„Hallo Louis", sagte Harrys Mutter leise, als ich ihr die Tür öffnete. Sie sah ziemlich zerknirscht aus und klammerte sich mit beiden Händen an den Henkeln einer riesigen, weißen Papiertüte fest. Verwundert musterte ich die Tüte, die groß genug war um ein ganzes Netz an Fußbällen zu beherbergen.
„Hallo Anne", erwiderte ich und verzog meine Lippen zu einem aufgesetzten Lächeln, während ich meine Augenbrauen erwartungsvoll in die Höhe zog. „Kann ich reinkommen?", fragte Anne zaghaft, während sich ihre Hände nervös zu Fäusten verkrampften.
Ich seufzte lautstark, dann trat ich zur Seite und ließ die Frau eintreten. Anne zog ihre Schuhe aus und stellte sie ordentlich neben unserem vollgestopften Schuhregal ab. Anschließend griff sie wieder nach der Papiertüte und lief mir voran in den Wohnbereich, wo sie sich, wie schon am Tag zuvor, im Sessel niederließ.
Widerwillig folgte ich ihr und setzte mich in die Mitte des Sofas, wo ich zwar noch genügend Abstand zu ihr hatte, aber nah genug für eine ernsthafte Unterhaltung saß. „Louis, ich bin hier, weil ich mich entschuldigen möchte", erklärte Anne und durchbrach somit die unangenehme Stille, die kurz zuvor noch geherrscht hatte. Ich nahm einen tiefen Atemzug, während ich mir verkneifen musste, allzu deutlich mit den Augen zu rollen.
„Warum?", wollte ich wissen. Meine Stimme war kalt wie Eis, was zur Folge hatte, dass Anne einen Moment verharrte und mich mit großen Augen anstarrte. „Mein Verhalten war wirklich unangebracht. Ich meine, unser erstes Treffen war wirklich eine mittlere Katastrophe. Aber alleine die Tatsache, dass mein Sohn dich so sehr achtet und liebt, hätte für mich Grund genug sein sollen, dir eine Chance zu geben. Ich kenne dich nicht, Louis, und ich bilde mir auch nicht ein, dich zu kennen."
Anne verstummte und sah mir kurzzeitig so intensiv in die Augen, dass ich das Gefühl bekam, sie könnte meine Gedanken lesen. „Als du gestern weg warst, hat Harry mir gehörig den Kopf gewaschen. Er hat mir all die Gründe verraten, warum er dich liebt. Und ich muss sagen, dass mein erster Eindruck von dir wohl falsch war", gab sie zu.
Ich rümpfte meine Nase und lehnte mich verdrossen zurück. „Ach ja? Mir fällt nicht mal ein Grund ein, warum er mich überhaupt mag", plapperte ich leise vor mich hin. Ich vergrub meine Hände in meinen Hosentaschen und sah dabei zu, wie Anne bestimmt ihren Kopf schüttelte. „Harry hat mir einiges über dich erzählt, Louis. Und ich denke, wir beide müssen uns erst richtig kennenlernen, um miteinander warm zu werden. Schließlich habe ich den Eindruck, dass wir uns von jetzt an häufiger sehen werden", erklärte Harrys Mutter.
Ich zuckte mit den Schultern und versuchte mich an einem Lächeln, was aber kläglich scheiterte. „Louis, das mit deiner Mutter tut mir unheimlich leid", wechselte Anne nun das Thema und sah mich dabei abwartend an. „Ich habe ja auch gestern schon erwähnt, dass du bei Fragen zu mir kommen kannst. Ich weiß noch, als ich damals mit Gemma schwanger war, habe ich mich gefühlt, als würde ich von einem Tsunami überrollt werden. Ich hatte furchtbare Angst, alles falsch zu machen."
Bevor sie weiter redete, zog sie die weiße Papiertüte, die sie mitgebracht hatte, vor ihre Füße und griff sogleich hinein. Nur Sekunden später förderte sie einen kleinen Teddybären zu Tage. Er war kaum größer als meine Hand, trug aber ein weißes Trikot und hatte einen Fußball auf dem Schoss. „Ich war heute Morgen einkaufen und habe den entdeckt. Ich musste ihn einfach kaufen", erklärte sie uns sah mich lächelnd an.
Skeptisch streckte ich meine Hand aus und nahm den Teddybär entgegen. Mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte ich den Bären und drehte ihn nachdenklich um. Überrascht stellte ich fest, dass 'Louis' auf der Rückseite des Trikots geschrieben stand. „Ein Louisbär. Und einen Harrybären habe ich auch gefunden", sagte sie und reichte mir einen zweiten Bären.
„Danke", sagte ich tonlos und sah die beiden Bären an. Ich war mehr als verwirrt von Annes Verhalten. „Wofür ist das?", wollte ich mit leiser und beherrschter Stimme wissen. „Ist das eine Entschädigung, weil du mir gleich meine Eier abschneiden wirst, da ich deinen Sohn irgendwann betrügen könnte?", fragte ich argwöhnisch. Ich sah wie Anne schluckte und anschließend schuldbewusst ihre Hände in ihrem Schoss knetete. „Louis, wir hatten nicht den besten Start. Und auch wenn ich es nicht gutheiße, dass du deine Verlobte betrogen hast, möchte ich nicht zwischen dir und Harry stehen", machte sie mir klar.
Ich ließ meinen Blick erneut zu den Teddybären in meinen Händen schweifen, die Harrys und meinen Namen trugen. „Ich hoffe, du kannst auch verstehen, dass ich mir einfach nur Sorgen um meinen Sohn mache. Seine ganze Jugend über habe ich mit ihm mitgelitten und immer irgendwie versucht, ihn zu beschützen. Aber ich konnte nicht. Weißt du wie schlimm es für eine Mutter ist, dabei zuzusehen, wie der eigene Sohn leidet, aber nichts dagegen unternehmen zu können? Ich bin mit Harry durch die Hölle gegangen. Und als er dann die Schule beendet hatte, war er einfach weg. Seitdem sehe ich ihn nur noch zwei Mal im Monat. Wenn überhaupt. Letztendlich komme ich hier an, nachdem er sich tagelang nicht mehr bei mir gemeldet hat, nur um festzustellen, dass er mit einem Mann zusammen ist, der seine Verlobte betrogen hat. Verstehst du, wie das für mich ist?", fragte sie mit verzweifeltem Unterton in der Stimme und sah mich dabei eindringlich an.
Als ihre Worte verstummten, hüllten wir uns beide in einen Mantel des Schweigens, in welchem jeder seinen eigenen Gedanken nachging. „Ich könnte Harry niemals betrügen", flüsterte ich leise und hielt meinen Blick dabei starr auf meine Teddybären gerichtet. „Ich liebe ihn mehr als mein Leben und ich bin mir sicher, dass ich nie wieder für einen Menschen empfinden werde wie ich für Harry empfinde. Im Nachhinein waren meine Gefühle für Eleanor auch nur freundschaftlich. Wir waren ein gutes Team, gute Freunde. Und auf eine gewisse Art habe ich sie auch geliebt. Nur eben lange nicht so sehr wie ich Harry liebe."
Anne seufzte lautstark errang dadurch wieder meine Aufmerksamkeit. „Louis, ich bin nicht hier, um mich erneut einzumischen oder dir gar wehzutun. Ich bin hier, weil ich versuchen möchte, meinen Sohn zu unterstützen. Und deshalb will ich auch für dich da sein", erzählte sie mir und stellte nun alle Gegenstände aus der Tüte auf dem Couchtisch ab. „Ich habe heute Morgen ein paar Dinge eingekauft, die du vielleicht für den Start mit deinem Kind benötigen könntest. Wann ist denn der Stichtag?", wollte sie wissen, während ich meinen Blick schockiert über die Packung Windeln und die Fläschchen wandern ließ.
„Der zweiundzwanzigste Februar", hauchte ich überfordert. All die Dinge, die Anne mitgebracht hatte, ließen mich geradezu in Schockstarre verfallen. Schließlich hatte ich noch nie auch nur einen Gedanken an solche Sachen verschwendet. „Genau drei Wochen nach Harrys Geburtstag? Das ist schön", sagte Anne nun mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht. Dann griff sie nach einer Babypuppe, die bisher unbeachtet auf dem Couchtisch gelegen hatte.
„Ich will dich etwas auf das Vatersein vorbereiten, Louis. Damit du gewappnet bist, wenn dein Kind dann mal da ist. Kennst du dich denn etwas mit Kindern aus?", erkundigte sie sich und streckte mir nun die Puppe entgegen. Schnell legte ich die beiden Teddybären neben mir auf das Sofa und griff dann mit beiden Händen nach der Puppe, als wäre sie ein echtes Baby. „Ich habe sechs jüngere Geschwister", ließ ich sie wissen, jedoch war das kein Vergleich zu einem eigenen Kind.
„Dann bist du ein Familienmensch?", fragte Anne neugierig. Ich verstand, dass sie durch diese Frage nicht nur die unangenehme Stille durchbrechen wollte, sondern es gleichzeitig auch ein ernsthafter Versuch war, mich wirklich kennenzulernen. Und obwohl sie wirklich jedes Recht dazu hatte, schlecht von mir zu denken, war ich wirklich froh, dass sie mir nun eine ehrliche Chance geben wollte.
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[1293 Wörter, 12.10.2020]
Anne schien in den vergangenen Kapiteln ja nicht sonderlich beliebt zu sein. Vielleicht war sie ja, genau wie Louis, mit der gesamten Situation einfach überfordert? Was haltet ihr jetzt von ihr?
Normalerweise schreibe ich ein Kapitel in einem Aufwasch runter und korrigiere nur noch Kleinigkeiten, aber dieses hier habe ich gefühlte tausendmal umgestellt und Teile ergänzt/ gestrichen. Hoffe, ihr mögt das Ergebnis. Übrigens ist das meine Theorie für 'Loubear', ich kenne den Hintergrund zu dem Spitznamen aber nicht. Dürft mich gerne aufklären, wenn ihr mehr wisst, als ich:)
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Only The Brave || Larry AU
FanfictionLouis ist Profi-Fußballer, dessen Leben zur Zeit nicht besser laufen könnte. Wäre da nicht eine Begegnung, die ihn nicht loslassen wollte. [ziemlich lange Larry Au] ACHTUNG TRIGGERWARNUNG: Diese Geschichte thematisiert Suizid und Missbrauch. Diese K...
