Teil 1
„Ich wette mit dir du hast bestimmt mindestens einmal das Verlangen gehabt, in ein Abenteuer zu starten ..."
Das waren die Worte welche Kathlin aus ihrem gewohnten und doch so langweiligen Leben zogen, hinein in eine Welt welche von Märchen...
Mit aller Kraft drücke ich meinen Körper gegen das Bug des fremden Schiffes. Und noch einmal. Mit einem lauten Knarzen bewegt sich der Schiffskörper und rutscht zurück in das Meer. Freudig jubeln meine Mitstreiter und wir machen uns an die Arbeit die Seile anzubinden. Als wir heute Morgen an Deck kamen, mussten wir entsetzt feststellen, dass der Sturm viele Schiffe an Land gespült hatte. Ein Wunder dass unsere Aeronaut noch immer ruhig und ohne Schaden vor sich hin schaukelt.
Kurzer Hand entschlossen wir uns, den Bewohnern zu helfen und ihre Schiffe zurück ins Meer zuschieben. Wobei Lian und Runa noch dabei halfen, kleinere Schäden zu reparieren. Unser Aufenthalt verlängerte sich somit um einen halben Tag, aber dafür konnte ich eine einmalige Bindung zu den Bewohnern aufbauen und ihre Entschlossenheit in Notsituationen miterleben. Atemlos wische ich mir den Schweiß von der Stirn. Dies war nicht das erste Schiff, welches wir retten konnten, aber so wie es aussieht eines der Letzten. Weiter hinten am Hafen wird noch ein weiteres Schiff zurück gestemmt. Doch auf der restlichen Insel scheint, bis auf einzelne Fischerboote welche noch herumlagen, die Situation unter Kontrolle und so trift sich unsere Gruppe wieder auf der Aeronaut. Winkend verabschiede ich mich von den Wesen, während Lian das Schiff Richtung Meer lenkt. Der frische Wind lässt mich wieder atmen und kühlt angenehm mein Gesicht. Bis mich die Stimme von Jake aus der Entspannung reißt. Fragend drehe ich mich zu ihm, als er mich zu sich ruft, doch er winkt mich nur zu sich. Schnellen Schrittes komme ich bei Jake an und frage ihn was los sei. Darauf antwortet er mir: " Wir wollen mit dem Training weitermachen. Wir sind genau einen Tag unterwegs und haben somit genug Zeit im Plan weiter zukommen". Nickend folge ich ihm in die Mitte des Decks. "Also, als Erstes möchte ich sehen, wie weit du bist, bevor wir weiter machen". Als Antwort auf seine Aussage, entstehen an den Seiten meines Kopfes, die mittlerweile so bekannten Fuchsohren. Außerdem werden meine Eckzähne um einiges schärfer. Forschend schaut er sich meine Teilverwandlung an, während ich sie ohne Probleme halte. Mit einem gemurmelten "Sehr gut." bringt mich Jake zum Lächeln. Schließlich spricht er weiter: " Du wirst heute mit Lian trainieren, da die menschliche Verwandlung ein guter Zwischenschritt zur vollständigen Verwandlung ist. Morgen früh probieren wir dann das Bogenschießen aus". Nervös auf das was nun passieren soll, setzte ich mich auf den Boden und beobachte, wie Lian und Jake die Positionen tauschen. Nun kommt Lian auf mich zu, während Jake unser Schiff fährt. Mit einem fröhlichen "Hey" begrüßt er mich und setzt sich zu mir. Dann beginnt er mir zu erklären: " Eigentlich, ist die große Kunst dabei, genug Vorstellungskraft zuhaben. Da du aber bereits deine Teilverwandlung in deiner Tiergestallt vollführt hast, wird das wohl kein Problem sein. Probieren wir es doch einfach mal aus". Er hält mir einen kleinen Handspiegel hin und beginnt mir den Prozess darzustellen, "Beginnen wir mit etwas leichtem, Such dir eine Haarsträhne und analysiere die Struktur". Vorsichtig nehme ich mir eine Strähne meines Haares in die Hand und beobachte sie im Spiegel vor mir. Die Aufgabe erinnert mich an die erste Verwandlung der Fuchsohren und doch ist es etwas anderes, denn meine Fokussierung ist nun vollkommen auf mich selbst gerichtet. Wie in Trance höre ich aus weiter Entfernung Lians Stimme: " Nun stell dir vor, wie sich die Strähne dreht und ihre Struktur in einer Locke stillsteht". Verblüffend einfach vollführe ich meine Vorstellung in die Realität. Wie per Magie dreht sich meine Haare ein und als ich sie loslasse, bleibt sie in genau der gleichen Stellung. " Sehr gut, somit hast du das Konzept der Struktur verstanden. Der nächste Punkt wäre die Verfärbung.", sagte Jake und reißt mich aus meiner Konzentration. Doch mit einem schnellen Blick zu meiner Strähne stelle ich fest, dass sie noch immer gelockt ist. Verwirrt schaue ich auf diese, das hat wohl auch Lian mitbekommen, denn er begann zusprechen: " Die menschliche Verwandlung ist ein wenig anders als die tierische. Da wir im menschlichen Körper geboren sind, ist auch unsere Seele fest mit diesem verbunden, das heißt wir brauchen keine dauerhafte Konzentration, um zwei Seelen mit einander zu verbinden, wie es bei der tierischen der Fall ist. Meist ist jede Veränderung die du an deinem Körper machst, sofort im Unterbewusstsein verankert". Wieder einmal nicke ich, um das Gehörte zu speichern. Frage aber dann doch noch einmal nach: " Ich habe das mit der menschlichen Verwandlung verstanden, doch was meinst du mit den zwei Seelen"? Lian erklärt es mir: " Naja so genau kann ich dir es nicht beschreiben, aber jedes Tier in welches du dich verwandeln kannst, besitzt eine eigene Seele und lebt irgendwo in deinem Bewusstsein. So musst du, wenn du dich verwandelst, deine Seele mit der des Tieres verbinden, um deren Form oder Eigenschaften zu übernehmen". Mit einem zustimmenden Murmeln nehme ich das Gesagte hin. " Na gut machen wir weiter. Die Verfärbung ist auch nur reine Vorstellungssache. Jedoch musst du beachten das, egal ob deine Haare oder deine Augen, nicht nur eine Farbe haben, sondern sich immer ein ganzes Farbenspiel in ihnen widerspiegelt. Nutze dabei am besten Vergleiche zur Natur. Lass zum Beispiel deine Augen wirken, wie das Meer nach einem Sturm oder deine Haare wie eine frischblühende Orchidee.", spricht Lian weiter und ich versuche seine Worte so gut wie möglich umzusetzen.
Als die Sonne ihre letzten Strahlen über das Deck wandern lässt, sitze ich noch immer vor Lian. Doch meine Haare sind mittlerweile so schneeweiß wie das Fell meines Polarfuchses, meine Augen strahlen in einem Giftgrün und meine Haut war so weiß wie Porzellan ohne jegliche Sommersprossen oder Schönheitsflecken. Die ganze Verwandlung hatte ich schon, um die fünfzig Mal geändert und konnte sie trotzdem mit Leichtigkeit halten. Endlich beendet Lian die Stunden und sagt noch zum Ende: "Das machst du sehr gut, die Grundlagen kannst du jetzt. Atme nun bitte einmal tief durch und schließe deine Augen. Wir werden nun wieder deine ursprüngliche Form annehmen. Du müsstest nun einen Nebel sehen, welcher die Form eines menschlichen Körpers hat. Dies ist der Körper, in welchem du geboren wurdest und welcher dein Bewusstsein über die Jahre gebildet hat. Gehe auf ihn zu und nehme ihn in dich auf." Ich folge mental Lians Worten und keine Sekunde später, gleicht mein Antlitz dem, welches ich Jahre lang im Spiegel gesehen habe. Stolz lächelt Lian mich an und ich lächele schüchtern zurück. Schließlich weit mich Lian mich noch in eine Tradition ein: "Jeder Maqur bekommt zu seiner ersten Verwandlung einen kleinen Spiegel zur Erinnerung an die Anfänge. Du bist zwar nur ein Teil Maqur, aber das schließt dich nicht von der Tradition aus". Und so reicht Lian mir eine feingliedrige Kette mit einem kleinen Spiegel als Anhänger, dieser wird noch mit einem Kranz aus Gold umrahmt, welches das Ganze noch eleganter wirken lässt. Mit einem geflüsterten "Danke" nehme ich die Kette entgegen und schließe sie um meinen Hals. Noch einmal schaute ich zu Lian hoch und schließe ihn in meine Arme. Ich hatte wundervolle Freunde auf meiner Reise gewonnen.
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Hier ein Bild zu der Spiegelkette
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