Verantwortung

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Genervt versuchte ich zum dritten Mal eines von Harrys Hemden zusammenzulegen, ohne es dabei zu zerknittern. Als ich aber erneut daran scheiterte und das Hemd schon frustriert neben das Bett - oder besser noch: aus dem Fenster - werfen wollte, bemerkte ich, dass Freddie eingeschlafen war. Ich hatte ihn auf unser Bett gelegt, während ich daneben saß und die Wäsche zusammenlegte. Schließlich war Harry der Ansicht, dass der Wäscheständer nicht im Wohnzimmer stehen sollte, wenn wir nachher Besuch empfangen würden. „Ich wäre jetzt wirklich gerne so entspannt wie du", murmelte ich mit Blick auf meinen Sohn. Keine Sekunde später hörte ich durch die geschlossene Tür hindurch, wie im Wohnzimmer der Staubsauger anging. Schon wieder. Harry hatte heute bestimmt schon drei Mal das Wohnzimmer gesaugt.

Ich rollte genervt mit den Augen, dann legte ich das Hemd wenig sorgfältig zusammen und platzierte es auf dem Stapel. Es folgten noch zwei Trainingshosen von mir, Babybodies in allen Farben des Regenbogens, ganz viel Unterwäsche von Harry und mir und Unmengen an Socken. So viele Socken! Und nie fand ich die zwei, die tatsächlich zusammengehörten. Da ich aber endlich fertig werden wollte, schnappte ich einfach blind zwei Socken und faltete diese zusammen. Harry würde sich freuen, wenn er morgen eine blaue und eine grüne Socke tragen würde. Nicht.

Eigentlich hatte ich mich mittlerweile so sehr an unser Zusammenleben und auch die Aufteilung der Hausarbeit gewöhnt, dass ich diese immer gewissenhaft erledigte. Doch die Wäsche war für mich nach wie vor ein Fass ohne Boden. Ein Graus. Nur während Annes Anwesenheit hatte ich mir wirklich Mühe gegeben. Einmal hatte ich vor ihren Augen sogar das Feinwaschprogramm benutzt. Natürlich erst nachdem ich mich ausgiebig im Internet darüber schlau gemacht und tausende Tutorials angesehen hatte. Ich wollte, dass sie ein gutes Bild von ihrem Schwiegersohn hatte. Harry war zwar zwischenzeitlich mehr als genervt von ihr, aber ich schätzte sie sehr und ich verinnerlichte jeden Ratschlag von ihr, besonders die in Bezug auf Freddie.

Gestern war Anne wieder nach Holmes Chapel zurückgekehrt. Nach der Nacht, die Harry und ich im Hotel verbracht hatten, hatte sie wohl erkannt, dass sich etwas zwischen uns beiden verändert hatte und mein Mann und ich endlich wieder Zweisamkeit in unseren eigenen vier Wänden benötigten. Denn seit wir vor zwei Tagen unsere Hochzeitsnacht nachgeholt hatten, konnte ich spüren, wie meine inneren Mauern langsam zu bröckeln begannen. Ich konnte spüren, wie der Drang, Harry nahe zu sein, größer wurde als die Angst, die ich in Simons Anwesenheit verspürt hatte. Nichtsdestrotrotz hatte ich noch immer diese kleine, dunkle Wolke in mir, die einfach nicht fortziehen wollte. Und ich war mir sicher, dass Harry spürte, dass ich so empfand.

Seufzend verstaute ich all unsere Klamotten im Kleiderschrank, dann legte ich Freddie vorsichtig in sein Bettchen und deckte ihn liebevoll zu. Anschließend schüttelte ich in unserem Bett nochmal alle Kissen auf und zupfte die Bettdecke zurecht. Ich ließ einen letzten Blick durch unser Schlafzimmer schweifen, das ordentlich wie nie zuvor war, bevor ich das Babyfon anschaltete, obwohl das dank der hellhörigen Wohnung eigentlich kaum nötig war. Schließlich verließ ich leise das Schlafzimmer und schloss die Türe schnell wieder hinter mir, um Freddie unter keinen Umständen zu wecken. Harry und ich waren gerade nervös genug.

„Hast du alles erledigt? Wo ist Freddie? Schläft er?", wollte Harry geschäftig wissen, als er endlich diesen verdammten Staubsauger abstellte, ihn im Putzschrank verstaute und zum Herd hinüber lief, auf welchem noch immer die Soße für unser Mittagessen köchelte. „Ja, Freddie schläft. Und auch wir sollten etwas zur Ruhe kommen. Wir wirken sonst, als wollten wir einen Mord vertuschen", meinte ich beschwichtigend und ging zum Esstisch hinüber. Alle vier Plätze an dem kleinen, quadratischen Holztisch hatte Harry so akkurat eingedeckt, dass ich fast glaubte, er hätte dazu ein Lineal benutzt. Sein Übereifer ließ mich schmunzeln, als ich einen der Stühle zur Seite zog und ich mich erschöpft darauf niederließ. Dann fiel mein Blick auf den Stapel wichtig aussehender Briefe, die ich vorhin vom Briefkasten geholt hatte, wie das immer meine Aufgabe war.

Only The Brave || Larry AUGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt