teufel mit Magie zu töten. Nicht vorzustellen, was passiert wäre, wenn ich alle gleichzeitig erwischt hätte." murmelte Eragon missmutig und schüttelte mit gesenktem Blick den Kopf, während er sein Schwert wieder wegsteckte. „Glück im Unglück möchte man sagen, wobei wohl eher das Unglück überwiegt." entgegnete Miller ernst und warf sich den bewusstlosen Attentäter über die rechte Schulter. „Wohl wahr." stimmte der Reiter zu und seufzte, als er noch einmal auf die tote Familie zurückblickte.
„Ich kannte Lobert schon fast 30 Jahre lang und Hannah auch fast 20. Und der kleine Raik war erst ein paar Monate alt. Diese verfluchten Bastarde! Sich an guten, unschuldigen Menschen zu vergreifen, sogar an einem Kleinkind." „Mein Beileid, Meister Drachenreiter." erwiderte John so emotional wie es ihm nur möglich war. „Danke." meinte der Großmeister und wirkte etwas entsetzt, als er in das Gesicht des Titanen aufsah. „Großer Gott, John! So sagt doch etwas! Verletzungen mit Seithr-Öl darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen, selbst ihr nicht!" Der Colonel zuckte jedoch nur mit den Schultern. Die Naniten hatten zwar jeglichen Schmerzrezeptor in seinem Gesicht abgeschalten, trotzdem konnte er es sich gut vorstellen, wie er momentan von außen aussah. „Macht euch keine Sorgen, um meine Verletzungen. Mein Körper ist immun gegen jegliche Art von Giften. Der Säureeffekt dieses Seithr-Öls, wie ihr es nennt, mag stark sein, das gebe ich zu, aber mein Körper hat bereits Gegenmaßnahmen dazu eingeleitet, wie unschwer erkennen könnt." erklärte er trocken und deutete auf seine schon quasi nicht mehr vorhandenen Nase. Hätte jemand in diesem Moment die Nanitenlösung entfernt, wäre wahrscheinlich sein mit Metall überzogenes Nasenbein sichtbar gewesen, dessen war er sich sicher.
„Was redet ihr? Eure komplette Nase wurde bereits von diesem unnatürlichen Zeug zerfressen! Bitte geht in die Hocke, damit ich heilen kann, bevor es auf euer gesamtes Gesicht überspringt." widersprach Eragon doch Miller schüttelte den Kopf. „Spart euch eure Energie, das ist nicht nötig. Nicht das Öl hat meine Nase zerfressen, sondern mein eigener Körper hat das Gewebe, das um den Schnitt herumlag abgebaut, um ein Ausbreiten der Vergiftung zu verhindern. In ein paar Stunden wird wieder alles so sein, wie zuvor, selbst mein Ohr." Ungläubig starrte der Reiter ihn einige Momente lang weiter an und der Titan wollte ihm gerade anbieten in seinen Geist zu sehen, als der Großmeister die Hand auf die Stirn legte und stöhnend den Kopf schüttelte.
„Diese blaue Flüssigkeit ist also euer – Blut?"
„Exakt."
„Und diese – Naniten – heilen euch?"
„Korrekt."
„Ich weiß nicht was gerade verrückter ist, das ihr glaubt, euer Körper könnte Seithr-Öl-Verletzungen heilen, oder die Tatsache, dass es offenbar der Wahrheit entspricht. Unzählige weitere Fragen die ich euch alle bei Gelegenheit stellen werde. Wie dem auch sei, lasst uns keine unnötige Zeit mehr vergeuden. Es wird schon so schwer genug sein Miriam den Tod ihrer Familie beizubringen, ohne es weiter hinauszuzögern. Kommt, gehen wir zu den anderen zurück." murmelte Eragon mit ernster Stimme, woraufhin der Colonel zustimmend nickte. „Wohl gesprochen Meister Eragon. Ich werde eure Fragen selbstverständlich alle beantworten, so gut ich kann."
Mit diesen Worten folgte er dem Reiter zur Tür hinaus, den Ra'zac nach wie vor über seiner Schulter liegend, wobei der Schattentöter beim Verlassen des Raums noch zwei Wörter in der Alten Sprache flüsterte, woraufhin das helle Licht im Zimmer erlosch. Wie um das Ganze noch zusätzlich neckisch zu untermalen grollte ein lauer Donnerschlag von Draußen ins Gasthaus herein. Eilig schritten die beiden den Gang zurück in den Schankraum, der aussah, als wäre eine Bombe in ihm hochgegangen.
John war etwas überrascht zu sehen, dass Tinira sich offensichtlich durch die eingerissene Wand ins Innere gezwängt hatte, wo sie nun halb zusammengerollt da lag und schützend den Schwanz um Alanna, Miriam, den eingewickelten Keno und Feyth gelegt hatte, die an ihrer gelben Flanke saßen. Den Rucksack hatten sie abgeschnallt und neben sich gestellt. Hinter ihnen hatte Saphira ihren massigen Kopf nach wie vor durch das Loch, welches sie gerissen hatte, gestreckt und neben ihre Enkelin gelegt, wobei einige Tische und Stühle unter ihrem riesigen Kiefer zerbrochen waren. Im stürmischen Regen, der immer noch von draußen herein prasselte, konnte er außerdem noch Dun'var erkennen, der seinerseits versuchte einen Blick in den Schankraum zu erhaschen. Die Ra'zac-Leichen, oder besser gesagt Überreste lagen grob aufeinander geschmissen im hintersten Eck des Raums. Das war nicht das Bild eines Sieges, sondern einer Niederlage, dachte sich der Titan im Stillen, als er zusammen mit Eragon den ramponierten Raum betrat.
Sofort, als er auch nur einen Fuß in den Raum setzte, sprang Feyth auf und fixierte ihn mit ihren waldgrünen Augen. Wie ein Stuka kam sie auf ihn zugesprungen. Er konnte gerade noch den Ra'zac auf den Boden werfen und seinen Fuß auf die Brust stellen, damit er nicht entkommen konnte, dann erreichte der kleine Drache ihn bereits. *John! Oh John!* schniefte sie mit zittriger Stimme, landete mitten auf seinem Brustpanzer und drückte ihren Kopf heftig gegen sein Kinn. Überfordert mit der Situation ergründete die logische Persönlichkeit blitzschnell ob es sicher war, sich zurückzuziehen und als er bemerkte, dass sein aggressives Ich wieder halbwegs abgekühlt war, riskierte er es Platz zu machen. Eragon würde ihn ohnehin aufhalten, falls etwas schief gehen sollte und er konnte einfach nicht mit Emotionen umgehen.
Er war der letzte, den Feyth jetzt gerade gebrauchen konnte.
Sofort veränderte sich seine steife Haltung und beruhigend schloss der Titan das kleine Drachenmädchen in eine schützende Umarmung. „Ist ja gut Feyth, ist alles wieder gut." flüsterte er zärtlich und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn. Sie fiepte leise und ließ einfach ihre Gefühle in seinem Kopf umherschwirren, ohne etwas zu sagen. Da war Angst so viel Angst, er konnte sie deutlich spüren. Und doch gab es auch ein weitaus stärkeres Gefühl, das Gefühl von Geborgen- und Sicherheit. Feyth fühlte sich in seinen Armen sicher vor allen Gefahren und das, ließ seine Herz eine Spur schneller schlagen.
Aus den Augenwinkeln heraus, sah er, wie Eragon zunächst Saphira sanft die Hand auf die Schnauze legte und dann zu Alanna und Miriam hinübertrat, die ebenfalls von Tiniras Flanke aufgestanden waren. Mitfühlend legte der Drachenreiter eine Hand auf die Schulter der jungen Frau und sagte ihr etwas. Durch den lauten Sturm den von draußen herein schlug, konnte er nichts verstehen, doch er musste die Worte nicht hören, um zu wissen was er ihr mitteilte. Und er war ganz froh, dass das grüne Drachenmädchen in seinen Armen nichts davon mitbekam. John sah, wie Alanna erschrocken die Hände vor den Mund schlug und Miriam zunächst geschockt dastand, bis sich Tränen in ihren Augen bildeten und sie dem Großmeister weinend und schluchzend um den Hals fiel. Väterlich erwiderte der Reiter die Geste und murmelte ihr vermutlich tröstende Worte zu, während die Elfe anteilnehmend die linke Hand auf die Schulter des Mädchens legte. Tinira stieß ein trauriges Jaulen aus und auch Saphira schloss betroffen ihr gigantisches, blaues Auge.
Langsam ging der Titan mit Feyth auf dem Arm hinüber zu den anderen, wobei er den Ra'zac wie ein Stück Dreck vor sich her kickte. Den Kopf des kleinen Drachens hielt er dabei fest an seinen Hals gedrückt, damit sie ja nicht auf die Idee kam, hinunterzuschauen. Als sie näher kamen versuchte Feyth ihren Kopf zur Quelle der Wehklagen umzudrehen, doch Miller hinderte sie mit sanfter Gewalt daran. Ihr junger Verstand brauchte heute nicht noch mehr Schmerz zu erfahren.
„John-Vodhr! Bei den Ahnen, euer Gesicht!" rief Alanna bestürzt aus, als sie sich von Miriam und Eragon löste und ihnen entgegengeeilt kam. „Ja, ich war schon einmal hübscher, aber das gibt sich wieder. Wie geht es ihr?" entgegnete der Colonel ernst und nickte in Richtung der jungen Frau. Die Elfe presste die Lippen aufeinander und antwortete missmutig: „So gut wie es ihr im Moment gehen kann. Sie steht natürlich unter Schock, wie jeder andere auch, der die Nachricht vom T – "
„Ich verstehe." würgte John sie rasch ab und nickte mit hochgezogenen Augenbrauen Feyth zu, die gerade die Ohren aufgestellt hatte. Die Drachenreiterin verstand, was er wollte und nickte bedächtig, wurde dann jedoch wieder aufgeregter. „John-Vodhr, wir müssen unverzüglich eure Kameraden warnen! Wenn sie schon auf mich so viele Ra'zacs angesetzt haben, werden sie es mit Sicherheit auch für Shad und den anderen Drachen tun, die eure Einheit gerettet hat!" rief sie hastig und läutete damit sämtliche Alarmglocken in seinem Kopf. Sie hatte recht! „Du hast recht Alanna, aber das dürfte schwierig werden. Herrn Millers Einheit verfügt nicht über einen Spiegel, von dem ich wüsste und verwenden könnte. Die schnellste Möglichkeit mir einfällt, wäre es daher Trestol Bescheid zu geben. Er sollte sie bereits Morgenabend erreichen." stimmte Eragon zu, der ihren Ausruf logischerweise gehört hatte, doch Alanna schüttelte den Kopf. „Dann könnte es bereits zu spät sein! Wenn sie uns hier bereits gefunden haben, dann –"
„Ich kenne eine Möglichkeit sie zu kontaktieren. Wartet hier." unterbrach Miller sie erneut und eilte in großen Schritten hinüber zum Tisch, wo zuvor seinen Helm hatte liegen lassen. Das Funkgerät des Atlas besaß eine Reichweite von 45.000 Kilometern, mehr als genug, um die anderen von hieraus zu erreichen. 'Warum haben sie mich eigentlich nicht schon längst damit kontaktiert? Was solls, vermutlich haben sie es einfach vergessen, oder denken meine Rüstung sei beschädigt.' überlegte er kurz und setzte sich dann mit einer Hand den Helm auf den Kopf, wohingegen er mit der anderen nach wie vor Feyth festhielt. Mit einem charakteristischen Zischen, versiegelte sich der Anzug wieder und das grüne Drachenmädchen fragte aufgeregt: *Kannst du jetzt mit deinen Kindern sprechen?* „Das habe ich vor, ja." murmelte der Titan und öffnete einen Funkkanal.
Aber anstatt einer Auflistung von Zielen in seinem HUD zu erhalten, geschah überhaupt nichts. Nur statisches Rauschen drang aus seinen Lautsprechern. „Was zum?" grummelte er verwirrt und startete den Prozess von neuem. Doch das Resultat blieb dasselbe. Er wollte es gerade erneut probieren, als es ihm wie ein Blitz durch den Kopf schoss.
Er hatte in seiner Schusseligkeit das Funkgerät abgeschalten, da es ihn am zweiten Tag in Lendol angefangen hatte mit statischem Rauschen zu nerven!
„Feyth, kletter bitte auf meine Schultern, ich brauche kurz beide Hände." bat er den kleinen Drachen freundlich, der der Aufforderung sofort nachkam. Eiligst zog er sich wieder den Helm vom Kopf und langte in den Innenraum, wo er einen winzigen Knopf betätigte. Dann setzte er ihn sich wieder auf. Aufgeregt öffnete er erneut einen Funkkanal und siehe da: 20 Ziele in Reichweite wurden ihm angezeigt! All seine Kinder und einen Eintrag namens A.I.D.A.N, der zur Schiffs-KI der Venator gehörte.
Mit leicht zittriger Stimme fragte er in den offenen Kanal hinein: „Hallo? Versteht mich jemand? Hier spricht Titan 06, John Miller. Bitte kommen!"
Es dauerte nur Millisekunden, bis ihm eine wohlbekannte, aufgeregt quietschende Stimme antwortete: „Dad!?"
DU LIEST GERADE
[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die Drachenreiter
Fiksi PenggemarDer Soldat John Miller findet sich nach einem schrecklichem Unfall an den Ufern eines ihm unbekannten Landes wieder. Schon sehr bald wird ihm bewusst, dass er sich nicht mehr in seiner eigenen Welt befindet. So also macht er sich auf den Weg, die Dr...
![[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die Drachenreiter](https://img.wattpad.com/cover/57579266-64-k536634.jpg)