Kleiderschrank

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Ich verbrachte noch drei weitere Stunden im Krankenzimmer des Sportzentrums. Unser Mannschaftsarzt sah sogar wachend dabei zu, wie ich das Gericht zu mir nahm, das meine Kollegen schon zum Mittagessen bekommen hatten. Ich musste jeden einzelnen Bissen hinunterwürgen, ich konnte gar keinen Geschmack wahrnehmen. Zum Glück war der ältere Mann schon nach einem halb aufgegessenen Teller zufrieden mit mir und brachte mich zurück auf mein Zimmer. Dabei erläuterte er mir eindringlich, wie wichtig es war, ausreichend zu essen und zu trinken. Zayn, der dabei gelauscht hatte, musste daraufhin versprechen, dass er mich zum Abendessen begleitete und darauf Acht geben würde, dass ich etwas aß.

Über die ganze Situation war ich mehr als nur unglücklich. Ich verfluchte Simon und ich verfluchte mich dafür, dass ich ihm so viel Macht über mich gegeben hatte. Hätte ich mehr Mut gehabt, hätten mir seine Andeutungen nichts ausgemacht und ich hätte meine Kollegen ganz normal zu jeder Mahlzeit begleitet. Doch ich war nicht mutig und ich hatte zugelassen, dass die Auswirkungen von seiner Macht zu meinem Zusammenbruch geführt hatten.

„Kumpel, fühlst du dich bereit dazu, zum Abendessen zu gehen?", erkundigte sich Zayn etwa eine Stunde nachdem der Arzt verschwunden war. Wir hatten uns seitdem kaum bewegt. Er lag in seinem und ich in meinem Bett und hin und wieder hatten wir ein paar Worte gewechselt. Überwiegend war ich aber viel zu erschöpft dazu. „Ich... Kannst du nicht einen Teller rausschmuggeln und mitbringen? Ich kann heute noch nicht gehen", antwortete ich mit rauer Stimme, wobei ich mir nicht einmal die Mühe machte, meine Augen zu öffnen.

„Unser Arzt wird mir dafür den Kopf abreißen", hörte ich Zayn nachdenklich sagen. Dann vernahm ich, wie er aus dem Bett sprang und im Zimmer hin und her lief. Müde öffnete ich wieder meine Augen und sah seinem geschäftigen Treiben zu. „Ich nehme mein Telefon mit. Wenn etwas ist, ruf mich an. Ich habe übrigens zu Mason gesagt, dass er Simon beim Essen nicht aus den Augen lassen darf und dass er dafür sorgen soll, dass er lange in der Kantine bleibt", redete mein Kollege, nachdem er mit einem schwarzen Hoodie in der Hand stehen geblieben war. „Okay", erwiderte ich stimmlos, denn ich hatte ohnehin keine Wahl. Entweder ich würde ihn begleiten und sicher sein oder ich blieb hier alleine. Ihn vom Essen abhalten konnte ich leider nicht.

„Kann ich dich wirklich alleine lassen?", fragte mein Kollege erneut, woraufhin ich nur genervt mit den Augen rollen konnte. „Natürlich, jetzt geh endlich", brummte ich. Zayn sah zwar einen Moment unschlüssig aus, dann bemerkte ich aber ein freches Grinsen auf seinen Lippen, kurz bevor er sich umdrehte und zur Tür hinaus verschwand. Es erinnerte mich beinahe an das Grinsen, das Gareth auf den Lippen trug, als ich ihm vorhin von meinem Mann erzählt hatte. Obwohl ich mich gedanklich noch mit den Blicken dieser beiden Männer beschäftigte, schlug meine Stimmung schlagartig um, als Zayn hinter sich die Tür schloss. Die Atmosphäre im Raum änderte sich vom einen auf den anderen Moment und mir wurde bewusst, dass ich nun alleine war. Allein in einem Raum, in den Simon jederzeit herein platzen konnte.

Ich versuchte, stark und ruhig  zu bleiben, weshalb ich mir mein Smartphone schnappte, mich im Bett aufsetzte und mir Fotos von Freddie ansah. Diese schafften es fast immer, mich von der Situation abzulenken. Doch nun saß ich hier, mit vor Schwäche zittenden Händen und kaum mehr in der Lage, wirklich ein Bild anzusehen. Immer wieder fielen meine Augenlider zu, wodurch mein Körper mir deutlich machte, wie sehr er sich nach Schlaf verzehrte.

Da ich ununterbrochen lauschte, ob sich vielleicht Schritte im Flur näherten, wurde ich von Minute zu Minute unruhiger. Als ich meine eigenen Gedanken schließlich nicht mehr aushielt, schnappte ich mein Smartphone und verschanzte mich in dem kleinen Raum der Toilette. Mit größter Erleichterung schloss ich die Tür ab und setzte mich auf den geschlossenen Toilettendeckel. Ich versuchte mich bewusst zu entspannen und schloss dazu meine Augen, während ich tief durchatmete. Ganz fiel die Anspannung nicht von mir ab, doch ich merkte, dass ich schon etwas freier atmen konnte.

Only The Brave || Larry AUGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt