Herzchenaugen

2.6K 260 35
                                        

„Du bist ein verdammter Verräter!", schrie sie mit Tränen in den Augen, während ihre zierlichen Hände auf meine Brust eintrommelten. Augenblicklich wurde ich von Schuldgefühlen heimgesucht, sodass ich nicht anders konnte, als ihren Ausbruch einfach über mich ergehen zu lassen. Mit geschlossenen Augen stand ich da und wartete Hieb für Hieb ab. Dabei waren es nicht Phoebes Schläge, die schmerzten. Viel mehr war es das Bewusstsein, dass ich sie verdient hatte. Ich hatte ihre Schwester umgebracht und sie anschließend im Stich gelassen.

Ich spürte, wie Phoebes Hände immer weniger auf meinen Körper trafen und stattdessen durch lautes Schluchzen ersetzt wurde. Eine Schockwelle brauste durch meinen Körper, woraufhin ich meine Schwester entsetzt ansah. Tränen quollen unaufhörlich auf ihren Augen, während sie sich immer wieder mit dem Handgelenk über ihre Wangen strich, um diese zu entfernen. Zwecklos.

„Phoebe", flüsterte ich leise, dann bemerkte ich den verzweifelten Ausdruck in ihren Augen. Schmerzerfüllt presste ich meine Lippen zusammen und fühlte, wie auch mir Tränen über die Wangen rannen. „Es tut mir leid", sagte ich reuevoll. Ich konnte hören, wie Phoebe mühsam einatmete und die Luft dann mit lautem Schluchzen wieder ausstieß. „Warum, Louis? Warum", stotterte sie, bevor sie nach vorne taumelte und sich in meine Arme warf. Überrascht schlang ich meine Arme um meine kleine Schwester und zog sie fest an mich.

„Es tut mir so leid, Phoebe", flüsterte ich nahe an ihrem Ohr. Als ich meinen Kopf anhob, sah ich wie Daisy uns aufmerksam musterte. Doch anders als ihre Zwillingsschwester schien sie nicht wütend zu sein. Pure Trauer stand ihr ins Gesicht geschrieben, während sie sich erschöpft an unserem Stiefvater festhielt. „Es tut mir leid, Daisy", entschuldigte ich mich auch bei ihr. Als Antwort erhielt ich nur ein trauriges Lächeln gepaart mit vorsichtigem Kopfnicken.

Kaum hatte ich meinen Blick von meiner Schwester gelöst, wallte eine Hitze durch meinen Körper, die von Harrys Arm ausging, den er um meinen Rücken legte. Seine Hand fand gleichzeitig ihren Weg zu meiner Hüfte, wo er zärtlich mit seinem Daumen auf und ab streichelte und mich näher zu sich zog. Er gab mir Halt, während Dan Phoebe in seine Arme zog und die beiden Mädchen an den Esstisch führte. Harry und ich folgten den Dreien und setzten uns gegenüber. Sogleich wanderte seine Hand auf meinen Oberschenkel, wo er leicht zudrückte und mir auf diese Weise vermittelte, dass er für mich da war. 

„Wieso hast du dich nie gemeldet? Wir haben dich gebraucht, Louis", warf Phoebe mir vor, dann griff sie nach der Taschentuchbox, die Dan vor ihr abgestellt hatte. Dieser sah mich aufmunternd an, sodass ich kurz meine Augen schloss und tief durchatmete, bevor ich erneut zu einer Entschuldigung ausholte. Beinahe ängstlich griff ich nach Harrys Hand in meinem Schoss, die ich fest umklammerte. „Phoebe", mahnte Dan, noch bevor ich überhaupt versuchen konnte, die richtigen Worte zu finden. „Auch für Louis war Fizzys Tod nicht einfach zu verkraften. Für ihn war es wahrscheinlich noch schwerer als für euch", erklärte unser Stiefvater. 

Ich ließ meinen Blick zu Daisy schweifen, die mich fast schon mitleidig ansah. Mit gekräuselter Stirn knabberte ich an meiner Unterlippe, dann krallte ich mich mit beiden Händen an Harry fest. Als stumme Antwort darauf rutschte er näher und zog mich in seine Arme. Lange Zeit war der Raum nur erfüllt von verzweifeltem Schluchzen. „Ich konnte euch nicht besuchen kommen", flüsterte ich mit zusammengepressten Augenlidern. „Ich dachte, ihr würdet mich hassen, weil Fizzy wegen mir gestorben ist", gab ich schließlich zu und vergrub mein Gesicht an Harrys nackter Brust. Er legte sogleich beide Arme um mich und zog mich fest an seinen Körper.

„Aber ihr Tod war doch gar nicht deine Schuld", flüsterte Daisy in die aufkommende Stille hinein. Harry streichelte mit einer Hand fürsorglich über meinen Rücken. „Siehst du, sogar deine Schwestern wissen es", raunte er mir leise ins Ohr. Seine und Phoebes Worte machten mir schwer zu schaffen. So sehr, dass ich förmlich um Atem ringen musste. Harry schien dies zu bemerken, denn er legte besorgt eine Hand auf meine Brust, bis meine Atmung sich wieder beruhigt hatte.

Als ich meinen Blick daraufhin wieder anhob, bemerkte ich, dass auch aus Phoebes Gesicht die Wut gewichen war. „Du hast uns im Stich gelassen, Louis", wiederholte sie ihre Worte von vorhin, worauf ich nur schuldbewusst nicken konnte. Ihr verletzter Tonfall sagte mehr aus, als die Worte, die ihr über die Lippen kamen.

„Gestern hat Eleanor ihre Schwangerschaft in den sozialen Netzwerken verkündet. Sie hat geschrieben, wie sehr ihr beide euch auf euer Kind freut. Weißt du, wie überrascht wir waren? Es tut weh, so etwas auf diese Weise zu erfahren. Kein Besuch, kein Anruf, nicht einmal eine SMS hast du uns geschickt." Ich blickte von Phoebe zu Dan, der zuckte aber nur mit den Schultern. Er wusste wohl auch noch nichts von Eleanors Verkündung. „Und heute stehst du nach Monaten wieder auf der Matte und küsst vor unseren Augen einen fremden Mann", beendete Daisy Phoebes Rede. 

„Es tut mir leid, dass ich euch das alles nicht schon früher erklärt habe. Aber in letzter Zeit ging es bei mir wirklich drunter und drüber", begann ich. „Hast du deshalb auch nicht mehr gespielt?", fragte Dan dazwischen. „Ich habe jedes Spiel von Chelsea angesehen, aber du warst nicht mehr dabei. Es wurde nur gesagt, dass es Differenzen in der Mannschaft gäbe, weswegen du vorübergehend beurlaubt wärst." Ein bitteres Seufzen entwich mir, bevor ich zu einer Antwort ansetzen konnte. „Die haben mich rausgeschmissen, weil sie dachten, Liam wäre mein Geliebter. Und Fußballer dürfen ja nicht schwul sein."

Ich sah meinen Schwestern an, wie sehr diese Nachricht sie schockierte. „Deshalb wäre es nett, wenn die Beziehung von eurem Bruder und mir vorerst geheim bleiben könnte. Ich will nicht, dass er wegen mir seinen Traum aufgeben muss", erklärte Harry, woraufhin meine Schwestern ihn schon beinahe mit Herzchenaugen bedachten. Selbst Dan, der immer einen kühlen Kopf bewahrte, sah jetzt bewundernd meinen Freund an. „Verbotene Liebe... das ist heiß", seufzte Phoebe, woraufhin ich überrascht auflachte.

Es hatte wirklich seinen Reiz, doch mir war auch bewusst, dass noch viele Hürden auf uns zukommen würden. Dennoch wusste ich, dass dieser Mann es wert war, all das auf sich zu nehmen. 

-----------------------------

[1022 Wörter, 07.08.2020]

Die Tomlinson-Deakin-Familie scheint allmählich ihre Differenzen zu überwinden. Fehlt ja nur noch eine...

Danke für eure lieben Rückmeldungen im letzten Kapitel<3 Es hat mir echt viel bedeutet. Irgendwie war ich mit dieser Geschichte in einer Krise, hatte keinen Plan mehr wie es weitergehen soll. Es tat echt gut zu lesen, dass ihr die Story noch gerne mit verfolgt:)


Only The Brave || Larry AUWo Geschichten leben. Entdecke jetzt