Gitarrist

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Das Smartphone an meinem Ohr tötete mehrmals, bis ein Ton erklang, der mir sagte, dass die Person am anderen Ende mich weggedrückt hatte. Fassungslos nahm ich das Gerät vom Ohr und betrachtete das hell erleuchtete Display. Gerade als sich meine Gedanken auf der Suche nach einer Erklärung zu überschlagen begannen, veränderte sich das angezeigte Bild und ein Name stand mitten auf dem Bildschirm: Sonnenschein. Ich wartete einen Moment, atmete tief durch, um das Chaos in meinem Inneren zu ordnen, dann drückte ich auf den grünen Button und hielt mein Smartphone wieder an mein Ohr.

Mein Herz klopfte aufgeregt in meiner Brust und mein Körper entspannte sich, noch ehe ich überhaupt der Stimme am anderen Ende der Leitung lauschen konnte. „Louis, Liebster, ich freue mich von dir zu hören. Entschuldige, eben war noch Kundschaft da. Wie war dein erster Tag? Seid ihr gut angekommen?", erkundigte sich mein Ehemann in einem solch euphorischen Tonfall, dass ich das Lächeln auf seinen Lippen deutlich vor mir sehen konnte. „Harry", hauchte ich, dann setzte ich mich auf den zugeklappten Deckel der Toilette, setzte einen Fuß ebenfalls darauf ab und umschloss mein angewinkeltes Bein mit einem Arm. „Ich vermisse dich", rückte ich mit meinem ersten Gedanken heraus, ohne auch nur eine seiner Fragen zu beantworten. „Ich habe gerade das Bild von Freddie gefunden... Ich liebe dich, Harry. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich dich liebe."

Für einen Moment hörte ich gar nichts, dann vernahm ich, wie Harry sich räusperte. „Ich liebe dich auch, Louis. So sehr. Genau deshalb, darfst du mit mir über alles reden. Auch über Dinge, die dich belasten. Also, was ist vorgefallen?", forderte er mich dazu auf, mir bei ihm mein Herz auszuschütten. Wie schon so oft, war ich erstaunt, wie gut mein Ehemann mich kannte. „Ich...", wollte ich zu einer Antwort ansetzen, doch mir blieben die Worte im Hals stecken. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. In meinem Kopf versuchte ich immer wieder Worte aneinanderzureihen, nur um die Phrasen und Satzstücke gleich wieder zu verwerfen.

Es dauerte lange, bis ich wusste, was ich sagen wollte, doch Harry drängte mich nicht. Er wartete geduldig, bis ich mich bereit fühlte, weiterzureden. „Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, Harry. Es ist noch kein Tag vergangen und ich bin mit den Nerven schon völlig am Ende... Wir wohnen hier in kleinen Häusern, ich teile mir mit Zayn ein Zimmer, aber man kann die Türen nicht abschließen... Und... und Simon wohnt bei uns auf dem Stock. Direkt gegenüber von uns."

Als ich meinem Ehemann mein Leid klagen konnte, spürte ich, wie ein Teil der Anspannung von mir abfiel und ich wieder etwas freier atmen konnte. „Liebster... wir wussten, dass Simon zum Problem werden würde. Aber lass dich nicht unterkriegen. Du bist stark, viel stärker als du im Augenblick vielleicht denkst. Erinnerst du dich an Sardinien? Als wir am Strand waren? Du hattest Angst vor dem Wasser, du hast immer darauf geachtet, dem Wasser nicht zu nahe zu kommen. Dennoch hast du nicht gezögert, dich in die Fluten zu stürzen und mich da herauszuholen. Du bist so stark, Louis. Du kannst alles schaffen, was du dir vornimmst", sagte mein Ehemann mit erstickter Stimme, als würde er denselben Schmerz fühlen, den ich gerade fühlte.

Mit geschlossenen Augen hatte ich Harrys Ansprache gelauscht und seine Worte nur so aufgesogen, als wären sie Balsam für meinen inneren Schmerz. Ich konnte nicht direkt etwas auf seine Aussage erwidern, ich musste diese erst sacken lassen. Gleichzeitig sammelte ich all meinen Mut zusammen, um ihm den eigentlichen Grund meines Anrufs zu nennen. Der Grund, weshalb ich schon am ersten Tag am Ende meiner Kräfte war. Ich schluckte schwer, räusperte mich noch einmal und begann damit, mir den Schmerz von der Seele zu reden. „Simon hat mich angefasst... er hat mir an den Hintern gefasst... es ist eben erst passiert und ich muss mich sicher erst beruhigen... aber es macht mir Angst, dass er hier ist. Ich will nicht, dass er mich anfasst", stotterte ich unbeholfen. Sofort ertönte von der anderen Leitung: „Dieses Schwein! Ich bringe ihn um. Hat er dir noch etwas angetan, Louis? Dir etwas gesagt? Dir gedroht?", reagierte mein Ehemann aufbrausend, wie ich ihn nur selten zuvor erlebt hatte. Schmerzerfüllt schloss ich meine Augen. „Nein", entgegnete ich. „Nicht wirklich."

Only The Brave || Larry AUGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt