„Für Fizzy warst du nicht jemand, der nichts alleine schafft", flüsterte Lottie und öffnete endlich wieder ihre Augen. „Du warst ihr großer Bruder, ihr Idol, ihr Vorbild. Sie hat zu dir aufgeblickt", redete sie weiter und ließ dabei ihren Blick in den Himmel hinauf gleiten. Erst als sie zu blinzeln begann, bemerkte ich, dass sie das nur tat, um erneut gegen Tränen anzukämpfen. Was jedoch kläglich scheiterte.
„... und ich auch", beendete sie ihre Rede so leise, dass ich einen Moment lang glaubte, meine Sinne würden mich trügen. „In unserer Kindheit und auch noch später, da warst du immer dieser tolle Fußballspieler und gleichzeitig hast du uns immer beschützt. Du warst so stark. Du warst immer unser Held, Louis", erklärte sie leise. Doch diese Worte von ihr zu hören, war schlimmer als jeder Hass. Schuldgefühle keimten immer weiter in mir auf und legten sich auf meinen Brustkorb, sodass ich kurzzeitig das Gefühl hatte, nicht mehr atmen zu können.
„Ich wünschte, ich wäre stark, Lottie. Aber das bin ich nun mal nicht", erwiderte ich leise und kratzte nervös mit einer Hand über den Unterarm des anderen Armes. „Du hättest doch einfach für uns da sein sollen. Für Fizzy da sein sollen", schluchzte Lottie aufgebracht und rieb sich mit dem Handballen über ihre Augen, wodurch ihre Schminke verwischte und eine schwarze Spur hinterließ. Ich sog tief Luft ein, die meinen ganzen Brustkorb füllte, bevor ich stockend wieder ausatmete. Es gab so vieles, was ich Lottie antworten wollte, doch mir kam nichts über die Lippen. Ich wusste, dass es für sie nur leere Versprechungen sein würden.
Es vergingen endlos lange Sekunden, es mochten auch Minuten gewesen sein, in denen wir uns einfach nur ansahen. Ich konnte all den Schmerz in den Augen meiner Schwester erkennen, der mich schlimmer traf, als ihre Worte. Ich hatte das alles doch nie gewollt. Auch wenn es mir schwerfiel, unterbrach ich den Blickkontakt nicht. Ich war ihr ausgeliefert, meine Schwester hatte mich schon immer wie ein offenes Buch lesen können. Daher war sie die erste und lange Zeit auch die einzige gewesen, der ich meine Sexualität anvertraut hatte.
„Ich hätte ehrlich gesagt nicht geglaubt, dich je wiederzusehen", murmelte Lottie leise vor sich hin, als sie schließlich den Blickkontakt abbrach und nervös zur Seite blickte. Seufzend nickte ich und versuchte dabei, meine Schuldgefühle im Zaum zu halten, die mich noch immer zu überwältigen drohten. „Das war ziemlich listig von Dan", erwiderte ich stimmlos. Ich hätte niemals geglaubt, Lottie an Weihnachten zu Hause zu sehen. Sie wohnte in London bei Lou, einer Freundin von ihr, bei der sie auch eine Ausbildung zur Stylistin gemacht hatte. In den letzten Jahren hatten die beiden gemeinsam mit Lous Tochter Weihnachten immer am anderen Ende der Welt verbracht. Ich hatte nicht einen Moment bezweifelt, dass es dieses Jahr auch so sein würde.
„Dan hat mir erzählt, dass er ein befreundetes Ehepaar über Weihnachten eingeladen hat. Ich konnte doch nicht wissen, dass er dich und diesen Lockenkopf damit gemeint hat", sagte Lottie nun, wobei mir auffiel, dass sie deutlich ruhiger sprach, als noch wenige Minuten zuvor. Auch mein aufgewühltes Inneres schien sich langsam zu ordnen, denn ich spürte, wie die Nervosität allmählich nachließ.
Stattdessen keimte immer mehr der Wunsch auf, mit Lottie wieder ins Reine zu kommen. „Ich schätze, Dan hat nicht Harry und mich damit gemeint", erklärte ich leise. Obwohl sich währenddessen der Gedanke in mein Hirn brannte, wie es sich anfühlen würde, mit Harry verheiratet zu sein. „Harrys Mutter und sein Stiefvater verbringen Weihnachten mit uns."
Ich sah dabei zu, wie Lottie ihre Augen schloss und langsam nickte, bevor sie wiederholt ihren Kopf schüttelte. „Dann bin ich ja wohl nicht mehr willkommen", sagte sie mit eiskalter Stimme, dann warf sie wieder ihre Kapuze über den Kopf und schritt erhobenen Hauptes an mir vorbei. Völlig überrumpelt starrte ich ihr einen Moment hinterher, dann lief ich los und holte sie gleich ein. „Warte, Lottie", rief ich und griff nach ihrem Oberarm. Meine Schwester drehte sich rasant um und warf mir dabei einen bedrohlichen Blick zu.
„Was?", fauchte sie. „Du machst mit unserer Familie ja wieder einen auf Friede, Freude, Eierkuchen. Da ist kein Platz mehr für mich", gab sie entschieden zurück und versuchte meinen Arm abzuschütteln. Doch ich verkrampfte mich immer mehr in dieser Haltung und dachte gar nicht daran, sie loszulassen. „Bitte, Lottie. Lass uns reden. Lass mich versuchen, dir wieder ein guter großer Bruder zu sein. Bitte", bettelte ich und hoffte, dass sie verstand, wie ernst mir die Sache war.
„Damit du mich wieder hängen lassen kannst, wenn ich dich am meisten brauche?", fauchte sie zurück und warf mir dabei einen finsteren Blick zu. „Bitte, Lottie. Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Glaubst du, ich würde es verkraften noch eine meiner Schwestern wie Fizzy zu verlieren? Ich will mich wirklich bessern, Lottie", erklärte ich verzweifelt und sah einen Moment zu dem Grabstein unserer Schwester, bevor ich mich erneut Lotties eiskaltem Blick stellte. „Warum sollte ich dir das glauben?", sprach sie nun nicht mehr so scharf. Viel eher bemerkte ich echtes Interesse in ihren Worten, das sie aber durch einen boshaften Unterton überschatten wollte.
„Einfach weil du meine Schwester bist", entgegnete ich. „Du hast mich eigentlich nie gehasst, Lottie. Du wusstest mein tiefstes Geheimnis, du hättest mich jederzeit an die Presse verpfeifen können. Doch du hast es nicht getan. Und ich habe keine Sekunde daran gezweifelt. Ich habe dir immer vertraut, Lottie. Sogar als ich mich geschämt habe, dir unter die Augen zu treten. Ich habe immer darauf vertraut, dass mein Geheimnis bei dir sicher ist. Aber dieses Vertrauen brauche ich jetzt auch von dir. Ich arbeite an mir, Lottie. Wirklich", redete ich pausenlos auf sie ein und konnte dabei beobachten, wie der strenge Zug von ihren Lippen verschwand.
„Harry hilft mir dabei, er hilft mir dabei, ein besserer Mensch zu werden. Er wollte von vorneherein, dass ich das Gespräch mit dir suche, aber ich habe mich nie getraut", gestand ich. Meine Schwester ließ ihre Pupillen mehrmals hin und her wandern, bevor sie ihre Arme vor ihrer Brust verschränkte und ihre Hände auf meine legte. Vorsichtig schob sie ihre Finger unter meine Hände, um diese von ihren Oberarmen zu lösen. „Weißt du was, Louis? Ich hätte nie gedacht, dass dich jemals auf eine Beziehung mit einem Mann einlassen würdest. Ich hätte nie gedacht, dass du einem Menschen genügend vertrauen könntest, um ihm deine Sexualität zu offenbaren."
Lottie seufzte lautstark, dann löste sie meine Hände vollends von ihren Oberarmen und trat einen Schritt zurück. Widerwillig ließ ich meine Hände fallen, dann vergrub ich sie in meinen Hosentaschen. Ich spürte, wie meine Schwester mich neugierig musterte, bevor sie weiterredete.
„Ich möchte ihn kennenlernen", forderte sie.
----------------------
[1105 Wörter, 23.10.2020]
Louis und Lottie reden noch immer, aber wenigstens nicht mehr so aufbrausend wie noch zuvor. Was denkt ihr, werden die beiden es noch schaffen, ihre Differenzen zu überwinden? Und was erwartet ihr von dem Zusammentreffen mit Harry?
DU LIEST GERADE
Only The Brave || Larry AU
FanfictionLouis ist Profi-Fußballer, dessen Leben zur Zeit nicht besser laufen könnte. Wäre da nicht eine Begegnung, die ihn nicht loslassen wollte. [ziemlich lange Larry Au] ACHTUNG TRIGGERWARNUNG: Diese Geschichte thematisiert Suizid und Missbrauch. Diese K...
