Montag, 03. November. 2014

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Liebes Tagebuch,

heute war ein Tag, an dem so viel passiert ist, dass ich gar nicht weiß, wie ich es in Worte fassen soll. Es erscheint mir gerade unmöglich.

Wie kann ein einziger Tag nur so viel durcheinanderbringen?

Es fing ganz normal an. Eleni und ich kamen gemeinsam aus der Schule nach Hause. Ich ging direkt in mein Zimmer, um meine Hausaufgaben zu machen, Geschichte, eines der Fächer, die ich am wenigsten mag. Aber ich wollte es hinter mich bringen.

Dann hörte ich die Klingel. Kurz darauf rief Eleni nach mir. Ich solle schnell zur Tür kommen. Ich ließ also die Bücher liegen und lief die Treppe hinunter. Vor der Tür stand  Mama. Sie wirkte fahrig, torkelte ein wenig. Ihre Stimme war verwaschen, als sie sagte, wie schön es sei, Eleni mal wiederzusehen.

Eleni trat sofort einen Schritt zurück. Ihr war unwohl, das sah ich ihr an.

Ich fragte Mama, was sie hier mache. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie flüsterte, sie dürfe mich nicht auch noch verlieren. In dem Moment schlug mir eine Alkoholfahne entgegen. Mir wurde regelrecht schlecht davon.

Ich starrte sie an. Fragte, ob sie getrunken habe.

Sie zuckte die Schultern und meinte nur, es seien ein, zwei Gläschen gewesen. Dann sagte sie, dass ihr Zuhause dort sei, wo ihre Tochter ist. Dass sie ja nur noch mich habe.

Ich war sprachlos. Seit Tagen hatte ich versucht, sie zu erreichen  ohne Erfolg. Und nun stand sie plötzlich betrunken in unserer Tür. Ich wusste nicht, was schlimmer war: ihr Zustand oder die Angst, was passieren würde, wenn das jemand bemerkte.

Dass ich Mama überhaupt noch sehen durfte, war nicht selbstverständlich. Luana erlaubte es, weil sie wusste, wie wichtig mir dieser Kontakt war. Aber jetzt? Jetzt konnte alles kippen.

Mama konnte kaum stehen. Ich brachte sie aufs Sofa, wo sie sich langsam hinsetzte. In diesem Moment kam Nala die Treppe herunter. Sie stockte, als sie Mama sah, und fragte ruhig, was sie hier mache. Mama lallte eine unverständliche Antwort.

Nala zog mich beiseite. Sie wollte wissen, warum meine Mutter betrunken auf unserem Sofa lag. Ich versuchte zu erklären, dass ich es selbst nicht verstand, dass sie sonst nie trinke und dass ich sie seit Tagen nicht erreichen konnte.

Nala glaubte mir, aber sie sagte klar, dass sie es Luana sagen müsse. Mama müsse sich im Griff haben, wenn sie weiterhin Kontakt mit mir haben wolle. Das sei von Anfang an die Bedingung gewesen.

Ich flehte sie an, es nicht sofort zu sagen. Bat sie, mir die Chance zu geben, Henry anzurufen. Vielleicht wusste er, was los war.

Nala sah mich lange an, dann nickte sie. Aber sie machte deutlich, dass sie nicht lügen würde, sollte Luana früher zurückkommen.

Ich rief Henry an. Er klang erschrocken, als er abnahm. Sagte, sie hätten sich kürzlich gestritten, aber seitdem nichts mehr voneinander gehört. Ich erzählte ihm, dass sie betrunken bei mir vor der Tür gestanden hatte.
Er versprach, sofort zu kommen. Und das tat er auch.

Was dann geschah, blieb mir im Kopf. Ich war nur eine stille Beobachterin und doch fühlte ich jeden einzelnen Satz wie einen Stich.
Das Gespräch zwischen Nala und Henry war ruhig, aber klar. Fast schneidend.

„Es tut mir leid, Marlene. Das war wirklich nur eine Kleinigkeit", sagte Henry, als Nala zu uns trat. „Ich weiß nicht, warum sie so reagiert hat."

Nala verschränkte die Arme. Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt.
„Ihr solltet diese ‚Kleinigkeit' besser in den Griff bekommen. Wenn sie weiterhin betrunken auftaucht oder erneut einen Rückfall hat, wird Luana den Kontakt zu Marlene möglicherweise unterbinden müssen. Nicht, weil sie das will, sondern weil sie muss."

Sie machte eine kurze Pause, ehe sie weitersprach.
„Marlene hat schon einmal unter dem Alkoholmissbrauch eines Erwachsenen gelitten. Und das wird sie nicht noch einmal durchmachen müssen."

Henry versprach, sich zu kümmern, und nahm Mama mit – gerade noch rechtzeitig. Denn Luana kam in diesem Moment mit den anderen von der Einkaufstour zurück.

Jetzt ist es spät. Ich liege im Bett, aber schlafen kann ich nicht. Ich habe lange mit Nala gesprochen. Über Mama. Über Angst. Über Verantwortung. Ich verstehe es nicht. Ich hatte dieses Gefühl lange nicht mehr – dieses Verloren-Sein. Aber jetzt ist es wieder da.

Ich bin mittlerweile vierzehn. Ich dachte, irgendwann würde es leichter werden. Dass ich nicht mehr alles so nah an mich heranlasse. Aber das Gegenteil ist der Fall. Je älter ich werde, desto bewusster nehme ich die Dinge wahr und desto dankbarer bin ich, dass ich nicht mehr bei Mama lebe.

Ich liebe sie. Das wird sich nie ändern. Aber ich weiß jetzt, dass es besser für uns beide ist, wenn wir getrennt leben. So schützen wir uns selbst und uns voreinander.

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Damals dachte ich, ich müsste Mama schützen. Vor dem Jugendamt. Vor der Wahrheit. Vor sich selbst. Heute weiß ich, dass das gar nicht meine Aufgabe war und auch nie hätte sein dürfen. Dennoch  glaubte ich, es sei meine Aufgabe, sie zu halten, damit sie nicht fällt. Ich war viel zu jung, um das tragen zu können, was ich da versuchte zu halten.

Aber ich habe es versucht. Ich habe vermittelt, beschwichtigt, gelogen.Ich habe Dinge gesagt, die eigentlich sie hätte sagen sollen. Und geschwiegen, wo ich längst hätte schreien müssen. Mit jeder Lüge, mit jedem Versuch, die Fassade zu wahren, ging ein Stück von mir selbst verloren. Ich spürte es damals schon, konnte es aber nicht benennen. Ich wusste nur, dass ich erschöpft war. Innerlich leer.

Heute weiß ich, dass das sogenannte „Parentifizieren" eine Form von Rollenumkehr ist  und dass sie Kinder auf Dauer krank machen kann. Wenn Kinder anfangen, Verantwortung zu übernehmen, die ihnen nicht zusteht, wenn sie sich nicht mehr sicher fühlen dürfen, sondern zuständig sind, gerät das innere Gleichgewicht aus dem Lot. Und genau das ist mir passiert.

Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich zum ersten Mal gesagt habe: „Ich kann nicht mehr." Ich hatte solche Angst davor. Angst, dass alles kaputtgeht. Dass ich verrate, was ich doch eigentlich retten will. Aber in Wahrheit war es der erste Schritt zurück zu mir selbst.

Erst Jahre später habe ich verstanden, dass es kein Verrat ist, Nein zu sagen. Dass es nicht egoistisch ist, sich selbst zu schützen. Dass man auch dann lieben kann, wenn man Grenzen zieht und dass echte Liebe gerade darin liegt, nicht alles mitzutragen, was einen zerstört.

Rückfälle gehören zur Heilung. Ja. Aber sie sind nicht harmlos. Nicht, wenn Kinder sie miterleben. Nicht, wenn jedes Stolpern der Erwachsenen die Sicherheit der Kinder infrage stellt. Ich musste das begreifen, durchfühlen, verstehen. Und es tut bis heute weh, wenn ich zurückblicke.

Doch ich bin auch dankbar. Für die Menschen, die damals nicht weggeschaut haben. Für diejenigen, die mir zugehört haben, obwohl ich nicht sprechen wollte. Für jene, die da geblieben sind, auch wenn ich sie manchmal dafür gehasst habe.

Ich war zum Zeitpunkt dieses Eintrages vierzehn. Und ich sehe mich heute nicht mehr als das Kind, das gescheitert ist. Ich sehe ein Mädchen, das viel zu früh zu viel verstanden hat  und trotzdem nie aufgehört hat, zu hoffen. Auf ein Zuhause. Auf Sicherheit. Auf einen Ort, an dem sie nicht stark sein muss, um geliebt zu werden.

Und wenn ich diesem Mädchen heute etwas sagen könnte, dann wäre es:
Es war nie deine Aufgabe, alles zusammenzuhalten.
Du darfst fallen. Du darfst traurig sein. Du darfst Hilfe annehmen.
Und du darfst trotzdem weitermachen – für dich. Nicht für die anderen. Für dich.


Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt