Kampf am Himmel

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„Micheal – !" rief Julia dem Admiral über Funk energisch zu, doch dieser unterbrach sie sofort. „Ich weiß! Alle Mann an Deck! Wir haben Verbündete im Anflug, die von vorrausichtlich feindlichen Zielen verfolgt werden! Ich wiederhole, alle Mann an Deck!" alarmierte er die gesamte Titaneinheit über Funk, während er gleichzeitig gemeinsam mit Kevin, Aidan und Tymdek die Stufen hinaus ins Freie empor eilte. *Das müssen Trestol und Mimiath sein! Aber von wem werden sie verfolgt? Weiteren verzauberten Küken?* knurrte der schwarze Drache aufgebracht, was Mike jedoch sofort verneinte. „Ich weiß es nicht, aber es muss etwas anderes sein, als Drachen. Aidan hätte sie sonst sofort erkannt." „Dies ist korrekt, Sir. Biosignatur passt zu keiner mir bekannten Lebensform." stimmte die KI ernst zu, als sie endlich auf dem Deck der Venator ankamen.

Dort standen bereits Shenmi und Alex, die Waffen gezogen und die Köpfe auf die Neuankömmlinge gerichtet. Steven, der im brachialen Atlas Mark 3, dem "Juggernaut", steckte stand etwas abseits, den Blick gehen Himmel gerichtet. Von Julia fehlte jede Spur. „Wie siehts aus? Wer oder was kommt da auf uns zu?" wollte Nurton angespannt. „Vermutlich der Drachenreiter Trestol und seine Drachendame Mimiath. Wer ihre Verfolger sind, konnten wir bis jetzt jedoch nicht feststellen." antwortete Forke knapp, setzte sich seinen Helm auf den Kopf und öffnete dann einen direkten Funkkanal zu Stearn, die ohne Zweifel irgendwo oben auf der Klippe Position bezogen hatte, um einen besseren Überblick zu haben.

„Kannst du sie sehen? Und wenn ja, versuche zu beschreiben, wie die Verfolger aussehen." erkundigte er sich bei ihr, woraufhin die Scharfschützin wie aus der Pistole geschossen erwiderte: „Ja, ich sehe sie. Kommen aus nordwestlicher Richtung direkt auf uns zu. Vorneweg fliegt eine schneeweißer Drache, mit einem Mann als Reiter auf dem Rücken und die Verfolger sind – schwer zu beschreiben. Auf jeden Fall drachenähnlich, mit ledriger Haut, schnabelartigen Schnauzen und pechschwarzen Augen. Die Dinger sind im Prinzip genauso groß wie der Drache, den sie verfolgen! Von diesen Viechern sehe ich drei und auf ihren Rücken sitzen irgendwelche in schwarze Gewänder gekleidete Gestalten. Kann ich unmöglich erkennen, wer oder was das ist, die haben die Kapuzen praktisch übers Gesicht gezogen, aber sie haben allesamt einen Bogen in der Hand und holen schnell auf! Der Drache sieht auch so aus, als hätte er einige Pfeile schon abbekommen und der Reiter schein bewusstlos zu sein."

„Fuck! Das klingt nach erwachsenen und jungen Ra'zacs! Wir müssen dem Drachen und Reiter sofort helfen! Wie weit sind sie ungefähr weg? Kannst schon einen der Verfolger erwischen?" fluchte der Admiral und biss sich auf die Zunge, als Julia missmutig antwortete: „Leider nicht, die sind noch mindestens acht Kilometer weit weg, aber das 'Gungnir' hat nur eine Reichweite von drei Kilometern maximal und das dann auch nur mit einer Fifty-Fifty-Chance auf nen Treffer."

Das Gungnir war ein Scharfschützengewehr, das Mark speziell für sie entworfen hatte, um es in Kombination mit dem Atlas Mark 2, dem Hunter, einsetzen zu können. Denn ihr Gaußgewehr würde mit seinem starken elektromagnetischen Feld die Tarnvorrichtung des Anzugs komplett zunichtemachen. Doch auch das halbautomatische Gungnir besaß immer noch eine außerordentliche Feuerkraft, dank seiner speziellen 9x90mm Munition die auf bis zu 1.700 Meter, Millimeter genau treffen konnte, solange Julia der Schütze war. Selbst auf Distanzen bis zu 3 Kilometern waren auch noch halbwegs effektive Schüsse möglich und durch das 15-schüssige Magazin, konnte auch mal ein Schuss danebengehen, ohne einen großen Unterschied zu machen. Abgerundet wurde das Ganze von einem aufsetzbaren Schalldämpfer und einem speziellen Aufsatz, der Zielfernrohr, Laserdistanzmesser und Infrarotsicht in einem war und sich direkt mit dem HUD des Hunters verband, sobald Stearn die Waffe in die Hand nahm. Doch das alles half nichts, solange die Ra'zac sich noch weit außerhalb der maximalen Reichweite aufhielten.

„Verstanden, behalt sie weiter im Auge, während wir uns etwas überlegen." meinte Micheal ernst und wandte sich dann an Tymdek, der sein Haupt hoch gen Himmel gestreckt hatte und mit seiner Zunge die Luft kostete. „Es sind tatsächlich Trestol und Mimiath, Tymdek und sie werden von mehreren Ra'zac und Lehtrblaka verfolgt! Wir müssen etwas unternehmen, sonst werden diese Viecher sie erwischen!" erklärte er Dunkelschwinge knapp. Daraufhin fletschte der schwarze Drache knurrend die Zähne und ließ ein wütendes Brüllen vernehmen, das sogar leicht das Deck der Venator zum vibrieren brachte.

*Leichenfresser! Knochenschänder! Ich werde ihnen ihre Flügel vom Leib reißen, ehe sie Mimiath und Trestol erreichen!* rief er zornig in Gedanken und machte Anstalten sich in die Lüfte zu erheben, noch ehe Mike etwas erwidern konnte. Geistesgegenwärtig sprang Alex vorwärts und krallte sich mit seinem schraubstockartigen Griff an Tymdeks linkes Vorderbein, bevor der Drache sich vom Deck abstieß. Schützend hielt sich Kevin die rechte Hand vor die Stirn, während die mächtigen Schwingen ihnen die Luft nur so um die Ohren schlug, wohingegen Micheal, Shenmi und Steven dem Gespann überrascht hinterher sahen. Binnen weniger Augenblicke hatte der Gigant bereits die Klippe über ihnen erreicht und aus dem Augenwinkel heraus konnte Mike, Julia erkennen, als sie mit einem grazilen Satz auf Dunkelschwinges Rücken sprang. Kurz darauf verschwand Tymdek schon aus ihrer Sichtweite. „Was für drei verrückte Hühner ey! Die Idee könnte glatt von mir stammen!" grölte Coule amüsiert und begann dann mit dem Juggernaut die steile Felswand empor zu klettern, indem er die metallischen Klauen, die der Mark 3 als Hand- und Fußersatz hatte, in den nackten Fels schlug. „Sag ihnen einfach, sie sollen sie hierher zur Klippe locken, den Rest übernehmen wir!" rief Yang Micheal noch zu, nur um dann mit Hilfe des Jump-Packs auf den Rücken des Juggernauts zu springen, um sich mit nach oben tragen zu lassen.

Das Jump-Pack war im Grunde eine Weiterentwicklung eines gewöhnlichen Jetpacks, das perfekt auf die Ausmaße der Titanen abgestimmt war. Es nutzte den Minifusionsreaktor des Atlas, als Energiequelle und hatte genug Kraft, um einen Titanen samt Anzug einige Dutzend Meter weit durch die Luft zu tragen, oder aber einen Absprung aus mehreren tausend Metern Höhe abzubremsen. Zusätzlich besaß es kleine Korrekturdüsen, mit denen man den kurzen Flug sogar leicht steuern, oder seine Position stabilisieren konnte.

'Zum Glück tragen Alex und Julia auch ihr JP.' dachte der Admiral seufzend und öffnete erneut einen direkten Kanal zu den beiden. „Ich hoffe ihr beide wisst, was ihr tut. Versucht die Ra'zac Richtung Klippe zu locken, Steven und Shenmi kommen euch von dort aus entgegen." erklärte er ihnen eindringlich, woraufhin sowohl Nurton als auch Stearn kurz ihr grünes Bestätigungslämpchen aufblinken ließen. Danach herrschte wieder Stille. „Fliegt Tymdek, fliegt." murmelte der Admiral angespannt und eilte dann mit Kevin zusammen hinüber an die Leiter, um den anderen zu folgen.




Vollkommen auf den bevorstehenden Kampf fokussiert, beendete Julia den Funkkontakt zu Micheal und öffnete stattdessen einen privaten Kanal zu Alex, der, wie sie wusste, an Tymdeks linkem Vorderbein baumelte. Währenddessen rief ihnen der riesige Drache knurrend zu: *Haltet euch fest, meine Freunde! Ich werde nicht umdrehen können, um euch aufzufangen, solltet ihr herunterfallen!* „Schon in Ordnung Tymdek. Versucht einfach so hoch wie möglich zu kommen, damit wir einen ordentlichen Angriffswinkel haben." gab sie ebenso laut zurück und auch ihr Bruder brüllte angestrengt: „Macht euch um uns keinen Kopf, gewinnt einfach an Höhe!", was der Gigant mit einem lauten Schnauben zur Kenntnis nahm.

Es erforderte ihr gesamtes Können und einige Schübe von den Korrekturdüsen des Jump-Packs, um ihr Gleichgewicht auf dem massigen Rücken von Dunkelschwinge zu halten, wobei sie es ohnehin nur dem Hunter zu verdanken hatte, dass sie Tymdek überhaupt erreicht hatte. Ohne die überlegene Beweglich- und Geschwindigkeit des Tarnanzugs hätte sie einen schwierigen Sprung mit dem JP riskieren müssen. Nurton hatte es da sogar fast ein bisschen besser, da er sich mit seinen Händen an Tymdeks Zehen festhalten konnte, ein Luxus, den sie hier oben auf dem arbeitenden Rücken des Drachens nicht hatte. Nichtsdestotrotz zog sie das Gungnir von ihrem Rücken, entsicherte es und verband es mit ihrem HUD. Sie hatte schon ähnlich schwere Schüsse gelandet, auch wenn das ständige Auf und Ab von Dunkelschwinges Rückenmuskeln ein kleines Problem darstellte.

Mit Hilfe des HUDs aktivierte sie den Laserdistanzmesser und legte auf die schnell näherkommende Meute vor ihnen an. Durch Tymdeks Anstrengungen befanden sie sich schon auf gleicher Flughöhe und stiegen weiter auf. Julia brauchte einige Anläufe, bis sie den Laser lange genug auf einem Ziel halten konnte, um einen genauen Messwert zu bekommen. 5,63 Kilometer, noch etwa 4 Kilometer außerhalb ihrer zielsicheren Reichweite. Mit dem Gaußgewehr hätte sie jetzt schon ohne Probleme das Feuer eröffnen können, doch das wäre der Tarnoberfläche ihrer Rüstung nicht gut bekommen. Manchmal konnte sie sich nicht gänzlich entscheiden, was sie lieber hatte, den Hunter, oder ihr altbewährtes GR-30, doch meistens überwogen die Vorteile der Tarnrüstung. Aber jetzt hatte sie keine Zeit dafür sich Gedanken darüber zu machen. Viel eher musste sie sich eine geeignete Schussposition suchen, denn der Nacken und Hals des schwarzen Drachens waren derart massig, dass sich zu weit in Richtung der Flügel stellen müsste, um ein freies Schussfeld zu haben.

Doch als einzige Alternative blieb nur ein anderer Platz, aber auf diesem Balanceakt wollte sie sich nicht einlassen.

'Mitten im raschen Steigflug auf Tymdeks Kopf zu klettern, um sich auf seine Schnauze zu legen, ist wohl eine recht bescheidene Idee. Vor allem, wenn er sich dazu entscheidet, Feuer speien zu wollen.' überlegte sie missmutig und ging dann vorsichtig nach vorn zum Halsansatz des Giganten, wobei sie einige Male kurz stehen bleiben musste, um nicht ihren Halt zu verlieren. Dort angekommen stellte sie fest, dass ihr zwar nun ein recht starker Luftzug entgegen strömte, die Bewegungen von Tymdeks Muskeln jedoch weitaus schwächer zu spüren waren, als zuvor zwischen den gewaltigen Flügeln. 'Perfekt!' dachte Stearn zufrieden und legte erneut ihr Gewehr an.

Sie waren inzwischen einige hundert Meter höher, als der weiße Drache und die Ra'zac, welche ihnen nur so entgegen geschossen kamen. Das Weibchen war bei weitem nicht so groß, wie der schwarze Drache selbst, aber noch um einiges größer, als Shad oder Ileakri. Sie biss sich missmutig auf die Zunge, als sie die vielen kleinen Löcher in den weiten Schwingen der Drachendame bemerkte, die ohne Zweifel von den Pfeilen ihrer Verfolger stammten. Schlimmer für die große Echse waren jedoch ohne Zweifel die Geschosse, die links und rechts neben dem Reiter in ihren Muskeln steckten. Dickes, rotes Blut rann an diesen Stellen über die ansonsten schneeweißen Schuppen und Julia bemerkte, dass der Flügelschlag deutlich hakeliger und gestresster aussah, als Tymdeks rhythmisches Auf und Ab. Dem Mann im Sattel hingegen schien nichts weiter zu fehlen, als eine kleine Platzwunde auf der Stirn. Vermutlich war ein stumpfer Schlag auf den Kopf, der Grund für seine Bewusstlosigkeit.

Dann wandte sie sich den Ra'zac und ihren drachenähnlichen Reittieren zu. Sie sahen exakt so aus, wie in den Büchern beschrieben, große, schlanke Gestalten, mit langen schwarzen Gewändern und tief ins Gesicht gezogener Kapuze. Allerdings war sie nun nah genug an sie herangekommen, um die spitzen Schnäbel, welche diese Kreaturen anstatt eines Munds besaßen, zu erkennen. Ihre Augen sprangen nach rechts oben in ihrem HUD, wo für gewöhnlich die Messwerte für die Distanz angezeigt wurden.

3,1 Kilometer.

„Wird schon passen." murmelte sich Stearn selbst zu, entsicherte das Gungnir und legte an. „Ich werde gleich das Feuer eröffnen, also erschreckt nicht, falls es anfängt laut zu knallen! Das bin dann nur ich!" rief sie dem schwarzen Drachen zu, der ihr stumm in Gedanken seine Zustimmung übermittelte. Danach wurde sie stumm und begann zu zielen. Zum Glück waren die Ra'zac gerade noch weit genug von dem weißen Drachenweibchen entfernt, als dass ein Fehlschuss es hätte treffen können, doch sie hatte auch nicht vor zu verfehlen. Einer der Vorteile, den die Titanin gegenüber gewöhnlichen Scharfschützen besaß, war, dass sie im Gegensatz zu diesen nicht die Luft anhalten musste, um einen zielgenauen Schuss abzugeben, da das Luftsieb sich nicht in ihrem Brustkorb ausdehnte, während sie atmete. So konnte sie sich voll und ganz auf das leichte Wanken Tymdeks, den strammen Luftstrom und die sich bewegenden Ziele konzentrieren.

Im Unterschied zu ihrem sonstigen Vorgehen, visierte Julia den führenden Verfolger als erstes an. Normalerweise hätte sie mit dem hintersten der Kolonne begonnen, damit die vorderen sein Dahinscheiden nicht sofort bemerkten, doch in dieser Situation galt es den Feind davon abzubringen seine Verfolgung fortzusetzen. Und wie würde das am besten gelingen, wenn nicht durch den Tod ihres Anführers?

2,6 Kilometer.

Ihr Ziel war das Reittier des ersten Ra'zac, dessen ledrigen Halsansatz sie ins Visier nahm. Einige Momente stand sie so breitbeinig neben Tymdeks Hals und verinnerlichte den Rhythmus von seinen Flügelschlägen ebenso auswendig, wie die Bewegungen des Pseudodrachens.

Auf, Ab, Auf, Pause, Ab.

Ein letzter Seitenblick auf die Anzeige ihres Windmessers, dann betätigte sie den Abzug.

Mit einem lauten Knall verabschiedete sich das, 1.500 Meter pro Sekunde schnelle, Geschoss aus dem Lauf ihres Gewehrs und zischte dem Ziel entgegen. Knapp etwas über eine Sekunde später schlug es ein. Stearn sah, wie das Projektil etwas zu weit nach rechts abgedriftet war und nur in die Schulter des Wesen eingedrungen war, doch ein lautes, schrilles Kreischen und ein langsamer werdender Pseudodrache verrieten ihr, dass sie eine gewisse Wirkung erzielt hatte.

Aber damit gab sie sich nicht zufrieden.

Ohne zu zögern justierte sie ihren Winkel neu und drückte erneut ab. Diesmal hatte die Kugel einen zu starken Linksdrall und streifte nur den Halsansatz, doch der Schaden, den die 9x90mm Munition aus amorphem Wolfram anrichtete, war dennoch enorm. Die Kreatur geriet leicht ins Schlingern, was Julia das Zielen nicht unbedingt vereinfachte. Dennoch betätigte sie erneut den Abzug und atmete zufrieden durch, als der Schuss endlich ihren gewünschten Endpunkt traf.

Mitten durch den Nacken des Ungetüms, sodass es ihm die Wirbelsäule und damit das Rückenmark zertrümmerte.

Das Wesen kam nicht einmal mehr dazu zu Kreischen, sondern begann wie ein Backstein in Richtung Erdboden zu fallen.

„Jawoll! Sauberer Treffer!" jubelte Alex ihr per Funk zu und auch Tymdek stieß ein triumphierendes Brüllen aus, bevor er seinen Steigflug beendete, die Flügel anlegte und den übrigen zwei Verfolgern entgegenstürzte. Eiligst verstaute Stearn das gesicherte Gungnir wieder in der magnetischen Halterung auf ihrem Rücken und hielt sich mit aller Kraft an einem der mehr als beinlangen Stacheln am Hals des schwarzen Giganten fest, um nicht heruntergeworfen zu werden. Einer der übrigen beiden Ra'zac hatte sich derweil ihnen zugewandt, während der andere weiter dem schneeweißen Drachen folgte, die inzwischen fast am Ende ihrer Kräfte zu sein schien.

„Krallt euch den Verfolger Tymdek! Ich hole mir unseren Angreifer!" brüllte Nurton Dunkelschwinge zu, was dieser mit einem lauten Knurren zur Kenntnis nahm. Julia war nicht wirklich überrascht, als sie Alex unter ihr und Tymdek mithilfe des Jump-Packs vorbeischießen sah, direkt in Richtung des Ra'zac, der ihnen entgegenkam. „Hals- und Beinbruch!" rief sie ihm über Funk hinterher, wobei er nur knurrend erwiderte: „Das Vieh wird gleich etwas mehr haben, als das!" Und damit hatte er mehr als recht. Mit seiner Geschwindigkeit und seiner Masse glich er einem gigantischen Wuchtgeschoss, das genau auf den Pseudodrachen zuhielt. Sie konnte gerade noch aus den Augenwinkeln erkennen, wie ihr Bruder in seinen Gegner krachte und ihm ohne Zweifel sämtliche Wirbel und Schulterknochen brach, bevor Dunkelschwinge seinen Sturzflug korrigierte und auf den letzten Verfolger ansetze.

Wie ein schwarzer Blitz holte er gegenüber dem letzten verbliebenen Ra'zac auf und Stearn machte sich bereit für einen heftigen Aufprall. Sie sah, wie der Pseudodrache ihren Anflug bemerkte und ihnen ein schrilles Kreischen entgegenschickte. Die Kapuzengestalt in seinem Sattel wandte sich ihnen ebenfalls zu und begann Tymdek mit seinen verbliebenen Pfeilen zu beschießen, doch die Geschosse prallten einfach am Schuppenpanzer des Giganten ab. Nur zwei schafften es sich irgendwie durch seine dicken Schuppen zu bohren, was der Drache jedoch schlicht ignorierte. Einen Augenblick später, war es soweit und Julias Hand schloss sich fast krampfhaft um den Rückenstachel. Doch es kam anders als geplant. Das ledrige Reittier schaffte es mit einem unvorhersehbaren Schlenker, Dunkelschwinges Sturzangriff auszuweichen, wodurch der schwarze Drache haarscharf an seinem Ziel vorbeischrammte.

Allerdings reagierte die Titanin binnen weniger Millisekunden auf die neue Situation.

Instinktiv aktivierte sie ihr Jump-Pack und sprang von Tymdeks Schulter hinüber auf den Rücken des Pseudodrachens, wo ein überraschter Ra'zac sie erwartete. Blitzschnell zog sie ihr Kampfmesser aus seiner Halterung und duckte sich unter dem Pfeil weg, denn ihr Gegner auf sie abgefeuert hatte. Gleichzeitig macht sie einen Satz auf ihn zu und schlug ihm den Bogen mit einem Kick aus der Hand. Der Ra'zac zischte wütend und zog stattdessen ein blattförmiges Schwert aus einer Scheide an seinem Gürtel und hieb damit auf die Scharfschützin ein.

Ihr Gegenüber war schnell, wohl schnell genug, als dass er sie getroffen hätte, würde sie ihren normalen Atlas tragen.

Sie trug jedoch den Hunter.

Mit einer Bewegung, die fast schon zu schnell für menschliche Augen war, wehrte sie den Schwertschlag ab, indem sie mit ihrem linken Handgelenk gegen die schwertführende Hand des Ra'zacs schlug. Fast im selben Moment vollführte sie einen Ausfallschritt und rammte ihr Kampfmesser tief in den Bauch ihres Feindes, was ein ekelerregendes Knacken nach sich zog. Scheinbar hatte die Kreatur ein Exoskelett, genauso wie Emily, nur bei weitem nicht so widerstandsfähig, wie das ihrer Schwester. Ihr Gegner stieß ein schmerzerfülltes Kreischen aus, das schrill in ihren Ohren widerhallte, doch sie ließ ihm keine Zeit sich zu erholen. Mit der Linken, die gerade noch den Schwertstreich abgewehrt hatte, versetzte sie ihm einen Faustschlag mitten ins Gesicht, während sie gleichzeitig das Messer wieder herauszog und erneut zustach. Diesmal in die Brust, dort, wo sie sein Herz vermutete.

Julias Faust hatte durch die ultra-leichte Panzerung des Hunters bei weitem nicht so viel Masse, wie zum Beispiel ein Schwinger von Alex, oder gar Steven, doch was sie an Gewicht einbüßte, machte sie durch pure Geschwindigkeit wieder wett. Sie konnte spüren, wie der harte Außenpanzer unter ihren Knöcheln zerbrach und auch die Klinge ihrer Waffe fand sein Ziel ohne Probleme. Schlagartig verstummte das schrille Kreischen und mit einiger Genugtuung zog die Titanin ihre mit blaugrünem Blut besprenkelte Hand und auch das Messer zurück.

Dann jedoch erstarrte sie leicht, als der Pseudodrache seinen Hals drehte und ihr sein gedrungenes aber doch massiges Haupt zuwandte. Seine schwarzen, pupillenlosen Augen funkelten sie Hasserfüllt an und die kräftigen, schnabelartigen Kiefer verhießen ebenfalls nichts Gutes. Ihr Jump-Pack benötigte noch mindestens sieben Sekunden Regenerationszeit, was bei ihrer momentanen Flughöhe bedeutete, dass es eine extrem harte Landung werden würde, falls sie sich dazu entscheiden sollte, herunterzuspringen. Allerdings war die Alternative auch nicht gerade berauschend. Der Hunter vermochte sie zwar gegen leichtes Gewehrfeuer zu schützen, doch sie bezweifelte stark, dass die Panzerung den zermalmenden Kiefern dieses Untiers standhalten konnte. Und falls es Feuer speien konnte, war das Spiel ohnehin aus, da ihr Anzug nicht dafür gebaut war, hohe Temperaturen zu verkraften. Ausweichen war auf dem schmalen Rücken des Pseudodrachens praktisch unmöglich, weswegen ihr nur die Wahl zwischen dem Sprung in die Tiefe und einem Gegenangriff blieb.

Stearn war schon im Begriff zu springen, da sie es für die bessere der beiden Möglichkeiten hielt, als Tymdek ihr die Entscheidung abnahm.

Sie zuckte regelrecht zusammen, als seine gigantischen, schwarzen Kiefer sich von unten um den Hals der Kreatur schlossen und die Zähne tief in ihr Fleisch drangen.
Alles was danach geschah, war rein instinktiv.

Der Pseudodrache begann panisch hin und her zuschlagen, während Dunkelschwinge seinerseits immer kräftiger zubiss. Julias Körper war vollgepumpt mit Adrenalin und bewegte sich fast schon automatisch. Flink rannte sie so gut es ging den restlichen Körper der Kreatur hin in Richtung Halsansatz, sprang dann mit voller Wucht ab und landete wankend direkt zwischen Tymdeks Nüstern. Unter ihr befand sich der mit Zähnen bewehrte Abgrund seines riesigen Mauls, was ihr Herz noch einmal schneller schlagen ließ. Sie brauchte nur auszurutschen und würde im Schlund des schwarzen Drachens landen, ohne dass dieser auch nur die kleinste Notiz davon nehmen würde.

Ohne zu zögern fixierten ihre Adleraugen das nächste Ziel. Der Rücken des schneeweißen Drachenweibchens, die schon knapp 100 Meter entfernt war. Es war riskant, ihr Jump-Pack würde noch etwa zwei Sekunden brauchen, um wieder einsatzbereit zu sein, aber es erschien ihr in ihrer angespannten Situation als angemessenes Risiko. Daran zu Boden zu springen dachte sie schon gleich gar nicht mehr, da ihr Instinkt strikt dagegen war. Also wagte sie den Sprung. Mit aller Kraft stieß sie sich von dem mächtigen Oberkiefer ab, während unter ihr das Knirschen von brechenden Wirbeln zu hören war. Was folgte, waren die zwei angespanntesten Sekunden, die sie seit langer Zeit hatte. Sie begann schon in Richtung Erde zu fallen, als das JP ihr endlich wieder grünes Licht gab und die Titanin mit einem gewaltigen Schub hinüber auf den Rücken des anderen Drachens trug, wo sie wankend zum stehen kam.

Erleichtert atmete sie kurz durch. Die Pilotin hatte schon einiges in ihren Kampfeinsätzen erlebt, aber am Rand der gewaltigen Kiefer Tymdeks zu stehen und hinab in den gähnend Schlund des Riesens zu starren, hatte selbst ihr das Herz bis zum Hals schlagen lassen. Nun hatte sie jedoch ein anderes Problem, denn die weiße Drachendame hatte schlagartig den Kopf nach hinten gedreht und fauchte sie nun bedrohlich an.

Ohne zu zögern steckte sie hastig ihr Messer zurück in die Halterung und hob beide Hände in die Höhe, um der Flugechse zu zeigen, dass sie unbewaffnet war. „Woah, ganz ruhig! Ich bin mit Dunkelschwinge gekommen, um euch beiden zu helfen! Wenn du mehr Beweise willst, kannst du ruhig überprüfen, zu wem das blaugrüne Blut an meiner linken Hand gehört." meinte sie abwehrend.

Zunächst schien der Drache Julia keinen Glauben zu schenken und verengte zornig die Augen, kostete gleichzeitig aber die Luft mit ihrer gespaltenen Zunge. Unweigerlich musste sie das Ra'zacblut an ihrem Panzerhandschuh riechen, denn der üble Gestank drang selbst der Titanin in die Nase. Und tatsächlich, nur Augenblicke später, wurde die Miene der großen Echse entspannter, wenn auch gleichzeitig angestrengter. Der Scharfschützin war klar, dass das Drachenweibchen nur eine Farce aufgefahren hatte, um sie einzuschüchtern, in Wahrheit war sie wohl eher am Ende ihrer Kräfte, denn die Pilotin konnte deutlich die Muskeln unter ihren Füßen bei jedem Flügelschlag zittern spüren.

Sie eilte vorsichtig zum Sattel, während der Drache ihren Kopf wieder nach vorne schwenkte. Der Reiter war ein Mann mittleren Alters, trug lange, schwarze Haare und einen Vollbart. Seine Kleidung war äußerst elegant gehalten, zumindest die bestickte, braune Leinenjacke und die feingenähte Lederhose, die sie von außen sehen konnte, gepaart mit einem schweren, braunen Reiseumhang. Auf seiner Stirn war deutlich ein kleines Blutrinnsal zu sehen, doch insofern sie es auf den ersten Blick erkennen konnte, handelte es sich dabei nur um eine Platzwunde und nichts wirklich ernstes, was sie leise aufseufzen ließ. Es hatte schon zu viele Tote in den letzten Tagen gegeben.

Da meldete sich plötzlich Aidan über Funk und brachte ihre Aufmerksamkeit schlagartig wieder auf 180.

„Vorsicht, Captain. Weitere Feinde nähern sich aus nordwestlicher Richtung. Entfernung: 5,4 Kilometer. Anzahl: Acht. Ich rate ihnen zu einem sofortigen Rückzug, Ma'am." bemerkte die KI zackig, woraufhin die Titanin hastig ihren Kopf in die entsprechende Richtung drehte.

Sie fluchte laut.
Aidan hatte recht.

Vier weitere der Pseudodrachen mitsamt je einem Ra'zac als Reiter näherten sich ihnen mit rasender Geschwindigkeit und ein Blick nach unten verriet ihr, dass Tymdek im Kampf mit einem der Untiere fast bis zum Boden getrudelt war. Er würde es niemals mehr rechtzeitig schaffen. Sie griff bereits nach Gungnir, als eine ihr sehr vertraute Stimme durch die Lautsprecher schallte.

„Na, hattest du deinen Spaß da oben? Auf, sag dem Weißen mal, er soll sofort landen, damit ich die Mistviecher hinter euch in Konfetti verwandeln kann!" meinte Steven brummend.

Ohne nachzufragen setzte Julia seinen Plan in die Tat um. „Du musst sofort landen, hörst du? Sonst bekommen uns diese Dinger da doch noch!" brüllte sie der schneeweißen Drachendame zu, die abermals den Kopf nach hinten wandte. Furcht leuchtete in ihren Augen auf, als sie die näherkommenden Ra'zac erblickte und sie tat, was die Pilotin von ihr verlangte. Sie ging in einen relativ steilen Sinkflug über und brachte die letzten 100 Meter zwischen sich und dem Boden hinter sich. Es war jedoch eher eine halbe Bruchladung die sie vollführte, denn ihr Körper war zu ausgelaugt, um sie noch auf den Beinen halten zu können, als das Weibchen aufsetze. Glücklicherweise war der Reiter fest im Sattel angeschnallt gewesen, wodurch er nicht wie eine Crashtest-Dummy durch die Luft flog, ähnlich wie Stearn, die sich mit aller Macht am Gurtzeug festgehalten hatte.

„Na also, geht doch und jetzt Kopf unten halten!" gluckste Coule über Funk und als Julia aufsah, bemerkte sie, dass sie praktisch direkt vor dem Juggernaut auf dem Boden aufgekommen waren. Dieser stellte sich nun breitbeinig hin, grub die Metallklauen in die Erde unter seinen Füßen und hob die beiden waffenbesetzen Arme Richtung Himmel. Einen Moment später ertönte das charakteristische Trommelfeuer zweier 30mm-Gatlings, das klang, als würde man das Dröhnen einer Kettensäge mit einem Megafon verstärken. Jede der Kanonen hatte eine Feuerrate von über 4.000 Schuss pro Minute, was im Endeffekt bedeutete, dass den Ra'zac gerade knapp 134 Schuss, panzerbrechender Wolframcarbid-Munition, pro Sekunde um die Ohren flogen.

Binnen Sekunden wurden die Angreifer regelrecht in kleine Stücke zerfetzt, sodass Steven schon nach knapp zehn Sekunden das Feuer wieder einstellen konnte. „Das war genau das, was ich jetzt gerade gebraucht habe! Diesen Bastarden endlich mal ein paar neue Arschlöcher verpassen. Fast schon schade, dass Mark vergessen hat, die Raketen nachzufüllen." jubelte Sergeant fast schon, bevor er den Juggernaut wieder in den reinen Bewegungsmodus versetze und dadurch die Waffen etwas zurückfuhren, um den "Händen" Platz zu machen.

Währenddessen hatte Kevin, der gemeinsam mit Mike, Aidan und Shenmi hinter Coule wartete, sein Erste-Hilfe-Kästchen vom Gürtel gezogen und eilte hinüber zu Julia und dem Drachenreitergespann. Der weiße Drache jaulte schmerzerfüllt und wandte besorgt den Kopf nach hinten zu seinem Reiter, den Stearn vorsichtig aus dem Sattel befreite. „Hallo, freut mich eure Bekanntschaft zu machen, verehrte Mimiath. Keine Sorge, ich werde mich um euch und euren Reiter Trestol kümmern." begrüßte Pestoun sie respektvoll, während er behutsam den Mann von Julia entgegennahm. „Sieht nach einer Platzwunde aus Kevin, hat vermutlich eine übergezogen bekommen mit einem stumpfen Gegenstand." erklärte die Scharfschützin dem Sanitäter geschwind, der verstehend nickte. „Ah, ich sehe schon, ja. Und ihr habt wohl einige Pfeile abbekommen, wehrte Mimiath. Keine Sorge, das bekommen wir schon wieder hin." entgegnete er mit seiner gewohnt ruhigen Art und überflog musternd den gewaltigen Körper der Drachendame.

Diese schnaubte zustimmend und gleichzeitig erleichtert, wobei man ihrer schweren Atmung deutlich hören konnte, dass sie am Ende ihrer Ausdauer war. Sie horchten jedoch alle auf, als Tymdek gefolgt von einem kleinen Beben direkt neben ihnen aufsetzte. Er hatte einige Kratzspuren auf seiner Brust, genauso wie die beiden Pfeile, die nachwievor zwischen seinen Schuppen steckten, doch ansonsten sah er kerngesund aus, was Julia nicht sonderlich überraschte. Der schwarze Riese beugte sich tief zu Mimiaths Kopf hinunter und stupste sie kurz freundschaftlich mit der Schnauze an, was diese mit einem Zwinkern beantwortete. Dann richtete er das Wort direkt an Julia.

*Ihr seid eine flinke und geschickte Kämpferin, Adlerauge. Habt Dank für eure Hilfe, ohne euch hätte der Ra'zac durch mein Missgeschick vielleicht doch noch den letzten tödlichen Pfeil anbringen können.* brummte er und neigte kurz respektvoll das massige Haupt. „Schon in Ordnung Tymdek. Aber ehrlich gesagt war der Sprung auf den Rücken dieses Untiers mehr Instinkt, als Können. Und ihr habt euch ja revanchiert, indem ihr ihm ein paar Augenblicke später das Rückgrat gebrochen habt, kurz bevor es mich angreifen wollte." erwiderte die Scharfschützin abwinkend und sah sich stattdessen nach Alex um, von dem jede Spur fehlte.

„Wisst ihr wo Alex ist? Er ist während dem Kampf abgesprungen und hat sich eines der Angreiferpärchen geschnappt." „Mr. Nurton befindet sich momentan ungefähr 1,25 Kilometer landeinwärts Richtung Nordwesten. Seine Biosensoren zeigen alle grünes Licht, Ma'am." antwortete Aidan analytisch, woraufhin Steven sich mit dem Juggernaut in Bewegung setzte. „Ich werde ihn suchen gehen, ihr bleibt am besten hier und helft unseren beiden Neuankömmlingen. Wenn er tut, was ich denke, das er tut, können ihn sowieso nur ich, Dad oder Robert bremsen." bemerkte der Sergeant, in einem für seine Verhältnisse, relativ ernstem Ton. Micheal nickte zustimmend. „Es wird das Beste sein. In Ordnung. Aidan, gib Alina Bescheid, dass sie mit ihrer Notfallausrüstung hierherkommen soll. Sag ihr aber auch, dass es nicht allzu ernst ist, bevor sie wieder den Verstand verliert und den halben OP-Saal mit anschleppt. Erklär ihr einfach, dass es sich nur um ein paar Pfeil- und eine Platzwunde handelt." meinte der Admiral nachdenklich, während er ein paar Schritte auf den Kopf der schneeweißen Drachendame zu machte. „Wie sie wünschen, Sir." entgegnete die KI.

Langsam ging Forke neben Mimiath in die Hocke und legte ihr sacht die rechte Hand auf die Schnauze. „Ich weiß, ihr habt euch wirklich sehr verausgabt, euch und euren Reiter in Sicherheit zu bringen, Mimiath. Ruht euch erst mal noch ein paar Minuten aus, aber dann solltet ihr uns erzählen, was geschehen ist. Schließlich wird man nicht jeden Tag von sieben Lethrblaka und sieben Ra'zac verfolgt."

[Eragon Fan-Fiction] Der Titan und die DrachenreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt