Rettungsboot

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Als ich schließlich einen Tag später aus dem Krankenhaus entlassen wurde, stritten Harry und Liam sich förmlich darum, wer auf mich aufpassen würde. Die Option, dass ich alleine zurück in mein Haus gehen würde, hatte Liam von Anfang an komplett ausgeschlossen. Auch Harry war dagegen, mich alleine zu lassen, vor allem nach der Empfehlung des Arztes. Und weil er sich um mich sorgte, obwohl mein Ertrinken in seinen Augen noch immer ein Unfall war. Liam hielt die Wahrheit bedeckt, weil er es mir überlassen wollte, wann ich Harry den wahren Grund nannte. Den Ärzten hatte er außerdem erzählt, dass ich Nichtschwimmer war, damit diese nicht weiter nachbohren würden. 

Letzten Endes gewann Harry die kleine Diskussion mit der Begründung, dass Liam schon ausreichend mit Bear beschäftigt war und Harry keinen Pool im Garten hatte. Dass Harry eine Zweizimmerwohnung mit nur einem Bett hatte, schien bei dieser Diskussion keine Rolle zu spielen. Ich selbst wusste noch nicht genau, was ich davon halten sollte, die nächsten Tage bei Harry zu wohnen, schließlich wollte ich mich endlich um ihn bemühen und mich nicht von ihm bemuttern lassen. Obwohl ich natürlich keine Einwände dagegen hatte, mit ihm ein Bett zu teilen.

Mit Basecaps und Sonnenbrillen getarnt führten Liam und Harry mich aus dem Krankenhaus hinaus. Harry hatte dabei seinen Arm fest um mich geschlungen, um mich zu stützen, da mir das Atmen noch immer schwerfiel. Immer wieder mussten wir auf dem Weg zum Parkplatz anhalten, damit ich meine Lunge nicht überlastete. Ich war wirklich froh, dass die beiden mir dabei so tatkräftig zur Seite standen. Sie waren einfach für mich da, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Eine Eigenschaft, die man nicht bei vielen Menschen finden konnte.

Als wir schließlich an Harrys Transporter zum Stehen kamen, war ich völlig ausgelaugt, sodass ich Mühe hatte, gleichmäßig nach Luft zu schnappen. Bevor ich allerdings in das Fahrzeug einsteigen und mich auf dem Beifahrersitz ausruhen konnte, wurde ich schon in die Arme meines besten Freundes gezogen, der mich fest umklammerte. „Bitte", raunte er mir zu. „Tu mir das nie wieder an." Bei seinen Worten spannte sich jeder Muskel in mir an, denn Schmerz und Schuldgefühle suchten mich gleichermaßen heim.

„Werde ich nicht. Versprochen", erklärte ich ihm, denn ich hatte wirklich nicht den Wunsch zu sterben. Auch im Pool wollte ich meinem Leben eigentlich gar kein Ende setzen. Viel mehr hatte ich einfach nicht mehr die Kraft, gegen das Ende anzukämpfen.

Liam löste sich von mir und versuchte sich noch an einem aufmunternden Lächeln, dann klopfte er Harry auf die Schulter. „Pass gut auf ihn auf", befahl er ihm und sah ihn dabei eindringlich an. „Oder wollt ihr nicht doch lieber mit zu mir? Wir haben genügend Platz, da könnt ihr beide mitkommen?" - „Liam", mahnte ich ihn, denn wir hatten schon den ganzen Tag darüber diskutiert. Es würde mir auch nichts ausmachen, alleine nach Hause zu gehen. Ich würde mich bestimmt kein zweites Mal in den Pool stürzen. „Schon gut", seufzte Liam dann und ließ Harry und mich schließlich alleine.

Der Lockenkopf sah ihm noch kurz mit hochgezogener Augenbraue hinterher, dann half er mir in den Wagen hinein. Auf meine Bitte hin fuhr er geradewegs zu meinem Haus, schließlich wollte ich noch ein paar Dinge holen, bevor ich mit zu ihm gehen würde.

Doch bereits als Harry das Fahrzeug vor meinem Haus parkte, wünschte ich, wir wären direkt zu ihm gefahren. Aber dafür war es nun zu spät, denn der Mann, der vor dem Tor auf mich wartete, hatte mich bereits gesehen. Ich atmete tief durch, dann sah ich zu Harry, der unschlüssig auf dem Fahrersitz saß und nicht wusste, was er tun sollte. „Kannst du bitte mitkommen? Das ist Jack, mein Berater. Ich denke nicht, dass mir gefallen wird, was er zu sagen hat." Ich schloss meine Augen und versuchte noch einen Moment der Ruhe zu genießen, bevor Harry um das Fahrzeug herum eilte und mir schließlich bei Aussteigen zur Hand ging. 

Wie schon auf dem Weg aus dem Krankenhaus hinaus, legte Harry seinen Arm um meinen Rücken und stützte mich etwas beim Gehen. „Louis", rief mein Berater, während er das Tor passierte, das nun offen stand. „Jack", erwiderte ich. Er warf Harry einen abfälligen Blick zu, machte sich aber nicht die Mühe, auch ihn zu begrüßen. Innerlich verdrehte ich die Augen, dann öffnete ich die Tür zum Haus. Wie selbstverständlich, als wäre es sein Haus, eilte Jack an uns vorbei und marschierte geradewegs in die Wohnküche hinein.

„Ist der immer so?", erkundigte Harry sich perplex. Ich zuckte nur mit den Schultern, denn Jack war wirklich ein hoffnungsloser Fall, was Manieren anging. Als wir uns schließlich unserer Schuhe entledigt hatten, folgten wir dem Mann ins Wohnzimmer. Dieses Mal lehnte ich mich beim Gehen nicht an Harry, was mich unglaublich viel Kraft kostete. Meine Lunge ließ mich eben nicht vergessen, was ich ihr angetan hatte. 

„Ich habe mit dem Management verhandelt und veranlasst, dass du ab Morgen wieder spielen kannst", begann er noch bevor Harry und ich uns ebenfalls auf dem Sofa niederlassen konnten. „Louis muss sich aber noch schonen", warf Harry ein, während meine Gedanken zum Fußballplatz wanderten, dem ich nun auf ewig lebe wohl sagen musste. Es gab einfach keine Möglichkeit für mich, Harry und den Fußball gleichzeitig zu haben. 

„Schonen? Du warst die letzten Wochen beurlaubt, weshalb solltest du dich schonen müssen?", fragte Jack missbilligend. Der scharfe Unterton in seiner Stimme ließ mich augenblicklich wieder aus meinen Gedanken aufschrecken. „Das tut sowieso nichts mehr zur Sache", sagte ich leise, denn reden war anstrengender, als ich es mir je hätte vorstellen können. „Und warum?" Vorsichtig griff ich nach Harrys Hand. Mit geschlossenen Augen atmete ich einmal tief durch, denn die folgenden Worte würden mein Leben unwiderruflich verändern.

„Ich möchte, dass du mich aus den Verträgen herausholst. Ich beende meine Karriere." 

Dieser Satz war für mich wie ein Stich ins Herz, doch ich wusste, dass dies die einzige Möglichkeit war, jemals zu mir selbst stehen zu können. Außerdem hatte meine Karriere schon genügend Opfer gefordert. Fizzy war tot. Meine Geschwister redeten nicht mehr mit mir. Ich hatte Liam vor den Kopf gestoßen und sollte ich diesen Sport weiter ausüben, so würde ich über kurz oder lang auch Harry verletzen. Das Ende meiner Karriere war somit der letzte Ausweg. Oder das Rettungsboot zu einem untergehenden Schiff.

„Louis, können wir kurz unter vier Augen reden?", forderte Harry und stand sogleich auf. Etwas überrumpelt erhob ich mich ebenfalls und folgte ihm durch die Terrassentür nach draußen. Ich ließ meinen Blick etwas durch den Garten schweifen, doch egal wie sehr ich mich bemühte, er landete immer wieder bei dem Pool, in dem ich fast mein Leben gelassen hatte. Trügerisch ruhig schimmerte das Wasser im Sonnenlicht und doch schien es wie ein schwarzes Loch alles um sich herum anzuziehen und mit ins Verderben zu reißen. 

Ich konnte förmlich das Wasser fühlen, wie es meinen Körper umschlang und mir die Luft zum Atmen raubte. Fast schon reflexartig versuchte ich nach Luft zu schnappen, immer wieder rang ich stockend um Sauerstoff. Es fühlte sich an, als wäre ich bereits wieder unter Wasser gefangen, spürte die Todesangst in all meinen Gliedern.

„Louis", hörte ich Harrys Stimme wie ein Rauschen im offenen Meer. Mit zusammengekniffenen Augen, ruderte ich mit meinen Armen, auf der Suche nach etwas, an dem ich mich festhalten konnte. „Louis", sprach die Stimme erneut, während mich ein Gefühl der Erleichterung durchströmte, als ich tatsächlich etwas zu fassen bekam.

„Louis." Harrys Stimme war nun leiser geworden, ruhiger und ich konnte seine warmen Hände an meinen Wangen spüren. „Louis", sagte er erneut. Dieses Mal schaffte ich es, meine Augen zu öffnen und mich vollkommen auf seine zu konzentrieren. „Geht es wieder?", fragte er besorgt. Langsam nickte ich und nahm einen tiefen Atemzug, als müsste ich mir selbst beweisen, dass ich nicht unter Wasser war.

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[1298 Wörter, 24.07.2020]

Scheint, als hätte Louis Unfall tiefere Spuren hinterlassen als zuvor angenommen...

Und er wird die nächsten Tage bei Harry wohnen:)

Was haltet ihr von seinem Karriere-Aus?

Only The Brave || Larry AUGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt