Dunkelheit

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Spät am Abend saß ich mit meinem Smartphone in der Hand in unserem Haus im dunklen Wohnzimmer. Eleanor hatte eingewilligt, dass ich Harry noch anrufen und ihm alles erklären durfte. Doch das stellte sich als eine schwierigere Aufgabe heraus, als ich erwartet hatte. Immer wieder entsperrte ich mein Telefon und klickte auf Harrys Kontaktdetails, doch jedes Mal verließ mich der Mut und ich legte das Telefon verzweifelt zurück auf den Tisch.

Der Mondschein, der durch die große Fensterfront hereindrang, war das einzige, das die vorherrschende Dunkelheit durchbrach. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Traum der perfekten Familie nicht mehr so sehr wollte, wie ich es eigentlich sollte. Wie ich es gewollt hatte, bevor ich Harry kennengelernt hatte. Aber vielleicht, wenn ich disziplinierter wäre und mich mehr bemühen würde, dann könnte es klappen. Dann könnte alles wieder gut werden.

Entschlossen nahm ich wieder mein Telefon in die Hand und öffnete erneut mein Kontaktverzeichnis. Ich atmete tief durch, dann drückte ich auf Harrys Namen. Bevor ich allerdings die Taste berühren konnte, die einen Anruf gestartet hätte, klingelte es an der Tür. Mit einem genervten Stöhnen warf ich mein Handy wieder zur Seite und erhob mich ächzend vom Sofa.

Als ich durch die Kamera der Türsprechanlage sah wer draußen stand, überkam mich eine Nervosität, die augenblicklich ein Gefühl der Übelkeit in mir aufkeimen ließ. „Harry", flüsterte ich, als ich auf die Sprechtaste drückte. Mir fehlten einfach die Worte, viel zu aufgewühlt war ich im Augenblick. Zu wissen, dass er nur wenige Meter von mir entfernt war, ließ mein Herz schneller rasen, als ein Kolibri seine Flügel schlagen konnte. Gleichzeitig spürte ich aber die Furcht vor dem Gespräch, dass ich nun mit ihm führen musste. Das ich eigentlich am Telefon mit ihm hätte führen sollen.

„Louis", hörte ich Harrys erleichterte Stimme aus dem Lautsprecher. „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht", sagte er leise. Ich schloss meine Augen, während ich versuchte, die Gefühle einzuordnen, die seine Worte in mir auslösten. Es waren dieselben Gefühle, die ich gestern gefühlt hatte, als er mich in seinen Armen gehalten hatte. Ich fühlte mich geborgen. Überrascht stellte ich fest, dass Harry mir nicht einmal körperlich nahe sein musste, um mir dieses Gefühl zu geben. Seine Worte reichten vollkommen aus.

„Ich habe zu Hause auf dich gewartet. Ich dachte, du würdest direkt nach der Arbeit kommen", erklärte Harry in einem sanften Tonfall, nach einer kurzen Zeit der Stille. „Ich war nicht arbeiten", antwortete ich ihm. Meine Gedanken kreisten wirr durch meinen Kopf und erlaubten mir nicht einen Moment, mich auf meine Pläne zu fokussieren. Alles schien ein einziges Durcheinander zu sein. Wie Planeten, die in den unendlichen Weiten des Weltalls umherschwirrten und von unsichtbaren Kräften gesteuert wurden.

„Warum warst du nicht arbeiten?", erkundigte Harry sich leise. War mein Inneres bisher schon das reinste Chaos, so glaubte ich, dass all die Emotionen und Gedanken, die in mir schwirrten, mich bald zerreißen würden. Mein Herz fühlte sich so schwer an wie eine Kanonenkugel, die orientierungslos durch die Luft flog und mich mitzog. Bald würde sie einschlagen und alles um sich herum zerstören.

„Louis?", hörte ich Harry durch die Sprecheinrichtung fragen. Die Besorgnis in seiner Stimme zu hören, war zu viel für mich. Erschöpft ließ ich mich auf den Boden sinken. Ich lehnte mich gegen die Wand und tastete mich mit einer Hand nach oben, bis ich den richtigen Knopf fand. Ein Surren tönte durch die Stille. Dann hörte ich, wie die Haustür sich öffnete. Dennoch blickte ich nicht auf. Ich wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte. Stattdessen hielt ich meinen Blick gesenkt und zog meine Beine eng an meinen Körper.

„Louis", erklang erneut Harrys Stimme, als die Tür wieder ins Schloss fiel. Ich kniff meine Augen zusammen und versuchte den Schmerz zu verarbeiten. Den Schmerz darüber, Harry nach diesem Abend vielleicht nie wieder zu sehen. Ich spürte seine warmen, großen Hände an meinen Schultern, dennoch schaffte ich es nicht, ihm in die Augen zu sehen. „Louis, was ist los? Heute Morgen war doch noch alles gut?", fragte er. Seine Stimme verriet nichts als Sorge. Sorge um mich. 

Seine Hände wanderten von meinen Schultern zu meinen Wangen, wo er meinen Kopf festhielt und mich sanft dazu brachte, endlich seinen Blick zu erwidern. „Ich kann das nicht, Harry", flüsterte ich schmerzerfüllt, während ich in seine grünen Augen blickte, die ebendiese Emotion widerspiegelten. Beschämt wandte ich meinen Blick wieder ab und bemerkte, dass neben ihm ein Strauß Sonnenblumen lag. Harry hatte mir Blumen mitgebracht. Seine Lieblingsblumen. „Louis, bitte, ich sehe doch, wie aufgewühlt du bist. Lass uns darüber reden, wir finden eine Lösung", flehte Harry.

Ich wollte den Kopf schütteln, wollte widersprechen. Doch ich konnte nicht. Ich schloss einfach nur meine Augen. „Bitte, Lou. Lass mich für dich da sein", hörte ich Harry flüstern. Dann spürte ich seine Lippen an meiner Stirn. Vorsichtig legte ich meine Hände auf die seinen. Ich krallte mich regelrecht an ihnen fest, während ich um Fassung rang. Langsam löste Harry seine Lippen von mir, dann spürte ich, wie er seine Arme um mich legte und mich hochhob. Einfach so. Als hätte er Superkräfte, die ihn vergessen ließen, dass ich ein erwachsener Mann war. Vielleicht war Harry ja wirklich ein Superheld. Mein Superheld. 

Als ich schließlich etwas weiches unter mir fühlte, öffnete ich wieder meine Augen. Harry hatte mich im Wohnzimmer auf dem Sofa abgelegt. Regungslos sah ich dabei zu, wie er seine Schuhe von den Füßen streifte und sich neben mich auf die Couch legte. Fürsorglich zog er mich in seine Arme. Ich wusste, ich sollte ihn von mir stoßen und ihn wegschicken, wenn ich eine wirkliche Chance bei Eleanor haben wollte. Es war wie ein Kampf in meinem Inneren. Ich wollte ihm nahe sein. So sehr wollte ich das. Gleichzeitig wollte seine Nähe aber nicht so sehr genießen. Ich wollte endlich wieder der Mann sein, den Eleanor verdient hatte. Der, der ich noch vor gar nicht allzu langer Zeit war.

Und doch legte ich meinen Kopf auf seine Brust und hielt mich an ihm fest. Wie ein Ertrinkender an seinem rettenden Anker.

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[1001 Wörter, 12.07.2020]

Louis schafft es nicht, Harry wegzuschicken. Und Harry ist einfach nur für ihn da, obwohl er nicht einmal weiß, warum Louis so niedergeschlagen ist...


Ich weiß noch nicht wie regelmäßig diese Woche Updates kommen werden, da ich endlich an den Bonuskapiteln zu Betthupferl weiterschreiben möchte:)

Only The Brave || Larry AUGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt