Grübchen

2.1K 227 38
                                        

„Darf ich ihn noch einmal fühlen, bevor wir gehen?", fragte ich Eleanor, als wir uns zum Aufbrechen bereit machten. Augenblicklich konnte ich einen glücklichen Funken in ihren Augen erkennen und auch ihre Lippen formten nun ein ehrliches Lächeln. „Natürlich, Lou", sagte meine Ex-Freundin und öffnete ihre Strickjacke, damit ich noch einmal meine Hand auf ihren Bauch legen konnte. Vorsichtig tastete ich diesen ab, bis ich erneut meinen Sohn treten spürte. „Er ist wirklich kräftig", hauchte ich und sah Eleanor dabei in die Augen. „Ja, das ist er", seufzte sie glücklich und legte ihre Hand auf meine, um sie an eine andere Stelle zu schieben.

Diese Nähe zu ihr machte mich etwas nervös, vor allem da ich noch immer Harrys Blick in meinem Nacken spürte und ich ihn nicht unnötig reizen wollte. „Hast du...", flüsterte ich und hoffte, dass mein Freund es nicht hören konnte. „Darf Harry auch mal fühlen? Er liebt Kinder", fragte ich leise und beobachtete dabei Eleanors Mimik. Sie sah von jetzt auf gleich unheimlich gestresst aus und nestelte dabei unbehaglich an der Knopfleiste ihrer Strickjacke herum, sodass ich schnell meine Hände von ihrem Bauch entfernte. „Bitte verlange das nicht von mir, Louis", flüsterte sie.

Ich verspürte einen Hauch Enttäuschung, konnte sie aber natürlich auch verstehen. „Darf ich mich noch von meinem Sohn verabschieden?", wollte ich wissen, denn ich konnte Eleanor ansehen, dass sie sich im Augenblick unwohl fühlte. Meine Ex-Verlobte nickte, woraufhin ich mich vor sie hockte und mich ihrem Bauch entgegen lehnte. „Hallo mein kleiner Fußballer, hier ist dein Daddy. Ich kann es kaum erwarten, dich endlich in meinen Armen zu halten. Ich wünsche dir frohe Weihnachten, mein Kleiner. Mommy und Daddy lieben dich." Als ich das sagte, spürte ich, dass er heftiger trat als noch zuvor. Verwundert ließ ich meinen Blick von Eleanors Bauch zu ihrem Gesicht wandern und musste überrascht feststellen, dass ihr ein paar Tränen über die Wangen kullerten.

„Eleanor, was ist los?", fragte ich mit bemüht ruhiger Stimme und griff dabei nach ihren Händen. Eine Antwort erhielt ich nicht. Stattdessen drehte sie ihren Kopf zur Seite, um mich nicht ansehen zu müssen. „Geht es dir nicht gut? Ist etwas mit Freddie?", wollte ich wissen. „Nein, alles gut", hauchte sie und zog den Ärmel ihrer Strickjacke über ihr Handgelenk, mit dem sie dann ihre Tränen trocknete. „Was ist es dann? Hast du Probleme mit Max? Behandelt er dich nicht gut?", hakte ich nach. Eleanor wandte ihren Blick wieder mir zu, wodurch ich sehen konnte, wie ihr immer weiter Tränen aus den Augen quollen. „Max behandelt mich gut. Nur tut er so, als würde Freddie gar nicht existieren", gab sie zu. Ich verstärkte meinen Griff um ihre Hände, denn ich fühlte wie diese heftig zu zittern begannen. 

„Ich habe niemanden, Louis. Niemanden, der sich mit mir zusammen auf das Kind freut", erklärte sie mir leise. „Du hast doch mich", erwiderte ich und rang mir ein Lächeln ab. Doch Eleanor schüttelte nur den Kopf. „Nein, Louis. Du hast mich verlassen." Von Schuldgefühlen geplagt, schloss ich schnell meine Augen und atmete tief durch, dann blickte ich über meine Schulter zu meinem Freund, der unbeholfen mitten im Raum stand und uns beobachtete. „Es tut mir leid, Eleanor. Es tut mir leid, dass ich nicht an dieser Beziehung festgehalten habe, aber ich liebe ihn. Und daran lässt sich nichts ändern. Trotzdem will ich nicht, dass du dich alleine gelassen fühlst. Du darfst mich anrufen, wann immer du willst, ich bin für dich da", versprach ich ihr. 

Eleanor krallte sich regelrecht an meinen Händen fest, bevor sie mit geschlossenen Augen nickte. „Es wäre besser, wenn ihr jetzt geht", hauchte sie und wandte dabei mit schmerzverzerrtem Gesicht ihren Blick ab. Einen Moment lang musterte ich sie besorgt, dann ließ ich ihre Hände los und ging schnell auf Harry zu. Fast schon fluchtartig verließen wir das Haus. Draußen warf ich ihm schweigend den Autoschlüssel zu und setzte mich auf den Beifahrersitz. Kaum hatte Harry sich auf dem Fahrersitz niedergelassen, startete er den Motor und brauste davon. 

Keiner von uns sagte auch nur ein Wort. Alles was zu hören war, war der schnurrende Motor oder der Verkehrslärm von draußen. Ich hatte meinen Kopf erschöpft an das Fensterglas gelehnt, während Harry das Auto in Richtung Doncaster steuerte. „Harry", seufzte ich nach schier endlos langem Schweigen. „Sag etwas", forderte ich, denn die Stille schien mich beinahe zu erdrücken. „Wenn du etwas vor mir geheim halten willst, solltest du leiser sprechen", antwortete er mir. Verwirrt musterte ich sein Profil und versuchte nach Anzeichen zu suchen, die verrieten, was ihn bedrückte. Doch er schien sich nur auf den Verkehr zu konzentrieren. 

„Ich habe nichts gesagt, was nicht für deine Ohren bestimmt wäre", stand ich zu dem, was ich während des Besuchs geäußert hatte. „Ich weiß, Louis. Und ich weiß auch, dass Eleanor nicht will, dass ich überhaupt in Freddies Nähe komme", gestand er nun. „Ich weiß es zu schätzen, dass du sie gefragt hast, ob ich Freddies Bewegungen auch fühlen darf. Doch ich werde einfach damit leben müssen, dass die Hälfte der Woche ein Kind bei uns wohnt, das ich nicht lieben darf. Vielleicht übernehme ich ab jetzt die Buchhaltung von meinem Laden, dann kann ich an diesen Tagen Überstunden schieben", erklärte er nun in einem so beherrschten Tonfall, dass sich augenblicklich eine Gänsehaut über meinem Körper ausbreitete. 

„Nein, Harry. Ich werde noch einmal mit Eleanor reden. Wenn sie unsere Trennung verarbeitet hat und dich besser kennenlernt, dann wird sie sich freuen, dass Freddie zwei Väter hat, die ihn lieben", versuchte ich ihn zu trösten, auch wenn ich mir selbst noch nicht so richtig glauben konnte. „Sie liebt dich noch immer", flüsterte Harry. Doch die geringe Lautstärke änderte nichts daran, dass diese Worte wie scharfe Messer durch die Luft flogen. „Nein", gab ich entschieden zurück. „Sie ist jetzt mit Max zusammen." Ich sah, wie Harry sich zwar noch auf die Straße konzentrierte, aber kurz den Kopf schüttelte. 

„Nein, Louis. Du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe. Sie hat noch immer Gefühle für dich", erklärte er mir leise. Ich schluckte schwer und versuchte die Information zu verdauen. Damit hatte ich beim besten Willen nicht gerechnet. Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass sie diese Beziehung genauso hinter sich gelassen hatte, wie ich es getan hatte. Ohne groß darüber nachzudenken legte ich meine Hand auf Harrys, die auf dem Schaltknüppel lag und verschränkte unsere Finger. „Ich habe nur Gefühle für dich, Harry. Ich hoffe, das weißt du", gab ich ihm zu Verstehen, denn ich hatte das Bedürfnis, das noch einmal zu erwähnen. „Ich weiß, Louis", seufzte Harry. 

„Es wird sich schon alles klären. Irgendwann wird auch Eleanor deinen Grübchen nicht mehr widerstehen können und sie wird dich als Freddies Stiefvater akzeptieren", beschloss ich nun und versuchte das unangenehme Thema zu beenden. Genau in diesem Moment fuhr Harry unsere Hofauffahrt hinauf. „Vielleicht wird sich wirklich alles klären", gab er sich nun ebenfalls optimistisch und parkte das Auto vor dem Haus. 

„Bereit für Weihnachten mit unseren Familien?", erkundigte er sich und drehte dabei seine Hand herum, um unsere Finger richtig miteinander verschränken zu können.

------------------

[1174 Wörter, 16.10.2020]

Das Kapitel, das ich eigentlich gar nie schreiben wollte. Aber die beiden wollten diese Unterhaltung unbedingt führen. Was haltet ihr von Eleanor und der ganzen Situation? Und was wird noch auf uns zukommen? Schließlich wollen die beiden Familien zusammen Weihnachten feiern...

Only The Brave || Larry AUGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt