Als sie das sagte, spürte ich, wie meine Mundwinkel nach oben zuckten. Harry würde sie mit seiner liebenswerten Art sicher um den kleinen Finger wickeln, da hatte ich keine Zweifel. „Jetzt?", fragte ich und versuchte dabei ihre Mimik zu deuten. Denn meine Schwester schien noch immer ziemlich aufgewühlt zu sein. Zögernd nickte sie, während ihre Augen deutlich widerspiegelten, wie orientierungslos sie gerade war. „Gut", murmelte ich und trat einen Schritt zurück, um ihr etwas Freiraum zu geben.
Ich konnte hören, wie Lottie tief durchatmete, bevor sie ihre Kapuze tiefer ins Gesicht zog und einfach an mir vorbei marschierte. Schnell ging ich ihr hinterher, während sie zielsicher den Ausgang des Friedhofes ansteuerte. Mir fiel auf, dass außer uns kaum jemand auf dem Friedhof war. Einzig eine ältere Dame kam uns auf dem Weg nach draußen entgegen. Doch diese schien sich nicht sonderlich für uns zu interessieren. Nur Lotties Erscheinung ließ eine Augenbraue neugierig in die Höhe wandern.
„Lottie", rief ich, als sie ihren Ferrari-Schlüssel aus ihrer Jackentasche zog. „Dan soll nachher dein Auto holen, du kannst so unmöglich fahren. Komm, fahr bei mir mit", trug ich ihr auf, denn ich hatte die Bilder von der Hinfahrt noch deutlich vor Augen. Es wäre zu riskant, Lottie erneut so aufgewühlt hinter das Steuer ihres Wagens setzen zu lassen. So war die Gefahr viel zu groß, sie könnte Bekanntschaft mit dem nächsten Baum machen.
Meine Schwester rieb sich einmal erschöpft mit einer Hand über die Augen. Doch anstatt einen bissigen Kommentar abzugeben packte sie den Schlüssel wieder weg und blieb unschlüssig vor meiner Beifahrertür stehen. „Ich will doch nur, dass du heil zu Hause ankommst", erklärte ich, woraufhin sie einmal höhnisch schnaubte, sich aber gleich darauf auf dem Beifahrersitz meines Wagens niederließ. Zufrieden schwang ich mich hinter das Lenkrad und brauste davon. Jedoch gab ich mir Mühe, besonders umsichtig zu fahren und alle Verkehrsregeln zu befolgen. Lottie sollte merken, dass ich mich um ihre Sicherheit sorgte.
Die ganze Fahrt über herrschte angespanntes Schweigen zwischen uns. Ich konnte nur hin und wieder deutlich Lotties stechenden Blick auf mir spülen. Doch auch mir fehlten die Worte, um eine Konversation zu beginnen, so beließ ich es bei vorsichtigen Blicken aus dem Augenwinkel. Kaum hatte ich das Auto dann im Hof abgestellt, sprang Lottie aus dem Wagen und eilte in wenigen Sätzen bis zur Haustür, wo sie direkt auf die Klingel drückte. Ich seufzte, dann stieg ich ebenfalls aus und folgte ihr langsam.
„Lottie", rief Dan erfreut, als er uns die Tür öffnete. „Es tut mir leid, dass ich euch so ausgeliefert habe. Aber ich dachte, Weihnachten wäre eine gute Gelegenheit, um aufeinander zuzugehen", erklärte er. Obwohl ich nur Lotties Kehrseite sah, hatte ich deutlich das Bild vor Augen, wie sie dramatisch mit den Augen rollte. „Schon gut, Dan", presste sie hervor, was klar werden ließ, was sie eigentlich dachte. Unser Stiefvater versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln, dann ließ er uns eintreten und ging uns voran in Richtung Wohnzimmer, wo Lottie wie angewurzelt im Türrahmen stehen blieb. Ich spürte währenddessen, wie sich ein liebevolles Lächeln auf meine Lippen schlich.
Mein Freund saß auf dem Fußboden direkt neben Doris, beide mit einer Plastikkrone auf dem Kopf und einer Miniaturteetasse in der Hand. „Harry", machte ich schmunzelnd auf uns aufmerksam. Der Blick meines Freundes schnellte zu uns, bevor er überrascht aufsprang, die Krone neben Doris ablegte und zu uns herüber eilte. „Hallo Charlotte, ich bin Harry, der Freund deines Bruders", stellte er sich mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen vor. Augenblicklich schien die ganze Last der letzten Stunde von mir abzufallen. Ich stellte mich neben Harry und nahm zufrieden zur Kenntnis, wie er einen Arm um meinen Rücken legte, während er die andere Hand meiner Schwester entgegenstreckte.
„Lottie", entgegnete meine Schwester, machte aber keine Anstalten nach der Hand zu greifen, sodass Harry diese enttäuscht wieder fallen ließ. „Freut mich, Lottie", sagte er dennoch in freundlichem Tonfall. „Konntet ihr euch endlich aussprechen?", erkundigte er sich hoffnungsvoll und ließ dabei seinen Daumen an meiner Seite unter mein Oberteil wandern, wo er sanft auf und ab streichelte. Ich schloss für einen Moment meine Augen, um mich vollends auf seine Berührung zu konzentrieren. Dann sah ich wieder zu meiner Schwester, die nach einer Antwort suchend meinen Freund kritisch beäugte.
Schließlich presste sie ihre Lippen zusammen und zuckte mit den Schultern. Ich konnte hören, wie Harry daraufhin seufzte, mich aber gleichzeitig näher zu sich zog, als würde ich mehr Halt benötigen. „Ich hoffe, ihr konntet auch über den Tod eurer Schwester reden und warum Louis nicht bei der Beerdigung war", sagte Harry und spielte dabei auf die Aussagen meiner jüngeren Schwestern an, die mich nach Fizzys Tod einfach nur vermisst hatten. „Lottie, ich hoffe wirklich, dass du deinem Bruder verzeihen kannst. Louis braucht seine Familie. Die letzten Monate haben ja gezeigt, wie sehr", redete Harry langsam weiter.
Doch Lotties neutrale und abwehrende Haltung wandelte sich binnen Sekunden in offenkundigen Zorn und ein angriffslustiges Funkeln blitzte in ihren Augen auf. „Ich denke, für diese Sache gibt es keine Vergebung", antwortete sie scharf und verschränkte dabei ihre Arme vor der Brust. „Von was genau sprichst du?", wollte Harry nun wissen, doch ich konnte genau hören, wie sehr auch ihn diese Worte verletzten. Dabei mir wurde nun klar, dass ich niemals eine Chance hätte, zu Lottie durchzudringen und wirklich Vergebung zu erlangen. Sie war eben stur, genau wie ich.
Überrascht darüber, dass meine Schwester nicht erneut das Weite gesucht hatte, musterte ich sie aufmerksam. Dass ihre Konzentration mittlerweile komplett auf meinem Freund lag, war mir nicht entgangen. „Wie sollte ich dem Mörder meiner Schwester vergeben?", fragte sie harsch, sodass förmlich eine eisige Welle über mich hinweg rollte und Kälte sich in meinem Körper ausbreitete.
Doch ein kleiner Hänger in ihrem Redefluss und eine minimale Änderung ihres Tonfalls ließen mich aufhorchen. Würde ich sie nicht schon mein ganzes Leben lang kennen, würde ich mich nun von ihren Worten blenden lassen. Doch ich wusste, wie sie sprach, wenn sie sich selbst etwas einreden wollte. Plötzlich wurde mir auch klar, warum sie noch nicht geflüchtet war. Sie wollte mich hassen, aber konnte es nicht mehr. Nicht mehr so sehr wie noch vor wenigen Stunden.
„Ich hatte gehofft, ihr hättet auch das geklärt", gab Harry nun traurig von sich. „Louis ist nicht der Mörder deiner Schwester. Er hat sie nicht umgebracht. Wenn jemand Schuld an Fizzys Tod hat, dann ist das ausschließlich Fizzy selbst, begreift das doch endlich", sagte Harry so entschieden wie ich ihn noch nie zuvor erlebt hatte. „Ach ja?", entgegnete Lottie und hob eine ihrer perfekten Augenbrauen. „Wer hat sie denn den Medien ausgesetzt? Wer war nie für sie da? Und wer hat ihr die Medikamente gebracht, an denen sie letzten Endes verstorben ist? Das war alles Louis!", zischte sie und sah meinen Freund dabei herausfordernd an.
„Nein", wehrte Harry Lotties Anschuldigungen ab und erhöhte den Druck seiner Hand auf meiner Seite. „Louis hat ihr die Medikamente nur gebracht, weil er dachte, sie würden ihr helfen. Und die Sache mit der Öffentlichkeit... Dir scheint sie ja ziemlich zu nützen, nicht wahr? Beschuldige deinen Bruder nicht für etwas, das du in vollen Zügen genießt", forderte er mit fester Stimme.
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[1189 Wörter, 25.10.2020]
Was haltet ihr von Lottie? Und was denkt ihr über Louis' Gedankengänge? Seht ihr das auch so? Und habt ihr Harry so erwartet? Was erhofft ihr euch noch von dem Gespräch?
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Only The Brave || Larry AU
FanfictionLouis ist Profi-Fußballer, dessen Leben zur Zeit nicht besser laufen könnte. Wäre da nicht eine Begegnung, die ihn nicht loslassen wollte. [ziemlich lange Larry Au] ACHTUNG TRIGGERWARNUNG: Diese Geschichte thematisiert Suizid und Missbrauch. Diese K...
